Der kleine Supermarkt um die Ecke hat ziemlich alles, was das Hausfrauenherz begehrt, nur keinen Platz. Folglich steht ein Teil der Waren auf dem Boden, nur schmale
Trampelpfade freilassend, wie Schneisen im Gebüsch. Aneinander vorbei kommt man mit Gedränge, ständig steht man im Weg, ein Ausweichen ist nicht möglich. Wagen passen nicht, Plastikkörbe, am
Eingang verteilt, tun es auch. Sie werden in Reihe vor die Kasse gestellt und peu a peu gefüllt. Der Raum summt von kräftigen Frauenstimmen im Maschinengewehr - Stakkato des andalusischen
Dialektes. Alle reden gleichzeitig, uns steigen einzelne Worte verständlich wie Blasen aus dem Gewirr. Es ist Markt. Zum Einkaufen, Treffen und Quatschen. Noch im Hinausgehen, sich weiter
entfernend, werden die letzten Bemerkungen in die sich neu formierende Gruppe vor dem Kasse hineingerufen. Dann entfernen sich die Stimmen, andere Kommunikationszentren suchend.
Mojama de Atun, sagt Ildefonso ist so - und führt 3 Finger schmatzende an die Lippen. Eine delicia, eine regionale Besonderheit, sagt er, Thunfisch, an der Luft getrocknet, gepresst und
meergesalzen. Komisch: sieht aus wie Schinken, schneidet sich wie Schinken und schmeckt wie Fisch.
In Tarifa waren wir heute, der untersten Spitze
Europas. Seltsames Gefühl, auf der anderen Seite Afrika zu sehen, klar und deutlich. Schwer befestigt, dieser Zipfel, von Alters her bis heute, Monumente überall zu sehen. Sie könnten ja kommen.
Sie werden kommen. Ungestraft bleiben die nicht, die alles anhäufen und nichts abgeben. Denke ich.
Siesta ist heilig. Auf den riesigen Feldern stehen einsam die Traktoren herum und warten, dass es 4.00 Uhr wird.
Männer sind hier, anders als in Italien und im Tierreich, graue Gänse, Frauen oft herausgeputzt. Sie werden stolz spazieren geführt. Nicht verschwiegen darf werden, wie lieb, langmütig und tolerant
Männer mit Kindern umgehen. Eigenen und fremden. Spielen ist ausdrücklich gestattet.
Die Lahn runter von Friedensdorf aus. Dienstag bis hinter Marburg, am Weimaer See,
prächtig ausgeruht und gesonnt, Mittwoch über Gießen, Wetzlar bis Solms und am Donnerstag bis Weilburg, von dort mit dem Zug zurück. Nass geworden, getrocknet, vom Wind zerzaust, von der Sonne
gerötet. Schön wars. Manchmal, scheint mir, muss man nicht weit fahren um anzukommen.
Außen gut, innen taten Hintern und Beine weh nach einiger Zeit. Ein Mal hab ich zu lange nichts getrunken, war dehydriert, sah Kreise, hab ne Flasche Mineralwasser, die M mir geholt hat, wie ein
nasser Schwamm aufgesogen.
Das Hotel in Niederweimar eine Ansammlung von Plüsch und Plunder. Wo man hintrat und hinsah, Abscheulichkeiten aus allen Kontinenten. Vor unserer Tür eine präparierte Kobra, die gerade dabei war,
einem Mungo von oben herab ihr Gift zu
einzustechen. Lebensgroß.
Es gibt mehr Schrebergärten als ich gedacht hatte. Überall Schrebergärten. Sie sind, ist mir eingefallen, die Bonsai-Version der Deutschen.
Immer wieder meine freudschen Verleser. Ein Beispiel: Übungsplatz Deutsche Schäferstunde. Na, wär doch mal was.
Die Hessin zu mir: Ei Kelle, do ihr Teeschett is hinne noff ganz dreggisch. Ja, ich weiss, ein Streifen vom Po bis Hals. Der Fahrrad-Schnittigkeit wegen ist mein Schutzblech etwas kurz. Dann
spritzt es halt hinne noff.
Einen Radler getroffen, der war von Paris nach Hamburg unterwegs. Den hab ich lieber nicht nach seinem Hintern gefragt.
In Solms einen Berg hinauf wie ein Dach zum Hotel. Und dann steht da, wir lieben
Roland Koch. Wir nicht. Mussten uns ein anderes suchen.
Manchmal hats schon recht gegossen. Interessant, wie schnell man trocken wird hinterher. Quasi von innen heraus.
Meine Güte, fährt der Zug schnell wenn man vorher die selbe Strecke mit dem Rad gefahren ist. Der rast da durch....
Die schlimmste Strecke die Heimfahrt vom Bahnhof Friedensdorf nach hier, von Dautphe die Alte Kirche rauf. Das ist normal schon steil. Wir aber hatten sturmähnliche Böen. Von vorne natürlich. Warum
kommen die nie von hinten?
Zu Hause ist es auch schön. Besonders, wenn man so lieb von seinen Lieben empfangen wird.
Italien haben
wir mit dem Rad erlebt. Intensiv. Noch heute tut mir der Hintern weh, wenn ich daran denke. Es waren schöne und schlimme Touren dabei. M sagt, sie hätte sich manches Mal verflucht und
liebend gerne mit einem Strandurlaub getauscht, ich war, sagen meine spärlichen Notizen, oft fix und alle. Und doch hat es mich fasziniert, dieses
Land. Auf der ersten Tour 1981, am Anfang unserer Beziehung, hatte M mich eine Woche lang mitgenommen durch die Toskana per Rad und klitzekleinem Zelt. Die Fahrt hatte mein Interesse geweckt,
fünf Jahre in Ecuador waren dazwischen gekommen, da konnten wir nicht in ihr liebstes Urlaubsland, das wollten wir nachholen, jetzt mit leichtem Gepäck und Übernachtungen am Wegesrand in Hotels,
Albergos, was auch immer. Die erste Fahrt ging 1988 von Florenz nach Rom, die zweite 1989 vom Gardasee nach Rom. Das waren über 1000 km, die erst im Nachhinein ihren Reiz erhielten. M liebte Rom,
kannte es, hatte kurzzeitig in dieser geschichtsträchtigen Stadt bei ihrem italienischen Freund gewohnt, die Toskana schon früher bereist, konnte die Sprache, kannte sich mit den Sitten aus,
brachte mir bei, dass das Gedeck im Restaurant extra kostet - nicht nur für die Touristen um sie auszunehmen - und dass man sich im Café nur hinsetzen darf zu einem Preisaufschlag um 150%. Das
hab ich nur 1x gemacht und für einen Espresso 5 DM bezahlt. Wahrscheinlich stehen die Italiener deshalb da rum
Blitzlichter sind geblieben, nicht unbedingt zeitlich geordnet, herausragend aus dem Alltäglichen, das schon interessant genug
war. Alltäglich die unterschiedlichen Kulturlandschaften, auch die Silhouette der Toskana mit den von Pinien bestandenen Höhenrücken, zum Herrschaftshaus hinführend, ist gewollt, gemacht von
Menschen, nachdem das Land abgeholzt war. Alltäglich die kleinen, verwinkelten Orte mit den Häusern aus Bruchsteinen, alltäglich die Freundlichkeit der Italienern Fahrradfahrern gegenüber. Sie
lieben Fahrrad fahren, am Wochenende sind ganze Pulks von Hobbyfahrern unterwegs vom Opa bis Kleinkind auf schmucken Rennrädern, immer wie Rennfahrer gekleidet. Alltäglich auch die
Geschichtsbegegnung, hier ein Bauwerk der Römer, dort eine Straße 2000 Jahre alt, Geschlechtertürme, gebaut, um sich vor Nachbarn und Familie einzubunkern, Märchenvillen in Phantasiegärten, in
Stein gehauene Kunst, fast an jeder Ecke Geschichte. Die Germanen saßen noch unter den Bäumen im Regen, da hatten die Römer schon Wasserklosett und Fußbodenheizung. Heute haben sie Berlusconi.
Alltäglich auch unser Ritual, abends 3 Gänge zu essen wie die Italiener und den Wein der Region zu trinken. Konnten wir uns doch leisten bei der Anstrengung. Dachten wir.
Denk ich an die Poebene, dann weniger an das unabsehbare flache, fruchtbare Land mit den sorgsam bestellten Feldern,
durchzogen von seinem Lebensspender, dem Po, ohne dessen Wasser die Felder verdorren würden, sondern mehr an einen brutalen Wind der von vorne kam, egal wohin man fuhr, der Wind blies einem immer
ins Gesicht, machte die Fahrt eher zum Stand. Vor Wut wollte ich absteigen, das aber nutzte nichts, wir mussten weiter. Abends dann der Ober, den M fragt, welchen Wein der Region er
empfiehlt und da sagt der Lambrusco. Igitt nee, die Zeiten des prickelnd-süßen, kaum trinkbaren Gesöffs waren vorbei, wir lehnten dankend und unisono ab. Der aber ließ nicht locker, unser
Lambrusco hat nichts mit dem Exportschlager zu tun, beharrte er, versuchen Sie. Eine schön geschwungene Flasche kam auf den Tisch, ihr Verschluss aus Korken und Draht ploppte vornehm beim Öffnen
und heraus kam ein wundersamer, leicht prickelnder, fast trockener Wein mit einem Bouquet nach weiter, grüner Landschaft. Der Ober strahlte und wir tranken alles aus.
Ungeheuere Kunstschätze ist mein erster Eindruck von Italien. Kein Wunder, M hatte versucht, mir Florenz näher zu bringen. Die
Stadt am Fluss Arno quillt über vor historischen Gebäuden und Schätzen da drin. All die himmelvielen Dichter, Maler, Künstler, Wissenschaftler die hier lebten, haben ihre Erzeugnisse
hinterlassen, große Namen darunter, Boticelli, Michelangelo, Leonardo da Vinci, hier nahm die Renaissance ihren Ausgang, an jeder Ecke wurde künstlerisch gebaut und aus Stein geschlagen, reiche
Leute wie die Medici haben Architektur und Skulpturen in ihren Palästen neu erfinden lassen, und das ist noch lange nicht alles. Denn dann kriegt man noch heraus, dass Dante in Florenz die
moderne italienische Sprache erfunden hat, Boccachio mit schlüpfrigen Geschichten Geschichte machte (hat er sie hier auch erlebt und wenn ja mit wem?), dass Machiavelli die Politik auf
"wissenschaftliche" (sprich: rational-erfolgsorientierte) Basis stellte und Galileo mit seinen Schülern die Nächte verbrachte, den Himmel studierte und die moderne experimentelle
Naturwissenschaften gründete. Wenn man das alles in 1, 2 Tagen durchstreift, dann schwirrt der Kopf und verlangt nach Luft und Licht.
Heute zeige ich dir was Außergewöhnliches, hatte M versprochen. Was noch, so vieles war schon außergewöhnlich, angefangen bei
den Frauen und Männern, den ansehbaren. OK. Gefiel mir, wie sie, modisch und elegant gekleidet, körperbewusst sich bewegten und immer Zeit hatten für einen Schwatz. OK, ich gebs zu, die Frauen
gefielen mir am besten. Gar nicht zu reden von den historischen Zeugnissen in einer wundersamen, sonnendurchfluteten Landschaft. Was noch? Wart´s ab. Wir waren in Siena, hatten ein Hotel gefunden
und standen vor einer wuchtigen Stadtmauer, durchbrochen von Eingängen mit Tonnengewölben. Mach die Augen zu, sagte sie und führte mich, unsere Schritte hallten in dem langen Durchgang und dann
sagte sie, mach die Augen auf.
Und da war er vor mir, dieser Platz der Plätze, halbrund, abfallend zum unteren Kreissegment, eingerahmt von großen, alten
Herrschaftshäusern, herausragend ein imposantes, altes gotisches Gebäude am unteren Ende mit einem hohen, schlanken Turm, der Palazzo Publico, alles angelegt in einer bis dahin noch nie gesehenen
Symmetrie, Ruhe und Schönheit ausstrahlend. Das fiel sogar mir auf. Wir haben lange in einem der Straßencafés gesessen und nur geschaut. Später habe ich gelesen, dass die Piazza del Campo mit
seiner charakteristischen roten Backstein Pflasterung, von hellen Streifen aus Travertin segmentiert, schon im 14. Jahrhundert am Ort eines antiken Theaters angelegt wurde. Siena gilt als eine
der schönsten Städte der Toskana und Italiens. Schon von jeher befand sich die Stadt in Rivalität mit Florenz in politischer, wirtschaftlicher oder künstlerischer Hinsicht. Während Florenz als
Paradebeispiel einer Renaissance-Stadtner vor allem durch die schiere Masse und Größe seiner Bauwerke und Kunstwerke beeindruckt, hat Siena den mittelalterlichen Charakter der italienischen
Gotik erhalten. Die Universität Sienna, gegründet 1240, gehört zu den ältesten Universitäten Italiens und wird heute von etwa 20.000 Studenten besucht. Das ist doch mal Geschichte
pur.
Licht ist das andere Typische, denk ich an die Toskana. Schwirren und Flimmern über Hügeln und sanften Tälern, heiß werdend zu
Mittag, Schatten fast verschwinden lassend. Weshalb ich das weiß? Weil wir regelmäßig nicht wie geplant früh losfuhren, sondern in der Mittagshitze schmorten, uns über leere Straßen quälten. Die
Italiener waren verschwunden, sie machten Siesta. Eine Geschichte bleibt eingraviert, es war die Fahrt nach Volterra. Diesmal hatten wir es geschafft, waren früh los gekommen, fuhren durch das
leere Pisa im sanften Licht der Frühsonne, folgten einem fruchtbaren Tal an Bächen entlang, flott ging es vorwärts, wenn auch leicht aufsteigend, nur 25 km Landstrasse bis zum Ziel. Weder
Flüssigkeit noch Proviant hatten wir dabei, das Ziel war doch nahe. Und da sahen wir auch schon die Stadt oben auf dem Hügel thronend wie ein Hut auf einem Kopf, gut sichtbar über uns, nur noch
eine Steigung hoch und dann noch eine, schien es, auch wenn es zum Schluss ziemlich steil aussah. Den Hügel rauf, au weia, den ging es wieder abwärts bis ganz unten ins Tal. Wieder die
Serpentinen hoch, und wieder ging es runter um dann wie auf ein Hochplateau aufzusteigen. Die Sonne brannte mittlerweile gnadenlos auf den Felsen, ein Stück schafften wir noch zu fahren, mussten
schieben, waren ausgedorrt, auf der Straße noch die Ermunterungen vom letzten Radrennen: avanti, forza, wir konnten kaum noch, die Stadt schien nicht näher zu kommen, wir aber mussten da hin.
Endlich die Stadtmauer, das Tor, es war schon Nachmittag, alles menschenleer, kein Geschäft auf, da, eine Bar, wir torkeln rein, über der Bar ein schräger Spiegel, die Leiche da soll ich sein?
Der Körper saugte die Flüssigkeit auf wie ein Schwamm, langsam kamen wir zur Besinnung. Jetzt eine Bleibe, ein kühles Bett, und dann Ruhe. M schaut auf, am obersten Balkon eine Anzeige: zu
vermieten, 10 Min später hatten wir eine kleine Wohnung mit Balkon und Blick über die Stadt, einem gefüllten Kühlschrank und kühlenden Laken auf dem großen Bett. Halt, - da war doch noch was? Ach
du grüne Neune, heute spielt Steffi in Wimbledon, morgen Boris und kein Fernseher im Zimmer. Kein Problem, sagte die Vermieterin, der Nachbar da drüben hat einen tragbaren, den leihe ich aus. Und
dann liegen wir im Bett, haben Pizza vom Service, Wein dazu und schauen Tennis. Müde wie wir sind fallen uns die Augen zu, es geht nicht, wir müssen schlafen. Zwei Std. später machen wir den
Fernseher an, da sagt der Reporter: es hat aufgehört zu regnen, nach zwei Std. Unterbrechung geht nun das Spiel weiter. Und dann gewann Steffi und Boris auch am Sonntag und unsere Welt war im
Lot. Natürlich ist Volterra geschichtsträchtig, Etrusker lebten schon hier bevor Rom zur Weltmacht wurde, aber das allerbeste war Cinghiale, Wildschwein mit Oliven und Pasta.
Lernen, hatte ich schon gesagt, musste ich viel. Ein kleines Restaurant strahlte italienischen Charme aus, machte aber erst,
wie die meisten, abends 8.00 Uhr auf. Zwischen 3.00 und 7.00 sollte man in Italien keinen Hunger kriegen, zumindest nicht auf Restaurantessen. So ab 5 Uhr machen langsam die Läden wieder auf, da
gibt es leckere Tramezzini, Wurst, Käse, Oliven, Zwischenmahlzeiten halt. Wir waren Punkt 8.00 am Restaurant, die Oma saß davor, schälte Kartoffeln, kündigte uns mit schriller Stimme an. Der
Besitzer, ihr Sohn, Kellner und Koch in Personalunion, wies uns mürrisch einen Tisch zu. Fünf davon mit gestärkten Tischdecken, Weinkaraffen drauf, standen in dem kleinen Raum mit einer Theke,
dahinter offen die Küche. Irgendwann stellte er sich neben uns und rasselte gut klingende Sätze herunter - die Speisekarte kam mündlich. Auch M hatte lange nicht alles verstanden, ich bestellte
das letzte, si, lo ultimo, war am einfachsten. Dann fing er an zu brutzeln, brodeln, anzurichten. Die Vorspeise kam, Pasta folgte, kleine Portionen, dann kam der warme Teller mit Fleisch vom
weißen Angus-Rind, bedeckt von einer dünnen Zitronen-Olivenöl-Knoblauchsoße, knackige Bohnen, Brot dazu, das beste Fleisch, das ich jemals gegessen hatte (in Brasilien sollte ich noch besseres
kennen lernen, das aber war später). Die Rechnung war auch ganz gut. Wir waren fertig, wollten gehen, da kamen die ersten italienischen Gäste. Unser frühes Erscheinen hatte den Ablauf und den
Wirt gestört. Ich lernte: komm immer nach 8.00 und bestelle blind. Zumeist ist es sehr gut.
Manche Tage waren wirklich übel zu fahren. Man hatte uns gewarnt, der Pass ist über 1000 m hoch, 850 m zu steigen. Keiner aber
hatte uns gesagt, dass er auch kalt ist. Die Straße ging in steilen Serpentinen hoch, wir mussten schieben. Manchmal konnte ich M unter mir sehen, manchmal verschwand sie im Nebel. Kurz vor dem
Pass begann der Nieselregen, der uns 3 Tage begleiten sollte. Oben war es saukalt, wir tranken einen Grog in der Berghütte. Und dann die Abfahrt, 18 km bis Pontremoli, unwirklich die Landschaft
im Nebel und Regen, schön auch, natürlich, nur dass uns eine eisige Böe erwischte, die meine Unterarme mit Eiskristallen überzog und weiß werden ließ. Stocksteif vor Frost suchten wir ein Hotel
mit Badewanne, fanden eins, ließen heißes Wasser einlaufen und uns auftauen.
Tagebucheintrag: Es regnet. Auch gut. Es regnete Bindfäden. Von Gustalla bis Parma. Sonntags Totenruhe und dann noch Regen,
trostlos. Mussten weiter, nirgends eine Herberge in den Dörfern, kein Mensch auf der Straße. Bis wir auf die Bundesstraße kamen, da waren sie, die Italiener auf dem Rückweg vom Sonntagsausflug.
Links die Eisenbahn, rechts die Autobahn und wir mittendrin. Trostlos kommt selten allein.
Ortsnamen, auf der Zunge zergehend wie Eis: Sarzana, Marinella, Carrara, Marina de Massa, Forte dei Marmi - M war trotz
schlechtem Wetter gut drauf, ich hinterher. Es regnet und regnet, der Wetterbericht sagt, in ganz Italien. In Aulla, nach dem Capuccino, hat es aufgehört und in Sarzana sah man die Sonne am Meer.
Am zugebauten. Auch nicht gerade unser Traum.
Von Forte dei Marmi gings wieder ins Landesinnere über Viareggio nach Lucca durch herrliche toskanische Landschaft, abseits gelegene Ortschaften, Pinienhaine, an Landgütern vorbei, fast unsichtbar hinter dicht stehenden Bäumen. Heiß war es.
Männer im Schatten ruhend, im Café plaudernd, Straßenarbeiter am Wegesrand bei der Siesta, Hunde bellten uns an, eine alte Dame lud uns ein in ihren kühlen Garten mit Stühlen zum Vesper. Lucca
mächtig und reich, Plaza auf dem ehemaligen römischen Zirkus, groß und ausgestorben, als wir am Nachmittag ankamen. Um 18.00 Menschengewimmel. Wo kamen die alle so plötzlich her?
Lernen wie man ein Hotelzimmer kriegt, obwohl alles besetzt ist: Nein, nix frei sagt der Portier, energisch den Kopf
schüttelnd. Ich wende mich ab, will gehen nach dieser eindeutigen Aussage. Doch M bleibt stehen: schauen Sie, sagt sie, wir sind den ganzen Tag gefahren, wir sind müde, dann hat man uns Ihr Hotel
empfohlen, ist denn da wirklich nichts zu machen. Sprachlos schaue ich sie an, wo hat sie denn das her, im vollen Hotel handeln? Der Mann zuckt mit den Schultern, schon weniger energisch, M legt
nach, wir brauchen nur ein kleines Zimmer, egal wie. Der Mann schaut sie an, überlegt, vielleicht gefällt ihm ja blond, blauäugig mit Rennrad. Ohne Registrierung sagt er und geht voraus, den Gang
hinunter, bleibt vor einem schmalen, hohen Spiegel stehen, es ist eine Tür, dahinter ein Zimmerchen, kaum zum Umdrehen, aber es reicht. Wo hast du denn das her, frage ich M verwundert. Ach, sagt
sie, das hat mir mein italienischer Freund beigebracht. Die haben oft versteckte Zimmer, an der Steuer vorbei, verstehst du, sagt sie. Ich verstehe. Das nächste Mal ist es kein verstecktes Zimmer
sondern eine kleine Wohnung von jemandem auf Reisen. Wir bekommen immer ein Zimmer.
Einmal sogar
ein luxuriöses. Das kam so: spät am Nachmittag ein kleiner Ort oben auf einem Berg. Nein, im Dorf gibt es keine Herberge, sagte man uns, aber da hinten, auf dem Hügel, da ist ein Hotel. Und das
nächste? 15 Km entfernt, es war spät zum weiter Fahren, wir wollten nichts riskieren, kamen auf einen Feldweg, fuhren den Kamm unter Pinien entlang. Das Herrschaftshaus am Ende war zugewachsen
mit Kletterpflanzen, auf dem großen, schmucken Hof kam uns ein livrierter Portier entgegen, ja, es ist noch frei, darf ich Ihnen die Räder abnehmen? Er öffnete eine große Garage und da standen
sie, die Edelkarossen, Maserati, Porsche, Mercedes, Jaguar, sogar ein Bentley war dabei. Unsere Räder fanden ihren Platz daneben, der Mann nahm die Fahrradtaschen auf, wir waren in einer
versteckten Luxusherberge. Der Preis für eine Nacht war enorm, auch wenn er alles enthielt, viergängiges Abendessen, freie Getränke (soviel ich will? Soviel und was Sie wollen), Therme,
Schwimmbad. Das lag wie ein Vogelnest am Hügelabhang mit weitem Blick auf die Toskana und da wurde uns klar, wo wie waren: in einer Absteige für reiche Männer mit jungen Frauen und ältere
Damen mit Gigolos. Daher die Luxuswagen. Da lagen wir nun im Wasser, wir Radfahrer, neben braun gebrannten, wunderschönen und weniger schönen aber reichen Menschen, kühlten ab vom heißen Tag,
schauten auf die Toskana und beobachteten aus den Augenwinkeln das Treiben um uns. Viel passierte leider nicht, die taten ganz normal. Vor dem Essen ein Aperitif bitte, da hinten ist die Bar. Ein
schöner Raum, alte, gediegene Möbel, ein riesiger Schrank über Eck, in der Mitte ein Sofa in S-Form. Wir warteten, keine Bedienung. M ging fragen, der Mann vom Service kam mit und öffnete den
Eckschrank. Und dahinter war sie, die Bar mit allen erdenklichen Getränken, Kühlschrank, Mixer, Eis, Saft, alles da. Bitte bedienen Sie sich, was und wie viel Sie wollen. Schade, als Radfahrer
sollte man sich am Abend nicht besaufen. Hier wär das gut gegangen. Fürstlich wurden wir bedient und umsorgt, fürstlich am nächsten Tag verabschiedet zu einem fürstlichen Preis. Das Abenteuer war
es wert.
Pisa hält was es verspricht, die Piazza del Duomo mit den Kirchen strahlt vor Schönheit in hellem Marmor und der Turm steht
schräger in der Landschaft als ich dachte. Wir sitzen lange auf der Domtreppe und streiten über Emanzipation. Keine Ahnung warum.
Die Via Aurelia ist schlimm für Radfahrer. Scheint so, dass die ehemalige Fernverkehrsstraße der Römer nie verändert wurde.
Gesäumt von dicht stehenden hohen Bäumen zwängen sich Autokarawanen durch die enge, mit Kopfstein gepflasterten Straße, am schlimmsten die Lastwagen, die mit hoher Geschwindigkeit versuchen, uns
von der Straße zu schieben. Eine Todesstrecke. Zwei Pässe, nicht hoch doch ermüdend, schwarze Huren an Parkplätzen - begrüßenswert, den Rasern den Elan reduzieren - und dann doch noch ein Radweg
vor Castillo de irgendwas. Um 16.00 kommen wir an, schon wieder über Mittag gefahren.
In Serpentinen ging es hinab ins Tal, auf halber Höhe, zwischen Bäumen und Büschen, ein
Haus mit einem Kaufladen. Heute machen wir Vesper, sagte M, ich kenne diese Läden, da gibt es schöne Dinge. Im kühlen, halbdunklen Raum hohe Gläser mit eingelegten Paprika, Artischocken, Tomaten,
Oliven, Würste und Schinken hingen von der Decke, Käse im Regal, Brot, Wein, es war schön, appetitlich. M versorgte uns mit Köstlichkeiten, hier ein Stückchen, davon ein Schlückchen, von der
Herrlichkeit aus diesem Gläschen und der Wonne von jenem Eckchen, dazu eine Stange Weißbrot, Wein und Wasser. Dann fuhren wir in das Tal, legten uns am Bach unter einen Baum, hatten eine
köstliche Brotzeit, schliefen ein Stündchen und fuhren weiter. Den Berg hinan.
Orbetello-Tarquina-Lido, wir radeln durch Pinienwälder, abwechslungsreiche Landschaften auf Nebenstraßen, Paläste am Hang,
manchmal tauchen Meer und Dünen rechterhand auf, der Zeltplatz, auf dem M ihren römischen Freund und Italien kennen lernte, von da an wieder Via Appia, jetzt modern, ausgebaut, zweispurig und
ohne Laster. Langsam tauchen die ersten rasenden Römer auf, schnell zu identifizieren an ihrem, den normalen Italiener überbietenden rücksichtslosen Fahrverhalten. Die stören die
Ruhe.
Und dann war Rom vor uns. Ein wilder werdendes Autogewühl kündete die große Stadt an, erinnerte an Lateinamerika, war mir
bekannt, ich fuhr los, mitten in das Gewimmel hinein. Und dann waren wir auf der Tiberbrücke, rechts der Vatikan, schrie M von hinten, da vorne links ab durch das Tor, schrie M und da war er, der
Platz des Volkes, die Piazza del Populo, oval, begrenzt vom Park der Villa Borghese, den beiden Kirchen, der Stadtmauer, den Verkehr wie eine Flussströmung um den Obelisken in der Mitte leitend.
M zerdrückte ein paar Tränen, ich bin in Rom, sagte sie, das hier war seit der Antike der Platz, an dem der Besucher die Stadt betrat, wenn er von Norden über die Via Flamina kam. Nun sind wir
da. Sie fand ein Hotel mit luxuriösem Zimmer, dunkler Marmor und Edelhölzer überall, billig, weil an weiteren Zimmern gebaut wurde, macht nichts, ich zeige dir die Stadt, sagte M, sind wir
tagsüber sowieso nicht da. Ziehen wir uns um, machen uns schön wie die Römer auch. Dann kam sie, die Enttäuschung. Die eleganten Hosen, extra aufgehoben, waren zu eng! Wir hatten zugenommen auf
der Fahrt. Das fanden wir ungerecht, hatten wir doch tagsüber nur spärlich gegessen, den Hunger für das 3 gängige Menü abends aufgehoben, machen die Italiener doch allemal, aber wir nehmen zu
trotz quälendem Radfahren. Die schlechte Laune hielt Gott sei Dank nicht lange an, zu viel war zu bestaunen und
zu lernen. Vergessen allerdings haben wir nie die 1000 km von Verona nach Rom, bei denen wir jeder 3 Kilo zunahmen.
Nun sind wir zurück von unserer Radtour
Rom-Sizilien. Mittwoch noch in Palermo, Abends um 22.00 Uhr ab mit der Fähre, 20 Std bis Genua, da wars schon kälter, mit dem Bus durch die Schweiz, nochmals 10 Std, gestern Nacht um 4.00 am
Freitag, Ankunft in Wört bei Launer auf dem Bushof. Schnee auf dem Auto, eine Kälte, ungewohnt, die ganzen Tage auf der Radtour waren es 23 bis 25 Grad und jetzt fast schon Weihnachten. Brrr. Der
Empfang war nett, Frühstück gabs erst noch, dann war die Tour beendet.
Nein, wir sind nicht von Rom bis Sizilien durchgeradelt. Immer nur Filetstücke, feine Strecken mit Italien pur. Die Via Appia entlang, an Neapel vorbei, an der Amalfi-Küste vorbei, der kalabrischen
ebenso und weiter, täglich zwischen 45 und 90 Km. 45 Km konnte viel sein weil über Pässe mit Steigungen bis 19 Grad, 90 flutschte nur so, weil Rückenwind und wenig Steigung. Zwischendrin hat uns
der Bus transportiert. Von der Strecke aufgelesen, an die Strecke gebracht, ins Hotel gefahren, vom Hotel abgeholt, an ein neues schönes Teilstück transportiert. Mittags stand er irgendwo an
schönen Aussichtsorten, dann hatte der Fahrer Bänke und Stühle aufgestellt, Suppe gekocht, Käse, Obst, Wurst, Nachtisch bereitgestellt.
Viel gabs zu sehen, oft nicht viel gesehen weil das Fahren gerade anstrengend und der Schweiß so troff. In den nächsten Tagen werden wir einige Eindrücke berichten. Von der Rentner Gang und dem
Launer Team. Die haben das gut gemacht, Paul, der Besitzer des Unternehmens, ein hervorragender Sportler, der alle in Grund und Boden fuhr wenn er wollte, zumeist wollte er nicht, Max, der
Lumpensammler, der immer hinten in der Schlange fuhr und die Mühseligen und Beladenen aufsammelte, ihnen gut zuredetet, Mut machte, in den Bus verfrachtetet wenn es sein musste, Reifen flickte,
Ketten aufzog und nie die gute Laune verlor. Und dann noch Bernd, der Fahrer mit der Engelsgeduld und perfektem fahrerischen Können in schwierigsten Situationen, wenn der lange Pulmann-Bus mit dem
Fahrrad-Anhänger dahinter mal wieder durch enge Gassen musste, in denen Autos in 2. und 3. Reihe geparkt waren. Ein gutes Team, unterstützt durch Edeltraud, Max Ehegattin, die mitgekommen war um
ihren Mann mal zu sehen und überall half wenn Not an Mann und Frau war.
Jetzt friern wir wieder. Und müssen nicht mehr strampeln, auch gut.
Demnächst gehts weiter. Erste Bilder sind im neuen Album
Wir hatten sie im Internet gefunden,die Radtour von
Rom nach Sizilien. Vom Gardasee nach Rom waren wir schon vor langen Jahren gefahren (Gardasee nach Rom IV) (Gardasee nach Rom III) (Gardasee-Rom Teil II)(Gardasee-Rom Teil I)das, so dachten wir, könnte die Ergänzung sein, dachten wir. Blieben natürlich die Zweifel, schaffen wir das, die
erste Tour war 20 Jahre her, noch immer war da die Erinnerung an gewaltige Anstrengungen. Auf den Bildern sahen die Leute ganz normal aus, auch in unserem Alter. Vor allem war angegeben, ein Bus
fährt immer mit, wenn man nicht mehr kann oder will, íst damit die Weiterfahrt gesichert. Wir buchten.
Launer-Reisen sind in Wört angesiedelt und das liegt zwischen Nürnberg und Stuttgart irgendwo neben der Autobahn. 3 1/2 Std von Hommertshausen entfernt. Mit dem Auto, nicht mit dem Rad.
1. Tag: Anreise nach Bella Roma. Abendessen und Übernachtung.
2. Tag: Roma (Lido di Ostia) – Anzio - weiter mit dem Bus nach Sorrent.
3. Tag: Anzio – Terracina
4. Tag: Amalfi – Küste
5. Tag Tempel und Nationalpark Cilento
6. Tag: Catena Costiera
7. Tag: Sizilien wir kommen.
8. Tag: Palermo-Genua – eine kleine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer.
IImpressionen RE:
(7.10.) Räder bei Launer in Wört abgegeben, im Hotel eingescheckt, früh um 4.00 Uhr aufgestanden. Das Team besteht aus Paul (Besitzer des Unternehmens und 1. Guide, rechts), Max (für alles
zuständig, links) und Bernd (Fahrer)
(8.10.) 14 Std. Busfahrt nach Rom. Heiß in der Toscana. Verkehr wüst,
Landschaft herrlich wie immer. Lange waren wir nicht hier, die Auslandsaufenthalte hatten den Urlaub auf Deutschland konzentriert. M hatte mir die Liebe zu dieser Gegend erweckt, sollte sie öfters
pflegen, die Liebe. Der Guide weiß viel und redet mehr, befürchte, am Schluss können wir alle Schwäbisch statt Italienisch. Erster Augenschein: wir gehören zu den Fitten. Hoffentlich. Das Hotel in
Rom liegt in der Flughafen-Einflugschneise, Gott sei Dank gibt es nur wenige Ausnahmen vom Flugverbot in der Nacht, relativ ruhig bleibt es, dafür verstopfen 2 Busse voller spanischer Schüler das
Frühstücksbüffet. 12 Radler stoßen hier zu unserer 14er-Gruppe, sie haben schon die Tour vom Gardasee nach Rom mitgemacht, wollen gleich weiter mit uns nach Sizilien. Gut eingefahren sind die,
scheint uns.
Tagebuch M
8.10. Wir sind in Rom. Mit unserer Reisegruppe fahren wir morgen los – mit den Fahrrädern nach Palermo/Sizilien. Als wir die Ankündigung im Internet lasen, waren wir beide Feuer und Flamme – mal
wieder eine sportliche Herausforderung, und noch dazu in unserem Lieblingsland Italien, das wir schon so lange nicht mehr besucht hatten. Wir waren ein bisschen unsicher – würden wir das schaffen,
die lange Strecke, die Steigungen? Wir haben zu Hause ab und zu trainiert und sind besser geworden, haben eine gute Kondition. Und als wir unsere Sportsfreunde sahen, die mit uns diese Tour machen
würden, waren wir sicher: das schaffen wir locker. Die meisten sind in unserem Alter oder älter, ein paar Dicke sind auch dabei, einer erzählte uns gleich, dass ihn sein Arzt vor die Alternative
gestellt hätte, entweder eine längere Radtour oder ins Sanatorium zum Abnehmen. Also die Radtour!
Heute Morgen sind wir um 4:30 Uhr in Wört bei Dinkelsbühl losgefahren und waren um 20:00 Uhr im Hotel am Stadtrand von Rom. Morgen geht’s los, über die Albaner Berge nach Castel Gandolfo, den
Albaner See angucken und weiter nach Anzio, etwa 53 Kilometer. Das ist nicht so weit, aber es ist eine gewaltige Steigung drin. Ich freu mich drauf, das Wetter ist toll, alle sind gut
gelaunt.
Impressionen RE: 1. Rad-Tag (9.10.)
Der dicke Hamburger hat sein Rad ein Stück vom Müllwagen mitnehmen lassen, die Annäherung war einfach, wir sind alle mit Müllmänner-Sicherheitswesten ausgestattet zwengs Abschreckung der rasenden
Römer. Ging aber auch steil die Direttissima hoch! und das gleich bei der ersten Etappe nach Castel Dingsda, dort wo der Papst seine Sommerresidenz hat. Er war nicht da, der Papst, segnete gerade woanders. War auch ohne ihn hübsch. Was heißt hier
ohne ihn, er hing an jeder Ecke und blickte heilig.
Vorne hat sich ein Pulk gebildet mit zähen Rentnern samt Frauen, der verschwindet, eisern strampelnd, in der Ferne. Wir dahinter, aufgefächert, auseinander gezogen, eine Gruppe normal strampelnder,
dann bricht die Schlussgruppe ab, Max, der Lumpensammler begleitet sie. Rasant die Abfahrt von Castel Gandolfo und dem Albaner See runter zur Küste, an der entlang, nach 30 Km wartet der Bus mit
dem Mittagessen. Die Schlussgruppe kommt eine halbe Stunde später an, der dicke Hamburger als letzter. Er ist fix und fertig, droht aus den Latschen zu kippen, erholt sich nur langsaqm mit kleinen
Schlückchen aus der Wasserflasche. Ob er weiter durchhält? Die letzte Strecke bis zum Hotel zumindest fährt er mit dem Bus, andere schließen sich an.
Tagebuch M
9.10. Da hab ich wohl gestern das Maul ziemlich voll genommen: es sind Leute dabei, die sind zehn Jahre älter als wir, einer sogar 78 Jahre alt, aber die sind dermaßen fitt, die radeln uns davon.
Ich kam heute kaum mit, hielt mich immer in der Schlussgruppe. R. war sehr lieb, er bot mir seinen Windschatten an, aber den verlor ich nach 50 Metern wieder. Ich konnte nicht so schnell und bin am
Schluss auch noch mitten auf einer Kreuzung gefallen, weil meine Bremse so stark bremst, und ich Angst habe, im Pulk zu fahren. Morgen fahren wir nach Napoli und ich hoffe, es läuft besser.
10.10. Heute hatte ich Glück: wir starteten kurz nach acht Uhr, da regnete und donnerte es schon. Zu Anfang lief es prima, ich kam gut mit und nass wurden ja alle. Dann hatte ich einen Platten und
alle mussten im strömenden Regen warten, bis er repariert war. Unsere Begleiter sind ein eingespieltes Team und sie machten das in Rekordzeit. Die Strecke war flach, die Straße war bestanden
mit wunderbaren großen Pinien und wir fuhren nicht allzu schnell. Einmal hielt der Bus und der Fahrer bot uns an, einzusteigen, aber das wollte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber dann wurde
der Himmel immer dunkler und es goss wie aus Kübeln. Wir hatten keinen trockenen Faden mehr
am Leib, meine Windjacke ist wirklich nur eine Wind- und keine Regenjacke. Als der Bus dann 15 Kilometer weiter da stand, nahm ich das Angebot dankbar an. Einige von uns wollten noch weiter fahren
aber nach einer endlosen Diskussion entschieden sich alle, im Bus mitzufahren. Als alle drin saßen, kam die Sonne heraus und strahlte, was das Zeug hielt. Wir machten unser Picknick bis halb drei
mit deutschen Würstchen und französischem Rotwein. Von dort waren es noch zweieinhalb Stunden bis Neapel, wo wir jetzt frisch geduscht im Bett sitzen und das Fußballspiel Deutschland-Russland
sehen. Und später gibt es wieder eins dieser köstlichen italienischen Abendessen, die du meinst, nach all dem Sport verdient zu haben. Morgen kommt der schwierigste Tag - die
Amalfiküste von Sorrent nach Salerno mit vielen Steigungen und noch mehr Verkehr.
Impressionen RE: 2. Fahrtag (10.10.)
Schlusslichter heute bei strömendem Regen. Die langsamste Gruppe von gestern ist heute gar nicht angetreten, nun sind wir hinten. Und vorne saußt sie wieder davon, die Rentner Gang. So wie die
fahren sehen wir alt aus. Langsam kommen wir dahinter, all da vorne sind eiserne Radfahrer, trainieren
seit ewigen Zeiten regelmäßig, fahren wenn sie können kleine, größere und große Touren mit ihren eleganten Rädern, den Wunderwerken der Technik. Ich liebe Räder, komme auf meine Kosten, staune, was
es alles gibt. Der große Bayer fährt ein Carbon-Rad, mit einem Finger anhebbar, kaum zu glauben, dass es diesen kräftigen Burschen aushält. Jo mai, sagt er, i fahr domit no Muinchen nei, zur
Orbeit, sechzige Kilometer so. Unsere Räder sind klobig dagegen. Flotte Radler haben flotte Räder.
Wie aus Kübeln hat es geschüttet, schön warm war der Regen. Gedanken schießen durch den Kopf, lenken ab vom Gewitter. Die afrikanische Hure am Wegesrand dauert mich mit ihrem Schirm, sie sieht so
traurig aus, tut mir leid, stell mir vor, sie auf Swaheli anzusprechen, ihr eine Freude machen. Wahrscheinlich würde sie mich für deppert halten. Ewig lange, schnurgerade Pinienalleen, rasende
Römer dazwischen, manchmal war ihr Hupen ein Gruß an die verrückten Radler. Vorne hatte die Rentnergang wieder das Tempo angezogen, war in der Regenwand verschwunden, manchmal fühlte ich mich wohl,
von der samtigen Nässe warm umschlungen, manchmal fühlte ich mich abgehängt, alleine. Anstrengend wurde es ab 40Km, da fing die Holperstraße an, weh zu tun.
Früh schon am Morgen schon der Ruf nach vorne, Reinhold, zurück, zurück. Die Nackenhaare sträupten sich, Erinnerung kam auf, wo ich zurück musste und sie fand unter der Steinwand, doch diesmal
hatte M nur einen Platten. Gut und schnell arbeiteten wir Fachleute, ich durfte die Werkzeuge anreichen und den Reifen aufpumpen.
Nach 47 Km der Bus, eigentlich sollten es über 60 Km werden, doch die Verhältnisse, sie waren nicht so. Eher dürster-verregnet. Nach Neapel hat uns der Bus gebracht, da schien die Sonne wieder, der
Vesuv war mit Nebel umwoben. Unser Hotel lag an seinem Fuß, da soll es
billiger sein. Um 17 Uhr sitzen wir frisch geduscht im Bett und sehen Deutschland : Russland. Gutes Spiel!
Zufrieden mit der Tour? Ach, na ja, ein wenig mehr fahren wollte ich und nicht bei den Letzten sein.