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Von einem der auszog: Ecuador

Saturday, 6. june 2009 6 06 /06 /Juni /2009 14:28

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Viel fehlte nicht und ich hätte die Heirat abgesagt. Es war zu viel, was Mutter an allem zu bemäkeln hatte. Ach, was sagen nur die Leut dazu. Zuerst war es die Doppelhochzeit zusammen mit Schwester Hanne und Freund Jörg, da könnten die Leute meinen, wir wollen sparen. Dann war es das geplante Buffet gegen alle Regeln des Schweine- oder sonstigen Bratens am Tisch serviert, dann der Sektempfang an Stelle von Kaffee und Kuchen und nun mein Anzug. Ein neuer sollte her. Meine Lieben beruhigten mich und wir gingen einkaufen. Jörg und ich erhielten italienische Nadelstreifenanzüge, die waren, ich gebe es zu, schick und eleganter als die alten. Dann aber gab es Probleme mit den Damen. M wollte zu ihrer zweiten Hochzeit nicht unbedingt in weiß gehen, beide aber wollten gleich ausschauen. Sie ließen uns zu Hause und verschwanden einen ganzen Tag lang. Herrlich sahen sie aus bei der Vorführung abends, unterschiedlich zwar, aber ähnlich, passend zu Art und Alter. Und Schuhe hatten sie, high heels mit Lederbändchen um die Knöchel, die mussten wir ausführen, die Damen mit den Schuhen, unsere Schönen, zum besten Italiener in Frankfurt. Wir waren glücklich. Die Einladung dichtete M mit unserer Hilfe. Klar kriegten die beiden Ornithologen Reime mit Vögeln, wir über Abenteuer in Ecuador. M wurde zu den Sommerferien beurlaubt, meine Ausreise war kurz nach der Hochzeit. Aber erst wurde geheiratet. Am 17. März begannen wir die Feierei in Frankfurt in meinen Geburtstag hinein, am 19. war die standesamtliche Trauung in Dautphe und am 20. die kirchliche in Hommertshausen und das Fest in Herzhausen. Draußen regnete und schneite es, drinnen lachte der Saal. Traditionell wird nicht getanzt sondern gespielt, Witziges, Unterhaltsames, die Zeit verflog. Nachdem die Traditionalisten weg waren, begann der Tanz und endete früh am Morgen. Jederzeit würde ich wieder heiraten. Natürlich M!

Dann aber wurde es traurig. M. reiste, frisch verheiratet, gen Süden nach Nürnberg in ihre Schule, ich, ebenso frisch verheiratet, musste nach Berlin, die Vorbereitung beim DED abschließen. Mit den Jungens hatte es noch Probleme gegeben. Beim DED angenommen als Junggeselle meldete ich nun verheiratet. Bei Goran half uns ein Jugendrichter vorbildlich, es war rechtlich schwierig, ihn als jugoslawischen Staatsbürger mit M. als Erziehungsberechtigte ausreisen zu lassen. Das Problem schien lösbar, ergo neue Meldung: plus einen Sohn, 13 Jahre alt. Nun wollte Frank auch mit. Neue Meldung: plus zwei Söhne. Nein, Franks Vater hatte den Jungen überredet, seiner Karriere wegen in D zu bleiben. Neue Meldung: nur ein Sohn. Wissen sie was, sagte der Personalchef, kommen sie wieder wenn sie wissen, wie viel Kinder sie haben. 

Sie war schon ein Abenteuer, die erste Ausreise. Als Entwicklungshelfer nach Chile, 14 Jahre zuvor, hatten ein Koffer und eine Kiste genügt, jetzt sollte ein Teil von M´s, ein Teil von meinen Sachen mit, der Rest wurde eingelagert. Der Abschied war traurig, Vater ging es nicht gut, Onkel Emil lag im Sterben und der Nachbar war gestorben. Sie alle hatten noch an unserer Hochzeit teilgenommen. Das Leben war neu in Quito, knapp 3000 m hoch in den Anden gelegen. Die Luft blieb uns weg wegen der Höhe und der Bedingungen beim DED. Da hatten in 4 Jahren 3 Beauftragte nach kurzer Zeit das Handtuch geschmissen. Die Zentrale wusste um die Schwierigkeiten, hatte den Auftrag mitgegeben, ein konsistentes Programm zu schaffen. Die Schwierigkeit lag bei der "Nebenregierung" und ihrer politischen Ausrichtung. Grassroot, Basisarbeit sollte es sein. Und so waren im Landwirtschaftsbereich mehr Entwicklungshelfer mit Berufen wie Sozialarbeiter und Soziologen zur sozialkritischen Indoktrination denn Fachleute zur Unterstützung der Bauern eingesetzt. Meine Idee, der DED sei eine Fachkräftevermittlung, gezielt eingesetzt in defizitäre Projekte, dort wo sie mit wenig Mitteln und viel Fachkenntnis kleine Verbesserungen erreichen können, und nicht eine Organisation, die gesellschaftliche Veränderungen vorbereiten solle, spaltete die Mannschaft. Der "revolutionäre" Teil verweigerte die Mitarbeit in der Auswahl neuer Projekte, ich hatte plötzlich 3 mutige Helfer, wir sondierten hauptsächlich neue technische Projekte, bekamen die Zustimmung der Zentrale und hatten innerhalb von 2 Jahren ein solides technisch-handwerkliches Kernprogramm. Die Verträge der Soziologen und Sozialrevolutionäre ließen wir auslaufen, was für ein Geschrei, aber danach war Ruhe. Diese beiden Jahre, die haben Nerven gekostet! Ein Mal habe ich 3 Valium gebraucht um eine Sitzung mit der Landwirtschaftsgruppe zu überstehen!

M begleitete mich, weil Pfingstferien, bei der Ausreise und den ersten Projektbesuchen. Und hatte zu leiden. Ich wollte morgens um 5.00 los, das vorgenommene Quantum an Projekten und Meilen war hoch, mein Plan minutiös. Eigentlich hätte ich es wissen müssen aus Chile, das zeitgenaue Koordinieren von Terminen haut nicht hin in Lateinamerika. Das liegt an den Straßenverhältnissen genau so wie an dem Unbegriff "Pünktlichkeit". Viel Kaffee war mit den Partnern zu trinken, mas o menos, mehr oder weniger zu akzeptieren, Zeitangaben als ungefähr zu verstehen und ab und an mussten Reifen gewechselt werden. Eine Nacht landeten wir in einem Hotelzimmer unterhalb der Dachterrasse. Wir schliefen früh, eingedenk des frühen Aufstehens und saßen um Mitternacht aufrecht im Bett. Über uns hatte der Tanz begonnen. Um 2.00 hörte die Musik auf, wir versuchten nochmals, einzuschlafen, aber es war nur eine Pause. Später lernten wir, wenn nicht anders möglich, lieber teil zu nehmen. Es lässt sich doch nicht ändern. Mich aber hatte der Stress, ich wollte alles schnell verändern. Und M bat um Bedenkzeit. Sie saß im Auto neben mir, nahm die Protokolle auf, organisierte und plante mit und die wundersame Landschaft flog vorbei. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Ein wenig wolle sie auch von mir haben.

In Ecuador, hatte schon Humboldt festgestellt, wächst alles was es auf der Welt gibt plus eigenen, endemischen Gewächsen. Die kolossale Andenkette durchzieht die Mitte des Landes, von Norden aus Kolumbien kommend nach Süden in Peru verschwindend. Im Osten senkt sich das Land aus Höhen bis zu 7000 m zum Amazonasbecken ab, im Westen zum Pazifik hin. Das Land, kaum größer als Deutschland, mit dem Auto zu durchqueren dauerte maximal 2 Tage, vom Osten, wo die Straßen am Waldsaum des Amazonas enden bis zum Pazifik 1 Tag. Das Land war erschließbar. Und seine Schönheiten hauten einen um. Der Amazonaswald, bis Brasilien sich hinziehend ein einziges Blätterdach, davor an den östlichen Andenhängen die tropfenden Nebelwälder voller Epiphyten, die schneebedeckten Berge, Vulkankegel aufgereiht wie an einer Schnur, einige noch aktiv, der riesige Block des würdevollen Chimborazo als Vater aller Berge in der Mitte, die unwirtlichen Hochebenen, die Pässe bis zu 4000m hoch, dann die westliche Flanke der Anden hinunter durch unterschiedlichste Vegetationszonen, wärmer werdend, tropisch heiß am Fuß, in das weite Litorial bis an den Pazifik sich erstreckend mit seinen Palmenhainen, den Kaffee- und Bananenplantagen und dann der  Ozean, in seinem kühlen Humboldstrom Artenvielfalt an Meerestieren beherbergend. Ein reiches Land, nur die Menschen oft arm, aber freundlich, lebensfroh, optimistisch, feiernd wenn möglich, ansteckend in ihrer Menschlichkeit. Nur die Indios im Hochland , die waren anders. Nie habe ich Zugang zu ihnen gefunden, die abseits in unwirklichen Höhen lebend eine eigene, alte, von den Inkas kommende Kultur konservierten.
 
Eine Wohnung hatte M. schon in den Pfingstferien besorgt und das Gartenhäuschen hinterm Büro für die Wartezeit bis zu ihrer und der Möbel Wiederkehr für mich eingerichtet. Sie flog am Freitag zurück. Vom Flughafen kommend erreichte mich Jörg am Telefon. Ich habe ein schlimme Nachricht, sagte er, dein Vater ist tot. Die Welt um mich herum brach zusammen. Das Büro schaffte das Unmögliche und mir ein Ticket, ich flog mit der nächsten Maschine hinter M her nach Deutschland. Wolfgang holte mich ab und brachte mich nach Hommertshausen, M hatte sich auf dem Weg zum Flughafen verfahren, die Gegend im Hinterland noch fremd. Es war ein trauriger Aufenthalt, so schnell wieder zu Hause zu sein um Vater zu beerdigen hatte ich nicht gewollt. Ich kam mir allein gelassen vor. M übergab mir bei der Abreise ihr Tagebuch, das sie ausgerechnet mit unserem Kennen Lernen begonnen und nun abgeschlossen hatte, ein seltenes Geschenk voller Vertrauen. Bis Quito hatte ich es ausgelesen, weinte, lachte, besann mich, merkte erst recht, was für einen Schatz ich in ihr gefunden. Ihn musste ich hüten, bewahren und bewundern. Meine Trauer durchzog ein Strang Freude.

Goran mitzunehmen war aufregend für M. Er wollte nicht, hatte die erste Freundin, sagte, wenn ich in 2 Jahren wiederkomme ist ja das Leben zu Ende und verschwand am letzten Abend. Der Gesetzgeber wollte auch nicht, der Jugendrichter aber sah eine Chance für den schwierigen Jungen und ebnete was er konnte. Das Visum in Ecuador dagegen gab es problemlos bis zum "Ende Mission Vater", dank der Normalität, unterschiedlichste Nachnamen in der Familie zu haben. M hatte ihn ins Flugzeug verfrachtet, im neuen Heim in Quito verschwand er im Zimmer, ward nicht mehr gesehen. Nur zum Essen. Die Möbel kamen, Goran nicht. Freunde halfen, Goran nicht. Er lag in weißen Hosen auf seinem Bett und starrte an die Decke. Was denkst du? Nichts, sagte er. Ich warnte, Goran, du musst helfen. Mehrere Male. Er schmiss Sachen durch die Gegend und beleidigte M. Wütend drückte ich seine verschlossene Tür auf, stellte ihm nach über Bett und Tisch, wir schlugen uns, ich eher ihn. Es half nicht lange. Ohne Chance, in den Sommerferien Schulkameraden zu treffen, ohne Sprache und Wollen verweigerte er. Nach 6 Wochen stand eine Dienstreise in den Amazonas an, nach Coca. M rief ihm durch die Tür, in 1/2 Std fahren wir Tarzan besuchen. Dann stand er da mit seinem Reisetäschchen, sprachlos sich nach hinten setzend. Hinter Quito geht es die Anden hoch auf einen Pass, 4000 m, eine Gegend an Nordische Länder erinnernd, dann abwärts durch den nass-dampfenden Nebelwald in die schwüle Hitze des Amazonasbeckens. Das Floß aus Baumstämmen setze uns und den Wagen über einen reißenden Fluss und drüben ging es weiter auf Bitumen-Asphalt der unter den Reifen quatschte. Plötzlich sagt Goran hinter uns: und ich dachte, es gibt nur hellgrün und dunkelgrün. Da war er wieder, unser Junge.

Den Napo-Fluss runter mussten wir, ein Projekt bei den Quichua Indianer besuchen. Der Stamm lebt von der Jagd, baut aber auch Yuca und Gemüse an für den Hausgebrauch. Nach 6-7 Jahren ist der Urwaldboden ausgelaugt, die Jagd nicht mehr ergiebig und die Quichua ziehen weiter, überlassen dem Wald, den Aushau neu zu bepflanzen. Das gelingt vollständig. Die Tradition des Stammes, Pilzeinschlag nicht größer als zwei Steinwürfe zu roden, ist die einzige Möglichkeit der Urwaldnutzung, die dem Wald vollständige Rückkehr ermöglicht. Das periodische Wanderleben des Stammes bedarf einer großen Fläche, auf der sie sich bewegen. Seit Generationen. Ihre Lebensform ist in Gefahr, weil immer mehr Ölfirmen und Holzfirmen eindringen, ihr Wild verjagen, ihr Land verwüsten. Aufgeschreckt durch massive Proteste hatte die Regierung Landtitel zugesagt, Bedingung waren  Vermessung und kartografische Bestimmung . Die nationalen Vermessungsämter aber weigerten sich, in der Unwirtlichkeit des Urwaldes wochen- und monatelang zu arbeiten, die Quichua bekamen ihr angestammtes Land nicht. Irgendwer hatte sie an den DED verwiesen und wir fanden tatsächlich einen Vermessungstechniker, der bereit war, diese Arbeit zu machen. Seinem Vorbild, dem Dschungelläufer Rüdiger Nehberg nachahmend, arbeitete Dieter in Gummistiefeln und Badehose mit nacktem Oberkörper, die Machete an der einen Seite, das Brillenetui an der anderen, sich ernährend von dem, was Indianer und Wald zu bieten hatten. Was mich nicht umbringt, macht mich hart. Wochenlang schlug ein Trupp der Indianer Schneisen und Dieter vermaß fernab der Zivilisation. Dann kehrte er nach Coca zurück, machte seine Zeichnungen, ein wenig Urlaub, regelte seine Sachen, kam auch mal nach Quito um einzukaufen und zu berichten und war wieder vor Ort. Das wollte ich mir ansehen. Hanne und M lehnten den Waldläufer ab, sahen den extremen Macho, für mich war er der ideale Mann an einem schwierigen Ort.

Stunden brauchte das Kanu den Fluss hinab. Schwärme blauer Schmetterlinge flatterten auf, nackte Kinder liefen davon, ein paar Männer zeigten sich, unsere kleine Delegation mit Klaus, Hanne, Jörg, Marianne, mir und dem Dolmetscher und Bootsführer war angekommen. Ein paar Häuser auf Pfählen, Palmblattbedeckt standen auf der Lichtung, groß, mehrere Familien wohnten zusammen. Ein eingekerbter Baumstamm als Leiter hoch, oben war es schattig-kühl, ein paar Frauen standen herum, wir mussten uns setzen. Und bekamen Chicha. Das Gebräu sah aus wie rückwärts gegessen, hatte auch diese Konsistenz und schmeckte widerlich. Es wird gemacht, erklärte der Dolmetscher, aus geriebener Yuca, der kartoffelähnlichen Wurzel, gestampft und durchnässt.  Damit der Gärungsprozess einsetzt, kauen die Frauen Portionen und spucken sie zurück. Nach ein paar Tagen ist daraus ein leicht alkoholisches Gebräu geworden, die Grundnahrung der Indianer. Ohne Chicha, erzählt Dieter, gehen sie nicht in den Wald und wenn die Frauen keinen Nachschub bringen, legen sie die Arbeit nieder. Wir haben das Getränk untersuchen lassen. Es hat etwa 1% Alkohol und ansonsten alle lebensnotwendigen Vitamine und Stärken. Sie trinken es literweise. Einen Teil des Getränkes ließ ich heimlich einen Balken hinab laufen, doch das nutzte nichts. Sofort war die nächste Frau mit ihrer Chicha zur Stelle und füllte nach. Den Fremden ihre persönliche und besondere Kreation zu kredenzen war ihr Stolz. Sie war hart, die Prozedur. Im Wald, hatte ich gedacht, bewegen sich Indianer geräuschlos und gewandt. Unsere lachten, erzählten, machten Scherze mit uns, kann sein, der Alkohol in ihrem Getränk. Nur wenn ein Wild sich zeigt, sagte Dieter, lassen sie alles fallen und sind katzengewandt verschwunden. Schadenfreude ist offenbar ihre größte Freude. Als ich von einem Stamm in ein Schlammloch fiel, kriegten sie sich nicht mehr ein. Sie hatten den Baum geschickt über den Matsch gelegt, ich musste fallen. Der Schamane, ein Mann mittleren Alters, sprach Spanisch und erklärte uns die Heilpflanzen. 15 Jahre muss er lernen, 13 hatte er hinter sich. Seiner Grenzen war er sich bewusst, nein, innere Verletzungen könnten sie nicht heilen, das könne nur der Arzt in Coca. Die großen Ameisen, die er uns auf die Hand legte, schmeckten wie Zitrone und waren noch essbar. Gestreikt haben wir bei den lebenden Engerlingen, die wie Butter seien. Nur Dieter schmatzte mit vollen Backen. Mittags formten sie aus Rinde kleine Schalen. Mir schwante nichts Gutes. Da kam die Trockenmasse rein, mit der hohlen Hand Wasser aus dem Bach dazu, ein anderer fällte junge Palmen, schnitt sie auf, wir hatten unser Mittagessen. Chicha mit Palmenherzen und Engerlingen als Butter. Wir waren müde am späten Nachmittag, mussten noch den Fluss rauf, sehnten uns nach einer Dusche und richtigem Wasser. Wir verabschiedeten uns und wurden vom Dolmetscher aufgehalten. Das könnt ihr nicht tun, ihr müsst noch mal hoch, die Abschieds-Chicha trinken, eine Zeremonie wie bei euch das Händeschütteln. Mühsam verabschiedeten wir uns. Ich habe es nie genossen, das Getränk, aber später und mit der Zeit war es nicht mehr so gewöhnungsbedürftig. Und Helmut, meinen Schwiegervater hat es umgehend von seinem Durchfall geheilt.

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Friday, 19. june 2009 5 19 /06 /Juni /2009 14:48

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Ich möchte zu eurer Familie gehören, sagte Frank. Er war zu Weihnachten in unserem neuen Land zu Besuch, wollte sondieren, wie wir leben, bat mich auf den Balkon und ich sagte ja, komm. Gegen das Familienargument kam ich nicht an, predigte ich doch den Jungen, Familie sei alles und gab Vaters Weisheit weiter, man müsse auch den unteren Weg gehen um den Frieden der Familie zu erhalten. Und nun das! Den Typ Goran hatte ich bei meinen Seminaren mit Jugendlichen erlebt, Frank war mir unbekannt. Seine Argumentationsfähigkeit, am Vater geschult um ihn zur Verzweiflung und Zugeständnissen zu bringen, brachte mich zum Widerspruch, generell. Er war blitzgescheit, überaktiv, kaum zu fassen. M aber liebte und wollte ihn, wollte seine Entscheidung, bei seinem Vater zu bleiben, revidieren. Er flog wieder nach Deutschland, musste das Schuljahr beenden. In den Sommerferien sollte er kommen. Je näher der Stichtag kam, um so mehr Bauchschmerzen meldeten sich. Dann war er da und alle meine Befürchtungen bewahrheiteten sich. Er ließ nicht ab zu diskutieren um Vorteile willen, warum soll ich um 10.00 abends zu Hause sein, warum nicht um 1/4 vor 10.00, warum nicht um 20 nach 10.00, schreiend blieb ich bei meiner Vorgabe, sie mussten um 6:00 Uhr morgens aufstehen, die Schule begann um 7.00. Die Diskussion hielt monatelang an, ich hatte es satt, abends zu kontrollieren, M kam die rettende Idee. Wenn es wichtig war, konnten sie länger aus bleiben, mussten am nächsten Tag die doppelte Zeit früher zu Hause sein. Das funktionierte. Aber die Probleme blieben.

Beide spielten mit Begeisterung Fußball, Goran meisterhaft aber faul, Frank ungestüm. Prompt brach er sich den Fuß, wurde gegipst, drei Tage Ruhe und Bein hoch lagern, dann den Gehgips verordnete der Arzt. Schon am 2. Tag humpelte Frank durch die Wohnung, ich halts nicht mehr aus, muss raus, um die vier Ecken. M beruhigte ihn - bis zum Abend. Es war Wochenende. Meine Freunde holen mich ab, sagte Frank, sie legen mich auf die Pritsche und ich bin ganz vorsichtig. Nein, das geht nicht ohne Gehgips, du kannst stolpern. Aber Mutti...Nein. Abends gingen wir aus, seine Tür war zu, auch als wir zurück kamen. Ist er sauer? Am nächsten Morgen versuchte M, ihre Argumente zu verdeutlichen, es hätte doch was passieren können. Frank, ungewöhnlich friedlich, schaut auf und sagt: ja, Mutti, du hast Recht, es ist schon was passiert, hebt seinen Kopf, da ist der halbe Schädel rasiert und genäht. Er sei doch ausgegangen, zum Fernsehen bei Freunden erzählt er geknickt, beim Humpeln an eine offene Glastür gestoßen. Sie hätten ihn zum Krankenhaus gebracht, ihre Uhren als Pfand gelassen - es musste immer sofort bezahlt werden - wir sollten das bitte begleichen. Unserem Schrecken folgte Jahre später Verblüffung. Da beichtete Frank, dass er damals in eine Disko wollte, die steile Treppe hinunter gefallen und in eine Glastür geknallt sei.

Frank sprach wie ein Maschinengewehr, nicht nur viel, auch so schnell. Wir hofften, dass sich seine Sprachgeschwindigkeit mit dem Spanisch Lernen verzögere. Weit gefehlt, sein Spanisch wurde genau so schnell. Beide gingen sie in eine zweisprachige Deutsche Schule, fanden Freunde, auch einheimische, gingen öfters zusammen aus, aber sie waren zu unterschiedlich. Goran, eher introvertiert, kam mit der Eloquenz seines sprachgewandten Halbbruders nicht zurecht. Verhältnismäßig wenig stritten sie. Doch einmal gab es Geschrei und einen Bums - in seiner sprachlosen Verzweiflung hatte Goran die M's Gitarre auf Franks Kopf zerschlagen. Die Gitarre war hin, der Kopf intakt und die Verhältnisse geklärt.  

Im September bekam ich Hepatitis. Nach einer stressigen Vollversammlung wurde mir kalt, ich hatte Schüttelfrost, M steckte mich in die Badewanne, der Arzt kam, stellte tagelang alle möglichen Diagnosen von Malaria über Hepatitis bis Typhus, ich weinte, ach lieber Gott, lass es doch Malaria sein, ein Jahr ohne Alkohol ist zu viel. Meine Augen wurden gelb und der Arzt weise. M hatte meine Teller leer gegessen, ich hatte keinen Hunger, sie bekam exakt nach der Inkubationszeit von 21 Tagen ebenfalls Gelbsucht. Nun lagen wir beide, schwach und verwundet, die Krankheit greift nicht nur den Körper, auch den Geist an. Freunde kamen, kochten, betreuten, die Jungen hielten sich zurück. Zwei Mal wöchentlich mussten die Proben zum Labor, die Ergebnisse vom Arzt abgeholt werden. Manchmal schafften wir es selbst, brauchten oft Hilfe. M sprach sie an, bat um Einsatz. Goran versteckte sich wortlos hinter einer Zeitung, Frank musste dringend weg. In mir brach etwas, ich zog mich in mein Kämmerlein zurück, weinte, wollte weg aus diesem Unglück. So hatte ich mir Familie nicht vorgestellt, bat M um Auszeit, nein, nicht um Trennung, nur um Rückzug, Alleine sein können in einer eigenen Wohnung. M war verletzt, es ging nicht, wir mussten zusammen durchhalten, unser beider Traum verwirklichen.

Der Durchbruch kam später. Die Jungen wollten Ohrringe, das sei in Deutschland jetzt üblich. Strikt waren wir dagegen, sie, die in diesem unterentwickelten Land mit mannigfaltigen Privilegien ausgestattet waren nun auch noch als Vorreiter einer Mode zu sehen, die niemand verstehen würde, war zu viel. Goran kam aus Deutschland zurück mit einem Stecker im Ohr, deine Schwester hat ihn mir extra gekauft (er hatte Hanne gesagt, R hat es erlaubt), Frank steckte sich selbst eine Sicherheitsnadel ins Ohr. Das war zu viel, jetzt wollte ich nur noch weg, ich bekam keinen Zugang zu den Jungen. M trat den Weg an, traf Frank auf dem Bett liegend an, erklärte ihm ernst, ich habe dich schon einmal verloren und nun laufe ich Gefahr, dich wieder zu verlieren, alles wegen einer blöden Sicherheitsnadel. Ich habe R gewählt und will den Rest meines Lebens mit ihm verbringen.  Dich aber habe ich noch maximal 4 Jahre, dann bist du weg. Meine Entscheidung ist R, fahre du wieder zu deinem Vater. Da begann Frank zu weinen, nahm die Sicherheitsnadel raus und sagte, R ist mir am Arsch lieber als mein Vater im Gesicht. Wahrlich, das war ein großes Kompliment und fortan ging es gut mit uns.

Goran, bildhübsch mit brennenden Augen hatte mehr Chancen bei Frauen. Auf dem Fußballplatz feuerten sie den arbeitsunlustigen an, pon te las pilas (setz deine Batterien ein). Eines Abends sitzen wir auf dem Balkon, den Sonnenuntergang über Quito betrachtend, die Schatten im Tal werden länger, es dämmert. Da öffnet sich in dem Haus unterhalb die Hintertür, eine Silhouette erklettert die Begrenzungsmauer, balanciert zur nächsten, kommt an unsere Mauer, es ist Goran. Rot im Gesicht, den Hals voller Knutschflecken, beichtet er den Besuch bei seiner Freundin, die Eltern kommen, er entflieht, und wir sitzen in der ersten Reihe und sehen zu. Was tun, ihre sexuelle Sturm- und Drangzeit beginnt. Wo ein Wille, ist auch ein Gebüsch hatte ich gelernt, doch alle Gebüsche konnten wir nicht kontrollieren. Offen reden, Sex als normale Funktion darstellen, hatte ich bei meinen Seminaren gelernt, nahm die Mystik des Unbekannten, war ein Mittel die Konsequenzen darzustellen. Ob es geholfen hat? Wohl eher das Drängen auf Schutz, der Partnerin vor allem. Sie durften bei uns feiern und kamen unserer Feierei ins Gehege. Ab und an trafen sie uns kaum bekleidet am Kühlschrank. Freitags abends warfen wir sie raus, wir wollten das Haus für uns alleine. Meine Angewohnheit aber, M Frühstück ans Bett zu bringen, übernahmen sie bei ihren Freundinnen.
Jeder kam dran mit Einkaufen und Kochen, ein Mal die Woche. Goran war eher für die Feinschmeckergerichte. Einmal machte er Krebssuppe, da mussten die Panzer im Mörser zerstoßen und durch ein Haarsieb passiert werden, eine stundenlange Arbeit. Frank war der Zwiebelsuppen- und Bratkartoffeltyp, ich für Spaghetti und Aufläufe zuständig und M konnte alles. Bis Donnerstags reichte die Arbeitsteilung, Freitags gingen M und ich essen, die Jungen auch mit ihren Freunden, samstags kochte M dicke Suppe und sonntags alle gemeinsam. Dann gab´s Skat

 

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Sunday, 21. june 2009 7 21 /06 /Juni /2009 09:51

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Mit Volleyball-Spielen im Park begann der Sonntag. Keine einfache Sache in 2500 m Höhe direkt unter dem Äquator. Wir Hellhäutigen verbrannten oft und die Luft war knapp, obwohl die roten Blutkörperchen sich genügend vermehrt hatten und zusätzlichen Sauerstoff lieferten. Nach dem Mittagessen, Punkt 14.00 schrie einer der Jungen regelmäßig: 18!!! Das Reizen begann, wir spielten Skat. Beiden Jungen hatte M es schon früh beigebracht, mir später. Ich fühlte mich im Nachteil, verlor oft, wurde wütend, wollte manchmal nicht mehr. Dann redeten die Jungen auf mich ein wie auf einen kranken Gaul, argumentierten, ich sei doch nicht so schlecht, rechneten vor, summierten Ergebnisse aus zurückliegenden Zeiten zu meinen Gunsten und brachten mich zurück.
Loco war immer dabei. Den Papagei hatte Frank aus dem Urwald mitgebracht, das war verboten, er aber hatte sich den Vogel unter die Jacke geschoben, machte unsere Tür auf und da kam der kleine Kerl über den großen Zeh laufend um die Ecke, schaute sich interessiert um und gewann unsere Herzen. Seitdem war er ein Familienmitglied. Eines, das den Käfig demolierte mit infernalischem Geschrei beim Versuch, ihn einzusperren. Nun saß er auf der Stange und schiss den Boden voll. Die Stange endete in der großblättrigen Gummipflanze die er liebte und fraß. Loco, schrie M erbost, das sollst du doch nicht! Dann rutschte er unschuldig in die Mitte der Stange und pfiff sich einen. Fliegen konnte er nicht, nur segeln, seine Flügel waren beschnitten. Wir frühstücken Sonntags im Bett, er sitzt auf dem Regal, schaut sich die schönen Sachen an und schon segelt er mitten hinein. Ein Fuß in der Marmelade, einer im Ei, den Schnabel im Kaffee. Eine Sauerei war das. Skat liebte er, dann kam er angesegelt, setzte sich neben M auf die Sofalehne, kuschelte in ihrem langen Haar und nagte am Ohrläppchen. Irgendwann wollte er mitspielen, sprang auf den Tisch und witschte mit seinem Schnabel die Karten durcheinander. Loco! Dann schaute er mit Unschuldsmiene auf, latschte zurück und sprang zu M. Er war ein Meister in Kugelschreiber und Bleistifte Demolieren. In nullkommanix hatte er Kugelschreiber zwischen seine Krallen geklemmt, mit dem Schnabel auseinander genommen und die Einzelteile flogen durch das Zimmer. Bleistifte spaltete er in der Mitte mit einem Witsch, pulte den kohlehaltigen Stift heraus und knabberte ihn ab. Bei Erdbeben war er Frühwarner, schrie wie am Spieß kurz bevor es losging, segelte auf den Boden und suchte Schutz bei uns. Einmal haben wir ihn vergessen. Der erste Stoß ließ das Haus erzittern, wir ergriffen die Flucht, hörten hinter uns lautes Geschrei, da kam der kleine Kerl angewatschelt, wollte aufgenommen werden. Die Jungen liebten ihn, ich aber musste seinen Dreck weg machen.
Im Urlaub, auf dem deutschen Kirchentag, hatte Frank seine Freundin kennen gelernt. Nun kam Silke, mit ihr Werner und Sonia, Tochter von Ms Freundin. Sonia kannte die Jungen, hatte mit Frank in Nürnberg in jungen Jahren protestiert, sich einmal mit ihm anketten lassen. Sie war das Duplikat ihrer kritischen, aktiven Mutter, Werner ihr Freund und angehender Fotograf - er war damals schon gut, seinetwegen habe ich später meine Versuche aufgeben, das Land im Bild festzuhalten, er hatte dessen Seele getroffen - und Silke war voller Rundungen, nach meinem Geschmack. Alle liebten es, in Sack und Asche zu gehen, getreu ihrem Protest gegen die situierte deutsche Gesellschaft. Ecuadorianer deuteten ihr Outfit anders, gegen sie gerichtet, man zieht sich nicht schlecht an, um Freunde zu besuchen. Werner haben sie an seinen hüftlangen Haaren gezogen, die Gruppe mit wütenden Worten bedacht. Sie kamen entrüstet zurück, meine Persönlichkeit wird eingeschränkt. Lange haben wir geredet, verdeutlicht, dass nur Arme arm gehen, dass jeder, der es kann, sich anzieht, wie sie es von spanischen Nachkommen erwarten. Sie ahnen den  Reichtum der Europäer, die sich ein Flugticket leisten können, sagen, sie könnten anders, wenn sie wollten, wir sind ihnen das nicht Wert. In der Tat konnten sie anders. Am Abschlussabend luden wir sie zum Essen in einem Restaurant ein. Sie kamen angezogen wie immer, M mustert sie, sagt, wir gehen so essen, wie ihr ausseht, und das hier reicht gerade mal für die Pommes Bude, und schon waren sie weg, sich umziehen. Sonia kam zurück, kannst du mir eine weiße Bluse leihen? Na also, geht doch! Sie sahen aus wie gemacht für das beste Restaurant am Ort. Da sind wir hingegangen.  
Manchmal, nicht oft, brachten sie mich noch immer zur Weißglut. Einmal beim Essen, Frank hat schon genervt und nervt weiter mit seinen Haarspaltereien um Recht zu behalten, er gibt nicht auf, ja aber... kann man doch auch so sehen, ich sehe rot, will ihm die Schüssel auf den Kopf zertrümmern, geht nicht, sind Spaghetti drin denke ich noch und hau ihm das lange Baguette vor die Stirn. Weißbrot ist in Ecuador nicht knackig, eher matschig. Entsprechend biegt sich das lange Brot über seinem Kopf und bleibt wie ein kurioser Schmuck halbkreisförmig über seinem Scheitel liegen. Der ganze Tisch biegt sich vor Lachen und meine Wut ist zum Teufel.
Eine Woche waren wir im Urwald, Projekte bei den Shuara besuchen. Die Unterbringung gewöhnungsbedürftig, die der letzten Nacht besonders. Im Obergeschoss eines Holzhauses waren Kämmerchen mit halbhohen Sichtblenden abgeteilt, oben und unten zum Durchschauen. Wir bekamen das Eckzimmer gegenüber der Toilette mit einem Loch als Fenster. Jeder der zum Klo musste, schaute bei uns vorbei. Auf dem Flur feierten ein paar Touristinnen Vökerverbindung mit Indianern, viel Schnaps und lautem Gekreische, das auf ihren Zimmern auch nicht besser wurde. Ursprünglich wollten wir einen Tag länger bleiben und hatten das auch den Jungen so gesagt, beschlossen dann aber übermüdet die rasche Rückfahrt. Kurz nach Dunkelheit um 18.00 Uhr kamen wir an, die Wohnung und der Aufgang hell erleuchtet, reger Betrieb. Der unter uns wohnende Vermieter fing uns ab, er hatte auf der anderen Straßenseite mit dem Gewehr gewacht, damit nichts passiert, sagte er, es könnten ja Schlitzohren kommen. Unsere Jungen hatten eine "Fiesta pagada" eine offene Party mit Eintritt im Radio annonciert. Das Wohnzimmer war völlig ausgeräumt, an der Decke Lichtspiele, dicke Boxen in den Ecken, die Küche Musik- und Lichtzentrale. Ach du Scheiße sagte Frank, als er uns sah, wir stimmten ihm zu. Das Schlafzimmer war voller Möbel, nichts mehr rückgängig zu machen, wir zogen aus, harsche Regeln und eine bevölkerte Wohnung zurücklassend, in das beste Hotel am Platz, dem Chalet Suisse, erhielten die Hochzeitssuite, wurden bedient von ecuadorianischen Kellner in Schweizer Fantasietracht mit Edelweißbinder und hatten unseren Kulturschock. Am nächsten Mittag war zu Hause alles aufgeräumt, die Wohnung fast wie immer. Nur der Tisch hatte Löcher, sie hatten ihn als Rückwand für Dart-Spiele verwendet und die weißen Wände hatten schwarze Schleifspuren, dort wo Männer ihre Schuhe anlehnen. Junge, Junge, da machste was mit!
Mit ihren Freunden zusammen gründeten sie ein „Discomobil", einen Club, der Fiestas ausrichtete. Jeder stellte seine Komponenten zur Verfügung, Boxen, Verstärker, Lichtanlage, Musik, Kenntnisse. Gegen Bezahlung zogen sie an Wochenenden los und heizten Traditionsfeiern und Partys ein. Auch im Humboldthaus, dem Deutschen Zentrum, legten sie Musik zu Tanzveranstaltungen auf. Wir waren da. Bei Goran gab es Latinomusik, viel zum Schmusen, Frank dagegen fegte die Tanzfläche leer. Er wollte erzieherisch wirken mit Protestsongs und moderner Ausrichtung. Erfolg hatten sie.
Beide sprachen sie fließend spanisch, waren Ecuadorianer auch. Wir hatten ihnen einen guten Start vermittelt. Eingedenk der Familienpraktika für Entwicklungshelfer lebten beide Monate in ecuadorianischen Familien. Flor, die Zahnärztin, war die Beste. Ihre Praxis hatte sie im Flur auf einem Treppenabsatz, mit Spiegeln bestückt, Größe vortäuschend, erzog alleine die drei Söhne zu aufrechten Menschen, der Vater umgekommen bei einem Verkehrsunfall, nahm Goran als 4. Sohn auf. Er lernte Disziplin, feiern und flirten. Letzteres war wie geschaffen für den jungen Mann südländischen Einschlags  mit schwarzen, großen Augen und der Zurückhaltung, aus Unsicherheit geboren. Lange schauen, Blumen bringen, umwerben, Frauen becircen, er brachte es. Und fiel voll auf die Schnauze in Deutschland. Bis er fertig geschaut hatte, schleppten andere die Frau schon ab. Jedes Mal wenn er nach einem Date fragte, zückten die jungen Damen ihre Terminkalender. Sie hatten ihre Zeit eingeteilt, dem Neuen spontan nachgehen lag ihnen nicht.    

Er war Spastiker, der Jugendrichter. Entsetzt war ich zuerst, wie soll der uns helfen, beschämt danach, wir hätten keinen besseren kriegen können. Gorans Adoption war schwerer als gedacht, lief nun schon zwei Jahre und wurde eng. Ab 18 konnten wir ihn zwar noch immer adoptieren, dann aber wäre er bei unserer Rückreise als Ausländer eingestuft, in Jugoslawien möglicherweise eingezogen worden. Dem jugoslawischen Staat könne er nicht so einfach einen Bürger entziehen, sagte der Richter, brauche die Einwilligung der Eltern, Großeltern. Die aber waren nicht auffindbar. Der Vater flüchtig, von Interpol gesucht, unser Richter schloss sich der Suche an, die Mutter verschwunden, die Großeltern würden nie zustimmen, dass wusste M. Dann aber wurde der Vater verhaftet - und verweigerte seine Unterschrift zur Adoption. Seinen so innig geliebten Sohn abgeben, nie. Jetzt hatte unser Richter seinen großen Tag, er glaubte der Vaterliebe, die jahrelang keinen Kontakt zustande brachte nicht, ersetzte die elterliche Einwilligung durch Richterbeschluss und leitete die Adoption ein. Keine Zeit ist zu verlieren, erklärte er uns, das Procedere dauert ein halbes Jahr, Weihnachten kann ich es durch haben, Goran wird am 4. Januar 18, keine Möglichkeit mehr der Zustellung über die diplomatischen Kanäle, denn erst wenn ihr unterschreibt, ist die Adoption offiziell. Gebt mir eine Kontaktperson mit juristischer Vollmacht. Toria, M´s Schwester in Nürnberg, unterschrieb Ende des Jahres. Es war ein Freudentag, als die Nachricht eintraf. Und Goran wurde ein anderer. Tagelang übte er die neue Unterschrift, ist es so gut, oder so? Sicherheit war das, was ihm am meisten gefehlt hatte.    

Frank machte sein Abitur und grüßte die Fahne nicht, ein Vergehen in einem Land, das seiner Nationalität nicht sicher ist, Rituale braucht. Wir mussten ihn schriftlich befreien mit Hinweis auf Vergangenes in Deutschland, Fahneneide betreffend. Er wollte reisen, ein halbes Jahr durch Südamerika. In Peru arbeitete er, fuhr weiter zu den Sehenswürdigkeiten, Matchu Pitchu, Titicaca See, wurde krank, Hepatitis. Bis Lima konnte er sich durchschlagen, wurde bestohlen, landete in einer Absteige. Über meinen Kollegen in Peru holten wir ihn heim. Er kam, abgemagert und gelb, sein Abenteuer war zu Ende. Silke zog ihn mächtig an, Frank wollte nach Deutschland, wir hatten noch ein halbes Jahr zur Rückkehr. Er ging, M war traurig, ich auch. Bei unserer Rückkehr empfing er uns in Frankfurt am Flughafen, sah noch schlimmer aus als bei der Hepatitis, die noch in ihm steckte, hatte einen Verband um den Kopf. Er hatte gearbeitet, ein Dübel war beim Bohren gesplittert und ihm ins Auge gedrungen, nun lag er im Krankenhaus, war entflohen um uns zu begrüßen. Wir mussten ihn zurück bringen. M war verzweifelt. Warum habe ich mein Kind weg gehen lassen. Aber es war Zeit, das gemeinsame Leben vorbei. Beide Jungen wollten lernen und so schnell als möglich nach Südamerika zurück. Frank studierte Agrarwissenschaft mit tropischer Landwirtschaft als Schwerpunkt, Goran wurde Hotelfachmann. Frank kehrte nach Südamerika zurück, Goran hatte das Falsche gewählt, seine Qualifikation war schon in Deutschland unterbezahlt, noch mehr in Lateinamerika. Und Manager werden in einem internationalen Konzern, sich versetzen lassen, war eine arbeitsintensive, nervtötende Perspektive. Er fuhr später auf Kreuzfahrtschiffen in der Welt herum.


Die Jungen sagen, Ecuador war die schönste Zeit in ihrem Leben. Nun ja.

 

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Monday, 29. june 2009 1 29 /06 /Juni /2009 12:14

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador
M tat mir wohl. Sie ließ mir mein Leben zwischen Job, Familie und Feiern, unterstütze, wo es ging und gebraucht wurde, machte ihre Sachen und ließ mir meine. Das hab ich in der Zeit mit Gerhard gelernt, sagte sie, der war eigen, wollte keine Einmischung. Wir diskutierten viel, die Jungen, der DED, die neu kennen gelernte Welt der Ecuadorianer. Geliebte Frau Freundin war sie mir, absolut solidarisch und Rat gebend bei Konflikten. Mit ihr konnte ich alles bereden, na ja, fast alles. Wir waren zwei autonome Regelkreise, die sich in wichtigen Lebensbereichen überschnitten und unterstützten.

Sie faszinierte uns, die Welt der Ecuadorianer, Lebenslust war es, was uns, trotz weit verbreiteter Armut, entgegenschlug, Freundschaft, Herzlichkeit. Kein Problem sich zu treffen, zumeist war Zeit, Menschen waren wichtiger als Arbeit, Lebensfreude besser denn beruflicher Erfolg. Andere Regeln des Zusammenlebens galten, menschlichere, tolerantere. Wir lernten von der neuen Welt, sogen sie auf, konnten nicht verstehen, dass Landsleute auf Urlaub und deutsche Produkte warteten, ecuadorianische Lebensformen oberflächlich, unsauber, desorganisiert fanden. Ja, die Straßen waren oft in schlechter bis miserabler Verfassung, das Land größtenteils unterentwickelt, Armut und Elend allerorten. Und  doch sah man überall auch frohe, zufriedene Gesichter und kam man ins Gespräch, war Freundlichkeit und Gastfreundschaft Gebot. Dann die Musik, Cumbia, Merengue, Salsa, sie ging in die Beine, lockte zum Tanz, verführte. Wir ließen uns gerne verführen. Gewöhnungsbedürftig der Verkehr. Regeln, Ampeln, Verkehrszeichen waren Anhaltspunkte, nicht verpflichtend, mögliche Gefahren zu antizipieren, im Bewusstsein, dass jeder mögliche Blödsinn auch eintraf. Hupen war Kommunikationsmittel, besonders auf den engen, unübersichtlichen Passstraßen unerlässlich. Am schlimmsten waren alte Laster. Sie tuckerten und schlingerten im höchsten Gang mit niedrigster Geschwindigkeit mitten auf der Fahrbahn dahin, bogen ab, ohne Zeichen zu geben, waren unberechenbar. Der Indio am Steuer hatten noch kurze Zeit vorher Eselskarren gelenkt, nun umgestiegen auf die Moderne.
 

Treue war für mich kein Wert an sich. Keinesfalls ging es mir darum, untreu sein zu wollen, ich strebte eine andere, breitere Beziehungsgrundlage an. Es gab sie mal  in der Geschichte, Treue zu einer Person, sie als Individuum zu schätzen , egal was passiert, verlässlich zu ihr stehen ohne Wenn und Aber. Das war meine Vorstellung von Treue, nicht die sexuelle Eindimensionalität. So wird der Radius der Partner größer, die Beziehung stressfreier, das Vertrauen tiefer: der ganze Mensch ist gemeint. Partnerschaft, aneinander gewöhnt sein, miteinander spielen lernen hat einen hohen sexuellen Reiz.

Freitags, hatten wir beschlossen, ist so als wenn wir uns gerade kennen gelernt haben. Donnerstags muss der Streit vom Tisch, freitags haben wir ein Rendezvous, ziehen uns fein an, es wird gefeiert, ausgegangen, geflirtet und geliebt. Da brauchten wir die sturmfreie Bude, die Jungen mussten weg -und waren sauer. Wann dürfen wir wieder zu Hause sein, erst um Mitternacht? Sie, die uns so lange genervt hatten mit dem Abends länger weg bleiben Wollen. Und siehe da, Punkt 24.00 drehte sich der Schlüssel und Goran kam zurück. Bis dahin waren wir fertig, waren aus, essen, Kino, feierten, hatten uns neu entdeckt, hatten geredet, meist über uns, die Geschichten, wie wir uns gefunden hatten, erlebten sie neu, weihten den Anderen ein in frühere Erlebnisse, waren offen, partnerzentriert nachfragend, verliebten uns neu und liebten uns, lernten andere Menschen kennen, tanzten in die Nacht hinein. In Quito haben wir sie kennen gelernt, die Motels. Sie standen seltsamerweise vor oder in Orten, bis uns jemand aufklärte, das sind Stundenhotels mit angenehmem Flair. Mit dem Auto fährt man unerkannt in die Garage, von dort geht es direkt in die zumeist luxuriös ausgestatteten Räume. Sonntags morgens seien die Motels am besten belegt, da sagen die Ehefrauen, sie gehen in die Kirche. In Brasilien, lernte ich später,  werden die Motels mit Herzchen statt Sternchen im Telefonbuch ausgezeichnet. Und sind die Renner. Nun ja, Brasilien....

Es war ein langer Weg bis dahin. Anfangs ging es nicht gut

Fotos vom Leben in Ecuador im Album
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Wednesday, 1. july 2009 3 01 /07 /Juli /2009 11:34

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador
Anfangs ging es nicht gut. Ich war eingespannt in meine Aufräumarbeit im DED, arbeitete wie besessen, spannte M mit ein, sie nahm mir schriftliche Arbeiten ab, machte die Buchhaltung, wenn die Finanzsachbearbeiterin Urlaub hatte und war mir eine Last mit ihren Ansprüchen an mich und das gemeinsame Leben. Zu Hause anfangs der Streit mit den Jungen, Konfliktgespräche waren nötig. Dann steckte ich mir eine Pfeife an, saugte verbissen und versuchte, meine Probleme zu verdeutlichen. M war zurückhalten, hatte gelernt, den Partner sein Leben leben zu lassen, ich war durch die harte Beziehungsschule mit Annette gegangen, gute Voraussetzungen waren das, wir mussten lernen, das Gelernte auf uns anzuwenden. Wir lernten.

Die Hälfte der Zeit waren wir auf Dienstreisen, Projekte inspizieren, neue sondieren, Kontakte pflegen, kontrollieren. Mit der Zeit kannten wir das Land wie unsere Westentasche. Projekte waren in und um Quito, im Norden in Otavalo, Ibarra, im Nordwesten San Lorenzo und Esmeraldas, im Zentrum in Ambato, Riobamba und Quevedo, im Osten in und um Puyo und Coca, im Südwesten Guayaquil, Jipijapa, Manta, im Süden in Cuenca bis Loja hinunter.

Die Kinder der EH waren meine Freunde, beim Essen saßen sie neben mir, rückten mir nicht von der Pelle. Mit ihnen konnte ich. Bewundernswert wie schnell sie die Sprache lernten, Freunde fanden, sich das neue Leben einverleibten mit seinem Credo: Freude geht vor. Dass Eltern nicht verlängern wollten mit dem Argument, ihre Kindern verlören Schulzeit, habe ich nie verstanden. Dagegen sprach der Gewinn an kultureller Vielfalt, erweiterter Horizont, Freundlichkeit, Kinderliebe der Leute. Es gab Eltern, die, weitab von der Zivilisation, über Fernlehre ihren Kindern deutsches Schulwissen vermittelten. Die Rückmeldungen waren positiv, die Kinder verloren ein Jahr in Deutschland und holten es stante pete wieder auf. Wie schnell passives Sprachvermögen reaktiviert werden kann, lehrten mich zwei EH, in Lateinamerika geboren, doch früh nach Deutschland zurückgekehrt. Beide sprachen innerhalb kurzer Zeit signifikant besser Spanisch als ihre mit ausgereisten KollegInnen, eine nach zwei Jahren ohne Akzent.

Eines Morgens saßen sie im Büro, 7 Indios, übermüdet, die Nacht durchgefahren im Bus, sie rochen streng, verschwanden fast in ihren Ponchos. Jefecito sagten sie, benutzten die Koseform von Chef, man hat uns gesagt, hier kriegen wir Hilfe die wir brauchen. Wir wollen unsere Landwirtschaft verbessern. Hochlandindianer sind ein eigenes Volk, abgeschirmt in ihren von Wind und Wetter umtosten Bergsenken leben sie ihr eigenes, traditionelles Leben. Ich verstand sie nie. Arm waren sie dran, natürlich wollte ich helfen wenn es ging, erklärte, dass wir eine Organisation zur Versendung von Fachkräften seien, nicht für Sachlieferungen zuständig, Einsatzsicherheiten brauchten, Kooperativen verbessern wollten, so etwas. Sie verstanden nicht, ach, sagten sie, der Fachmann kann doch mal bei jedem von uns arbeiten. 14 Tage später waren sie wieder da, hatten einen Antrag, , Säcke mit Düngemitteln, mit Setzkartoffeln, Zwiebeln, lang war die Liste. Und ganz unten stand: 10 Rinder, 1 Stier, 1 Entwicklungshelfer, 1 Traktorcito (Traktorchen) . Wir fuhren hin, hatten Kontakt mit einer kirchlichen Organisation aufgenommen, wollten unterstützen. Sie empfingen uns in der größeren aus Lehm gebauten und mit Blättern gedeckten Versammlungshütte, in der Ecke ein offenes Feuer, kein Rauchabzug, keine Fenster, dämmrig, rauchgeschwängert, Höhlenartig. Die Dorfobersten saßen um den primitiven Tisch auf Holzbänken, andere auf dem Boden die Wände entlang, Frauen kochten. Uns zu Ehren gab es Festtagsessen, Meerschweinchen mit Kartoffeln, auf einer langen Platte angerichtet. Gegessen wurde mit den Fingern. Ich sah am anderen Ende ein kleines Stück Meerschweinchen, wollte höflich sein, zumindest probieren, griff hinüber - und hatte den grinsenden Kopf des Tieres vor mir, mit Ohren, Augen, Zähnen. Wir hatten keinen Hunger und baten die Dorfbewohner an den Tisch. Was für eine Freude, die Platte war in Nullkommanix abgeräumt.


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Friday, 3. july 2009 5 03 /07 /Juli /2009 11:53

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador
Neue Entwicklungshelfer - in der Kurzfassung EH genannt - wurden mit einer Fiesta eingeführt, Ecuadorianer und Deutsche gleich verteilt,  zum Eingewöhnen an Essen, Trinken, Tanzen, Reden. Letzteres nahmen die deutschen Gäste ernst, bildeten Cliquen, redeten sich heiß, tanzten manchmal. Die Latinos warteten, bis Musik kam und tanzten. Ihre Gesprächsführung zwischendurch war bewundernswert. Sie sondierten die sensiblen Themen und vermieden sie, sagten, sind wir hier um zu feiern, anderer Meinung können wir sein wenn wir offiziell sind. Ganz anders die Entwicklungshelfer des Anfangs. Sie hatten eine kritischen Haltung zum Gastland, gesellschaftliche Veränderungen im Sinn, waren bemüht, den richtigen Ansatz auszudiskutieren. Nächtelang. Kontrovers gerade mit mir, der ich meinte, sie seien eingesetzt, um Fachkenntnisse zu vermitteln. In der Hitze des Gefechts, spät schon, herrschte mich einer an, verschwinde hier. Es war mein eigenes Haus, ich schmiss sie raus. Später änderten sich die Verhältnisse, wir schafften es, Projekte fachbezogen auszurichten und dafür adäquate EH einzulesen. Die Feste wurden ecuadorianischer.

Freilich gab es auch lustige Sachen, auch wenn die freundliche Welt mehr den Ecuadorianern zuzurechnen war. Trotzdem. Der DED mietete die Wohnungen seiner EH an, ich war offizieller Mieter und musste kontrollieren. Leo war Deutsch-Russe, ehemaliger Balletttänzer, nun exzellenter Fachmann für ökologische Aufforstung. Er verehrte seine Mutter, schickte ihr regelmäßig die Hälfte seines kärglichen Unterhaltsgeldes. Der von ihm angelegte Nutzgarten, eine Oase in der Wüste, ernährte ihn. Leos Deutsch war gut aber nicht vollständig. Beim Gang durch die Wohnung sah ich mein Buch, fragte, ob er es ausgelesen habe und Leo, der sonst so Beflissene, Obrigkeitshörige antwortet: nein, denn ich hab die ganze Nacht gewichst. Ich war konsterniert, war der nun auch zur Koalition der Frechen gewechselt?  Was denkt er sich, wen er vor sich hat! Raus kam, er hatte die ganze Nacht in Erwartung unseres Besuches den Boden gewachst und die Tätigkeit mit Schuhe wichsen verwechselt.
Schnaps von einem Schwarzbrenner stand in Fantaflaschen abgefüllt auf dem Balkon. Ein Landwirt hatte uns oben in den Bergen mitgenommen in ein Maisfeld, mitten drin, gut versteckt, ein schwarz verqualmter Unterstand, ein Muli schlich um eine Maispresse im Kreis, der Saft floss in ausgehöhlte, verbrannte und dreckige Holzrinnen, ein offenes Feuer unter dem ausgesonderten Ölfass, darüber ein einfacher, selbstgebauter und öfters geflickter Destillierkolben. 75% hatte der Schnaps, war kaum zu trinken, wir verwendeten ihn später zum Kamin Anmachen. Bei einem Fest hatte die junge Deutsche, gerade eingereist, Durst, sich in der Küche auf die Suche begeben, die Fantaflaschen auf dem Balkon entdeckt, etwas getan, was man nicht tun sollte, sie angesetzt und es laufen lassen. Der Selbstgebrannte entfachte in Sekunden seine Wirkung, die Schwingtür zum Wohnzimmer schlug auf und da stand sie, puterrot nach Luft ringend und war außer Gefecht gesetzt. Am nächsten Tag begleitete M sie in die Apotheke, sie brauchte Kopfschmerztabletten und Heftpflaster. Das Wort Pflaster hatte sie sich im Lexikon gesucht, bestellte, die Verkäuferin schaute verdutzt, schickte sie nach draußen, sie hatte Kopfsteinpflaster bestellt. Für manche war es schwer, Spanisch zu lernen. Eine EH, Handarbeitslehrerin, schickten sie uns um Produkte einer Kooperative von Indiofrauen im Hochland - 4-5 Tausend m hoch - marktfähig zu machen. Für ihre Arbeit in den entfernt liegenden Dörfern stand ein Jeep zur Verfügung. Die junge Frau beugte verschämt den Kopf, da müsst ihr aber üben mit mir, mein Leben lang hab ich in Berlin gewohnt, bin noch nie einen Berg gefahren. M half aus. Ein Glück dass der Jeep robust war.

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Sunday, 5. july 2009 7 05 /07 /Juli /2009 12:02

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador
Dann richteten sich die Widerstände meiner Kritiker gegen M. Sie wollten nicht die Frau des Beauftragten im Büro, wollten keine Potenzierung seiner Standfestigkeit, die Zentrale stimmte ihnen zu und beschied, M dürfe Kranke besuchen und sozial tätig sein. Ihre Bewerbung bei der Deutschen Schule hatte sie zurückgezogen nach dem Gespräch mit dem 2. Direktor, einem, wieseligen, machthungrigen Deutschen Studienrat. Arbeit fand sie an der Katholischen Universität, lehrte Deutsch für Ausländer, hatte Verehrer, den Direktor, Priester von Beruf, weltoffen, gelehrt, studiert auch in Bayern mit perfekter deutscher Diktion, auch einen Staatssekretär, der nebenbei an der Universität arbeitete. Sie blühte auf, erzählte von Feiern, wie erst gebetet und dann getanzt wurde, vom Kollegen, der auf der Heimfahrt zum Motel abbog - das war die Quelle unserer Erkenntnisse über Motels - schlug aus und erhielt die Freundschaft. Ich tanzte nicht gerne, tanzen war für mich Vorbereitung zum Sex, für M einfach eine Quelle der Freude. Sie nahm Einladungen ihrer Verehrer an, ging mit ihnen essen, tanzen, kam erhitzt nach Hause, erzählte von den eleganten Machos, die Frauen becircen konnten, wir hatten unsere doppelte Freude und neuen Anreiz. M war begehrt, ich musste mich anstrengen. Latino Machos, lernten wir, sind nicht zu verwechseln mit fälschlicherweise gleich bezeichneten Deutschen, sie schlagen keiner Zenzi auf den Hintern. Erzogen von ihren Müttern zu eleganten, allumsorgten, dominanten, in den Himmel gehobene Prinzen wissen sie, was Frauen wollen, wollen Frauen, stellen sie mit Huren gleich wenn Frauen wollen und oder verehren sie  wie  ihre Mutter. Sonntags musste der Staatssekretär Pepe ...de Villalobo, zu seiner Mami, Anrufe von seinen Dienstreisen in alle Welt waren Pflicht. Er nahm M mit zu Freunden und Feiern, lehrte sie ecuadorianische Kultur und Tänze, doch als er sie heiraten wollte, brachen wir die Verbindung ab.

Vicence lernte ich in einem Kino kennen, M fand ihn attraktiv, er war schwarz und kam aus einer afrikanischen Enklave ehemaliger Sklaven auf einem Landgut katholischer Priester. Er nahm uns mit in den Norden, seine Heimat. Im Dorf, noch mit Rundhütten, aber auch schon Flachbauten, war seine Großmutter die Chefin der Familie. Sie muss über 80 gewesen sein, konnte ihre Enkel und Urenkel nicht zählen, über 60 sagte sie. Ungebrochen in ihrer Herrschaft führte sie den Clan, ließ Söhne antanzen, befahl, „mande" (befiel!)sagten sie, die teilweise über 60 jährigen und standen stramm. Sie wurde meine Freundin und nahm mich unter ihre Fittiche. Auf Festen saßen wir neben ihr, der Raum hatte festgetretenen Boden und Bänke an der Wand entlang, auf die sich 30, 40 Leute drückten, nur vor uns stand ein wackeliger Tisch. Die  jungen Männer machten Musik mit einfachen Instrumenten, das urigste davon ein Kuhgebiss das mit klappernden Zähnen  den Rhythmus vorgab. Getanzt wurde in der Raummitte mit Wucht, Staub wirbelte auf, junge Frauen tanzten, Flaschen auf der Stirn balancierend mit obszönem Hüftschwung, Männer im schwerem Wiegeschritt, Afrika im Salsarythmus. Zuerst sollten wir trinken. Die junge Frau vor uns hatte die Flasche in der Hand und reichte uns das Glas mit Hochprozentigem aus eigener Produktion. Wir nahmen dankend, behielten das Glas, es war stark das Zeug. Die Frau blieb stehen, alle schauten uns an bis wir merkten, dass es nur ein Glas gab. Wir hatten auszutrinken und weiterzureichen. Jeder, der es erhielt,  kippte das Zeug bis auf einen Rest hinunter, den spritzte er auf den Boden, für Pacha Mama, dieindianische Erdgöttin, sagten sie. Die Runde dauerte bis die Flasche leer war. Vicente sagte, er wolle so gerne heiraten, Geld fehle. Bist du nicht verheiratet? Doch, aber staatlich nur. Der Priester hat gesagt, das gilt für 5 Jahre, dann spätestens müsst ihr kirchlich getraut werden, sonst lebt ihr in Schande. Auch der kostete. Am Ende unseres Aufenthaltes schenkten wir ihm die Hochzeit. Die Frauen aus seinem Dorf kamen nach Quito, wir brauchen neue Kleider, Stoff nur, wir schneidern selbst, auch die Kinder brauchten Kleider und Schuhe, das Paar Ringe, ein Brautkleid (Ms gebrauchtes war nicht gut genug), einen Anzug, dann noch einen Sack Reis, einen Sack Bohnen, Hähnchen und Yucca  haben wir, Schnaps auch, nur um eine Flasche Sekt baten sie, etwas Besonderes. Das Dorf lag im Tal, die Kirche auf dem Berg, wo die Indios wohnten. Sechzehn Leute zwängten sich in unseren Peugeot Kombi, mehr ließ die Braut nicht zu, ihr Kleid brauchte Platz. Das Stillen des neugeborenen Babys übernahm eine Freundin, zum Öffnen der Brust war das Brautkleid nicht gemacht. Die Trauung verlief lieblos am Fließband mit 3 weiteren Paaren, Taufen kamen hinzu, Wasser wurde gesegnet, alles in kurzer Zeit mit minimaler Zeremonie. Der Priester hatte sein Geld und wir konnten gehen. Dann begann die Feier und dauerte sieben Tage mit essen, trinken, tanzen von einem Haus zum anderen, Tag und Nacht. Müde Männer und Frauen schliefen in den Ecken und Zimmern und feierten weiter. Nach 2 Tagen mussten wir aufgeben und kehrten nach Quito zurück. Zu unserem Abschied kam das halbe Dorf überraschend zum Flughafen. Sie hatten die Musik mitgebracht, ich tanzte zum letzten Mal mit meiner alten Freundin und habe sie nie wieder gesehen. Vicence schrieb Briefe nach Deutschland ohne Punkt und Komma, nur zu verstehen durch Vorlesen.  Aber das war viel später.  

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Tuesday, 7. july 2009 2 07 /07 /Juli /2009 12:10

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador
Weihnachten der erste Urlaub in Sua an der Küste hinter Atacames mit Frank und Goran zusammen. Kleine primitive Häuschen klebten an einem Abhang, der Blick auf das Meer und die vorgelagerten Felsen war herrlich, die Luft warm und mild und die Leute freundlich. Frank, trotz Mahnungen der Sonne trotzend, holte sich einen fürchterlichen Sonnenbrand, Goran eroberte seine erste lateinamerikanische Freundin. Immer in Begleitung ihres Bruders gingen sie am Strand spazieren und schafften es trotzdem, sich zu küssen. Sie hatten dem Bruder Geld für Cola gegeben. Silvester feierten wir mit den Eltern der neuen Liebe, ich mit dem Vater und Whisky, M tanzte die Nacht durch am Strand. Es war alles sehr idyllisch mit Mondschein und wohliger Wärme, aber so richtig entspannen konnte ich nicht. Da war zu viel Neues in Beruf und Leben was mich belastete. Dann wollte wir mit den Jungen nach Muisne, 20 Km entfernt. Alle schwärmten von der Einsamkeit und Schönheit des Dorfes und seines Strandes. Die Regenzeit war noch nicht vorbei, der unbefestigte Weg morastig obwohl die Sonne schien. Der Peugeot, für den französischen Kolonialeinsatz konstruiert, kämpfte sich tapfer durch die Schlammlöcher, der Wagen war in Kürze matschig-braun, wir kamen nur langsam voran. Waren die Tiefen der Schlammkuhlen nicht abzusehen, ging M barfuss voran und sondierte. Einmal verstand ich ihren Wink falsch, fuhr los, konnte nicht mehr anhalten, wäre stecken geblieben, M rettete sich mit einem Sprung an die Böschung und sah danach aus. Ein wenig sauer war sie schon. Nach Stunden waren wir kurz vor Muisne, da war ein Loch und M versank bis zu den Hüften. Wir mussten zurück, dieselbe Prozedur nochmals. Es war heiß und stickig, wir hatten nichts zu essen und trinken dabei, davon ausgehend, schnell am Ziel zu sein. Nur einen Weihnachtsstollen von zu Hause, den Frank mitgebracht hatte. Der aß sich staubig und machte noch mehr Durst. Dann geschah es doch, wir saßen fest. Bis wir Hilfe fanden, dauerte es. Erst am Abend bei Sonnenuntergang kamen wir zum Hotel zurück und sprangen matschverkrustet angezogen ins Meer. Der Motor war braun verklebt und musste vollständig auseinander genommen und gereinigt werden. Die Fahrt nach Muisne vergessen wir nie.

Immer öfter traf ich mich Freitags mittags mit Hartmut, dem 2. Mann in der Botschaft zur Lagebesprechung, später kamen die Damen dazu, M sexy mit hohem Schlitz im engen Rock, Ulrikchen hübsch aber konservativ, unsicher, so viel zeigt man doch nicht, wir aber genossen es. Der chilenische Wein war gut und kräftig, die Erzählungen schweiften ab von der Politik, wir redeten, lachten, freuten uns. Einmal habe ich Ulrikchen, der auf diplomatischen Anstand getrimmten, eine knallenge Hose verpasst, im Laden neben der Kneipe. Die Blümchenjean saß wie angegossen auf ihren langen schlanken Beinen, passte. Ich lobte so lange bis sie kaufte, dem schmunzelnden Hartmut zur Freude. Aber nie habe ich sie in der Öffentlichkeit damit gesehen. So ganz ohne war sie nicht, erzählte, einmal offen, dass sie unter ihren weiten Kleidern auf Empfängen oft nur Strapse trage, Hatimuti zur Freude.
Wir wollten zusammen kochen bei ihnen, ich brachte den Mixer mit und versorgte die Arbeitenden mit Banana-Daiquiris. Es muss wohl viel gewesen sein. Wir erinnern nur noch, dass das Hauptgericht aufgetragen wurde und Ulrike sagte, Vorsicht, der Rotwein ist stark. . Am nächsten Tag rief sie besorgt an, wie es uns gehe. Nun habe sie für Tage Essen übrig. Wir hatten die Feier nach der Vorspeise und dem ersten Glas Wein schlagartig verlassen. Die beiden waren unsere besten Freunde. Die letzte Nacht war bezeichnend, das heiß diskutierte biblische Thema: "Liebe deinen Nächsten" kontrovers ob des Verweises auf "wie dich selbst". Hartmut wollte die Selbstliebe als Anweisung und Voraussetzung menschlichen Umgangs nicht akzeptieren. Er sprang kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland aus dem Fenster des AA in Bonn. Ulrike ist an Krebs und alleine gestorben. Wir waren nicht in D.

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Friday, 10. july 2009 5 10 /07 /Juli /2009 13:48

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Es war schon etwas Besonderes, die Geschwister und Jörg vom Flugplatz abzuholen. Nicht dass es an Besuchern fehlte, alle die konnten kamen, wir hatten ja auch Einmaliges zu bieten: Südamerika in seiner Schönheit und Fülle, konzentriert in einem Land. Alles war da, was auf dieser Welt wuchs und sogar noch einiges mehr und die unterschiedlichen Landschaften waren ein Abbild des Kontinentes in klein, von den Andenhöhen mit seinen schneebedeckten Vulkanen, hinunter zum Amazonas auf der einen und zum Pazifik auf der anderen Seite. Die gemeinsame erste Reise ging nach Coca im Urwald, auch nach dem spanischen Eroberer Franzisco de Orellana benannt, der von hier aus per Floß den Kontinent durchquerte. Wir kamen etwas später weg, ich war in Sorge, nie wusste man, ob 6 oder 10 Stunden Fahrt vor einem lagen und in der Dunkelheit wollte ich nicht fahren. Hanne aber hatte etwas vergessen, ging zurück, wir saßen im Auto, sahen sie in einem Zimmer, im anderen Zimmer, sie schaute sich etwas an und hatte offenbar alle Zeit der Welt. Ich nicht, hupte. Au weia, sagte Jörg, das wird was geben. Ein gehöriges Donnerwetter ging auf mich herab. Meine Schwester brauchte ihre Zeit. Ich hatte mich noch nicht an die Zeittoleranz Südamerikas gewöhnt. Hinter Quito stieg die Straße in Serpentinen auf einen Pass in über 4000m Höhe und da ging es los. Unsere beiden Biologen waren in ihrem Element: halt an, halt an, hast du das gesehen. Wir beobachteten Kondore, fuhren weiter, halt an, halt an, hast du das gesehen. Nein, hatte ich nicht. Epiphyten diesmal, Jörg schrieb gerade an einer Arbeit über Pflanzen im Nebelwald der auf der Abfahrt vom Pass begann. Epiphyten, lernten wir, sind Pflanzen, die in Symbiose mit den Bäumen leben, keinesfalls Schmarotzer. Sie sitzen mit ihren entfalteten Blättern und Blüten auf Astgabeln, geben dem Baum Nährstoffe ab und erhalten Halt und Schutz. Irre, was unsere Besucher uns alles lehrten! Wir hielten noch öfters an und den Zeitplan nicht ein. Mit M zusammen war ich an all den Schönheiten vorbei gerauscht, einzig darauf bedacht an zu kommen. Klaus stellte sich als Fachmann für halbwilde Hausscheine heraus, die ich zwar gesehen aber nicht wahr genommen hatte. Seine Spezialität allerdings waren Kinder. Immer hatte er Süßigkeiten in den Taschen und war von Kindern umringt, er, der ihre Sprache nicht sprach hatte keine Verständigungsschwierigkeiten. Wir waren in Incapirca, Bauten aus der Zeit der Incas die hier ihre nördliche Verteidigungslinie eingerichtet hatten. Aus der Ferne beobachteten uns Indio Jungen, scheu wie Rehe, bei jeder Bewegung verschwanden die Köpfe. Klaus ging in ihre Richtung und kam nach 10 Minuten zurück, an jeder Hand einen Jungen, die stolz zu ihrem neuen Freund aufsahen.

Klaus war bei seiner Ankunft etwas lädiert, sah weiß wie eine Wand aus, mit grünlichen Ringen unter den Augen, ging vorsichtig, er vertrug das Fliegen nicht, brauchte Tage, hatte Angst vor dem Rückflug. Im roten, offenen Kübelwagen und mit Sekt holten wir sie ab, Quito, meine Geschwister und Freunde sind da. Hinter unserem Haus den Berghang hoch bis zur Schlucht ein Eukalyptus-Wald. Riechen konnten wir die kühle Frische jeden Tag, Tiere hatten wir noch nicht gesehen. Unsere Ornithologen aber sahen sie umgehend, die Kolibris, verschiedenartige, sie tanzten in der Luft herum, die kleinen eleganten Flieger, sausten mit Hochgeschwindigkeit  von Blüte zu Blüte, blieben abrupt vor den Kelchen stehen, die Flügel schwirrend, senkten die Schnäbel elegant in die Kelche und weg waren sie wieder. Klaus setzte sich auf die Kante des Abbruchs mit Blick auf die Kette der Vulkane, zog sein Hemd aus und schaute.

Wir lebten fast genau auf dem Äquator, ein halbes Jahr lang stand die Sonne nördlich des Dachfirstes, dann südlich. La Mitad del Mundo, der Mittelpunkt der Erde, ein Monolith mit eine Erdkugel als Spitze, liegt 23 Kilometer nördlich von Quito und markierte den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer die (fast) genaue Position des Äquators bestimmte. Es ist ein eigenartiges Gefühl, mit einem Bein nördlich der Erdhalbkugel zu stehen, mit dem anderen Bein südlich davon. Es war mir eine Befriedigung, meine besten Freunde auf dieser Linie zu fotografieren. Wir zeigten ihnen so viel als möglich, hatten die Dienstreisen an alle markanten Orte geplant, Absteigen gebucht, Ruhezeiten dazwischen. Nicht alles ging glatt, Höhen- und Temperaturunterschiede waren manchmal zu viel. Aus Quito kommend besuchten wir ein landwirtschaftliches Projekt in den tropischen Zonen. Die letzte halbe Stunde mussten wir heißes Sumpfland queren, unter Zäunen hindurch, über Barrieren hinweg, anstrengend war das. Noch Jahre später werfen sie mir vor, sie wären fast verdurstet, ohne Wasser in der Wildnis. Ihr Besuch war ein einmaliges Erlebnis, herausragend unter allen Besuchen.

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Saturday, 11. july 2009 6 11 /07 /Juli /2009 14:04

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Mutter hatte die Namen der exotische Pflanzen von Opa gelernt, der Gärtner war und sich und seiner Lieblingsschülerin alles selbst beibrachte. Nur waren es zu Hause kleine Topfpflanzen, hier große, üppige Gewächse, die sie bestaunte. Nein, sagte sie, das kann doch nicht sein, ist das eine...? Ach, dass ich das mal sehen darf. Wir waren mit dem Jeep unterwegs, nach Mindo am Westhang der Anden, da, wo der tropische Nebelwald beginnt. Man muss um den Pichincha herum, den aktiven Vulkan und Wahrzeichen von Quito, die Anden ein Stück weit abwärts. Wir haben Glück, sagten die Quiteños, die Öffnung des Vulkans zeigt nach Mindo. Weshalb fährst du dauernd Nebenstrecken, beschwerte sich Mutter, gewohnt, dass Feldwege zwar Abkürzungen aber holperig sind. Holperige Wege könne sie nicht vertragen, behauptete sie, ihr Unterleib würde herausfallen. Es ist keine Abkürzung Mutter, das ist die Straße.

In Mindo hatte Pidder sich sein Traumhaus gebaut, eine Fantasie aus Bambus und Glas. Fünf Jahre war er durch die Welt gezogen, an die Stelle zurückgekehrt, die ihm die schönste war, einer Plattform mit Aussicht über endlose Täler und üppige tropische Wälder. Pidders Küche war ein Traum aus Glas, um einen Baum herum gebaut, die Kräuter wuchsen innen. Zur Dusche musste man in eine Schlucht absteigen, Wasser kam gekühlt aus einem Bambusrohr und trocknen konnte man auf Sonnendecks, die in die Wand eingelassen waren. Überall standen sie herum, diese großblättrigen, mächtigen Pflanzen, Mutter zwischen ihnen, konnte sich nicht trennen. Die Sonnendecks sind uns später fast zum Verhängnis geworden. Wir drehten einen Film, die Crew hatte sich auf den Blattformen verteilt, ich war mit M in Haus. Da hörten wir entsetztes Geschrei und Getöse, die Decks hatten der Belastung nicht stand gehalten, waren in die Schlucht gestürzt, hatten sich verkeilt und wie durch ein Wunder genügend Raum gelassen, dass niemand erschlagen wurde. Schürfwunden und ein gehöriger Schock waren zu behandeln, Pidder baute eher schön und funktional denn sicher.

Im Ort weiter unterhalb im Tal, unterstützten wir eine Schreinerkooperative, Holz gab es genügend, sollte nun verarbeitet den Ort verlassen. Sie hatten uns zum Mittagessen eingeladen. Wir kamen pünktlich, da begannen die Kinder ein Huhn zu jagen, fingen es und schon hörte man den gurgelnden Todesschrei. Ein laufgewohntes Landhuhn zu kochen dauert seine Zeit, es ist zäh wie Leder. Erst am späten Nachmittag kriegten wir was zu essen. Mutters Befürchtung, sie käme um vor Hunger, traf nicht ein, sie hatte die Apfelsinenbäume im Garten entdeckt. Und den  Hausaffen, der an einer langen Kette gebunden auf seinem Baum saß. Sie mussten ihn anbinden, er hatte es auf Hühner abgesehen, lockte sie an mit Brotkrumen, sprang behände auf sie drauf und nahm sie mit auf seinen Baum, freute sich an ihrem Geschrei und ließ sie fliegen. 

Tanzen kann doch keine Sünde sein sagte sie traurig. Ich kannte die Erziehung von Opa, eisern gegen weltliche Genüsse gerichtet. Tanzveranstaltungen waren für ihn Sündenpfuhl, nicht zu denken, dass er eine seiner Töchter auch nur in die Nähe gelassen hätte. Immer hatte ich Musik in den Beinen, sagte Mutter, immer habe ich mich heimlich im Takt bewegt, ich hätte so gerne getanzt. Und nun das. Ein großer, schwarzer Mann hatte sie aufgefordert und sie traute sich nicht, noch nie, sagte sie, habe ich solch eine Musik gehört, ich schäme mich, kann doch nicht tanzen. Wir hatten sie mitgenommen in eine Peña und am Ende des Abends mit Folklore Musik hatte der Tanz begonnen, auf der Bühne, zwischen den Tischen, in den Gängen, nicht geplant, spontan, weil die Musik Bewegung forderte. Und Mutter saß da und wippte mit den Füßen.

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Monday, 13. july 2009 1 13 /07 /Juli /2009 12:07

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Der erste Stoß kam kurz nach 18.00 Uhr. Mit den Jungen zusammen waren wir im Humboldt Haus, dem Deutschen Zentrum. Sportschau vom Wochenende gab es montags und dienstags, aufgenommen auf Video am Wochenende von einem Freund des Hauses in Deutschland, von der Lufthansa am Sonntag mitgenommen. Der Boden fing an zu schwimmen, mir wurde mulmig, kleine Erdbeben hatte ich schon erlebt. Raus hier, unter den Türsturz, dann hörte es auf, wir machten, dass wir nach Hause kamen. Und dann kamen sie, die Wellen und Stöße, Lampen schwankten, gingen aus, Fenster klirrten, Bücher kamen runter, draußen ein Pfeifen, Kreischen und Splittern von Stahl, Beton und Dachziegeln. Schock. Flucht. Genau das Falsche, unter die Tür mussten wir, unter die Tische, uns vor herabfallenden Gegenständen schützen. Häuser stürzen selten zusammen, hatte ich gelesen. Draußen konnten Ziegeln treffen, gerissene Leitungen wie Peitschen durch die Luft sausen. Aber wir flohen, hatten nur noch Angst wie viele mit uns. Menschen sprangen in ihre Autos, zum Park, riefen sie, da ist es am sichersten. Das Beben war weg, konnte jederzeit wiederkommen. Und kam wieder. Wir waren aufgelöst, nur Mutter war ruhig, wenn Gott will, dass ich jetzt sterbe, dann ist es so. Glauben, bewies sich wieder, konnte in Ausnahmesituationen hilfreich sein. Irgendwann hatte sich die Erde beruhigt, wir Menschen nicht. Die Erde ist des Menschen sicherer Untergrund, ihr Schwanken ein Verlust von Urvertrauen. Helmut, M´s Vater, begann zu reden, erzählte, was er noch nie erzählt hatte, wie er als Aufklärer im Krieg über London abgeschossen wurde, mit 80 Knochenbrüchen monatelang  im Krankenhaus lag, zurückgeschickt weil bei Kriegsanfang das noch möglich, wie er, aus humanistischer Tradition Hitler nie freiwillig diente, nicht Offizier wurde, auch nicht zwangsweise obwohl als Student der Medizin prädestiniert, wieder als Soldat gezogen wurde, Verwundete in Norwegen hinter der Front mit dem Fieseler Storch suchte (einem kleinen hochbeinigen Flugzeug), auf Eisschollen landete, sie zurückflog, die Tragbahren außen am Rumpf. Vergrabene Lebenserinnerungen schwemmten hoch. Nachts um 3.00 kamen starke Nachbeben, der Papagei flog kurz davor kreischend aufs Bett, weckte uns, es kamen, Gott sei Dank, nur noch kleinere Nachbeben. 60 Km entfernt hatte das Epizentrum gelegen, erfuhren wir am nächsten Tag, hunderte Menschen waren gestorben, Quito mit Schäden an Kirchen und Gebäuden davon gekommen. Erst am nächsten Tag räumten die Menschen das erzwungene Biwak im Park. Auch komische Geschichten gab es. In einem Hochhaus hatte ein Mann sich im Dunkeln seine Frau geschnappt, war die Treppe hinabgestürzt und stellte unten fest, er hatte die Nachbarin im Arm.

Helmut war mit Mutter zusammen gekommen und schon das zweite Mal zu Besuch. Das erste Mal, kurz nach unserer Ankunft, trat er zum Stadtbummel an, mit himmelblauem Safarianzug und Hütchen ausgestattet. Vati, sagte M, so kannst du hier nicht ausgehen. Menschen, die es sich leisten können, gehen mit Anzug, Schlips und Kragen. Und erwarten Respekt von Gästen. Du wirkst wie eine Schießbudenfigur, warte, bis du es siehst. Er ging, sah und orderte einen leichten Anzug, er, der sich als Abenteurer eingedeckt hatte. Sein Geld verwahrte er auf Reisen in einem Brustbeutel, das Hemd bis oben zugeknöpft. Die feuchte Hitze im Urwald machte seinen Schatz transparent und die Scheine feucht. Er, der umfassend Gebildete, lehrte uns die Kunstschätze spanischen Ursprungs würdigen. Dane, M´s jüngere Schwester, kam mit Bernd, ihrem Freund. Der hatte sich mit einem Abenteurer-Overall in leuchtendem Gelb verkleidet. Was willst du denn mit dem? Wenn wir im Urwald verloren gehen und Flugzeuge nach mir suchen, dann ist diese Schockfarbe leichter zu orten. Dane hatte gelesen, dass in Quito Hunde mit Knochen im Maul herumlaufen, ausgegraben auf den Friedhöfen. Wir haben nie einen gesehen. Bernd war Arzt und übervorsichtig. Überall vermutete er Parasiten und Bakterien. Tassen führte er mit links zum Mund, Rechtshänder trinken auf der anderen Seite. Schon nach 3 Tagen erwischte ihn Montezumas Rache, unterwegs im Auto ist Diarrhöe besonders lästig. In den Hochanden kritisierte er die Poncho tragenden Indios, Ostfriesennerze wortstark empfehlend. Bernd, sagte Dane, zerquatsch mir doch nicht die ganze Landschaft.  Von ihm lernte ich, warum viele Völker in heißen Gegenden scharf essen. Nicht, wie ich dachte, vernichte die Schärfe Bakterien, nein, sie reize die Magenschleimhaut zur verstärkten Säurebildung als erhöhter Schutz vor unerwünschten Eindringlingen.

Einmal haben wir Mutter, die Pflanzenkennerin, doch irritiert. Wir waren mit ihr und Helmu, auf dem Weg zur Küste, kannten eine Gummiplantage mit den angeritzten Bäumen aus denen weiß und milchig der Kautschuk in angehängte Gefäße rinnt. Das wollten wir ihnen zeigen, bogen ab in den Wald, stiegen aus, gingen ein Stück, unsere Gäste blieben sitzen. Warum kommt ihr nicht? Was sollen wir hier, wir wollten doch zu den Gummibäumen. Sie hatten die großblättrigen Pflanzen aus den Wohnzimmern zu Hause erwartet, erkannten die richtigen Gummibäume nicht und waren nun enttäuscht.

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Wednesday, 15. july 2009 3 15 /07 /Juli /2009 13:04

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Wir wollten Zeit sparen, fuhren die paar Stunden bis Shell und kriegten die unregelmäßig fliegende Maschine. Fantastisch war der Ausblick von oben, die kleine Cesna flog niedrig, der Amazonas erstreckte sich bis zum Horizont und weiter. Die Landebahn war eine Piste in den Wald geschlagen, genutzt vom ganzen Dorf. Wäsche lag zum Trocknen aus, Kinder spielten auf der einzig ebenen und geteerten Fläche, Kühe grasten daneben, ein Gewimmel. Zur Warnung ertönt eine Sirene, der Pilot überfliegt die Bahn in Kopfhöhe, kommt zurück und landet. Ein Techniker des DED arbeitete in der Radiostation der Shuara, wartete die Anlage, bildete Indianer aus. Für den in hunderten von Siedlungen zwischen Ecuador und Peru am Amazonasrand lebenden Indianerstamm - eben jenem, der noch vor kurzen Missionare tötete, nie erobert wurde, die eigene Kultur behielt - ist Radio nicht nur Unterhaltung, Familiennachrichten werden weiter gegeben (bin gesund in der Stadt angekommen), interne Informationen verbreitet. Das Wichtigste aber war die Schule per Radio, von internationalen Organisationen finanziert und unterstützt. Jede Kommune hatte einen Empfänger und einen Hilfslehrer. Täglich unterrichteten speziell ausgebildete Lehrer am Mikrofon, die Hilfslehrer vor Ort repetierten, kontrollierten die Arbeiten, sorgten für ihre Weitergabe. Das war gar nicht so einfach, der Transport hin und zurück konnte Wochen dauern. Aber die Schule funktionierte, gab den Kindern, die kaum Bildungschancen hatten, fern von der Zivilisation eine Grundschule. Helmut begleitete uns, den letzten Ort vor dem Urwald, die Indianer und das Projekt wollte er sehen.

Es war ein eigenartiges Gefühl, von einem Schamanen eingeladen zu sein, der faustgroße Schrumpfköpfe aus den Köpfen getöteter Gegner hergestellt hatte. Shuara glauben, die darin gefangene Seele gebe ihnen Macht. Waren weiße Köpfe nicht besonders wirksam? Nein, sie waren jetzt zivilisiert, zumindest die am Ort und Schrumpfköpfe herstellen war verboten. In ihrem Zentrum hingen sie noch aber auch überall Fotos von Miss-Wahlen, barfüßigen Mädchen mit plattem Kopf, in grelle Stoffbahnen und Federschmuck gekleidet.

Nach zwei Tagen waren wir wieder an der Flugpiste, es regnete, alles geschlossen, kein Flug zu erwarten. Wir gingen in ein "Hotel", spielten Skat und horchten auf Flugzeuggeräusche. Am Folgetag kam es. Wir rannten los, diesmal hatte ich einen großen Karton mit zu schleppen, meine Stereoanlage, die unsere Radiotechniker repariert hatte. Am Flugplatz Durcheinander, eine Indianerin hatte kleine Schweine dabei, die hatten sich befreit, liefen unter den Beinen der Leute durch, mussten unter Gequieke und Geschrei wieder eingefangen werden. Das Flugzeug wurde ausgeladen, wir wollten einsteigen, ein Krankenwagen kam mit einem Schwerkranken, nur die Trage passte rein und die Schwester mit der Transfusion, der Flug musste direkt nach Quito. Was blieb uns übrig als wieder auszusteigen und mit dem großen Karton zurück zu unserer Unterkunft. Erst am nächsten Tag klappte es, die Sirene heulte, die Leute auf der Startbahn bildeten eine Gasse, das Flugzeug rollte an, stoppte, der Pilot stieg aus, räumte Steine weg, erst danach konnten wir starten. Drei Tage später als geplant kamen wir wieder in Quito an. 


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Friday, 17. july 2009 5 17 /07 /Juli /2009 13:48

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Freund Wolfgang kam und blieb ein halbes Jahr. Wir hatten den Jeep genommen, den Pass hoch auf 4000 m war es kalt, die Serpentinen hinunter wärmer und unten war es heiß, wir nahmen das Verdeck ab. Wir wollten Wolfgang die herrliche Landschaft, die üppige Vegetation in ihrer durch die Höhenunterschiede unendlichen Vielfalt zeigen. Voller Informationen über Alltagswissen, seine begonnene Doktorarbeit, erzählte er die gesamte Andenstrecke hinunter zum Pazifik von seinen angelesenen Erkenntnissen. Ach Wolfgang, zerquatsch uns doch nicht die schöne Landschaft, schau mal. Da stellte sich raus, dass er farbenblind war. Was für eine traurige Einschränkung, er sah nur schwarz-weiß. Sein soziologisch und pädagogisch geschulter Verstand war eine Bereicherung bei der Einschätzung sozialpädagogischer Projektziele.

Er, der Theoretiker, erklärte M, wie wichtig Frauenbefreiung sei, Hausarbeit allerdings war ihm zuwider, Emanzipation, so sein Argument, spiele sich im Kopfe ab. Seine Telefonrechnungen wurden immens, er musste mit der neuen Freundin fernmündlich kommunizieren. Auf die Dauer kam es billiger, sie einfliegen zu lassen. Annemarie kam und erwies sich als praktische Frau ohne wissenschaftliche Allüren. Sie war Sozialarbeiterin, kam aus einer Puppenspielerfamilie, konnte mit Kindern umgehen. Es war einer jener unglaublichen Zufälle. Just zur selben Zeit hatten wir das neue Projekt einer Sonderschule in Guayaquil evaluiert, einzigartig und erfolgreich in der Integration behinderter und normaler Kinder (ich vergesse nicht, wie sie zusammen Fußball spielten und der Junge mit kaputten Beinen wieselflink mit seinen zwei Stöcken die Gegner zu Fall brachte und Tore schoss. Die Kinder kannten keine Unterschiede) und suchten nun eine Sozialpädagogin mit Puppenspielerkenntnisse. Annemarie kam wie gerufen, sie hatte Interesse, bewarb sich beim DED in Berlin und ein Jahr später war Wolfgang als mitausreisender Ehemann an der Küste.  Sie adoptierten ein Indiokind, bekamen kurz danach ein eigenes und mein alter Freund war Hausmann. Annegret und Wolfgang sind immer noch zusammen, die Kinder groß und er Professor in Frankfurt.

Sie wird dabei sein, sagte M, ich hab von ihr geträumt und bin mir sicher. Annette bei der Delegation des Entwicklungshilfeministers? Des konservativen Warnke? Sie, die kritische Journalistin? Nie, das lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens, Träume sind Träume. Empfang beim Botschafter, als Landesbeauftragter des DED musste ich dabei sein wie bei allen Empfängen. Warnke kommt die Stufen herab, seine Entourage dahinter, ich traue meinen Augen nicht, verstecke mich hinter einer Säule, Zeit gewinnen, da ist sie, ihre roten Haare leuchten. Vier Jahre hatte ich sie nicht gesehen, noch immer steckte der Verlust in mir, Freude und Schrecken fielen über mich her. Sie aber kannte die Liste der Gäste, wusste dass ich anwesend war, suchte und fand mich. Wir redeten bis tief in die Nacht hinein, auch über uns, warum es nicht gehalten hatte, was mit uns passiert war. Trauer überwog, auch bei ihr, aber auch Dank. Ich war nicht mehr der unbedarfte R, war weiter gekommen, hatte M, ein Leben mit Liebe, Abenteuer, Spannung und Erfolg, Annette hatte angeschoben, viel verdankte ich ihr. Sie hatte mich in die Welt mit Menschen der Politik, der Wissenschaft und Kultur eingeführt, hatte mich gefördert, unterstützt, angeleitet, wie in einem Aufzug war ich in einem anderen Leben gelandet, von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte. Und hatten nicht auch die Kämpfe mit ihr, der konsequent emanzipierten Frau, mich vorbereitet für eine Beziehung in partnerschaftlicher Gemeinschaft mit M? Das Gefühl verstärkte sich, ich war meinen Weg weiter gegangen, war gut geworden und fühlte mich wohl. Voller Stolz führte ich es ihr vor, mein Büro, meine Arbeit, mein Leben. M war bei meiner Rückkehr bedrückt, war sich nicht sicher hielt ihre Vorahnung für ein Zeichen, hatte Angst, ich wusste es, sagte sie, lebe auch in dir. Nein, sie wollte sie nicht treffen, die Idee, Annette auch M und meine Wohnung vorzuführen, fiel ins Wasser. Bleiben sollte die Dankbarkeit und ein neues Vertrauen in mich und mein Glück mit M.


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Sunday, 19. july 2009 7 19 /07 /Juli /2009 11:17

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

Friedemann wollte auf die Berge, er, der überaus Sportliche. Das war in dem Land mit fast zwei Dutzend Vulkanen über 3500 m - 12 davon sogar über 5000 m - einfach zu realisieren. Auf den Hausberg von Quito, den Pichincha, ging es noch relativ einfach. Bis zur Plattform auf 4000 m Höhe kam man mit dem Jeep, die restlichen 900 m zum Rand des Vulkankegel waren in ein paar Stunden zu bezwingen, auch wenn die Luft da oben schon weniger, das Steigen anstrengend war. Die Lage der Vulkane am Äquator schiebt die Schneegrenze auf 4800 m, der Pichincha war meist schneefrei. Anders der Tungurahua mit seinem symmetrischen, auf der Spitze schneebedeckten Kegel. Bis zur Hütte knapp oberhalb der Baumgrenze brauchte man fast einen Tag, übernachtet hatten wir schon da oben, belohnt mit einem grandiose Ausblick auf den Chimborazo und das Hochland im rötlichen Abendsonnenschein.  Auf den Gipfel wollte ich mit Friedemann, M blieb in der Hütte. Morgens früh, vor Sonnenaufgang, ging es los, die Geröllflanke hoch, drei Schritte vorwärts, zwei rückwärts. Dann kam das Schnee- und Eisfeld und da war er, der Kegelrand. Doch Schreck lass nach, das war ja gar nicht der Gipfel, der lag hinter dem Kegel, von unten nicht sichtbar, noch Meilen entfernt, schien mir. Und alles mit Tiefschnee bedeckt. Der Krater allerdings lohnte die Anstrengung. Das runde Becken war aufgefüllt mit erstarrter Lava, aus den Ritzen stiegen kleine Rauchfahnen, nach faulen Eiern stinkend. Warm war es, wir zogen die Stiefel aus, steckten die Füße in die Löcher, ließen sie auftauen. Irgendwann war ich auch auf dem Gipfel, ausgelaugt und kaum noch aufnahmefähig. War auch nichts zu sehen, Eis und Schnee stob um uns herum. Danach suchte Friedemann sich einen Bergsteigerclub. Einmal noch habe ich versucht, mit einer Gruppe den Cotopaxi zu besteigen, den schönsten Vulkan, Fujiyama ähnlich, knapp 6000 m hoch. Schon auf der Hütte war die Luft dünn, der Schlaf schwer. Morgens um 4.00 Uhr mussten wir los, Nachmittags heizte sich der Schnee auf, wurde tief und gefährlich, da war es ratsam, wieder unten zu sein. Hinter der Hütte ging es steil den Gletscher hoch, doch der Einstieg durch die beiden Pfeiler unterhalb des Gipfels war zu, von einer Lawine verweht. Zurück, runter und quer, sagte der Führer. Wir verloren zwei Stunden, hingen wie auf einem Dach in einem Eisfeld, kamen wieder nicht weiter, ein Überhang hätte akrobatisches Klettern erfordert. Langsam ging die Sonne auf, in der Ferne schälten sich die Lichter von Quito aus der Dämmerung und ich wusste plötzlich nicht mehr, was ich tat, wollte nur noch nach Hause zu M und ihrem warmen Bett. Wir stiegen ab, fuhren zurück, ich wollte M überraschen, bin schon da, wollte zu dir, doch das Bett und die Wohnung waren leer. M hatte die Nacht durchgetanzt und ich Depp saß derweilen auf einem Eisdach ohne Luft und unterkühlt. Von unten waren die Vulkane auch grandios.


Happy Birthday sagten sie und überreichten mir eine lange, fingerdicke, in Zeitungspapier eingewickelte Rolle. Mach doch mal auf, sagte Mutter, lieber nicht, raunte mir Pedro ins Ohr, ich ahnte was. In Bahia de Caraquez, am Pazifik waren wir, Projekte evaluieren mit einer Gruppe Fachleuten, Freunde darunter. Es war mein 43. Geburtstag, Mutter war mit, wir wollten ein Wochenende am Meer anschließen. Daraus wurde nicht viel, M war plötzlich schwer krank, musste nach Quito zurück mit einem Notflug. Das war später. Die Junges wollten mit uns feiern, hatten sich etwas Besonderes ausgedacht und das zog. Es war ein 43 cm langer Joint.


Unser Refugium war die Hosteria Cousin in der Nähe von Otavalo, eine ehemalige Hazienda, nun mit Gästezimmern, Bar und Restaurant ausgestattet. Es war ein Traum in Ruhe. Natürlich musste die Familie mit, es gefiel ihnen und ein Traum begann sich in meinem Kopf auszubreiten: Südamerika war unser Kontinent geworden, wir fühlten uns wohl bei diesen gastfreundlichen, lebensfrohen Menschen, wären gerne geblieben, konnten nicht, ich besonders, die Familie in Deutschland zog, reich zum öfters Fliegen würden wir nie sein. Wäre es nicht ideal, die Hosteria zu erwerben und alle umzusiedeln, zusammen hier zu wohnen? Jeder von uns hatte spezielle Fähigkeiten, die zum Überleben einsetzbar waren. Au ja, sagte M, ich mach eine Sprachenschule auf. Es war ein schöner Traum.


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Tuesday, 21. july 2009 2 21 /07 /Juli /2009 14:23

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Ecuador

In meinem Lieblingskochbuch steht unter Pekingente der Rat: Nach Peking fahren. Genau so geht es mir mit den Galápagos-Inseln. Ihren Artenreichtum, ihre Einmaligkeit beschreiben zu wollen wäre vermessen, das  letzte Paradies muss man erlebt haben. Rund 1000 km westlich von Ecuador liegt die Gruppe von 14 großen und über 100 kleinen und winzigen Inseln im Pazifischen Ozean, durch vulkanische Aktivitäten entstanden, oft deutlich zu sehen. Dann läuft man über bläulich-schwarze Oberflächen mit bizarren Formen aus erstarrter Lava, noch warm unter den Füßen aber hie und da schon wieder eingenommen von ersten Siedlerpflanzen.


Hier, auf den isolierten Inseln haben sich dieselben Arten verschieden entwickelt, spezielle, für jede Insel zum Überleben vorteilhafte Formen ausgebildet (das bekannteste Bsp. sind die Finken mit ihren unterschiedlichen Schnäbel zum Kerne knacken auf der einen, zum Wurmstochern der anderen Insel).  Darwin war der Erste, der aus seinen Beobachtungen Schlüsse zog und die Theorie des Werdens abhängig von der Umwelt entwickelte. Dem Glauben an die Schöpfung aller Arten setzte er seine Theorie der Evolution, des Anpassens auf natürliche Art entgegen. Darwin ist noch präsent, nicht nur auf der großen, nach ihm benannten wissenschaftlichen Station. Kommen Sie mit, sagte der Führer, ich zeige ihnen was Besonderes. Die Landung an der gischtgepeitschten Steilküste war abenteuerlich, der Pfad die Flanke hoch zum Krater des kegelförmigen Vulkans steil und grasbewachsen. Direkt unterhalb des Kraterrandes war eine Plattform ausgegraben, zwei kleine Häuschen standen da, bewohnt von zwei amerikanischen Studenten. Sie waren sehr erfreut, uns zu sehen. Ein halbes Jahr lang leben sie hier isoliert, beobachten, zählen, beringen, vermessen Vögel, dann werden sie durch das nächste Team abgelöst. Es ist das Langzeitprojekt einer amerikanischen Universität auf Darwins Spuren um Veränderung bei den Finkenarten nachzuweisen. Der Anblick tausender Vögel unterschiedlichster Herkunft im Krater war grandios, sie nisten dort und sind fast zahm, lassen Menschen nahe an sich heran kommen. Tausende Jahre Isolation haben ihnen nicht beigebracht, wie gefährlich Menschen sein können. Der Einsame George, geschützt auf der Darwin Station, weiß es schon. Er ist der Letzte seiner Art, ein Weibchen seines Stammes hat man noch nicht gefunden. Schildkröten waren in der Zeit der Segelschiffe beliebtes Fangobjekt, sie lebten wochenlang mit wenig Wasser und Futter und gaben gutes Frischfleisch. Die Kumpels von "lonly George" tun sich keinen Zwang an. Wir hörten Stöhnen, menschlich fast, sahen das Paar, massig mit unendlich langsamen Bewegungen aufeinander hängend. Die hatten Spaß, anscheinend noch länger.


Es war mehr eine Nussschale mit Kajüte, das erste Schiff, 3 italienische Touristen waren mit, die sich wenig für Flora und Fauna interessierten. Herausragend die Verpflegung, die der Koch in der Mini-Kombüse zubereitete, zumeist selbst gefangener Fisch und anderes Seegetier. In Erinnerung der Fisch in Coca Cola Soße, sehr köstlich. Wir haben es zu Hause versucht, aber nie wieder hingekriegt. Beim zweiten Besuch trafen wir auf eine Gruppe US-Amerikaner, auch Israelis und Australier dabei. Danach mussten wir unsere Vorurteile über Amis revidieren. Immer froh gelaunt war die Krankenschwester, sie hatte sich Spanisch als Vorbereitung für ihre Traumreise selbst beigebracht, sprach es auch so, sorgte für gute Stimmung. Marianne brachte ihnen Kniffel bei für die langen Abende, I think, i´m going to have a Vierer-Pasch war danach ein beliebter Ausdruck. Nachts fuhren die Boote zu anderen Anlegestellen, anderen Inseln, tagsüber war dem Führer auf vorgegebenen Pfaden zu folgen um die Natur möglichst wenig zu stören. Das war nicht immer einfach. Ein Blaufußtölpel hatte sich die Pfadmitte als Brutstätte ausgesucht, hackte wütend jedem entgegen, der sich näherte, vertrieb die Menschen seitwärts in die Büsche. Ein Fink setzte sich auf meinen Hutrand, beugte sich vor betrachtete verwundert das komische Gesicht darunter. Schon weit vorher hatten wir den Lärm vom Boot aus gehört, es klang als ob Unmengen von Kindern in einem Schwimmbad tobten. Seelöwen waren es, die geräuschvoll vom Steilufer in die Fluten sprangen, herumspielten, vor Vergnügen quietschten. Und oben auf dem Felsen, hoch aufgerichtet, der Macho, seinen Harem samt Nachwuchs bewachend. Einer der kleinen, wagemutigen nahm Anlauf, flitzte durchs Wasser, was macht der, rammt der uns, nein, der sprang. Mitten in´s Boot hinein. Wir waren patschnass und wären um ein Haar ins Wasser gefallen. Konkurrenz sieht der Macho nicht gerne, er bewegte sich schon auf uns zu. Es war nicht einfach, den Abenteurer wieder zurück zu hieven.


Im Hotel auf Santa Cruz - wir warteten 3 Tage auf ein Schiff - gabs Besuch. Ein Seelöwe hatte sich in ein Bett gelegt, die Gäste mussten das Zimmer wechseln. Am nächsten Tag, o Schreck, lag er vor der Kühltruhe. Niemand kriegte ihn weg, den ganzen Tag lang gabs warme Getränke. Zwei Tage später ging er wieder ins Wasser, blieb noch eine Zeitlang in der Nähe, tauchte neben unserem Tisch auf, schaute ruhig zu, war irgendwann verschwunden. Vielleicht war er ein wenig krank und suchte Nähe.

Gewöhnungsbedürftig die Meerechsen, nur auf Galápagos vorkommende Leguane, urig aussehende Reptilien, an Drachen und Saurier erinnernd, schlängeln sich diese großen, bis zu einem Meter langen Tiere auf ihren Händchen und Beinchen unter den Tischen durch, überquerten Füße, abgestellte Sachen, lassen sich durch nichts aufhalten in ihrer Suche nach Speiseresten. Sie sind hervorragende Schwimmer, wir konnten es später auf einem Felsen beobachten. Sie springen kopfüber von hoch oben in die anbrandenden Wellen, tauchen, weiden Seegras ab, lassen sich von den Wogen zurücktreiben, springen, klammern sich mit allen Vieren am Felsen fest und klettern zurück nach oben. Da liegen sie dann in dunklen Massen, übereinander, wie es gerade kommt und lassen sich träge von der Sonne bescheinen. Manchmal geht das Landemanöver auch daneben.

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