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Von einem der auszog: Rio&Brasilien

Sunday, 31. august 1997 7 31 /08 /Aug. /1997 17:03
Rio, den 31.08.97

Nachstehend eine Widmung an Betinho, der von Zuenir Ventura verfasst am
16.8. im JB erschienen ist:

Betinho e o mau juízo da juíza

Meu caro Betinho:

Sua morte foi um acontecimento, você precisava ver. Primeiro, o choque e o
pranto, como se ninguém a esperasse. Mas, depois a celebração, como você
queria: sem morbidez, sem baixo astral e sem pieguice. Houve até um momento de humor, que ficou por conta da Maria. Na sua fala de despedida ela disse "sobrou pra todos nos", como você gostava de dizer.

Pra variar, você surpreendeu até o final, inclusive o pessoal do “Viva Rio”.
Na sexta-feira, sem saber de sua decisão de partir, cada um dos presentes à
reunião escreveu numa folha um bilhete meio que exigindo sua presença. Você
não deve ter lido.

Como é que podíamos imaginar que dessa verz era pra valer? Quantas vezes
você faltava e alguém justificava: "O Betinho não vem porque tá mal." E na
reunião seguinte corrigia: "O Betinho já tá bem." Quantas vezes a gente te
gozou dizendo que a sua doença era marketing?

Sempre aprontando, hein? Escapa da hemofilia, da tuberculose, do vírus da
Aids e vai morrer de hepatite, cara!

Você teve cobertura de ídole nacional. Obrigou os jornais a retardar as
edições no sábado, dia em que fecham cedo, e a lhe dedicar páginas e
páginas: artigos, perfís, declarações - tudo para mostrar como se pode
transformar uma vida sempre à beira da morte, mofina, numa existência
gloriosa e exemplar. Comovente. Deu até no “New York Times”, amigo.

Que mudança! Me lembrei muito daquele começo de campanha e do seu esforço
para conseguir uma notinha. Você, que nunca foi jornalista, manipulou o
mecanismo da imprensa como nem todos nós juntos. No início cheguei a ouvir:
"Mais velho do que a fome só o Betinho." E em pouco tempo você fez de si
novidade e da fome, notícia. Se impôs e nos pôs a serviço de sua causa.
Aliás, pôs todo mundo: nós, os políticos, os artistas, os jogadores, os
empresários, o governo.

Alguns o classificavam como assistencialista, idealista, utópico, querendo
dizer que não passava de um boboca sonhador. Como bom mineiro, você ria.
Eles não percebiam que você sabia que não ia abolir a fome nem erradicar a
miséria. O que queria era tirar o país do conformismo, passar da indignação
à ação, mostrar que fome e miséria são um escândalo e uma indecência. O que
você quis e fez foi derrotar a razão cínica nesses tempos de insensibilidade e
cinismo e substituí-la por uma razão ética.

Acho que vamos perguntar a vida toda como alguém desenganado espalhou tanta esperança e como um sangue contaminado produziu tanta energia positiva para contagiar o país.

Por isso é que uma pesquisa recente, que não tive tempo de comentar com
você, o colocou entre as dez pessoas mais felizes do país, ao lado de Pelé,
Xuxa, Antônio Ermírio, Ronaldinho, Roberto Marinho. Já imaginou? Você deve
ter dito o que costumava dizer: "O povo sabe das coisas." De fato, sabia
perceber o quanto de alegria e felicidade você carregava nessa carcaça
sofrida.

No meu bilhete, eu dizia: "Volte logo. Sem você aqui as reuniões perderam a
graça." Agora vejo que não só as reuniões, mas o Brasil também. O consolo é
que, com tanta gente boa que partiu ultimamente, talvez esteja melhor aí do
que aqui, onde cinco pivetões de luxo queimam um índio e fica-se sem saber
o que revolta mais, se o crime ou a decisão da juíza. Ainda bem que você já
tinha ido.

Na manhã do velório, Rubem e eu fomos levar Dorrit ao aeroporto. Lá,
resolvemos beber em sua homenagem. Rimos muito, lembrando suas artes. Mas cometemos uma traição: tomamos vinho. Estava muito frio para a cerveja.
Bem, amigo, eu ainda vou ficando por aqui, tentando disfarçar e preencher
com riso esse vazio que você deixou. Saudade.

Auch ich traure um Betinho. Leider hatte ich nie Gelegenheit, ihn
persönlich kennenzulernen.
Die Presse brachte seitenlange Berichte über ihn. Als er starb, wog er nur
noch 39 kg...
Renate
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Thursday, 15. april 1999 4 15 /04 /Apr. /1999 14:33

Urlaub in Rio

Rio, 14 Tage Rio. Herrlich. Warm, freundschaftlich, vergnügt, feucht-fröhlich. Ich wußte gar nicht, wieviel Freunde wir da haben. Wo wir hinkamen in unsere alten Lokale, kamen die Ober freudestrahlend auf uns zu, wußten noch, was wir zu trinken wollten, was wir gerne essen mochten. Und dann die Freunde Jack und Anita und Renate, die alte Mannschaft aus dem Büro mit Zenaide und Clayton und Paulo und Maria und Vandré und auch Angela und Franklin. Alle waren sie lieb und nett und warm und herzlich zu uns. Und geschlafen haben wir wie die Weltmeister. Zehn, ja auch 12 Std. am Tag. (Eigentlich wollten wir immer morgens an den Strand gehen, weil wir ja die Sonne nicht mehr so gewöhnt sind, aber da wir nachts –morgens – erst ziemlich spät nachhause kamen, sind wir nicht vor eins aufgewacht, und so mussten wir dann eben in der Mittagshitze an den Strand. Am 3. Tag waren 40 Grad!)Und im Bett liegen mit nur einer dünnen Decke über und draußen das Meer hören und die Geräusche von der Av. Atlantica. Und brasilianischen Fernsehen sehn. Das war schön.

(Putzmittelreklame grundsätzlich von Männern gemacht und urkomisch, die Frauen sind für die eigene Schönheit zuständig.)

Wir sind am Samstag den 27.3. angekommen. Natürlich mit 3 Std Verspätung, denn Avianca, die da auch heißt Avinunca, („nunca“ heißt „nie“)musste ja ihrem Namen Ehre machen. Aber was machst, wir sind angekommen. Renate, meine ehemalige Sekretärin, hatte das Hotel reserviert mit einem großen Zimmer vorne zum Strand zu. Und dann haben wir am Fenster gestanden und dann war er da, unser schöner Strand lang ausgestreckt mit seinem hellen Sand und den vielen Menschen und die Wellen haben sich überschlagen als sie uns sahen. Und die Sonne hat gelacht und die Autos haben gehupt und die Polizisten haben Salut geschossen. Na ja, denen weicht man immer noch am besten aus. Die wissen nicht, wie man Salut schießt.

 

Und dann sind wir gleich zu Jorge gegangen, Feijoada essen und Caipirinha trinken. Der kam mit offenen Armen auf uns zu, hat uns zum Tisch begleitet und die beste Caipirinha gemacht, die wir getrunken haben. OK, kann ja auch sein, dass sie so gut war, weils die erste war. Und hat uns von den Kindern erzählt. Sie arbeiten noch immer am Wochenende, haben sich aber gut gemacht. Und schon waren die Mädchen da. Sie müssen es gerochen haben. Kleine Dämchen sind sie geworden, traurig, dass wir nicht mehr für sie da sind. Sie gehen zu Schule, die eine will Lehrerin werden, die andere Ärztin. Aber arbeiten müssen sie.

(Michelle und Raquel sind 15 Jahre alt und gehen in die dritte Klasse, Alejandro und Leandro sind 17, wir haben sie nicht  gesehen, aber besonders Leandro scheint ein Mann wie ein Kleiderschrank zu sein. Franciane hat die gleiche Frisur wie Alexander.)

In den ersten Tagen waren die Wellen ganz schön hoch. Das hat nur so gewummert, wenn sie auf den Strand gebummert sind. Einmal war sogar ein Abhang da. Und die Jungens mittenmang drin mit ihren Brettern. Die rodeln da die Wellenberge runter wie unsereins den Schneehang. Wir Normalmenschen konnten erstmal nur vorne ins Wasser. Aber Marianne hat mich ja auch zu langen Strandwanderungen animiert. Sie hat gesagt, da oben die Jungens, am Ende vom Strand, die rodeln noch besser. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. In dem tiefen Sand hab ich mir Muskelkater an den Unterschenkeln geholt. Kommt davon. Und all die schönen braunen Menschen und mittendrin wir mit unserem Bogota-Edelweiss. Die Jungens da oben haben, als wir vorbeigingen gesagt, guckt mal, nevinhos, Schneechen. (Und über meinen kolumbianischen Bikini haben sie sich krank gelacht. Der geht bis zum Bauchnabel., und das Oberteil bis ans Kinn- fast! Musste mir gleich einen einheimischen kaufen.) Aber nach einer Woche hat sich das schon gelegt und Jack hat zur Marianne gesagt, sie sähe 10 Jahre jünger aus. Danach wollte sie gar nicht mehr weg.

(Na, wenn das kein Grund ist!)

In Paraty waren wir auch, das liegt rechts runter nach Sao Paulo zu. Wir sind da mit dem Bus hingefahren, der war so kalt, dass die Spucke erfroren ist. Marianne wußte das, wir hatten Pullover mit und lange Unterhosen. Paraty ist die Stadt, wo sie noch das Pflaster aus der Zeit der Seeräuber haben. Da stolpert man drüber und muß aufpassen, nicht auf die Nase zu fallen. Und so kann man die schönen bunten Häuschen nur sehen, wenn man mal stehenbleibt. Die Häuschen sind wie aus der Spielzeugkiste. Weisse Wände, rote, grüne, gelbe, braune Türen und Fensterläden. Und am Hafen steht ein Kirchlein, das wird von Königspalmen überragt. Es bewacht die Bucht und die Inseln davor zwischen denen der wilde Seeräuber Francis Drake darauf wartete, daß das Gold aus Ouro Preto auf den Maultierkaravanen in die kleinen Karavellen verladen wurden und dann hat er zugeschlagen. Mit einem Messer zwischen den Zähnen und einem lauten, brüllenden Lachen. Und so kommt es, dass England reich und Spanien arm ist. Und der Seeräuber wurde für seine Verdienste geadelt. Er heißt seitdem Sir Francis.

 

In Paraty haben wir Massenmord an Moskitos begangen. Eine erschlagen, 2 neue tauchten auf. Unangenehm das Geräusch, wenn sie wie Stukas angreifen und man nicht weiß, wo sie an dir nippeln. Marianne hat ein sehr effektives Verfahren mit ihren Latschen entwickelt. Der Nachteil ist, hinterher sieht die Wand aus, als wäre da einer rumgewandert.

 

Eigentlich wollte Marianne mit mir den schönsten Ausflug der Welt machen. Der geht nach Trinidade. Aber der Jeep war defekt und die Motoristas hatten frei. Da haben wir uns ein Boot gemietet, sind tauchen gegangen und haben den Fischen beim Weiden zugeschaut. Ich war lange nicht mit Flaschen da unten. Eine geheimnisvolle, stille Welt. Enorm der Vorteil, dass dir der Fremdenführer keine Märchen ins Ohr brüllt. Ein Fisch hat mich mit griesgrämigem Gesicht stur angeschaut, ich hab ihm zugewinkt, er hat das Maul aber nicht verzogen. Dann gabs Kugelfisch zum Anfassen. Plötzlich dreht sich mein Tauchbegleiter um, hatte ihn zwischen seinen Handflächen und hat ihn mir gereicht. Niedlich ist der mit seinem runden, schimmernden Bauch und den kleinen Flügelchen. Mit denen hat er dann geschlagen und ist eilig davongekugelt. Und dann gabs noch Zebrafische und lila Seeigel und ein Seestern liebte wohlig einen Stein. Und einen Barracuda habe ich gesehen, der lag in einer Gruft und war so 2 m lang. Von denen muss man sich fernhalten, seinen Kopf hatte er aber woanders, deshalb konnten wir ihn betrachten. Mit gebührendem Abstand selbstverständlich.

 

Essen: Wie die Könige haben wir gegessen. Feijoada und Picanha und Bolinhos de Bacalhau und Bolinhos de Aipim und Bohnen und Farofa und Fisch und Muqueca und Frango a Passarinho und Cascinha de Siri. Und dann Fleisch, Fleisch, Fleisch in den schönen Churrascerias, da, wo sie die Spieße rumtragen, gebraten, überbacken, gegrillt, vom Rind, vom Schwein, vom Kalb innen außen, oben unten, mit großem Salatbuffet und dem herrlichen Nachtisch aus Cocosmus und Bananenpüree. Bei unserem Italiener unten im Haus waren wir auch. Er ist noch immer der beste Italiener, den wir kennen. Auch preislich. Die Choperia daneben hat jetzt Stühle und Schirme auf dem Bürgersteig. Das gibt dann abends richtig Krach. Und einmal waren wir auch bei unserem Chinesen. Und einmal wollten wir mit Jack und Anita in unser Lieblingslokal (eins von den vielen). Es heisst Sentaí – setz dich hin – aber es wurde gerade desinfiziert. Die Kakerlaken waren zu mutig geworden. Das Essen da ist köstlich. Es hätte Ziegenragout in Rotweinsoße gegeben. Marianne hat einmal eine Fischvorspeise aus Höflichkeit gelobt, obwohl sie nicht geschmeckt hat. Jetzt kriegt sie die schon auf den Tisch, wenn sie reinkommt.

 

Wie die Speisen da oben alle auf Deutsch heißen? Ach, lassen wir sie im Original. Sie klingen und schmecken da besser.

 

Die Stadt

Sie hat sich verändert, die Stadt. Sie ist noch schöner geworden. Es fällt auf, wie sauber sie ist. Überall wurden Papierkörbe aufgestellt, sogar am Strand. Und die Menschen werfen den Abfall da rein, nur die älteren Cariocas nicht, sie sind es gewohnt, alles hinter sich zu schmeissen. Und dann gibt es Verkehrsdisziplin! Nicht zu glauben. Wir überqueren am ersten Tag die Straße, wollen schon rennen wie gewohnt, weil die Kolonne ankommt – und dann halten alle an, wie mit einer Linie gezogen. Rote Ampeln zu überfahren, hat man uns gesagt, kostet 450,-DM. Überall stehen Polizisten mit Block, und das funktioniert. Wie schön, besonders für uns Bogotá Geschädigte.

 

Faulheit im Cariocaland

Als Gott die Welt schuf, muss er mal etwas Besonderes im Sinn gehabt haben. Einen Ort, an dem es sich wohlig sein läßt. Einen Ort, mit einer Temperatur, die ölig der Haut schmeichelt, die dazu verleitet, sich auf dem Bett zu räkeln und nichts zu tun. Genau das haben wir ausführlich getan. Und geschlafen, wie noch nie zuvor. Die Augen aufgemacht, das Licht vom Strand gesehen, an den Strand gewandert – und weitergedöst während im Hintergrund die Wellen im Duett mit den Verkäufern ihr Schlummerlied sangen. Und das Gemurmel und leise Lachen der schönen Gestalten um einen rum drang langsam nur noch fern an unser Ohr.

 

Feiern

Kommt, sang Anita, das müssen wir feiern. Ihr wieder in Eurer Heimat. Warum, ach warum seid ihr fortgegangen. Reinhold, berede Deinen Kollegen, er soll doch nach Bogota gehen und ihr kommt zu uns zurück – ach wär das schön. Und dann sagte sie den Satz, den die Cariocas lieben: nun lasst uns einen trinken und laßt uns feiern, dass ihr wieder hier seid. Estao na sua casa.

 

Abschied

Dann war er da, der Abschied. Wir haben ihn natürlich mit all unseren Freunden ein paar Tage gefeiert. Aber dann war es Freitag nacht und Samstag morgen, die Sonne ging auf und das Telefon klingelte: Senhor Reinhold, 5:15. Und der nette Taxifahrer hat uns zum Flughafen gebracht und Avianca hatte keine Verspätung und die Leute im Flugzeug sprachen wieder spanisch und es wurde kalt. Die Klimanlage lief auf Hochtouren. Und dann kam Bogota und wir brauchten keine Klimaanlage mehr und dann stand da Juan Carlos und freute sich, daß er uns abholen konnte und wir freuten uns wenig, dass er uns abholte. Und dann waren wir in der Wohnung und haben schweigend den Koffer ausgepackt und den Sand und die Sonne aus den Kleidern geschüttelt. Und uns war kalt. (Und wir brauchten ein heißes Bad und ein Heizöfchen.)Aber in unserem Herzen war die Sonne aus dem schönen Land und der wunderbaren Stadt und all den freundlichen Menschen. Wir haben zu danken.

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Tuesday, 4. november 2008 2 04 /11 /Nov. /2008 14:00
Es fing im Monat April 1996 in Rio an.

Der Ameisenumzug
Also, was ich da neulich erlebt habe, das war toll. Ich sitz im Bad auf dem Klo, guck so auf den Rand vom Waschbecken und trau meinen Augen nicht. Kommt doch aus so´nem kleinen Loch der Chef von den Ameisen, die bei uns wohnen. Doch, doch, wir haben richtige Hausameisen. Und die sind sehr praktisch. Wenn wir Baratas – Kakerlaken abends erschlagen müssen, weil sie wieder wie wild durch die Gegend sausen, dann sind in Nullkommanix die freundlichen Ameisen da und hastdunichtgesehen haben sie das Viech huckepack und schleppen es ab. Also, kommt da der Chef raus, schaut sich so um, übersieht mich großzügig (ich mag sie ja auch und bin ihr Freund) und dann seh ich, wie er sich rumdreht und was in´s Loch ruft. Schon kommen die jungen Kerls raus, die als Kundschafter arbeiten. Und schon sind sie die Wand runter, wieseln übern Boden, machen eine kleine Konferenz und dann laufen einige von denen zurück, die Wand hoch und erstatten Bericht. Ich seh noch, wie der Chef nickt, dann dreht er sich um und was glaubt Ihr, was er jetzt macht: er pfeift. Richtig, er pfeift auf seinen Vorderpfoten. Also, ich konnts ja nicht genau hören, aber ausgesehen hat es genauso. Und dann gehts los. Mit Sack und Pack und Kind und Kegel kommt der ganze Verein aus dem Loch raus und runter die Wand. Eine Ameise hinter der anderen. Das hat gedauert, das waren vielleicht viele. Unten waren die ersten schon unter der Tür durch, immer hinter den Kundschaftern her. Ich bin aufgestanden und hinterher. Das wollt ich doch genauer sehen. Aber die waren ja so klein. Da hab ich meine Lupe geholt. Und wirklich! Die hatten den ganzen Hausrat dabei! Und auch noch die Eier von der Aufzucht- und Nachwuchsabteilung! Die haben sie schön vorsichtig über den Kopf gehalten und ab gings immer in einer Reihe. Vorne waren schon die ersten im Wohnzimmer unter dem Tisch durch und rechts bei den Pflanzen angelangt. Und als ich ins Bad kam, sind gerade die letzten aus dem Loch gekommen. Es war eine lange Reihe von meinen Freunden, den Hausameisen, die zogen mit Kind und Kegel um. Und dann sind sie am Fenster in ein anderes Loch eingezogen. Und dann hat es noch etwas gedauert und die Reihe wurde kürzer und kürzer und dann waren sie in der neuen Wohnung und nichts mehr zu sehen. Ja, hab ich mir gedacht, das siehst du alter Knacker aber auch zum ersten Mal in deinem Leben. Und vielleicht nie wieder. Es war ein denkwürdiger Tag. Mein Ameisenumzugstag.

So, jetzt geh ich ins Bett. Hab zu viel gegessen, mein Bauch kneift so. Was macht Ihr denn in so einem Fall?

Bis bald, Euer Willibald aus Rio

1 Woche später

Mir ist da noch was eingefallen was ich vergessen hatte zu schreiben vom Ameisenumzug. Da war nämlich so eine nette kleine Ameise, so im Ameisenvorschulalter. Die schleppte da was über dem Kopf durch die Gegend, das konnte ich nicht genau erkennen. Ich also mit dem Vergrößerungsglas ran und was glaubt Ihr, was die da hatte? Ihr glaubt's mir ja nicht, wenn ich Euch das erzähl. Die hatte nämlich ihren kleinen Teddybären mitgenommen! Wirklich. Jetzt weiß ich auch, wo der Name *Ameisenbär* herkommt.

Ganz viel Tage, so ungefähr 14 später

Ja ja, der Ameisenbär. Ich mein, so was kriegt man ja auch nicht alle Tage zu sehen. Hübsch war der kleine Kerl. Wirklich. So mit Pausbäckchen und Außen aufgerauht. Das sollte wohl das Zottelfell sein. Und der kleine Ameisenjunge, der ihn schleppte, der hatte vielleicht sein Schaff! Der war ja nun schwer für ihn und da mußte er immer so Trippelschritte machen, damit er in der Reihe blieb. Immer 2 normale Schritte und dann wieder 2 schnelle Trippler. Der war richtig stolz auf sein Bärchen, das konnte man sehen. Ob der den zum Geburtstag gekriegt hat?

Wieder eine Zeit später

Die Ameisenmusikkapelle
Also, das mit dem Ameisenbär das ist so: Ganz genau konnt ich ja nicht sehen, was sie machten. War halt so klein. Hab zwar meine Lupe genommen, aber auch das hat nicht gereicht. Das sah aber so aus, so bärenhaft, was der Kleine Ameisenjunge auf dem Rücken hatte. Da hab ich mir vorgestellt, es sei ein Bär. Ich meine, man guckt ja auch manchmal aus dem Fenster und denkt, das wär ein Pferd da, was man sieht und dann ist es nur ein Euch kann ich ja reden Fahrrad. Nur weil man gerne mal ein Pferd gesehen hätte, kapiert? Gut. Mit, die anderen, die lachen mich aus, wenn ich ihnen so was erzähle.

Da gibt's nämlich noch was, was ich meinte, gesehen zu haben. Ganz vorne, nach den Kriegern und den Kundschaftern, da war doch so eine Gruppe, die ging nicht hintereinander her wie die anderen Ameisen. Nee, die ging so ein bisschen nebeneinander, nicht ganz in der Reihe, nein, nein, war schon etwas durcheinander, aber die marschierten zusammen. Auch das hab ich mir durch meine Lupe genauer angeschaut. Also, ich bin mir nicht so sicher, hören konnt ich ja nix, aber ich denk, das war denen ihre Musikkapelle. Auf jedem Marsch hatt man heutzutage sowas, wenn's geordnet zugeht. Vorneweg marschierte ein Kerl, der streckte sein ein Bein immer in die Luft und wackelte damit. Der hat den Takt geschlagen! Und dann waren welche, so dicke olle, die haben sich mit ihren beiden Vorderbeinen immer auf die Brust gekloppt. Das waren die Trommler. Und dann waren da welche, die haben sich mit einem Bein über das andere gestrichen, kam mir so vor wie bei den Grillen. Und dann noch ganz schlanke Ameisen, die sind sich mit einem Bein immer über den Rücken gefahren. Fideler? Was meint Ihr. Und hinter der ganzen Gruppe so ein paar ganz kleine Ameisenkinder, die haben so komisch herumgetollt. So als wenn sie wumtata wumtata nach der Musik machen und alles nicht ganz so ernst nehmen. Also, das war schon was!

Kurz vor Weihnachten

Die Weihnachtsbaumblattschneiderameise
Meine Ameisen waren verschwunden. Da irgendwo unter den Blumen am Fenster in einem Loch. Hatte lange Zeit nix mehr von ihnen gesehen. Neulich lieg ich in der Hängematte und sinnier so vor mich hin. Und da seh ich doch, wie aus diesem Loch 2 Späherameisen rauskommen. Ihr müßt wissen, die sind viel größer als die Arbeitsameisen, diese Späher und Kriegerameisen. Bis zu 200 mal größer können die werden als die ganz einfachen Ameisen. Also, die sind jetzt nicht so groß wie kleine Tiere aber doch für die Ameisenfamilie große Wummer. Na ja, hinter den beiden kam eine, die sah mir aus wie der Chef. Bißchen würdiger war der. Und die beiden Späher, die wieselten auch so rum und die Chefameise, die offenbar Sachen zu denen gesagt hat. Ich konnt es natürlich nicht hören, ist doch ganz klar. Und außerdem haben Ameisen ja auch keine Sprache. Die reden aber wirklich miteinander. Nee, die riechen miteinander und können sich so was sagen. Wenigsten hatte ich den Eindruck, der sagt denen, Jungens, jetzt paßt mal auf wo ihr hingeht, nix mit Kneipe und so und kommt gut wieder heim. Also, die beiden auf die Jück. Geradewegs auf unser Fenster zu, die Wand rauf und schon hatten sie einen Spalt gefunden und waren draußen. Na, denk ich noch, wo wollen denn die so eilig hin. Ist doch gefährlich da draußen. Eine Ameise allein in Rio, was da nicht alles passieren kann. Und dann bin ich eingeschlafen. Genau eine halbe Stunde später wach ich wieder auf. Und weil ich so schräg in der Hängematte lag, guck ich genau auf den Boden. Und denk, ich seh nicht recht. Ich auf, nach meiner Lupe gelaufen. Da waren die beiden zurück und hatten eine riesige Ameise bei sich. Also wirklich, die Hausameise ist ja nicht so groß. Aber die, die da jetzt vor dem Loch steht, die war gaanz irre groß. Die Chefameise guckte mit dem Oberkörper aus dem Loch, na ja, offenbar haben die sich was berochen-besprochen. Dann ist ein ganzer Trupp ab und in unseren Nadelbaum rein. In den, den wir letztes Jahr als Weihnachtsbaum benutzt haben. Und auf einmal wußte ich, was die große Ameise war: eine Blattschneiderameise! Die hatten die extra geholt, sie arbeitet draußen an den Palmen. Dann ist der ganze Trupp an den Ästen entlang, haben mal hier geguckt, mal da geschaut, mal höher und mal tiefer. Und dann hat die Blattschneiderameise ein schönes kleines Ästchen einfach abgesägt. So wie ein kleiner Finger so lang. Und die anderen haben das Ästchen auf den Rücken genommen und ab ging`s, den Baum runter. Und schnurstracks Richtung Höhle. Und da haben sie dann das Ästchen durch die Öffnung gezerrt und dann war wieder Ruhe. Und ich wußte, die feiern jetzt Weihnachten mit ihrem kleinen Bäumchen. Da hab ich denn da in meiner Hängematte gelegen, mir einen geschmunzelt und gedacht, was es nicht alles gibt im Leben!

(von Marianne)

Sie haben auch die Schublade gefunden haben, wo ich immer die Plätzchen verstecke. Ja, und zu einer richtigen Weihnachtsfeier gehören nun mal Plätzchen. Und die haben sie fein säuberlich in Plätzchen-Puzzles (Krümel) zerlegt und nach Hause in ihren Bau getragen. Da sitzen sie jetzt drin, und nur ab und zu kommt noch mal einer von ihnen raus und guckt, ob es schneit. Na, wie Ihr wißt, können sie da lange warten! Wir können ihnen ja mal ein paar Cocosstreusel hinpusten, damit sie einen Schneesturm haben.

 

(Jetzt wieder ich): Penedo

Nach Weihnachten sind wir nach Penedo gefahren, das liegt, wenn wir rechterhand bei uns abfahren den Copacabana-Strand entlang, dann immer weiter Richtung Südpol bis fast nach Sao Paulo und da ab in die Berge. Da haben Finnen gesiedelt. Da gibt’s eine bißchen andere Weihnachtsstimmung. Mit Sauna und Mistelzweigen.

Die Geschichte von den Blattschneiderameisen in Penedo
Das kann doch nicht wahr sein, hab ich noch gedacht. Wie kommt der denn hier hin. Den kenn ich doch aus Rio, diesen Ameisenkerl. Das war doch der, der den Weihnachtsbaum für meine Hausameisen abgemacht hat. Ich war ganz sicher. Der muß aber ganz schön gelaufen sein, wir hatten mit dem Auto 2 Stunden gebraucht. Nun ja, nun traf ich ihn in Penedo wieder. Gut, gut, ich geb's ja zu, ich kann mich auch getäuscht haben, aber er sah genau so aus, wie er da am Straßenrand hochmarschierte. Also, das kam so: wir waren spazierengegangen. Ja, ja, ich auch. Geh ja nicht so gerne spazieren, aber da in Penedo, da war's so richtig urwaldlich. Alles voll mit allen möglichen Pflanzen und Bäumen, die haben vor sich hin gewuchert. Ganz schön mächtig manchmal. Und bunt, meine Güte wie bunt. Blau und gelb und rot und natürlich 35 Sorten von grün. Ich hab so geguckt und da war er, mein Blattschneiderameiserich. Also, hab ich gedacht, da schauste doch mal, wo der jetzt hinwill. Vielleicht noch ´n Weihnachtsbaum abmachen? Und wie wir so den Weg hochwandern, er ganz am Rand, ich ein wenig daneben, da kommen plötzlich weitere Kollegen von dem aus den Büschen und ganz langsam immer mehr und die wandern hintereinander her und da kommen auch schon welche von vorne und da war das eine Blattschneiderameisenstraße. Nur, die von vorne kamen, die hatten was geladen. Auf dem Rücken trugen die kleine Blätter. Manche bisschen größer, manche kleiner. Die mit den größeren Blättern, die sind sogar manchmal umgefallen weil das Blatt so schwer war. Dann kamen sofort andere an und haben geholfen. Aber nur beim Aufstehen. Laufen mußte die mit ihrer Last alleine. Man hat richtig gesehen, wie sie geschwitzt haben. Nu, hab ich gedacht, wo holen denn die die Blätter her. Also, es waren keine ganzen Blätter, nein, nur Teile, kleine Teile davon. Und dann hab ich's gesehen! Die waren an einem klitzekleinen Bäumchen. Einem gerade neu geborenen Mangobäumchen. Hunderte von Blattschneiderameisen auf der Straße hoch und runter. Und die meisten Blätter schon ab. Und dann hab sie mir gezeigt, wie sie das machen. Auf so einem Blatt wuseln so 20 bis 50 kleine Schneideameisen rum. Sie sitzen am Rand und wißt Ihr, was die machen? Die machen Löcher. So welche wie im Klopapier. Halbrund am Blattrand entlang. Und dann kommt die Trägerblattschneiderameise und die setzt sich halb auf das ausgestanzte Blättchen, halb auf den Rand und bohrt fertig und dann wippt sie das Teil mal hin und mal her und schwupp hat sie es huckepack. Und ab damit. Hunderte sind das die da dauernd kleine Teilchen vom Blatt davonschleppen. Immerzu. Man kann richtig zusehen, wie das Blatt kleiner wird. Und das passiert auf jedem Blatt. Also nee, die haben das kleine Bäumchen richtig abgeerntet. Ich hab ihnen gut zugeredet, ich hab geschimpft, die wollten nicht aufhören. Die haben die kleinen Blattteilchen auf der Straße runtergeschleppt, eine hinter der anderen her und ab ging die Post, Richtung Bau, wo sie wohnen. Und da verschwand ein Blättchen nach dem anderen im Loch.

Nun ja, was machen die denn damit? Also, ich hab meinen Freund gefragt, den, der in Rio war und den Weihnachtsbaum abgemacht hat. Und der hat mir folgendes erzählt: in der großen Höhle da unter dem Loch, da haben sie einen Garten angelegt. Und da tragen sie die Blätter hin und schichten sie aufeinander. So wie ein Silo, wo die Bauern das Gras in einem Turm aufeinanderschichten. Und dann fängt das an zu faulen. Und da drauf wachsen kleine Pilze. Und die Pilze, die brauchen sie als Nahrung. Weil die essen sie gerne. Und besonders ihre kleinen Blattschneiderameisenkinder, die lieben geradezu diese Speise und werden dann groß. So etwa hab ich ihn verstanden, meinen Freund. Ich mein, wenn das so ist, dann brauchen sie ja die Blätter. Und wirklich haben sie auch nur diesen einen Baum geerntet. Drumherum nix. Na ja, wir Menschen machen das ja auch so. Wir ernten und leben davon. Tja, das war die Geschichte von den Blattscheideameisen. Gute Nacht, ich fahr jetzt nach Bolivien. Bestimmt kommt mein Freund nicht bis dahin. Ob er's wirklich war?

Das war die Geschichte aus Penedo von eurem Ameisenonkel Reinhold

(Viel später wieder in Rio)

Mangomeisen
Gerade gab´s Bratkartoffeln mit eingelegtem Fisch! Ach du liebe Güte, wie hab ich gef...uttert. Bratkartoffel, was gibt's Besseres als Bratkartoffeln. Na ja, Hähnchen in Schokoladensoße und eingelegter Hering und ... na ja, aber Bratkartoffeln, mmmmm.

Ich komm aus der Küche. Da um die Ecke, wo der Abfalleimer steht. Sie sind wieder da, unsere Freunde. Also, jetzt haben sie ja ein Ding entdeckt, das ist einzigartig. Wie Zirkus! Das müßtet Ihr sehen. Aber der Reihe nach. Das geht so. Sie haben ein Informationssystem. Ich hab mir das mal genauer angesehen. Wenn wir Mangoschalen und Kerne in den Eimer werfen, dann steht so ein kleiner Ameiserichkerl da, ich will ja nicht sagen mit Schlapphut, wie ein Detektiv, aber an so einen erinnert er mich. Der linst immer um die Ecken. Und wenn dann was kommt, tja, was macht er dann. Er stellt sich auf seine Hinterbeine und fummelt vor seinem Gesicht rum mit den Vorderbeinen. Ich hab mir gedacht, der pfeift. Der pfeift den berühmten Ameisenpfiff! Mit seinen 2 Pfoten zwischen den Zähnen. Das muß ganz schön grell sein, weil wie der Blitz ist die Bande da. Und dann kannst du was erleben. Dann wuselt und wieselt und suselt und zieselt es den Abfalleimer rauf. Gar nicht wie sonst, wo sie doch immer so diszipliniert hintereinander her laufen. Ist klar, kann ich auch verstehen, der erste kriegt natürlich das Beste. Und wenn sie dann oben am Rand sind, meine Güte, als ich dass das erste Mal gesehen hab, ich hab gedacht, ich hol mich nicht ein vor lachen. Der Abfallkorb ist ja meist voll, haben Abfallkörbe so an sich. Oder habt Ihr schon mal einen leeren gesehen? Ja, ja, wenn der Papa den gerade ausgeleert hat und ihn zurückbringt. Dann schon. Aber danach, wutsch, ist er doch mindestens halbvoll. Unserer auch. Halb oder dreiviertel voll. Und dann kommen unsere Freunde oben an. Die kräftigsten zuerst. Und das scheinen auch die mutigsten zu sein. Und dann stellen sie sich auf - und hast du nicht gesehen, mit einem Köpper rein ins Vergnügen. Abfall ist meistens weich, nicht. Da tauchen sie dann ein in die Schalen und Kerne von den Mangos. Und dann geht ein Knabbern und Schleckern los. Aber glaubt ja nicht, daß sie alles nur für sich behalten. Sie nehmen immer Stückchen ins Maul und ab zurück. Das ist bestimmt für die Oma und die Tanten und auch natürlich für die Königin, die muß ja zu Hause bleiben und den Nachwuchs großziehen. Aber zurück zu dem Zirkus. Die ganz mutigen, die springen, wie gesagt, mit'm Köpper rein. Und dann kommen die Kleineren. Unser Korb geht vom Rand schräg nach innen rein. Das nutzen die Kleineren aus und rutschen runter. Wirklich. Ich sag's Euch. Setzten sich auf den Hintern und rutschen bis zu den Mangoschalen. Ich kann's zwar nicht hören, aber ich bin sicher, sie kichern das Ameisenkichern vor lauter Vergnügen. Erst rutschen und dann Mangos. Das ist ja auch was. Die anderen, die steigen ganz normal ab, so wie sich das für Ameisen gehört. Ich glaub, sie haben uns ganz gern. Denn manchmal holen sie von der Anrichte die Reste, ratzeputz. Sie helfen uns saubermachen. Und die toten Barata-Kakerlaken, die sowieso. Wo ich die doch nicht leiden kann. Das wissen die. Und räumen sie weg.

Ja, das war die Geschichte von den Mangos und den Ameisen.

(wieder später, unterwegs)

Der Zeitungsschneider
Wir waren mal wieder unterwegs, Richtung Mottas. Also, Mottas, das liegt von Rio aus wenn man vom Strand guckt, so halb rechts 3 Stunden. Da geht's in die Berge. Erst ist es noch flach wie ein Teppich und auf einmal schlängelt sich die Straße an ganz glatten, steilen Felsen hoch. Meine Güte, da sind Felsen dabei! Wie Türme von hohen Kirchen. Der eine heißt auch so: dedo de Deus, Gottes Finger. Und wenn man ziemlich oben ist, dann geht's rechts und nach ner halben Stunde wieder links und dann ist man auf einem Schotterweg. Das ist natürlich eine richtige und wichtige Straße, kein Weg so zwischen den Wiesen. Ja, und die Straße muß man genau 30 Km weit fahren. Ganz genau. Dann links rein, ein bißchen den Abhang runter und noch mal 7 Km bis zum Ende von Tal. Da ist dann Mottas. Und da hat unser Freund Alfredo sein Landhaus. Und da hat er auch eine Vorschule und eine Werkstatt gebaut, wo die Kinder was lernen können. So weit draußen da am Ende der Welt, da gibt's sonst nicht viel.

Also, da lag ich denn vor dem Haus von meinem Freund Alfredo auf dem Rasen und hab so den Wolken zugeschaut. Nee, eigentlich hab ich auf den Apfelsinenbaum geschaut und mich gefragt, wer mir denn jetzt ne Apfelsine bringen könnte. In dem Moment kitzelt mich jemand an der Hand!

Ich bin vielleicht erschrocken. Und trau meinen Augen nicht. Steht doch da mein Freund, der Blattschneider. Ich kann's bis heute nicht fassen. Erst haben wir uns in Rio getroffen, als er den Weihnachtsbaum für meine Hausameisen abgemacht hat, dann in Penedo, da wo die Finnen mit ihren Saunen wohnen und jetzt hier. Ich mein, das sind ja weite Wege! Oder, ob es doch nicht derselbe ist? Man kennt sich ja nicht so aus bei den kleinen Kerlen. Wenigstens, der kannte mich. Ob die so ein Informationssystem haben, sowas wie Ameisen-Internet? Oder Rauchsignale? Ich hab gesehen, sie tippen sich immer mit ihren Fühlern an, vielleicht reichen sie damit ihre Nachrichten weiter? Wie auch immer, da war er, mein kleiner Freund. Und hinter ihm eine ganze Reihe seiner Brüder und Schwestern. Und alle hatten über dem Kopf ein Schnitzelchen, ein Stückchen - aber diesmal war es nicht von einem Blatt wie sie's normal tragen. Nee, diesmal sah's aus wie was Geschriebenes. Na, denk ich noch, schau an, jetzt gehen die auch schon in die Schule und lernen lesen und schreiben, potzderblitz! Da macht mein Freund so Bewegungen mit seinen Vorderbeinen und schon schert die Reihe aus und verteilt sich im Gras. Hier einer hin, da einer hin, die wußten ganz genau, wo sie hin mußten, um ihre Schnippelchen fallenzulassen. Also, Ihr glaubt mir´s nicht. Nehm ich Euch ja auch nicht für übel. Wenn ich's selbst nicht gesehen hätte, tät ich's ja auch nicht glauben. Langsam, ganz langsam setzt sich da vor mir doch die erste Seite der Mottaer Sonntagszeitung zusammen! Weil Motta so klein ist, hat die Zeitung nur ein Blatt. Und das hatten die doch meinem Freund Alfredo vom Tisch geklaut, säuberlich zerschnitten in kleine Dreiecke und mir gebracht. Ich war ganz gerührt. Obwohl, lesen konnte ich nichts mehr. Und dann kam auch noch der Wind und hat die meisten Schnippsel weggetragen. Und meine Freunde standen dabei und haben ungläubig den Resten ihrer Arbeit nachgeschaut. Ich konnte genau sehen, was sie dachten: ach, hätten wir's doch nur unserer Königin gebracht. Die hätte anders auf unsere Arbeit aufgepaßt.

Ich hab sie gerne, die kleinen Freunde. Wirklich. Und am nächsten Tag haben sie Zeitungsschnippel in das Loch, dort, wo sie wohnten, reingetragen. Wahrscheinlich liest ihre Königin die neuesten Nachrichten.

Und das, meine Freunde, war die Geschichte von den Blattschneiderameisen in Rio und Umgebung.

Nun sind wir schon einige Zeit zurück in Bogotá.

Ich glaube, so weit kann mein Freund nicht laufen. Wenigstens habe ich ihn noch nie entdeckt. Aber ein wenig Heimweh nach ihm und seiner großen Familie hab ich schon.

Ameisenbär
Mir ist da noch was eingefallen was ich vergessen hatte zu schreiben vom Ameisenumzug. Da war nämlich so eine nette kleine Ameise, so im Ameisenvorschulalter. Die schleppte da was über dem Kopf durch die Gegend, das konnte ich nicht genau erkennen. Ich also mit dem Vergrößerungsglas ran und was glaubt Ihr, was die da hatte. Ihr glaubt's mir ja nicht, wenn ich Euch das erzähl. Die hatte nämlich ihren kleinen Teddybären mitgenommen! Wirklich. Jetzt weiß ich auch, wo der Name *Ameisenbär* herkommt.
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Friday, 5. december 2008 5 05 /12 /Dez. /2008 14:47
Hier ist ein Bericht über unsere Reise in Brasilien, durch den Norden und über den Amazonas. Es ist kein wissenschaftlicher Bericht. Er ist geschrieben im Gedanken an Euch und was ich gerne erzählen würde. Ich habe aufgeschrieben, was und wie ich es sehe. Und was mir dabei noch so im Kopf rum geht.

Am Donnerstag, den 24. April 1997 sind wir von Bogotá abgeflogen und am 25. April um 7.40 Uhr in Rio gelandet. Von Freitag bis Dienstag Rio. Liebe Leute getroffen, alles zu schön. Jemand sagt, alles ist voller Staus hier. Marianne sagt, es gibt keinen schöneren Stau als den auf der Avenida Atlântica mit dem Strand und den attraktiven Menschen.

Dienstag um 15.30 Uhr Flug nach São Luis.

Um Mitternacht kommen wir an. 27 Grad, hat der Pilot gesagt. Wir kommen dem Äquator nah! Warm. Obwohl - in Rio war´s auch schön mollig. Egal, alles besser als im kühlen Bogotá. Jetzt sind wir schon wieder 10 Std. unterwegs. Von Rio bis hierher über 3.000 km, etwa 30 Mal von Dietzenbach nach Hommertshausen! Und dann 4 ½ Std gewartet in Fortaleza. Da war´s auch schön warm.

São Luís ist eine französische Gründung aus der Zeit, als die Franzosen den Portugiesen ihre Kolonien abnehmen wollten. Hieß mal Saint Louis. So wie die berühmte Stadt in Amerika. Da wo der alte Blues, der so heißt wie die Stadt, noch heute gespielt wird. Aber hier in São Luís wird er nicht gespielt. Die Franzosen haben sie schnell wieder rausgeworfen.

BELÉM DO PARÁ
Jawohl, die Stadt heißt Bethlehem. Belém auf portugiesisch. Und Nazareth gibt es auch, und zwar als Stadtteil In Nazaré. Gibt es den Urwald im Palmengarten “Jardim Zoobotânico Emílio Goeldi”. Mit Urwaldbäumen und Tieren. Ganz angenehm, auf Wegen durch den Urwald zu laufen, und die Krokodile sind hinter Gittern und liegen nicht hinter der nächsten Wegbiegung. Ganz schön mächtige Dinger, diese “jacarés”. Fünf Meter lang war eins. Wenn der das Maul aufmacht, dann passt ein Kleinwagen rein. Nun ja, ein ganz kleiner Kleinwagen. Und schnell sind sie, diese Biester. Das traut man denen gar nicht zu. Wie der Blitz starten sie los, wenn sie wollen und zack, hast du ein Bein weniger und sie eins mehr.

Und dann haben wir einen Peixe-Boi gesehen - eine Seekuh. Diese Säugetiere gibt’s schon seit etwa 25 Mio. Jahren, doch gegenwärtig sind sie vom Aussterben bedroht und stehen unter Naturschutz. Unser Bursche da, der war schätzungsweise schon an die 50 Jahre alt, mit seiner Schweineschnauze Tang müffelnd. Diese friedlichen Flussbewohner können bis zu 750 kg schwer und 4,5 Meter lang werden! Und kunterbunte Vögel gab´s und Affen, Panther und Leoparden und ein Becken voll mit Hunderten von Kinderschildkröten. Niedlich. Und im anderen Becken, da lagen die Eltern-Schildkröten aufeinander. Der Vater war zu faul zum Laufen, und die Mutter musste ihn tragen. Oder umgekehrt. Aber gaaaanz langsam voran, dass der Krähwinkler Landsturm nachkommen kann.

Belém liegt am Amazonas-Delta. Das dürft ihr euch keinesfalls so vorstellen, als wenn die Lahn in den Rhein einbiegt. Da bei Lahnstein. Nein, der Amazonas, der ist nicht einfach so ein Fluss. Er ist, der Fluss aller Flüsse. Und alle anderen Flüsse müssen SIE zu ihm sagen. Er ist so groß, dass eine Insel, größer als die Schweiz, in seinem Delta Platz hat. Und nicht nur eine Insel. Hunderte, ja Tausende auf seinem Lauf von Peru bis hierher besitzt er.

Montag, den 5.5., Belém
Tropenregen. Hitze und Schwüle verwirren meinen Kopf. Nichts als Rumhängen. Für Mittwoch ist das Schiff nach Manaus gebucht. Offene Decks mit Hängematten. Hier fahren keine Touristen mit. Ist nicht ungefährlich auf diesen landesüblichen Passagierschiffen, warnt man uns. M. hat die Leica dabei. Wir haben eine Kabine gebucht.
Belem liegt im Bundesstaat Pará. Para-Nüsse kommen von hier. Sie liegen wie Babies im Schoß der braunen Frucht. Niedlich.
Haben heute am Hafen und bei den Hallen des Marktes “Ver-O-Peso” fotografiert. Plötzlich hatten wir gut bewaffnete Begleitung. Ein Polizist blieb neben uns. Auf diesem sehr populären Markt werden außer Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse auch Kräuter, Essenzen und Tinkturen für und gegen alles angeboten, z.B. gegen böse Schwiegermütter, untreue Ehemänner, Unfruchtbarkeit, und auch vieles, das mit dem Aberglauben der Einheimischen zu tun hat.

Dienstag, den 6.5.
Am Hafen steht eine Menschenansammlung und bewundert das Boot von Bill Gates. Nun ja Boot. Eine Jacht so groß wie ein Flussdampfer, nur viel schöner. Soll 20 Mio. Dollar gekostet haben. Der Chef von Microsoft hat’s ja. Dreht uns dusselige Programme wie Windows an und scheffelt Geld. 40 Milliarden Dollar soll er mittlerweile als Vermögen besitzen. Der Herr Gates kam aber nicht raus aus seinem Schiff. Hätte ihm liebend gerne gesagt, dass ich nichts von seinen Sachen halte. Dass er, aus purer Macht- und Gewinnsucht die mögliche Verbesserung der Computer aufgehalten hat.

Hier gibt´s ganz wundersames Essen. Schon die Namen allein machen mir Hunger: Pacú, Pirarucú, Tacacá, Tamuatá de Tucupí und so. Viel Maniok wird benutzt. Die kartoffelartige Wurzel stammt ja auch von hier. Ach, und schmecken tut es erst! Wie Urwald.

Donnerstag, den 8.5. , 6 Uhr früh.
Seit gestern Abend unterwegs. Auf dem Fluss der Flüsse. Besser gesagt, noch immer auf seinem Abflusssystem. Über Hunderte von Kilometern ist es ein System von Flüssen, Kanälen, Strömen und Bächen, die den Urwald entwässern. Und seine Majestät Amazonas mittendrin.

Unser Schiff heißt “Golfinho”(Delphin). Es hat zwei Decks, das sind einfache, zur Seite hin offene Plattformen und einen dicken Bauch für die vielen Güter, die den Fluss hinauf sollen. Hier wird alles, was die Menschen am Amazonas brauchen, über den Fluss transportiert. Und wenn man bedenkt, dass das Amazonas-Becken ein Drittel der Oberfläche von Brasilien einnimmt und Brasilien so 25 mal größer ist als Deutschland, dann ist das ein riesiges Gebiet am Fluss hinauf und in seinem Hinterland.

Die Plattformen des Schiffs haben an der Decke Haken. Und da hängt sich jeder seine Hängematte auf. Dicht an dicht, eine oben, zwei schräg drunter. Wie im Hühnerstall. Platz für 450 Leute, steht am Schiff. Wenn einer nachts raus muss, stößt er unweigerlich die anderen Hängematten an und alle wachen auf, oder auch nicht.  Nachts und wenn es regnet werden an den Seitenwänden Planen runtergelassen, tagsüber hat man eine prima Sicht und eine gute Belüftung. Und den ganzen Tag schaukeln die Leute lässig und zufrieden in ihren Matten.
Wir schlafen in einer winzigen Kabine. Stehend umdrehen kann man sich nur, wenn der Andere auf dem Bett liegt.

Um 5.30 Uhr morgens der erste Aufenthalt. Frauen und Kinder in Kanus tauchen neben dem Schiff auf. Sie hoffen auf Essen und Kleidung. Die ganze Strecke werden sie da sein, still wartend in ihren schlingernden Einbäumen, ob jemand eine zugeknotete Plastiktüte raus wirft. Und dann tanzen sie in den Wellen, die unser Schiff hinterlässt und bleiben mit ihren hungrigen Blicken zurück. Fahren können sie mit ihren Booten. Sie gleiten und wenden, wie Schwimmer in der Brandung. Ihre Hütten, die ab und an am Ufer auftauchen, sind längliche Bretterverschläge. Sie stehen auf Pfählen und haben Türöffnungen und Fenster, die wie Augen in einem Totenschädel aussehen. Morgens schon früh steigt Rauch durch das Palmendach. Der Urwald ist dicht dran, links und rechts. Manchmal sind es auch kleine Ansammlungen von Hütten, alle haben einen Steg oder mindestens einen Baumstamm in den Fluss hinein. Da liegen ihre Einbäume. Wovon die wohl leben?

Jetzt fahren wir eine Abkürzung durch einen Kanal. Das kenn ich von unserem Fahrer in Esmeraldas in Ecuador. Der ist mit dem Boot auch immer quer durch den Mangrovenwald gesaust. Da gab es Abkürzungen, deren Eingänge wir in den dicht herabhängenden Wurzeln und Blättern nicht gesehen hatten. Und wutsch, waren wir mittendrin in den Mangroven. Die Mangroven sehen aus, als stünden sie auf Fingern wenn man die steif auf den Tisch stellt. Das sind ihre Wurzeln. Mit denen stehen sie im Wasser. Und saugen sich ihre Energie daraus. Ein unendliches Gewusel. Und diese Mangroven stehen auch hier an den Ufern des Kanals.

Unten ist das ärmere Deck. Wie im richtigen Leben. Die Armen sind unten. Aber von da aus fliegen die meisten Plastiktüten zu den Kindern mit den großen Augen in den Kanus. Die ganze Nacht durchgefahren ist der Steuermann. Pechschwarze Nacht. Kein Radar. Nur einen großen Suchscheinwerfer, der vor ihm die Wasseroberfläche absucht.

Freitag, 9.5. 7 :00 Uhr.
Jetzt sind wir seit 36 Std. unterwegs. Die Hälfte der Strecke haben wir hinter uns. Gleich kommen wir nach Santarém. Frühaufsteher muss man hier sein. Um 5.00 Uhr schimmert die Sonne durch die Plane an der östlichen Seite. Wenn sie hoch gerollt wird, beginnt das Menschengewirr in den Hängematten sich zu regen. Manche haben sich eine Decke über das Gesicht gezogen, andere sind eingerollt wie eine Larve in ihrem Kokon, husten tut einer hier und da, Füße kommen raus, und verschlafene Gesichter schauen umher als wollten sie noch nicht so richtig glauben, dass es bereits Morgen ist. Und dann muss man sich anstellen beim Waschen und am Klo. Es gibt nämlich nur ein Waschbecken auf jedem Deck und je 2 Klos für Männer und für Frauen. Praktisch ist das: man sitzt auf dem Klo und kann sich gleichzeitig duschen. Um ¼ vor 6 knallen die beiden Mädchen von der Küche eine große Kanne hinten auf den Tisch, dann segelt eine Schale von der anderen Seite hinterher, und ein Bottich mit Tassen wird auf einen Stuhl gewuchtet. Das Frühstück ist da. Es gibt (wie immer) sehr süße Milch mit einem Hauch Kaffee drin und trockene Kräcker. Und da es nicht für alle reicht, muss man ein wenig drängeln. Die Kinder nehmen sich Berge von Kräckern, weil es bis Mittag reichen muss und ob es mittags was gibt ist so sicher gar nicht. Und dann steh ich mit meiner ergatterten Tasse Milchkaffee an der Reling und schau auf den frischen Urwald, der im Morgenlicht glitzert und geheimnisvoll strahlt.

Daneben benommen
Hinten und vorn auf dem Schiff stehen Blechkajüten. Vorne ist es das Ruderhaus, da wo der Käpt´n und sein Steuermann stehen. Dahinter sind die 7 Kabinen. In einer davon sind wir untergebracht. Und hinten auf dem Schiff sind die Blechkabinen der Klos, die gleichzeitig Duschen sind. Und die Küche ist auch dort. Zwischen dem Männer- und Frauenklo links und rechts steht ein langer Tisch mit zwei Bänken, an denen in drei Schichten gegessen wird. Reis und Farofa (Maniok-Mehl) gibt es immer. Ohne “farofa”, so sagen sie, taugt das Essen nichts. Und dann gibt´s mal Fleisch- mal Hähnchenstücke und auch mal Nudeln und braune Bohnen (anstelle der schwarzen, wie in Rio) als Beilage. Wir haben natürlich - vornehm wie wir sind - Messer und Gabel benutzt. Bis uns Blicke auf die anderen Mitesser klarmachten, dass das nicht die richtige amazonische Art ist. Die geht so: Man benutzt als Haupt-Ess-Instrument den Löffel. Den greift die Hand von oben im Klammergriff, den Daumen elegant zum Löffel hin gestreckt, den Oberkörper vorgebeugt. Da sie durchweg klein sind, die Mischlinge indianischen Ursprungs, müssen sie sich nicht weit zum Tisch hin vorbeugen. Mit dem Löffelrand wird alles zerkleinert, und hier und da, wenn es zu zäh ist, darf auch das Messer benutzt werden. Und dann wird geschaufelt, was das Zeug hält. Ja, ja, fremde Sitten!

Marianne hat Schnupfen. Das kommt von den Klimaanlagen in den Hotels. Die Leute hier haben eine Lust am Frost wie wir an der Wärme. Wenn eine Klimaanlage da ist, wird sie aufgedreht. Sie tanken sich mit Kälte voll wie wir mit Hitze.

Links und rechts in einiger Entfernung gleiten die Wände des Urwalds vorbei. M. sagt, schrecklich der Gedanke, hier zu kentern. Es stimmt, man käme gar nicht rein in den Wald, der wie eine Wand hoch aufragt. Alles zu. Am Horizont Rauchschwaden. Sie brennen den Wald ab für Weiden oder Ackerland. Aber das geht nicht, nein, so kann man diesen Wald nicht behandeln! Er geht dabei gründlich zugrunde, und zwar für immer. Der Regenwald, so hat man mich gelehrt, hat nur eine kleine fruchtbare Humusschicht auf seinem Boden. Der grüne Dschungel lebt von seinem Blätterdach. Und wenn man die Bäume fällt und den Wald abräumt, dann kann man auf dem bisschen an fruchtbarer Krume nur etwa 5 bis 7 Jahre lang etwas anbauen. Dann ist der Boden ausgelaugt und steinig, und nie wieder wächst etwas. Dann muss neuer Urwald gerodet werden. Und dann wieder neuer. Alle zwei Sekunden wird weltweit so viel wie ein Fußballfeld an Urwald platt gemacht. Und das ist schlimm. Nicht schade, nein, schlimm. Warum? Weil dieser Wald die für uns notwendige Luft zum Atmen produziert. Wenn der Urwald nicht mehr da ist, dann müssen wir uns die Luft beim “Aldi” in Dosen holen.

Und dann kommen die Siedler. Sie finden sonst keinen Platz, weil Großgrundbesitz durchweg das anbaufähige Land okkupiert. Flächen z.T. so groß wie Bundesländer. Und die Siedler wollen aus dem Regenwald ihr Ackerland gewinnen. Dann sind da die großen Viehherden die immer weiter in den Wald eindringen, weil wir Leute im Norden jeden Tag Fleisch und Wurst brauchen (McDonald lässt grüssen), auch für sie wird aus dem Regenwald Weideland gemacht. Dann sind da die vielen klugen Köpfe, die wollen jeden Tag ihre Zeitung, doch für Papier, da braucht der moderne Mensch unsägliche Mengen Holz. Und all das soll der Regenwald dem Menschen liefern. Aber so kann man ihn nicht nutzen, nein, so wird er nur vernichtet. Denn das Ackerland wird zur Wüste in kurzer Zeit und das Weideland wird zur Steppe nach kurzer Zeit. Und die Bäume für Papier, die wachsen nicht nach, weil der Mensch vergisst, sie neu anzupflanzen. Er vergisst es einfach, weil, so sagt er, soviel davon da ist. Ja, das stimmt. Nur: wie lange noch?

Samstag, den 10.5.
Gestern in Santarém um 5 Uhr nachmittags abgefahren. Um halb 7 :00 auf eine Sandbank aufgelaufen. Es gab einen hellen Schlag und die Antriebswelle zur Schraube war verbogen. Der Amazonas ist tückisch. Für den Menschen, der darauf Schiff fahren will. Laufend verändert sich sein Untergrund. Denn er räumt den Abfall des Urwalds ab und befördert Unmengen an Bäumen, Inseln, Geröll, Sand, Steine, halt alles, was nicht niet und nagelfest ist und hineinfällt. Die tiefste Stelle, über die wir gefahren sind, war 110 Meter tief, und wo eben noch eine Fahrrinne war, ist plötzlich Sand unter der Oberfläche. Und so sind wir aufgelaufen. Und abgetrieben in die Mangroven. Weil der Motor nicht funktionierte, der den Anker runterlässt. Und dann haben sie ihn mit der Hand geleiert wie wild. Und wir hatten nur 1 m unter dem Kiel. Und dann hat der Anker gefasst und wir lagen still, direkt am Urwaldrand. Sie haben versucht, die Welle zu reparieren. Es ging nicht. Wir mussten zurück nach Santarém, der Abfahrtsstelle. Bis 11 Uhr nachts hat es gedauert, dann ging die eine Schraube wieder. Unser Schiff, das “Golfinho”, ist das schnellste auf der Strecke Belém - Manaus. Schafft die 1.500 km in 3 Tagen, die anderen benötigen 6 Tage. Nun aber ist das Delfinchen angeschlagen, und wir wissen nicht, wie lange wir brauchen bis Manaus. Niemand regt sich auf. Niemand. Zeit ist das, was man hat. Angenehm, so zu denken. Sonst müsste man sich hier dauernd aufregen.
Nun sind wir schon ein ganzes Stück den Amazonas rauf, und er ist noch immer so breit wie ein See. 5 bis 10 km allemal.
Der Regenwald hat sich verändert. Er ist niedriger, in der Ferne sieht man Berge. Weite Flächen sind überschwemmt. Manchmal ist auch eine Farm in Sicht.

Pilzeinschlag
So nutzen die Indianer den Urwald. Und nur so funktioniert es auf Dauer, wenn Menschen ihn nutzen wollen. Eine Fläche wie ein Pilz von 100 oder 200 m im Durchmesser wird gerodet und darauf bauen sie den Mais, die Juca, Bananen, die Kräuter und das Gemüse an. Soviel wie sie brauchen. 5 bis 7 Jahre lang. Und dann ziehen sie weiter. Und der Pilzeinschlag ist exakt so groß, dass alle Bäume und alle Pflanzen zurückkommen können. Auch die großen Bäume und die mit schweren Samen können sich den Lebensraum zurückerobern, den sie brauchen. Ist die Fläche zu groß, die gerodet wurde, schaffen das nur die Pflanzen mit leichtem Flugsamen und Bäume, die den Tieren ihren Samen mitgeben:
Und wenn nicht alle Pflanzen dahin zurück können, wo sie mal waren und dort wo sie gebraucht werden, dann ist das Gleichgewicht gestört, das fein ausgewogene. Denn im sensiblen Regenwald lebt alles abgestuft auf jedes, und fehlt ein Teil, geht die Uhr nicht mehr. Die des Urwalds.

Samstag, 10.5.
Das Leben auf dem Dampfer ist schön angenehm und entspannend. Man hat Zeit. Einfach Zeit. Schaukelt in der Hängematte, redet miteinander, schläft, schaut dem Urwald zu, wie er da träge vorbeizieht. Ab und an Anlegestellen, Menschen und Material werden ausgeladen.
Die Ankunft in Manaus war für heute 18 Uhr vorgesehen. Wegen der defekten Welle kommen wir morgen irgendwann an. Wen juckts, Hauptsache, wir kommen an.

Gestern mussten wir die Uhren um 1 Std. zurückstellen. Wir sind über eine Zeitzone gefahren. Jetzt geht die Sonne etwas früher unter. (Ja, ja, der Mensch in seinem Wahn: nicht die Sonne geht früher unter, meine Uhr ist verstellt, sonst nichts. Juckt die Sonne aber auch nicht).

Also Kinder, Christoph Kolumbus hat Amerika und die Indianer entdeckt .... Herr Lehrer, Herr Lehrer, das ist nicht richtig, sagt mein Onkel. Erstens hieß der Mann nicht Kolumbus, sondern Colón und zweitens sind die Indianer keine Indianer. Ja nun, mein Kind, jetzt sag einmal, warum denn das nicht? Hast du denn noch nie was von dem großen Indianer Winnetou gehört oder von den Indianern, die im Urwald leben? Doch, natürlich, Herr Lehrer, aber mein Onkel sagt, dass der Herr Colón sich geirrt hat als er Amerika entdeckte. Er glaubte, er wäre in Indien gelandet, denn da wollte er hin, sagt mein Onkel und wegen Indien hat er die Leute dort Indianer genannt. Ja, mein Kind, das mag schon so sein, aber wir bleiben denn doch mal lieber bei der offiziellen Version, gelle ! Also, als Kolumbus Amerika entdeckte und die Indianer ...

In Brasilien gibt es noch an die 200 000 Indianer, schätzt man. Es sollen ein paar Millionen gewesen sein, bevor Colón Amerika und der gute Vespucci Brasilien entdeckten. Und der Weiße hat die Kultur gebracht, daran sind die Indianer wie die Fliegen gestorben. Sowohl an Sklavenarbeit bis zum Krepieren, als auch an Krankheiten, die der weiße Mann mitbrachte, an Menschenjagd, um Platz zu machen für die hohen weißen Herren, die die Bodenschätze brauchen und den Reichtum des Waldes. Da haben sie sich denn zurückgezogen, die Indianer, in die unzugänglichen Tiefen des Urwaldes. Es gibt noch immer unentdeckte Stämme, die so leben wie ihre Ururahnen gelebt haben. Erst neulich hat die Indianerbehörde Kontakt bekommen mit einem Stamm, den keiner kannte. Eigentlich ist ihnen das Land, worauf sie leben, vom weißen Mann und seiner Regierung zugesagt worden. Aber dann setzt zu oft das gleiche Spiel ein. Da gibt es dann das gute Holz oder viele Bodenschätze oder irgendwas, was man brauchen kann in unserem modernen Leben. Und dann finden sich schon Tricks, wie das Land den Ureinwohnern weggenommen werden kann.

Hallo, Sie da, hallo, Herr Häuptling ! Verflixt, versteht das halbnackte Wesen mich denn nicht? He, Sie, also, pass mal auf, ich hab hier ein Radio, neustes Modell, Dingsblaster oder wie das heißt, ist ja auch egal, Mordswummer gibt das Ding von sich, wenn du in die Nähe von ´ner Radiostation kommst. Was? Ja, natürlich, Strom braucht das Ding, aber dafür gibt´s Batterien. Kriegste heute in jedem Laden, was? Habt ihr nicht ? Egal, pass mal auf: ihr habt doch das Recht, Bäume zu fällen, gehört euch doch alles hier, nicht? Ich brauch nur ein paar davon, hier, die Edelhölzer und so. Und falls ich noch mehr brauche, also, wie wär´s denn mit ´nem Jeep für die Konzession, bei euch buddeln zu dürfen? (erfunden die Geschichte? Leider nein, nur der Dialog)
Es gibt Stämme, da sind die Selbstmordraten unter den jugendlichen Indianern so hoch, dass ihr Fortbestand gefährdet ist. Sie löschen sich selbst aus. Weil sie keine Zukunft mehr sehen. Als Indianer-Menschen.

Sonntag, 11.5., 7 Uhr morgens
1.500 km sind wir jetzt auf dem Amazonas gefahren. Und bis zur peruanischen und kolumbianischen Grenze ist es noch mal so weit. Aber Amazonas heißt er von hier ab nicht mehr. Offiziell. Inoffiziell heißt er freilich weiter so, wie jedes Kind weiß. Und warum sollte das nicht mehr der Amazonas sein? Weil sich hier bei Manaus zwei Flussgiganten treffen, der Rio Solimões, der seine Wassermassen aus den Anden Perus herunterwälzt und der dunkle, mächtige Rio Negro aus Venezuela, schwarz wie sein Name besagt. Hier bei Manaus vereinen sie sich, die beiden Riesen. Aber vereinen wollen sie sich anfangs nicht. Und so fließen sie Kilometer um Kilometer nebeneinander her, der schwarze Rio Negro und der braune Rio Solimões. Und dann umarmen sie sich und werden DER FLUSS - Rio Amazonas.

Montag, 12.5. Manaus, Hotel Da Vinci
Was für eine andere Welt! Gestern kurz nach 8 Uhr vom Schiff in ein Taxi in ein Hotel mit 4 Sternen. Luxus. Wir kamen uns fremd vor. Deplaziert. Im falschen Film. Da waren die letzten Tage Blechverschläge gewesen, mit Abtritt und darüber das offenen Rohr als Dusche - und das für 200 Leute (unten gab´s nochmals so was) und hier Marmor. Vergrößerungsspiegel mit indirektem Licht im Bad (damit man seine Pickel auch richtig dick sieht) und ein Klo in dunkel gebeiztem Holz für zwei Leute! Und zwei große Betten. Und Lichter daneben, Und eine Minibar. Und Fernseher mit 13 Programmen. Und Ober, die um einen herumschleichen, ob man noch was möchte. Und da? Da gab´s morgens von viertel vor 6 bis viertel nach 6 eine zuckersüße Milch mit einem Hauch Kaffee und einer Handvoll Kekse. Wer nicht rechtzeitig kam, kriegte ein goldenes “Nix-chen” und ein silbernes “Não-chen” (Não heißt Nein). Und mittags und abends Schlange stehen. Platz am langen Tisch ergattern. Und dann knallten die Teller vor einen, und dann kamen der Reis und die Nudeln und ein wenig Fleisch, und wenn die gut gelaunt waren in der Küche, da unten im Heck, dann gab´s auch noch Bohnen dazu. Und einmal waren sie nicht gut gelaunt. Da gab´s nur Bohnen verdünnt, und Reste von Nudeln schwammen einsam umher in der Wassersuppe, die schon etwas vergoren war. Und einmal waren sie gar nicht gelaunt, und da gab es gar nichts. Und nett war´s. Freundlich und oft fröhlich, auf diesem überfüllten Schiff, auf dem es nicht eng wurde. Wir hatten sogar ein paar Freunde da. Und niemand hat sich beschwert. Und niemand ist unfreundlich geworden. Wir waren eine Familie. Und hier? Purer Luxus. Alles ist da. Wir sind allein zu zweit. Überlegen, ob wir weiterfahren.

Der Regenwald lässt regnen
Deshalb heißt er ja Regenwald. Gigantische Wassermassen verdampft er in die Luft, und dann kriegt er sie wieder auf den Kopf. Das sind dann die berühmten Tropenregen. Die dunkle Wolkenwand kommt näher, grau-blau-schwarz. Franst nach unten aus. Menschen rennen, suchen einen trockenen Platz. Schon kracht es, Blitz und Donner folgen einander, und dann öffnet sich der Himmel. Wasserfälle platschen auf die Erde. Vor den Fenstern und den Dachüberhängen erscheinen Wasservorhänge. Die Schwüle kühlt ein wenig ab. Aber nur so lange der Regen strömt. Und dann ist es wieder vorbei. Die Erde dampft wie eine Sauna und der Zyklus beginnt aufs Neue.

Ich hatte einen kleinen Freund auf der Reise. Er schlief in der Hängematte neben unserer Kabine. Wenn ich in mein Heft schrieb, guckte er mit großen Augen zu. Marianne haben sie in Ricaurte, in Ecuador, wo sie ihr Buch geschrieben hat, mal erstaunt gefragt, ob sie das alles auswendig kann, was sie da aufschreibt. Er konnte seinen Namen schreiben: Luis Henrique. Und war ganz stolz darauf. Oben auf dem Deck, wo die Stühle standen und wir den Sonnenuntergang und die Abendkühle genossen, hat er mich gesucht und unten, bei den anderen Leuten und vorn und hinten, um dann mit leuchtenden Augen zu verkünden: “te encontrei” - ich hab dich gefunden. Und manchmal traute sich seine kleine Hand in die meinige. Mutter, Großmutter, der Onkel und die Kinder machten die beschwerliche Reise nach Manaus in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Luis hat jetzt mein kleines Taschenmesser.


Mittwoch 14.5., Flughafen Manaus
Um 6 Uhr sind schon viele Leute unterwegs. Unser Taxifahrer hatte wohl bei Ayrton Senna gelernt, dem berühmten brasilianischen Rennfahrer, der gegen eine Mauer fuhr und dabei tödlich verunglückte.

Ein Tag zuvor: Wir wollten unbedingt mit dem Bus aus der Stadt zum Hotel zurück. Nirgends ein Stadtplan und niemand kannte die Straße. Und ein Bus nach dem anderen mit unbekanntem Namen fuhr an uns vorbei. Ein alter Mann mit einer sichelförmigen Narbe auf der Backe erinnert sich: ja, ihr müsst den 113 nehmen. Jawohl, sagt der Kassierer, zu der Strasse fahren wir, ich sage Bescheid. Und dann wird die Strasse immer schlechter und die Gegend immer wüster und die Menschen immer ärmlicher. Hier haben sie bestimmt noch nie einen Touristen gesehen. Uns wird es immer schwummriger. Marianne hat die Leica unterm Arm geklemmt. Und dann sagt der Fahrer: hier ist es, und Marianne sagt, hier steige ich nicht aus. Dann fragt der Kassierer die Leute, aber es konnte einfach nicht sein, dass in dieser Gegend ein Hotel steht. Wir haben ein wenig gezittert und mussten dann doch aussteigen, Endhaltestelle. Der Bus wurde abgeschlossen und der Fahrer geht essen. Und sie winken uns alle freundlich zu, halten den Daumen hoch und rufen “wird schon” und „da drüben geht’s weiter“. Zu unserer Erleichterung kommt ein Taxi, das bringt uns quer durch die Stadt zurück zum Hotel in die Straße mit dem gleichen Namen. Es gibt zwei davon. Und wir brauchen einen Schnaps.

Donnerstag. Kurz vor 8 Uhr morgens - Bogotá
Da sind wir wieder in der kalten Stadt am Abhang der Anden, da, wo es zum Urwald runtergeht. Die Reise durch den Urwald ist zu Ende. Gestern sind wir von Manaus nach Tabatinga geflogen. Das ist ein verlorener Ort mitten im Urwald dort, wo sich die Grenzen treffen von Peru, Kolumbien und Brasilien. Auf der kolumbianischen Seite heißt derselbe der Ort Leticia. Wir sind mit dem Taxi rüber. Aber eine Grenze, so mit Schlagbaum und Grenzer, die gibt es nicht. Irgendwann fand ich die Reklame am Straßenrand komisch geschrieben. Ach, da waren wir wieder im Spanischen und in Kolumbien. Die Stempel der Ausreise aus Brasilien und der Einreise nach Kolumbien muss man sich irgendwo holen. Der Taxifahrer zum Flughafen war der letzte nette Brasilianer auf der Reise, das Taxi ein alter VW, der in Schlangenlinien den Schlaglöchern ausweicht. Wobei die alte Klapperkiste mehr dem eigenen Willen als dem seines Fahrers gehorcht. Aber irgendwann tauchte dann doch der kleine Flughafen auf. Und mit dem alten Wagen und dem netten jungen Mann darin haben wir Abschied genommen von Brasilien. Dem Land unserer Liebe. Hauptsächlich deshalb, weil die Menschen so nett sind, menschliche Wärme bezeugen. Auf den anderen Menschen bezogen, für ihn mitdenkend. Und lieb und freundlich, oft strahlend. Meist stressfrei. Und wenn Probleme auftauchen, dann heben sie sehr oft ihren rechten Daumen und sagen  “ tudo bem” und versuchen, den Konflikt im Keim zu ersticken. Obwohl, da sind auch die vielen Verbrechen und die soziale Ungerechtigkeit. Die vielen armen Leute, die Kinder, die arbeiten müssen, damit die Familie überhaupt überleben kann. Ja, das ist auch da. Das darf man nicht übersehen. Auch das hat mir imponiert, wenn die Leute sagten, jawohl, das finden wir schlimm. Und wenn man genug darüber geredet hatte über das Allgemeine und Schlechte und so, dann kam das Persönliche. Dann wurde was Nettes, was Positives gesucht. Denn selbst leben, das ist ganz, ganz wichtig. Das hab ich gelernt. Theoretisch.

M. sagt, sie glaubt, in einem früheren Leben sei sie Brasilianerin gewesen. Das drückt es genau aus, das Gefühl

 

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Friday, 30. october 2009 5 30 /10 /Okt. /2009 17:28

Rio de Janeiro kannten und liebten wir bereits, auch wenn es als gefährliche Stadt verschrien war. Von Ecuador aus hatte ich in Rio eine Tagung besucht, eine Woche lang Stadt und Menschen genossen, kam zurück nach Quito, nahm M am Arm: Da müssen wir hin. Wir fuhren. Im nächsten Urlaub. Was für eine Wohltat, diese herrlichen Strände, diese schönen, netten Menschen (später sollten wir formulieren: die weniger netten Cariocas, Bewohner von Rio, sitzen im Gefängnis oder stehen in Deutschland in der Zeitung), diese Lust zum Feiern und Flirten in der Luft, die Getränke, Bars und halbseidenen Straßenrestaurants, in denen man gut essen konnte, die aber auch Treffs der Touristen mit schönen und bereitwilligen Damen und Herren war, die gesamte Copacabana hinab. Nachts gingen wir aus, tanzen, schauen, staunen, was es alles gibt.  Mit M, blond und sexy angetan, kam ich beschwingt in unser Hotel zurück. Der Nachtportier kannte uns nicht, redete auf mich ein, unverständlich. Er kam uns bis zum Zimmer nach, hielt einen Anmeldezettel hoch, ich verstand, eine Dame mitbringen kostete extra. Er wollte nicht glauben, dass sie die Ehefrau war. Zum Essen wurden immer Vorspeisen gereicht, die Oliven aß ich alleine, im Hinterkopf, M mag sie nicht. Nach 14 Tagen fragte M, warum sie nie Oliven kriege, sie, die sich die schönen Sachen immer zum Schluss aufbewahre, aber dann seien sie immer weg. Vom Donner gerührt versuche ich bis heute, ihr mehr Oliven als mir aufzulegen. Das große Badetuch mit der barbusigen Mulattin, auf die ich mich gerne lege, habe ich bis heute. Mitten auf der Av. Atlantica, der sechsspurigen Uferstraße die Copacabana hinauf und hinunter, standen unter Palmen Verkaufsstände. Da hatte ich die Dame gesehen und mich verguckt, ohne Traute, sie selbst zu kaufen. Wir saßen bei einer Caipirinha mittags im Lokal, M sagte, ich hole sie dir, verschwand unter den Menschen, kam lange nicht zurück. Ich bestellte eine 2. Caipirinha, ging zum Klo, kam zurück, der Ober fragte, ist das nicht ihre Dame, die hat nach ihnen gesucht, jetzt geht sie da unten. Im Stehen stürzte ich das starke Getränk hinab, begann zu laufen und war besoffen, als ich M erreichte. Caipirinha, in der Hitze geschüttelt ist nicht zu empfehlen. Von da an war Rio unsere Traumstadt und das Angebot, ein Büro der Ebert-Stiftung zu leiten, unwiderstehlich.  

Aller Anfang ist schwer. Portugiesisch mussten wir lernen. Die Sprache, oberflächlich dem Spanischen ähnlich, vielleicht so, wie Holländisch und Deutsch, einige Worte kommen bekannt vor, müssen aber keinesfalls die selbe Bedeutung haben, das lernten wir schnell. Mein neuer Mitarbeiter reagierte indigniert bei der Frage, ob er eine oficina habe, ein Büro auf Spanisch. Nein, natürlich nicht, woher auch, er habe ein Escritorio. Komisch, das hieß Schreibtisch in Spanisch. Was sind das für Arbeitsverhältnisse? Die Verwirrung löste sich später auf, oficina bedeutet Werkstatt, escritorio Büro. Peinlich wurde es bei der Gastgeberin. Wir lobten, ihr Essen sei exquisit, vorzüglich, auserlesen. Sie wandte sich beleidigt ab, wer will schon hören, sein Essen sei esquisito, sonderbar, eigenartig. Das alles und noch mehr erfuhren wir in unserem Sprachkurs. Sechs Wochen 8 Std. am Tag strietzten sie mich, M kam gut mit der Lernmethode zurecht.

Salvador da Bahia (komplett: Salvador de Bahia de Todos os Santos), das schwarze Herz Brasiliens liegt an der Küste, fast schon im Norden des Landes. Die Stadt an der Allerheiligen Bucht ist wohl die exotischste und exzentrischste in Brasilien. Zwei Drittel der Bevölkerung sind Nachfahren der schwarzen Sklaven aus Afrika und entsprechend geprägt ist das Leben. Afrikanische Riten, Kulte und Religion trifft man überall. Hervorragend auch das Essen, Bahias Küche zeigt deutlich afrikanische Einflüsse. Zu den Grundzutaten gehören das Öl der Dendê-Palme, Kokosmilch, Garnelen und Muscheln, Gewürze der Region wie Pfeffer und grüner Koriander. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur die Namen lese: Vatapá, mein Lieblingsessen, ein Püree aus getrockneten und frischen Krabben und kleinen Fischstücken gekocht zusammen mit Cashewnüsse, Erdnüsse, Zwiebeln, frischer Koriander, frische Ingwerwurzel, Palmöl, Bohnen und Kokosmilch. Das Gericht wird mit einem Brei aus Reismehl und Kokosmilch serviert und mit einer scharfen Soße gegessen. Oder Moqueca, auch mein Lieblingsessen (ich kann mich nicht entscheiden): ein Eintopf aus Fisch (de peixe), Tintenfisch (de lula) oder Trockenfisch (de bacalhau) und Kokosmilch, Palmöl, Koriander, Petersilie, Tomaten, rotem Paprika, Knoblauch und Zwiebeln, kommt kochend und sprudelnd auf den Tisch. Dazu werden Reis, Pfeffersauce und geröstetes Maismehl gereicht. Oder das Acarajé: ein Bällchen aus Bohnenmus und Krabben, in heißem Palmöl frittiert. An jeder Straßenecke lockt eine Bahianisch-afrikanische Matrone mit Leckerbissen.

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Saturday, 31. october 2009 6 31 /10 /Okt. /2009 13:26

Bahia ist alt und voller Historie. 1549 haben die Portugiesen hier ihre erste Hauptstadt als koloniales Zentrum errichtet. Indios wurden aus dem Landesinnern an die Küste gebracht als Arbeitskräfte für die Zuckerrohrplantagen. Hart war die Arbeit, zu hart. Verfolgung und Anfälligkeit der Indios für europäische Krankheiten kamen hinzu, viele starben. Sklaven aus Afrika einzuführen war die glorreiche Alternative (keinesfalls für die Sklaven) und Beginn des Völkergemisches. Vier Gruppen bilden den Ursprung der brasilianischen Bevölkerung: die Portugiesen, die ursprünglichen Kolonialisten, die Afrikaner, ehemalige Sklaven, verschiedene Immigrantengruppen, (hauptsächlich aus Europa, dem Nahen Osten und Asien, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Brasilien angesiedelt haben - seit 1818 sind über 300.000 Deutsche eingewandert -, unter ihnen eine große japanische Bevölkerungsgruppe - 1 Million alleine in Sao Paulo - außerdem viele Polen), und natürlich die einheimischen Volksgruppen der Tupi- und Guarani-Sprachfamilien (200 ethnische Gruppen mit insgesamt etwa 500.000 Mitgliedern). Sehr viele von ihnen haben sich so umfassend vermischt, dass eine klare Zuordnung oft nicht mehr möglich ist. Und leben, summa summarum, recht friedfertig miteinander. Aus einem Kolonialstaat, der in ein Königreich überging, die Unabhängigkeit erkämpfte, ein Königreich blieb, Demokratie und Diktatur erlebte der, seit 1985 wieder Demokratie folgte, bis heute blieb, stabiler wurde, war unversehens ein multi-ethnisches Land geworden, das nur wenige Rassenschranken kannte. Hier oben in Bahia aber dominierte die schwarze Bevölkerung.

Angst hatten wir oft in dieser Stadt, seltsam, so viele Touristen und so viel Lob der Schönheit, wir aber waren vorsichtig. Man hatte uns gewarnt, ja doch, aber vor Rio hatte man uns auch gewarnt, da war sie nicht so dominant, die Angst. War es, weil die Stadt so anders war, auch die Menschen, war es, weil vieles verfallen, die Armut bis ins Zentrum vorgedrungen war? Wir waren Weiße, die fielen auf, die waren reich. Natürlich verdienten die Menschen nicht im Jahr was unsere Kamera gekostet hatte, warum sollten sie nicht versuchen, sie abzunehmen, klang logisch. Armut, so lernten wir, dominiert Brasilien, mancherorts ist sie pittoresk, malerisch anzuschauen, auch die Menschen agieren nicht betrübt wie Arme in unserer Vorstellung, sie sind oft lebenslustig, wohlgemut, genießen ihr Leben. In Bahia sprang uns die Armut an, sichtbarer als in Ecuador, fordernd, Abhilfe verlangend. Mag sein, dass es ein Anfangseffekt war, ausgelöst durch diesen krassen Gegensatz zu einer Wohlstandsgesellschaft, die wir die letzten 5 Jahre wieder genossen hatten. Die Armut sollte uns die ganzen Zeit begleiten, noch sichtbarer in Rio, da begann die Favela einen Block hinter dem Haus, in dem wir wohnten. Sie wurde ein Teil unseres Lebens, den wir nicht ändern konnten, doch zumindest einigen haben wir geholfen, dienstlich und privat. In Bahia waren wir noch hilflos. Nie sind wir überfallen worden, die Kamera haben wir noch heute. Obwohl: fast wäre sie weg gewesen, später, wenn M nicht so kaltschnäuzig reagiert hätte. Aber das erzähle ich weiter unten. Nicht alles Negative auf einmal.

Anspruchslos hatten wir gewählt, in einer Familie zu wohnen, Sprache auch außerhalb des Kurses von Einheimischen zu lernen. Zwei ältere, würdige Damen empfingen uns zurückhaltend, hier, ihr Zimmer, verschwanden - was sie dann immer tun sollten, uns kaum Gelegenheit zum Reden gebend. Voll war das Zimmer mit uns, den Koffern und Taschen, dem Bett, dem Schrank und dem Tisch. Hier sollten wir es sechs Wochen aushalten? Das Fenster zum Hinterhof bot ebenfalls einen trübsinnigen Ausblick. Experte war ich, Leiter des Büros einer internationalen Organisation und wieder in einem sparsam möblierten, engen Zimmer wie in alten Zeiten und während des Studiums. Wir machten das Beste draus und gingen aus. Das konnte man in Bahia.

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Monday, 2. november 2009 1 02 /11 /Nov. /2009 13:05

An den Wochenenden machten wir Urlaub vom Sprachkurs, fuhren raus aus der Stadt in ein Hotel an der Praia do Forte, einem herrlichen, langen, einsamen Sandstrand, schauten den jungen Männern zu, die akrobatisch Capoeira im Sand übten, ihren aus Afrika mitgebrachten Kampftanz, einziger und lange Zeit verbotener wirksamer Widerstand gegen Sklavenjäger, gingen am Strand spazieren, probierten die frischen Gerichte an den kleinen Ständen. Den besten Fisch haben wir hier gegessen, der hatte vor Stunden noch gelebt, wurde auf einem kleinen Feuer im Sand gegrillt, kam mit Reis auf den wackeligen Tisch, mit den Fingern haben wir ihn genossen und gestöhnt vor Wonne.

Schlaraffenland auch das Frühstücksbuffet im Hotel, üppig in Brasilien üblich, hier aber außergewöhnlich. Die langen Tische voll von den herrlichsten Kleinigkeiten der bahianischen Küche, allen voran die süßen, in Fett gebackenen Kuchen aus Maismehl und Kokos  und tropische Früchte frisch vom Baum. Mittagessen konnte danach ausfallen.

In die Zeit der Hyperinflation waren wir geraten, zum Schluss über 50% im Monat. Daran mussten wir uns erst gewöhnen, nicht zu viel Geld abheben, das war am Monatsende nur noch die Hälfte wert. Feste Preise gab es nicht, sie änderten sich manchmal täglich, grauenhaft für eine Volkswirtschaft, niemand kann längerfristig Anschaffungen planen, niemand Preise vergleichen. Kam man nach dem 3. Geschäft wieder in das erste, konnte der Preis schon gestiegen sein.

Befreundet hatten wir uns mit einem jungen Schuhputzer, der klagte, machte überdeutlich, welche Auswirkungen eine solche Inflation haben kann. Er wollte nach Hause, ins Innere des Landes, sparte eifrig und jedes Mal, wenn er genügend zusammen hatte von der mühevollen nur Cents einbringenden Arbeit, war der Fahrpreis schon weit davongelaufen. Er kam nicht heim. Wir haben ihm ausgeholfen.

Inflation hat nicht nur makroökonomische Ursachen, sie setzt sich fest in den Köpfen, automatisiert die Preiserhöhungen, antizipierend, dass jeder es tut. Fernando Henrique Cardoso, neuer Finanzminister und später Präsident, schaffte es in einer halbjährigen, intensiven Kampagne, das Vertrauen wichtiger Wirtschaftsteilnehmer zu gewinnen, sie abzuhalten von diesen Automatismen, an die einzuführende Währung zu glauben. Eine Zeitlang hatten wir drei davon, die alte, eine Zwischenwährung zum Eingewöhnen parallel zu der neuen, die 3 Stellen auf den Noten strich und Real hieß. Mancher Tourist, der die Währungen nicht unterscheiden konnte, wurde ganz schön ausgenommen.

Als Sprachlehrerin eine wunderhübsche junge Frau mit langen, schwarzen Haaren zu haben war mir recht, solange sie mich nicht vom Lernen abhielt, die Gefahr bestand allemal. Zwei Hamburger Schiffsbauer, in Bildungsurlaub hier, waren noch im Kurs. Die beiden, stellte sich raus, hatten nicht groß vor, Sprache zu lernen, Bahianische Mulattinnen waren ihr Objekt des Begehrens. Konnte ich ihnen nicht verübeln. Was für hübsche Menschen überall, am schönsten die Frauen, jung, grazil, aber auch afrikanisch-würdig und wenn sie tanzten, aufreizend, konnte man nur noch an das Eine denken.  Zumeist waren sie morgens müde, unsere beiden Hamburger Jungens. Sie verstanden nichts, ich ein wenig über das Spanisch, M alles sofort, doch die Böhmischen Dörfer von Konjugation und Sprachaufbau musste sie mir, der ich davon keine Ahnung hatte - wie auch mit der Volksschule im Hintergrund - mühevoll in der Freizeit mit eigenen Übungen einschleifen. Sprache hatte ich bisher hauptsächlich über Hören gelernt, Imperfekt, Gerundium, Plusquamperfekt .....waren Fremdworte, die auf mich in einer fremden Sprache niederprasselten. Es war zum Verzweifeln. Kurz vor der Prüfung rettete M mich aus einem Weinkrampf der Verzagtheit, zeigte mir als didaktisch versierte Sprachlehrerin was ich konnte und paukte die Schwachpunkte mit verständlichen Beispielen durch. Ich bestand mit der zweitbesten Note, M natürlich mit Auszeichnung. Und niemand fragte jemals nach meinem Zeugnis. Sprechen musste ich können.

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Wednesday, 4. november 2009 3 04 /11 /Nov. /2009 12:24

(Fortsetzung von: im Sprachkurs in Bahia)

Langsam verstanden wir mehr und eines Abends beim Fernsehen alles. Was ist das? Hat es plötzlich einen Durchbruch gegeben, war die Sprache uns zugeflogen? Die Hochstimmung löste sich auf, wir hatten eine Sendung in Spanisch gesehen.

Sie kam mit der Zeit, die Sprache, wurde melodisch, schön, elegant in ihren Wendungen. Fragte einer nach: é? konnte die Antwort sein: é! und bedeutete: wie, meinst du das wirklich? Ja, natürlich, das ist meine Meinung. Noch immer schlichen sie sich ein, diese vermeintlichen Ähnlichkeiten aus dem Spanisch. Queridos expertos, begrüßte ich die Teilnehmer des Seminars und erntete verschämtes Gelächter. Ich hatte sie als Schlitzohren bezeichnet, sie fühlten sich entlarvt. Auch das schliff sich ein, heute liebe ich das brasilianische Portugiesisch.

Und die Brasilianer, allen voran die Cariocas, die Rio bevölkern, die lebenslustigen, keiner Feier abholden, freundlichen, mitmenschlichen (M: jedes Mal wenn ich vom Einkaufen zurück komme, bin ich glücklich, jedes Mal haben sie mir was Nettes gesagt), die angenehmen, friedfertigen. Ja, friedfertig, wir wissen um die Bandenkämpfe in den Favelas, wir kennen die Korruptheit und Brutalität der Polizei und haben die Militärdiktatur nicht vergessen, die soviel Leid gebracht hat. Trotzdem bleibt, dass Brasilien nur einen einzigen begrenzten militärischen Konflikt mit seinen Nachbarn ausgetragen hat und das noch kurz (auf Drängen der USA hat Präsident Vargas ein Kontingent von Soldaten in den 2. WK geschickt.) Fremder bleibt man unter ihnen, den einwanderungsgeprägten, nur so lange man die Sprache nicht spricht. Egal ob schwarz, braun, blond, rot oder gelb, in der Multi-Kulti Gesellschaft fällt man nicht auf. Eher durch Hölzernheit in Gebärde und Rede und zu große Bikinis. Auf dem Inlandsflughafen in Rio beobachten wir eine Gruppe Frauen, dem Äußeren nach Deutsche in ihren Trachten, doch Bewegung und Diktion, die uns undeutlich erreichte wiesen sie als Brasilianerinnen aus. Sie kamen aus dem Süden des Landes, der deutschstämmigen Kolonie, waren längst Brasilianerinnen, behielten alte Sitten und Gebräuche, manche auch ihre Muttersprache, fremd klingend aus einer früheren Zeit, angereichert mit einheimischen Vokabeln. Moch mol  die Janellen (Fensterläden) zu, dos Sofa moliert (wird feucht). Entspannend zu beobachten ihre Freude am Sex und Verlieben. Nicht nur die bildschönen Mulatas am Strand in ihren Zahnseide-Bikinis und ihre nicht minder gut aussehenden Verehrer, alle, bis hin zu den alten Leuten, die sich, braungebrannt, nicht zierten, ihre verflossene Schönheit zu zeigen, waren im Dauerflirt. Ein junger Mann in Badehose, hielt uns auf der Avenida Atlantica an, könnt ihr mich mitnehmen, ich muss dringend zu meiner Bar in Ipanema, Gitarre spielen und nun hab ich die Zeit vergessen - und meine Kleider. Am Strand, sprudelte es aus ihm vor Begeisterung, hab ich eine wunderschöne Frau kennen gelernt, wir sind zu ihr, ich bin dann kurz eingeschlafen, meine Kleider haben meine Freunde und ich muss jetzt arbeiten. Danke, sagte er, dass ihr mich mitnehmt. Ich hab kein Geld, dafür spiele und singe ich euch eine eigene Komposition. Der Bossa Nova wurde im Wagen getrommelt, auf dem Polster, an der Decke, am Fenster, auf dem Blech und machte auch uns glücklich.  Zum glücklich Sein ist zuträglich Sonne, eine Caipirinha, Musik und ein netter Flirt mit Alt oder Jung, so lernten wir.

Das Alles erfuhren wir später, nach dem Sprachkurs, dem vermaledeiten, in Rio.

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Friday, 6. november 2009 5 06 /11 /Nov. /2009 11:48

Copacabana! „Palmenblätter rauschen in sanfter Brise. Milchkaffeebraune Körper, in winzigen farbenfrohen Tangas zur Schau gestellt, räkeln sich auf glitzernd weißem Sand. Kristallklares Wasser zerstäubt am Ufer zu Wolken kühlen Schaumes. Und darauf brennt unablässig die Sonne vom azurblauen Himmel“. So preist ein Nachrichtenmagazin den Traumstrand der nicht nur ein Traum ist. Wie ein perfekter Halbmond geformt schwingt sich die Bucht 4 Km vom Morro do Leme, dem Hügel von Leme hoch zum Arpoador zwischen Copacabana und Ipanema, dem Fort von Rio mit der großen Kanone davor, Krupp steht drauf. Zwei Mal wurde mit ihr geschossen, in den 20er Jahren, einmal auf ein fliehendes Schiff, ohne zu treffen, das zweite Mal haben die Matrosen die Kanone herum gewuchtet und ein paar Ladungen in das Stadtzentrum geschickt weil Revolution war und die Machthaber sich dort verschanzt hatten. Ich weiß nicht mehr wie es ausging, viel ist nicht passiert, wahrscheinlich haben sie irgendwann gefeiert.

Weltberühmt Strand und Stadtviertel, mehr sogar als Ipanema, dem anschließenden, reicheren, bekannt durch den Bossa Nova vom liebliche Mädchen mit seinem wundervollen Gang, bleibt Copacabana Star in der Kette von 30 Km Sandstrand, einer hinter dem anderen, sich bis hinunter nach Grumari ziehend, dort, wo das Moor mit seinen Mangroven anfängt, die Welt der Cariocas, der Bewohner von Rio, zu Ende ist und die Sonne untergeht. In Leme, am unteren Felsen, beginnt unser Hausstrand. Hier stößt die Avenida Atlantica, die breite Uferstraße, an den in das Meer hineinragenden "Morro", schwingt in einer Kehre um, entlässt ein paar Seitenstraßen weiter die Avenida Rainha Isabel, die Verbindungsstraße, durch einen Tunnel in die Stadt, führt an berühmten Hotels rechterhand vorbei, an Straßencafés, aus denen Samba und Bossa Nova-Rhythmen klingen, an architektonisch gelungenen Wohnblocks, an Bars und Tanzlokalen, linker Hand der fast immer bevölkerten Strand. Es ist der Ort, an dem sich Rio trifft, Alt und Jung, Reich und Arm. Dies sicher auch ein Spezialität der Stadt, die keine Rassengrenzen kennt besonders, wenn schöne Körper knapp verhüllt sind. Einem Tanga sieht man nicht an, ob er aus der Favela oder der Villa kommt. Der Strand ist Treffpunkt, Vergnügungsviertel, Sport- und Spielfeld - alte Männer sitzen an einem Ledertisch mit Laschen, in die Spielkarten geschoben werden, damit sie nicht wegfliegen, Angler haben ihre weit reichenden Leinen ausgeworfen, verweilen daneben, junge Männer stehen, immer, die Arme vor der Brust gekreuzt, reden, schauen, lauern auf ihre Chancen bei den Mädchen, die, wenn sie nicht gerade flirten, sich das lange glänzende Haar bürsten, mit Lotion betupfen, damit es nicht ausbleicht, sich sorgsam einölen, an ihren Minibikinis herumzupfen. Damen sitzen unter ihren Sonnenschirmen, alte Männer auch, ganze Familien haben sich ausgebreitet, essen, trinken, lachen, quatschen. Dazwischen Verkäufer mit Getränken, Chips, Spießen mit gegrillten Krabben, Sandwiches, Sonnenbrillen, Schmuck, Sonnenöl, schleppen ihr Gepäck stundenlang, durch den Sand watend, rauf und runter. Munter geht es zu, einige im Wasser haben den Trick raus, unter den anrollenden hohen Wellen hindurch zu tauchen, andere werden überrollt, kommen lachend, prustend, leicht erschreckt von der Wucht wieder auf die Beine, Fußgänger flanieren, laufen am Wasser entlang, den anrollenden Wellen ausweichend, manche joggen im tiefen Sand. Und den gebräunten, hageren älteren Frauen und Männern sieht man die sechzig Jahre Strandlauf in der Sonne Rios an. Schwarze, dünne Straßenkinder, die im Sand übernachtet haben, stehen auf, wenn es zu heiß wird, nehmen ein Bad oder gehen betteln. In Abständen, nahe der Avenida, rustikale Fitness-Geräte, an denen muskelbepackte Figuren hängen und ihre Übungen machen. Den Strand hinauf auch die Postos 1 bis 8, ovale Türme von deren oberen Stockwerk Lebensretter Ausschau halten, zumeist eher nach hübschen Mädchen.. Nachts ist der Strand angestrahlt und ebenfalls bevölkert. An den kleinen Büdchen sitzen Menschen, reden, schauen, genießen, trinken Kokoswasser , Bier, Caipirinha, Fruchtsäfte, frisch gepresst. Und Fußball, immer und überall wird Fußball gespielt, für Mitteleuropäer nicht ganz einfach im tiefen Sand, oder Fuß-Volley, die akrobatische Variante, 3 gegen 3 darf der Ball barfuß nur mit der Brust, dem Kopf oder den Beinen angenommen, über das Netz ins andere Feld geschlagen werden. Natürlich spielen sie auch Beachvolley, gekonnt und spannend anzusehen. Sie spielen tagsüber, abends, die ganze Nacht. Und wenn man um 4.00 oder 5.00 Uhr früh vom Tanzen kommt, hält man an einer der vielen Strandbuden und trinkt ein eiskaltes Kokoswasser aus der Kokosnuss, plaudert mit den anderen, die Spätheimkehrer vermischen sich mit den Frühaufstehern, und gemeinsam betrachtet man voller Andacht und Dankbarkeit die Sonne, die als großer, roter Ball aus dem Meer steigt, das Wasser zuerst dunkelrot, dann lila und tiefblau, schließlich silbern und türkis färbt. Manchmal klatschen sie, die Cariocas, begrüßen den neuen Tag der besonders schön sich ankündigt.

(Prima Seite mit ner Menge Infos über Urlaub in Rio :

Tipps für den Strand)

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Sunday, 8. november 2009 7 08 /11 /Nov. /2009 11:39

Leme wird der untere Stadtteil am Strand genannt, vom Ort Copacabana durch die Princesa Isabel getrennt, klein und ruhig das Viertel mit vielen alten Leute, netten Geschäften, Märkten, Plätzen, ohne Bars aber mit hervorragenden Restaurants. Hier wollten wir wohnen  M klapperte Wohnblock für Wohnblock ab, fragte die Wächter am Eingang - jedes Haus hat Bewachung, die sitzt hinter einem Tisch in den großzügig gestalteten Eingängen. Eine Traumwohnung war es nicht, die wir fanden mit ihren verwinkelten, engen Zimmern, da hatten wir ganz andere, reichere gesehen. Aber sie hatte einen Traumausblick aus dem 11. Stock, links auf das Ende des Strandes mit dem Felsen, rechts hinauf auf die ganze Copacabana und genau vor uns Strand und Posto 1, Beginn des bewachten Teils und Treffpunkt der Verliebten.

Nicht nur die landschaftliche Schönheit hatte uns gereizt. Der Blick auf das muntere Treiben war exotisch und wurde nie langweilig. Tag und Nacht war etwas los am Strand, auf der Promenade, in den Bars und Kaffees, den Restaurants, den Diskos und Nachtlokalen, den Absteigen und Hotels, immer Bewegung, immer was zu genießen, zu erleben, gut für Abenteuer. Die breiten Fußgängerwege beidseitig der Uferstraße, von Niemeyer und Marx, den brasilianischen Stars unter den Architekten und Landschaftsgestaltern schwungvoll an- und ausgelegt - das Pflaster spiegelt die Meereswogen, zeigt abstrakte Kunstwerke -, sind Meilen zum Flanieren. Wie in südlichen Ländern üblich wird es voll am späten Nachmittag,  dient zum Sehen und Gesehen werden, zum Anbändeln und sich Treffen, zum kurzen Plausch und Dabei sein, zum Schauen und Genießen und auf den Bänken haben sich Verliebte ineinander verknotet. Sport steht ganz oben bei den Cariocas, schließlich trägt man öfters Haut denn Anzug, hat einen Körper als Markenzeichen. Fahrrad fahren sie, fast 100 Km Fahrradweg gibt es in Rio, die genutzt werden, aber auch Jogger und Skater trainieren und die Body Builder am Strand sowieso. Voll sind auch die himmelvielen Studios, eine Besonderheit sind Spezialübungen für den Bumbum, den Hintern, geliebtes Objekt körperlicher Schönheit bei den Cariocas. In Spezialgeschäften kann man Korsetts mit eingearbeitetem Knackarsch erwerben wie anderswo den BH mit Einlagen. Zumeist brauchen sie die Hilfe nicht, besonders die Mulattinnen, die von der Natur mit idealem Bumbum Begünstigten.

Sonntags wurde die Avenida, strandseitig für den Autoverkehr gesperrt, zum Festplatz für Familien.  Dann wurde auf der Straße gegrillt, gefeiert, gegessen, Musik gemacht, gesungen und getrunken und wem es zu heiß wurde, der ging ins Wasser. Natürlich wurde all das übertroffen von den Straßenfesten zum Karneval. Anwohner samt Opa, Oma und Kindern sperrten ganze Nebenstraßen ab und feierten bis tief in die Nacht hinein, singend, tanzend, trinkend, Musik machend, manche gekleidet in Fantasiekostüme die mehr zeigten als verhüllten. Wann der Karneval begann? Kurz nachdem der alte aufgehört hatte.

Und einmal pro Woche gab es eine dieser Rallyes von "Viva Rio" gegen Hunger, die als Teilnahmegebühr Lebensmittel auf Lastwagen sammelte, sie umgehend in den Armenvierteln verteilte. Tonnen kamen zusammen, der gute Zweck verbunden mit sportlichem Ehrgeiz.

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