Hier ist ein Bericht über unsere Reise in Brasilien, durch den Norden und über den Amazonas. Es ist kein wissenschaftlicher Bericht. Er ist geschrieben im Gedanken an Euch und was ich gerne
erzählen würde. Ich habe aufgeschrieben, was und wie ich es sehe. Und was mir dabei noch so im Kopf rum geht.
Am Donnerstag, den 24. April 1997 sind wir von Bogotá abgeflogen und am 25. April um 7.40 Uhr in Rio gelandet. Von Freitag bis Dienstag Rio. Liebe Leute getroffen, alles zu schön. Jemand sagt,
alles ist voller Staus hier. Marianne sagt, es gibt keinen schöneren Stau als den auf der Avenida Atlântica mit dem Strand und den attraktiven Menschen.
Dienstag um 15.30 Uhr Flug nach São Luis.
Um Mitternacht kommen wir an. 27 Grad, hat der Pilot gesagt. Wir kommen dem Äquator nah! Warm. Obwohl - in Rio war´s auch schön mollig. Egal, alles besser als im kühlen Bogotá. Jetzt sind wir schon
wieder 10 Std. unterwegs. Von Rio bis hierher über 3.000 km, etwa 30 Mal von Dietzenbach nach Hommertshausen! Und dann 4 ½ Std gewartet in Fortaleza. Da war´s auch schön warm.
São Luís ist eine französische Gründung aus der Zeit, als die Franzosen den Portugiesen ihre Kolonien abnehmen wollten. Hieß mal Saint Louis. So wie die berühmte Stadt in Amerika. Da wo der alte
Blues, der so heißt wie die Stadt, noch heute gespielt wird. Aber hier in São Luís wird er nicht gespielt. Die Franzosen haben sie schnell wieder rausgeworfen.
BELÉM DO PARÁ
Jawohl, die Stadt heißt Bethlehem. Belém auf portugiesisch. Und Nazareth gibt es auch, und zwar als Stadtteil In Nazaré. Gibt es den Urwald im Palmengarten “Jardim Zoobotânico Emílio Goeldi”. Mit
Urwaldbäumen und Tieren. Ganz angenehm, auf Wegen durch den Urwald zu laufen, und die Krokodile sind hinter Gittern und liegen nicht hinter der nächsten Wegbiegung. Ganz schön mächtige Dinger,
diese “jacarés”. Fünf Meter lang war eins. Wenn der das Maul aufmacht, dann passt ein Kleinwagen rein. Nun ja, ein ganz kleiner Kleinwagen. Und schnell sind sie, diese Biester. Das traut man denen
gar nicht zu. Wie der Blitz starten sie los, wenn sie wollen und zack, hast du ein Bein weniger und sie eins mehr.
Und dann haben wir einen Peixe-Boi gesehen - eine Seekuh. Diese Säugetiere gibt’s schon seit etwa 25 Mio. Jahren, doch gegenwärtig sind sie vom Aussterben bedroht und stehen unter Naturschutz.
Unser Bursche da, der war schätzungsweise schon an die 50 Jahre alt, mit seiner Schweineschnauze Tang müffelnd. Diese friedlichen Flussbewohner können bis zu 750 kg schwer und 4,5 Meter lang
werden! Und kunterbunte Vögel gab´s und Affen, Panther und Leoparden und ein Becken voll mit Hunderten von Kinderschildkröten. Niedlich. Und im anderen Becken, da lagen die Eltern-Schildkröten
aufeinander. Der Vater war zu faul zum Laufen, und die Mutter musste ihn tragen. Oder umgekehrt. Aber gaaaanz langsam voran, dass der Krähwinkler Landsturm nachkommen kann.
Belém liegt am Amazonas-Delta. Das dürft ihr euch keinesfalls so vorstellen, als wenn die Lahn in den Rhein einbiegt. Da bei Lahnstein. Nein, der Amazonas, der ist nicht einfach so ein Fluss. Er
ist, der Fluss aller Flüsse. Und alle anderen Flüsse müssen SIE zu ihm sagen. Er ist so groß, dass eine Insel, größer als die Schweiz, in seinem Delta Platz hat. Und nicht nur eine Insel. Hunderte,
ja Tausende auf seinem Lauf von Peru bis hierher besitzt er.
Montag, den 5.5., Belém
Tropenregen. Hitze und Schwüle verwirren meinen Kopf. Nichts als Rumhängen. Für Mittwoch ist das Schiff nach Manaus gebucht. Offene Decks mit Hängematten. Hier fahren keine Touristen mit. Ist nicht
ungefährlich auf diesen landesüblichen Passagierschiffen, warnt man uns. M. hat die Leica dabei. Wir haben eine Kabine gebucht.
Belem liegt im Bundesstaat Pará. Para-Nüsse kommen von hier. Sie liegen wie Babies im Schoß der braunen Frucht. Niedlich.
Haben heute am Hafen und bei den Hallen des Marktes “Ver-O-Peso” fotografiert. Plötzlich hatten wir gut bewaffnete Begleitung. Ein Polizist blieb neben uns. Auf diesem sehr populären Markt werden
außer Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse auch Kräuter, Essenzen und Tinkturen für und gegen alles angeboten, z.B. gegen böse Schwiegermütter, untreue Ehemänner, Unfruchtbarkeit, und auch vieles, das
mit dem Aberglauben der Einheimischen zu tun hat.
Dienstag, den 6.5.
Am Hafen steht eine Menschenansammlung und bewundert das Boot von Bill Gates. Nun ja Boot. Eine Jacht so groß wie ein Flussdampfer, nur viel schöner. Soll 20 Mio. Dollar gekostet haben. Der Chef
von Microsoft hat’s ja. Dreht uns dusselige Programme wie Windows an und scheffelt Geld. 40 Milliarden Dollar soll er mittlerweile als Vermögen besitzen. Der Herr Gates kam aber nicht raus aus
seinem Schiff. Hätte ihm liebend gerne gesagt, dass ich nichts von seinen Sachen halte. Dass er, aus purer Macht- und Gewinnsucht die mögliche Verbesserung der Computer aufgehalten hat.
Hier gibt´s ganz wundersames Essen. Schon die Namen allein machen mir Hunger: Pacú, Pirarucú, Tacacá, Tamuatá de Tucupí und so. Viel Maniok wird benutzt. Die kartoffelartige Wurzel stammt ja auch
von hier. Ach, und schmecken tut es erst! Wie Urwald.
Donnerstag, den 8.5.

, 6 Uhr früh.
Seit gestern Abend unterwegs. Auf dem Fluss der Flüsse. Besser gesagt, noch immer auf seinem Abflusssystem. Über Hunderte von Kilometern ist es ein System von Flüssen, Kanälen, Strömen und Bächen,
die den Urwald entwässern. Und seine Majestät Amazonas mittendrin.
Unser Schiff heißt “Golfinho”(Delphin). Es hat zwei Decks, das sind einfache, zur Seite hin offene Plattformen und einen dicken Bauch für die vielen Güter, die den Fluss hinauf sollen. Hier wird
alles, was die Menschen am Amazonas brauchen, über den Fluss transportiert. Und wenn man bedenkt, dass das Amazonas-Becken ein Drittel der Oberfläche von Brasilien einnimmt und Brasilien so 25 mal
größer ist als Deutschland, dann ist das ein riesiges Gebiet am Fluss hinauf und in seinem Hinterland.
Die Plattformen des Schiffs haben an der Decke Haken. Und da hängt sich jeder seine Hängematte auf. Dicht an dicht, eine oben, zwei schräg drunter. Wie im Hühnerstall. Platz für 450 Leute, steht am
Schiff. Wenn einer nachts raus muss, stößt er unweigerlich die anderen Hängematten an und alle wachen auf, oder auch nicht. Nachts und wenn es regnet werden an den Seitenwänden Planen
runtergelassen, tagsüber hat man eine prima Sicht und eine gute Belüftung. Und den ganzen Tag schaukeln die Leute lässig und zufrieden in ihren Matten.
Wir schlafen in einer winzigen Kabine. Stehend umdrehen kann man sich nur, wenn der Andere auf dem Bett liegt.
Um 5.30 Uhr morgens der erste Aufenthalt. Frauen und Kinder in Kanus tauchen neben dem Schiff auf. Sie hoffen auf Essen und Kleidung. Die ganze Strecke werden sie da sein, still wartend in ihren
schlingernden Einbäumen, ob jemand eine zugeknotete Plastiktüte raus wirft. Und dann tanzen sie in den Wellen, die unser Schiff hinterlässt und bleiben mit ihren hungrigen Blicken zurück. Fahren
können sie mit ihren Booten. Sie gleiten und wenden, wie Schwimmer in der Brandung. Ihre Hütten, die ab und an am Ufer auftauchen, sind längliche Bretterverschläge. Sie stehen auf Pfählen und haben
Türöffnungen und Fenster, die wie Augen in einem Totenschädel aussehen. Morgens schon früh steigt Rauch durch das Palmendach. Der Urwald ist dicht dran, links und rechts. Manchmal sind es auch
kleine Ansammlungen von Hütten, alle haben einen Steg oder mindestens einen Baumstamm in den Fluss hinein. Da liegen ihre Einbäume. Wovon die wohl leben?
Jetzt fahren wir eine Abkürzung durch einen Kanal. Das kenn ich von unserem Fahrer in Esmeraldas in Ecuador. Der ist mit dem Boot auch immer quer durch den Mangrovenwald gesaust. Da gab es
Abkürzungen, deren Eingänge wir in den dicht herabhängenden Wurzeln und Blättern nicht gesehen hatten. Und wutsch, waren wir mittendrin in den Mangroven. Die Mangroven sehen aus, als stünden sie
auf Fingern wenn man die steif auf den Tisch stellt. Das sind ihre Wurzeln. Mit denen stehen sie im Wasser. Und saugen sich ihre Energie daraus. Ein unendliches Gewusel. Und diese Mangroven stehen
auch hier an den Ufern des Kanals.
Unten ist das ärmere Deck. Wie im richtigen Leben. Die Armen sind unten. Aber von da aus fliegen die meisten Plastiktüten zu den Kindern mit den großen Augen in den Kanus. Die ganze Nacht
durchgefahren ist der Steuermann. Pechschwarze Nacht. Kein Radar. Nur einen großen Suchscheinwerfer, der vor ihm die Wasseroberfläche absucht.
Freitag, 9.5. 7 :00 Uhr.
Jetzt sind wir seit 36 Std. unterwegs. Die Hälfte der Strecke haben wir hinter uns. Gleich kommen wir nach Santarém. Frühaufsteher muss man hier sein. Um 5.00 Uhr schimmert die Sonne durch die
Plane an der östlichen Seite. Wenn sie hoch gerollt wird, beginnt das Menschengewirr in den Hängematten sich zu regen. Manche haben sich eine Decke über das Gesicht gezogen, andere sind eingerollt
wie eine Larve in ihrem Kokon, husten tut einer hier und da, Füße kommen raus, und verschlafene Gesichter schauen umher als wollten sie noch nicht so richtig glauben, dass es bereits Morgen ist.
Und dann muss man sich anstellen beim Waschen und am Klo. Es gibt nämlich nur ein Waschbecken auf jedem Deck und je 2 Klos für Männer und für Frauen. Praktisch ist das: man sitzt auf dem Klo und
kann sich gleichzeitig duschen. Um ¼ vor 6 knallen die beiden Mädchen von der Küche eine große Kanne hinten auf den Tisch, dann segelt eine Schale von der anderen Seite hinterher, und ein Bottich
mit Tassen wird auf einen Stuhl gewuchtet. Das Frühstück ist da. Es gibt (wie immer) sehr süße Milch mit einem Hauch Kaffee drin und trockene Kräcker. Und da es nicht für alle reicht, muss man ein
wenig drängeln. Die Kinder nehmen sich Berge von Kräckern, weil es bis Mittag reichen muss und ob es mittags was gibt ist so sicher gar nicht. Und dann steh ich mit meiner ergatterten Tasse
Milchkaffee an der Reling und schau auf den frischen Urwald, der im Morgenlicht glitzert und geheimnisvoll strahlt.
Daneben benommen
Hinten und vorn auf dem Schiff stehen Blechkajüten. Vorne ist es das Ruderhaus, da wo der Käpt´n und sein Steuermann stehen. Dahinter sind die 7 Kabinen. In einer davon sind wir untergebracht. Und
hinten auf dem Schiff sind die Blechkabinen der Klos, die gleichzeitig Duschen sind. Und die Küche ist auch dort. Zwischen dem Männer- und Frauenklo links und rechts steht ein langer Tisch mit zwei
Bänken, an denen in drei Schichten gegessen wird. Reis und Farofa (Maniok-Mehl) gibt es immer. Ohne “farofa”, so sagen sie, taugt das Essen nichts. Und dann gibt´s mal Fleisch- mal Hähnchenstücke
und auch mal Nudeln und braune Bohnen (anstelle der schwarzen, wie in Rio) als Beilage. Wir haben natürlich - vornehm wie wir sind - Messer und Gabel benutzt. Bis uns Blicke auf die anderen
Mitesser klarmachten, dass das nicht die richtige amazonische Art ist. Die geht so: Man benutzt als Haupt-Ess-Instrument den Löffel. Den greift die Hand von oben im Klammergriff, den Daumen elegant
zum Löffel hin gestreckt, den Oberkörper vorgebeugt. Da sie durchweg klein sind, die Mischlinge indianischen Ursprungs, müssen sie sich nicht weit zum Tisch hin vorbeugen. Mit dem Löffelrand wird
alles zerkleinert, und hier und da, wenn es zu zäh ist, darf auch das Messer benutzt werden. Und dann wird geschaufelt, was das Zeug hält. Ja, ja, fremde Sitten!
Marianne hat Schnupfen. Das kommt von den Klimaanlagen in den Hotels. Die Leute hier haben eine Lust am Frost wie wir an der Wärme. Wenn eine Klimaanlage da ist, wird sie aufgedreht. Sie tanken
sich mit Kälte voll wie wir mit Hitze.

Links und rechts in einiger Entfernung gleiten die Wände des Urwalds
vorbei. M. sagt, schrecklich der Gedanke, hier zu kentern. Es stimmt, man käme gar nicht rein in den Wald, der wie eine Wand hoch aufragt. Alles zu. Am Horizont Rauchschwaden. Sie brennen den Wald
ab für Weiden oder Ackerland. Aber das geht nicht, nein, so kann man diesen Wald nicht behandeln! Er geht dabei gründlich zugrunde, und zwar für immer. Der Regenwald, so hat man mich gelehrt, hat
nur eine kleine fruchtbare Humusschicht auf seinem Boden. Der grüne Dschungel lebt von seinem Blätterdach. Und wenn man die Bäume fällt und den Wald abräumt, dann kann man auf dem bisschen an
fruchtbarer Krume nur etwa 5 bis 7 Jahre lang etwas anbauen. Dann ist der Boden ausgelaugt und steinig, und nie wieder wächst etwas. Dann muss neuer Urwald gerodet werden. Und dann wieder neuer.
Alle zwei Sekunden wird weltweit so viel wie ein Fußballfeld an Urwald platt gemacht. Und das ist schlimm. Nicht schade, nein, schlimm. Warum? Weil dieser Wald die für uns notwendige Luft zum Atmen
produziert. Wenn der Urwald nicht mehr da ist, dann müssen wir uns die Luft beim “Aldi” in Dosen holen.
Und dann kommen die Siedler. Sie finden sonst keinen Platz, weil Großgrundbesitz durchweg das anbaufähige Land okkupiert. Flächen z.T. so groß wie Bundesländer. Und die Siedler wollen aus dem
Regenwald ihr Ackerland gewinnen. Dann sind da die großen Viehherden die immer weiter in den Wald eindringen, weil wir Leute im Norden jeden Tag Fleisch und Wurst brauchen (McDonald lässt grüssen),
auch für sie wird aus dem Regenwald Weideland gemacht. Dann sind da die vielen klugen Köpfe, die wollen jeden Tag ihre Zeitung, doch für Papier, da braucht der moderne Mensch unsägliche Mengen
Holz. Und all das soll der Regenwald dem Menschen liefern. Aber so kann man ihn nicht nutzen, nein, so wird er nur vernichtet. Denn das Ackerland wird zur Wüste in kurzer Zeit und das Weideland
wird zur Steppe nach kurzer Zeit. Und die Bäume für Papier, die wachsen nicht nach, weil der Mensch vergisst, sie neu anzupflanzen. Er vergisst es einfach, weil, so sagt er, soviel davon da ist.
Ja, das stimmt. Nur: wie lange noch?
Samstag, den 10.5.
Gestern in Santarém um 5 Uhr nachmittags abgefahren. Um halb 7 :00 auf eine Sandbank aufgelaufen. Es gab einen hellen Schlag und die Antriebswelle zur Schraube war verbogen. Der Amazonas ist
tückisch. Für den Menschen, der darauf Schiff fahren will. Laufend verändert sich sein Untergrund. Denn er räumt den Abfall des Urwalds ab und befördert Unmengen an Bäumen, Inseln, Geröll, Sand,
Steine, halt alles, was nicht niet und nagelfest ist und hineinfällt. Die tiefste Stelle, über die wir gefahren sind, war 110 Meter tief, und wo eben noch eine Fahrrinne war, ist plötzlich Sand
unter der Oberfläche. Und so sind wir aufgelaufen. Und abgetrieben in die Mangroven. Weil der Motor nicht funktionierte, der den Anker runterlässt. Und dann haben sie ihn mit der Hand geleiert wie
wild. Und wir hatten nur 1 m unter dem Kiel. Und dann hat der Anker gefasst und wir lagen still, direkt am Urwaldrand. Sie haben versucht, die Welle zu reparieren. Es ging nicht. Wir mussten zurück
nach Santarém, der Abfahrtsstelle. Bis 11 Uhr nachts hat es gedauert, dann ging die eine Schraube wieder. Unser Schiff, das “Golfinho”, ist das schnellste auf der Strecke Belém - Manaus. Schafft
die 1.500 km in 3 Tagen, die anderen benötigen 6 Tage. Nun aber ist das Delfinchen angeschlagen, und wir wissen nicht, wie lange wir brauchen bis Manaus. Niemand regt sich auf. Niemand. Zeit ist
das, was man hat. Angenehm, so zu denken. Sonst müsste man sich hier dauernd aufregen.
Nun sind wir schon ein ganzes Stück den Amazonas rauf, und er ist noch immer so breit wie ein See. 5 bis 10 km allemal.
Der Regenwald hat sich verändert. Er ist niedriger, in der Ferne sieht man Berge. Weite Flächen sind überschwemmt. Manchmal ist auch eine Farm in Sicht.
Pilzeinschlag
So nutzen die Indianer den Urwald. Und nur so funktioniert es auf Dauer, wenn Menschen ihn nutzen wollen. Eine Fläche wie ein Pilz von 100 oder 200 m im Durchmesser wird gerodet und darauf bauen
sie den Mais, die Juca, Bananen, die Kräuter und das Gemüse an. Soviel wie sie brauchen. 5 bis 7 Jahre lang. Und dann ziehen sie weiter. Und der Pilzeinschlag ist exakt so groß, dass alle Bäume und
alle Pflanzen zurückkommen können. Auch die großen Bäume und die mit schweren Samen können sich den Lebensraum zurückerobern, den sie brauchen. Ist die Fläche zu groß, die gerodet wurde, schaffen
das nur die Pflanzen mit leichtem Flugsamen und Bäume, die den Tieren ihren Samen mitgeben:
Und wenn nicht alle Pflanzen dahin zurück können, wo sie mal waren und dort wo sie gebraucht werden, dann ist das Gleichgewicht gestört, das fein ausgewogene. Denn im sensiblen Regenwald lebt alles
abgestuft auf jedes, und fehlt ein Teil, geht die Uhr nicht mehr. Die des Urwalds.
Samstag, 10.5.
Das Leben auf dem Dampfer ist schön angenehm und entspannend. Man hat Zeit. Einfach Zeit. Schaukelt in der Hängematte, redet miteinander, schläft, schaut dem Urwald zu, wie er da träge vorbeizieht.
Ab und an Anlegestellen, Menschen und Material werden ausgeladen.
Die Ankunft in Manaus war für heute 18 Uhr vorgesehen. Wegen der defekten Welle kommen wir morgen irgendwann an. Wen juckts, Hauptsache, wir kommen an.
Gestern mussten wir die Uhren um 1 Std. zurückstellen. Wir sind über eine Zeitzone gefahren. Jetzt geht die Sonne etwas früher unter. (Ja, ja, der Mensch in seinem Wahn: nicht die Sonne geht früher
unter, meine Uhr ist verstellt, sonst nichts. Juckt die Sonne aber auch nicht).
Also Kinder, Christoph Kolumbus hat Amerika und die Indianer entdeckt .... Herr Lehrer, Herr Lehrer, das ist nicht richtig, sagt mein Onkel. Erstens hieß der Mann nicht Kolumbus, sondern Colón
und zweitens sind die Indianer keine Indianer. Ja nun, mein Kind, jetzt sag einmal, warum denn das nicht? Hast du denn noch nie was von dem großen Indianer Winnetou gehört oder von den Indianern,
die im Urwald leben? Doch, natürlich, Herr Lehrer, aber mein Onkel sagt, dass der Herr Colón sich geirrt hat als er Amerika entdeckte. Er glaubte, er wäre in Indien gelandet, denn da wollte er hin,
sagt mein Onkel und wegen Indien hat er die Leute dort Indianer genannt. Ja, mein Kind, das mag schon so sein, aber wir bleiben denn doch mal lieber bei der offiziellen Version, gelle ! Also, als
Kolumbus Amerika entdeckte und die Indianer ...
In Brasilien gibt es noch an die 200 000 Indianer, schätzt man. Es sollen ein paar Millionen gewesen sein, bevor Colón Amerika und der gute Vespucci Brasilien entdeckten. Und der Weiße hat die
Kultur gebracht, daran sind die Indianer wie die Fliegen gestorben. Sowohl an Sklavenarbeit bis zum Krepieren, als auch an Krankheiten, die der weiße Mann mitbrachte, an Menschenjagd, um Platz zu
machen für die hohen weißen Herren, die die Bodenschätze brauchen und den Reichtum des Waldes. Da haben sie sich denn zurückgezogen, die Indianer, in die unzugänglichen Tiefen des Urwaldes. Es gibt
noch immer unentdeckte Stämme, die so leben wie ihre Ururahnen gelebt haben. Erst neulich hat die Indianerbehörde Kontakt bekommen mit einem Stamm, den keiner kannte. Eigentlich ist ihnen das Land,
worauf sie leben, vom weißen Mann und seiner Regierung zugesagt worden. Aber dann setzt zu oft das gleiche Spiel ein. Da gibt es dann das gute Holz oder viele Bodenschätze oder irgendwas, was man
brauchen kann in unserem modernen Leben. Und dann finden sich schon Tricks, wie das Land den Ureinwohnern weggenommen werden kann.
Hallo, Sie da, hallo, Herr Häuptling ! Verflixt, versteht das halbnackte Wesen mich denn nicht? He, Sie, also, pass mal auf, ich hab hier ein Radio, neustes Modell, Dingsblaster oder wie das
heißt, ist ja auch egal, Mordswummer gibt das Ding von sich, wenn du in die Nähe von ´ner Radiostation kommst. Was? Ja, natürlich, Strom braucht das Ding, aber dafür gibt´s Batterien. Kriegste
heute in jedem Laden, was? Habt ihr nicht ? Egal, pass mal auf: ihr habt doch das Recht, Bäume zu fällen, gehört euch doch alles hier, nicht? Ich brauch nur ein paar davon, hier, die Edelhölzer und
so. Und falls ich noch mehr brauche, also, wie wär´s denn mit ´nem Jeep für die Konzession, bei euch buddeln zu dürfen? (erfunden die Geschichte? Leider nein, nur der Dialog)
Es gibt Stämme, da sind die Selbstmordraten unter den jugendlichen Indianern so hoch, dass ihr Fortbestand gefährdet ist. Sie löschen sich selbst aus. Weil sie keine Zukunft mehr sehen. Als
Indianer-Menschen.
Sonntag, 11.5., 7 Uhr morgens
1.500 km sind wir jetzt auf dem Amazonas gefahren. Und bis zur peruanischen und kolumbianischen Grenze ist es noch mal so weit. Aber Amazonas heißt er von hier ab nicht mehr. Offiziell. Inoffiziell
heißt er freilich weiter so, wie jedes Kind weiß. Und warum sollte das nicht mehr der Amazonas sein? Weil sich hier bei Manaus zwei Flussgiganten treffen, der Rio Solimões, der seine Wassermassen
aus den Anden Perus herunterwälzt und der dunkle, mächtige Rio Negro aus Venezuela, schwarz wie sein Name besagt. Hier bei Manaus vereinen sie sich, die beiden Riesen. Aber vereinen wollen sie sich
anfangs nicht. Und so fließen sie Kilometer um Kilometer nebeneinander her, der schwarze Rio Negro und der braune Rio Solimões. Und dann umarmen sie sich und werden DER FLUSS - Rio Amazonas.
Montag, 12.5. Manaus, Hotel Da Vinci
Was für eine andere Welt! Gestern kurz nach 8 Uhr vom Schiff in ein Taxi in ein Hotel mit 4 Sternen. Luxus. Wir kamen uns fremd vor. Deplaziert. Im falschen Film. Da waren die letzten Tage
Blechverschläge gewesen, mit Abtritt und darüber das offenen Rohr als Dusche - und das für 200 Leute (unten gab´s nochmals so was) und hier Marmor. Vergrößerungsspiegel mit indirektem Licht im Bad
(damit man seine Pickel auch richtig dick sieht) und ein Klo in dunkel gebeiztem Holz für zwei Leute! Und zwei große Betten. Und Lichter daneben, Und eine Minibar. Und Fernseher mit 13 Programmen.
Und Ober, die um einen herumschleichen, ob man noch was möchte. Und da? Da gab´s morgens von viertel vor 6 bis viertel nach 6 eine zuckersüße Milch mit einem Hauch Kaffee und einer Handvoll Kekse.
Wer nicht rechtzeitig kam, kriegte ein goldenes “Nix-chen” und ein silbernes “Não-chen” (Não heißt Nein). Und mittags und abends Schlange stehen. Platz am langen Tisch ergattern. Und dann knallten
die Teller vor einen, und dann kamen der Reis und die Nudeln und ein wenig Fleisch, und wenn die gut gelaunt waren in der Küche, da unten im Heck, dann gab´s auch noch Bohnen dazu. Und einmal waren
sie nicht gut gelaunt. Da gab´s nur Bohnen verdünnt, und Reste von Nudeln schwammen einsam umher in der Wassersuppe, die schon etwas vergoren war. Und einmal waren sie gar nicht gelaunt, und da gab
es gar nichts. Und nett war´s. Freundlich und oft fröhlich, auf diesem überfüllten Schiff, auf dem es nicht eng wurde. Wir hatten sogar ein paar Freunde da. Und niemand hat sich beschwert. Und
niemand ist unfreundlich geworden. Wir waren eine Familie. Und hier? Purer Luxus. Alles ist da. Wir sind allein zu zweit. Überlegen, ob wir weiterfahren.
Der Regenwald lässt regnen
Deshalb heißt er ja Regenwald. Gigantische Wassermassen verdampft er in die Luft, und dann kriegt er sie wieder auf den Kopf. Das sind dann die berühmten Tropenregen. Die dunkle Wolkenwand kommt
näher, grau-blau-schwarz. Franst nach unten aus. Menschen rennen, suchen einen trockenen Platz. Schon kracht es, Blitz und Donner folgen einander, und dann öffnet sich der Himmel. Wasserfälle
platschen auf die Erde. Vor den Fenstern und den Dachüberhängen erscheinen Wasservorhänge. Die Schwüle kühlt ein wenig ab. Aber nur so lange der Regen strömt. Und dann ist es wieder vorbei. Die
Erde dampft wie eine Sauna und der Zyklus beginnt aufs Neue.
Ich hatte einen kleinen Freund auf der Reise. Er schlief in der Hängematte neben unserer Kabine. Wenn ich in mein Heft schrieb, guckte er mit großen Augen zu. Marianne haben sie in Ricaurte, in
Ecuador, wo sie ihr Buch geschrieben hat, mal erstaunt gefragt, ob sie das alles auswendig kann, was sie da aufschreibt. Er konnte seinen Namen schreiben: Luis Henrique. Und war ganz stolz darauf.
Oben auf dem Deck, wo die Stühle standen und wir den Sonnenuntergang und die Abendkühle genossen, hat er mich gesucht und unten, bei den anderen Leuten und vorn und hinten, um dann mit leuchtenden
Augen zu verkünden: “te encontrei” - ich hab dich gefunden. Und manchmal traute sich seine kleine Hand in die meinige. Mutter, Großmutter, der Onkel und die Kinder machten die beschwerliche Reise
nach Manaus in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Luis hat jetzt mein kleines Taschenmesser.
Mittwoch 14.5., Flughafen Manaus
Um 6 Uhr sind schon viele Leute unterwegs. Unser Taxifahrer hatte wohl bei Ayrton Senna gelernt, dem berühmten brasilianischen Rennfahrer, der gegen eine Mauer fuhr und dabei tödlich
verunglückte.
Ein Tag zuvor: Wir wollten unbedingt mit dem Bus aus der Stadt zum Hotel zurück. Nirgends ein Stadtplan und niemand kannte die Straße. Und ein Bus nach dem anderen mit unbekanntem Namen fuhr an uns
vorbei. Ein alter Mann mit einer sichelförmigen Narbe auf der Backe erinnert sich: ja, ihr müsst den 113 nehmen. Jawohl, sagt der Kassierer, zu der Strasse fahren wir, ich sage Bescheid. Und dann
wird die Strasse immer schlechter und die Gegend immer wüster und die Menschen immer ärmlicher. Hier haben sie bestimmt noch nie einen Touristen gesehen. Uns wird es immer schwummriger. Marianne
hat die Leica unterm Arm geklemmt. Und dann sagt der Fahrer: hier ist es, und Marianne sagt, hier steige ich nicht aus. Dann fragt der Kassierer die Leute, aber es konnte einfach nicht sein, dass
in dieser Gegend ein Hotel steht. Wir haben ein wenig gezittert und mussten dann doch aussteigen, Endhaltestelle. Der Bus wurde abgeschlossen und der Fahrer geht essen. Und sie winken uns alle
freundlich zu, halten den Daumen hoch und rufen “wird schon” und „da drüben geht’s weiter“. Zu unserer Erleichterung kommt ein Taxi, das bringt uns quer durch die Stadt zurück zum Hotel in die
Straße mit dem gleichen Namen. Es gibt zwei davon. Und wir brauchen einen Schnaps.
Donnerstag. Kurz vor 8 Uhr morgens - Bogotá
Da sind wir wieder in der kalten Stadt am Abhang der Anden, da, wo es zum Urwald runtergeht. Die Reise durch den Urwald ist zu Ende. Gestern sind wir von Manaus nach Tabatinga geflogen. Das ist ein
verlorener Ort mitten im Urwald dort, wo sich die Grenzen treffen von Peru, Kolumbien und Brasilien. Auf der kolumbianischen Seite heißt derselbe der Ort Leticia. Wir sind mit dem Taxi rüber. Aber
eine Grenze, so mit Schlagbaum und Grenzer, die gibt es nicht. Irgendwann fand ich die Reklame am Straßenrand komisch geschrieben. Ach, da waren wir wieder im Spanischen und in Kolumbien. Die
Stempel der Ausreise aus Brasilien und der Einreise nach Kolumbien muss man sich irgendwo holen. Der Taxifahrer zum Flughafen war der letzte nette Brasilianer auf der Reise, das Taxi ein alter VW,
der in Schlangenlinien den Schlaglöchern ausweicht. Wobei die alte Klapperkiste mehr dem eigenen Willen als dem seines Fahrers gehorcht. Aber irgendwann tauchte dann doch der kleine Flughafen auf.
Und mit dem alten Wagen und dem netten jungen Mann darin haben wir Abschied genommen von Brasilien. Dem Land unserer Liebe. Hauptsächlich deshalb, weil die Menschen so nett sind, menschliche Wärme
bezeugen. Auf den anderen Menschen bezogen, für ihn mitdenkend. Und lieb und freundlich, oft strahlend. Meist stressfrei. Und wenn Probleme auftauchen, dann heben sie sehr oft ihren rechten Daumen
und sagen “ tudo bem” und versuchen, den Konflikt im Keim zu ersticken. Obwohl, da sind auch die vielen Verbrechen und die soziale Ungerechtigkeit. Die vielen armen Leute, die Kinder, die
arbeiten müssen, damit die Familie überhaupt überleben kann. Ja, das ist auch da. Das darf man nicht übersehen. Auch das hat mir imponiert, wenn die Leute sagten, jawohl, das finden wir schlimm.
Und wenn man genug darüber geredet hatte über das Allgemeine und Schlechte und so, dann kam das Persönliche. Dann wurde was Nettes, was Positives gesucht. Denn selbst leben, das ist ganz, ganz
wichtig. Das hab ich gelernt. Theoretisch.
M. sagt, sie glaubt, in einem früheren Leben sei sie Brasilianerin gewesen. Das drückt es genau aus, das Gefühl