Auf einer Skala der Lebensfreude in Lateinamerika würde ich Brasilien auf dem Extrem der Freude, Kolumbien auf dem anderen Ende, dem der Traurigkeit und des Leids eintragen. Was
für ein Unterschied. Ich hatte das Land schon mehrmals dienstlich besucht. Alleine die Art, wie sie Auto fuhren, war gegeneinander gerichtet. Mit verbissenem Ernst kämpfte jeder gegen jeden um
Zentimetervorteile, verkeilten sie sich bei Einmündungen, verstopften sie systematisch Kreuzungen, auch bei Rot der Stoßstange ihres Vorderwagens folgend, schienen sie mir ein Paradebeispiel des
sozialdarwinistischen Prinzips zu sein, dass den Stärkeren als Gewinner definiert. Das Gegeneinander definierte auch die Gesellschaft. Seit der Unabhängigkeit vor 180 Jahren hatte es einen
Bürgerkrieg nach dem anderen gegeben, ein Massaker nach dem anderen, eins schrecklicher als das andere. In den 3 Jahren unseres Aufenthalts gab es noch immer Massaker. Die Guerilla hatte ganze
Landesteile in ihrer Gewalt. Die Paramilitärs kämpften gegen sie und für die Großgrundbesitzer, offenbar auch ab und an für die Militärs wenn es galt, schmutzige Aufträge auszuführen, jedenfalls
waren sie entstanden als Privatarmee, hatten sich selbstständig gemacht mit derselben Stoßrichtung gegen die Guerilla und die Militärs waren offiziell gegen alle beide, schafften aber keine
Ruhe im Lande. Fast täglich gab es politisch begründete Entführung, Mord, Totschlag, Vertreibung der Bevölkerung, draußen auf dem Land und mitten in der Stadt. Verbrechergruppen hängten sich an,
entführten auf eigene Kosten, die Drogenmafia finanzierte die Guerilla, die wiederum stellte sichere Anbaugebiete und Flughäfen zur Verfügung. In einem Drittel des Landes hatte die staatliche
Gewalt keinen Zutritt. Das, so schien uns, hat die Menschen geprägt. Natürlich waren Kolumbianer auch Latinos, natürlich gingen sie gerne tanzen, freilich feierten sie liebend gerne und waren
dann genau so freundlich, nett und lebenslustig wie Latinos anderswo. Doch irgendwann spät in der Nacht kamen die Erinnerung an schreckliche Erfahrungen, jeder hatte sie in seiner Familie und
dann wurde es traurig. Es war eine Zeit zwischen Schrecken und Normalität, zwischen Unfassbarem und Freude, es war eine Zeit mit Menschen, die alles taten, um sich und ihr Land auf andere Gleise
zu lenken, mit Menschen, die effektiv und zielgerichtet arbeiteten - in Lateinamerika nicht gerade ein verbreitetes Gut - mit bewundernswert ausgebauten sozialen Substrukturen. Mit Menschen
die nie aufgaben und viel erreichten für sich und ihre Gruppe. Kaum bekannt ist, dass Frauen in Kolumbien selbstverständlich auf allen Ebenen als Führungskräfte akzeptiert sind und agieren. Und
trotzdem blieb die vermaledeite Geschichte. Kolumbien ist weltweit das Land mit den meisten Entführungen und politischen Morden
Der beste Chronist ist Gabriel Garcia Márquez. Seine komplexen, tragischen, oft unfassbaren Erzählungen sagen mehr über Kolumbiens Historie denn jede Geschichtsschreibung. Aufgewachsen in der Küstenregion mit ihrer Grenze zu Venezuela und Panama bewegte sich sein Leben auf den Schienen der Vergangenheit, der unseligen, mit ihren dauerhaften Bürgerkriegen, der Ausbeutung durch Bananengesellschaft und ihren Massakern, der Willkür von Oligarchen, gedeckt von einer korrupten, oft mörderischen staatlichen Macht. Es sind die Erlebnisse seiner Familie, Historien eines gefolterten, ausgebeuteten Landes, das bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist. ( "Leben um davon zu erzählen").
Begonnen hatte es tragisch genug. Simon Bolivar, großer Befreier vom spanischem Kolonialismus, Visionär und (gewählter) Diktator einer lateinamerikanischen Föderation, das Kolumbien, Venezuela, Ecuador und Panama vereinte, starb verbittert in einem Kaff im Norden Kolumbiens ("Der General in seinem Labyrinth")Sein Traum währte weniger als zehn Jahre. Das Gebilde zerfiel 1830 in seine Einzelteile, nationalistische Strömungen hatten gesiegt. Danach begannen in Kolumbien die innenpolitische Auseinandersetzung sich dauerhaft fest zu setzen. Zwei Parteien waren es, die mit allen Mitteln um die Macht kämpften, die konservative, aus der Herrschaft der alten Oligarchien kommend, im Zentrum Großgrundbesitzern und Kirche, die einen von ihnen beherrschten Zentralstaat wollten und die liberale, die Interessen des wachsenden Handelsbürgertums und der zaghaften Industrialisierung vertretend. Mir gefallen die Liberalen besser, wollten sie doch einen moderneren, föderalistischen Staat, die Macht der Kirche brechen, freien Handel und Wandel, größere Gleichheit. Doch immer wieder gelang es den Konservativen mit legalen (Wahl)Mittel und illegalen Machtübernahmen, die (antiquierten) Interessen ihrer Klasse durchzusetzen. Seit Beginn mit kleinen und großen bewaffneten Auseinandersetzungen.
"Hundert Jahre Einsamkeit" fußt auf den Erzählungen des Großvaters von Marquez, dem General aus dem Krieg der 1000 Tage. 1899 war es wieder einmal so weit. Die Konservativen hatten sich durch Wahlbetrug an die Regierung zurück gebracht, das Land wurde mit Krieg überzogen bis 1902. 100 000 Menschen starben, einen Gewinner gab es nicht. Ein lascher Kompromiss ließ die Liberalen ein wenig mit regieren, der Bananenboom mit seiner Prosperität in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts hielt die Konservativen an der Macht - und die Bananengesellschaften im Geschäft. Ausgelöst durch einen Streik der Bananenarbeiter gegen die sklavenhalterische Arbeitsbedingungen der United Fruit Companie mähte das Militär auf Befehl des konservativen Präsidenten mit Maschinengewehren die Streikenden nieder.
(wird fortgesetzt)


Antanas Mockus wurde in unserer Zeit neuer Bürgermeister gegen den Strom des Zweiparteiensystems. Er ist Philosoph, Mathematiker und Alternativer, besiegte nach einem Wahlkampf ohne
Werbung, ohne Versprechen und mit geringen finanziellen Mitteln (weniger als 1.000 $US) den Vertreter aus dem Lager der Regierungspartei, sanierte die Finanzen, reduzierte die Todesfallstatistik
insbesondere durch die Einführung seiner - erstaunlicherweise - populärsten Regelung, der "hora zanahoria", dem Alkoholverbot ab 1.00 Uhr nachts. Das griff, knapp 20% ging die Mordrate zurück.
Mörder brauchen offenbar Schnaps. Lustig wurde es auf den Kreuzungen. Als alle Ordnungsbemühungen scheiterten, stellte er Clowns auf die Straße, die mit Pantomimen zur Einhaltung der
Straßenverkehrsordnung erzogen. Die Fahrer lachten und taten was die wild wedelnden Gestalten anwiesen. Parallel dazu führte er Fahrradwege ein, die heute mit einer Länge von über 300 Km zu
einem der größten Fahrradnetzwerke der Welt gewachsen sind. Es gab schon die "Ciclovia", die Sperrung von 120 Km Umgehungsstraße der Stadt jeden Sonn- und Feiertag bis 14.00 Uhr. Das baute Mockus
aus und heute nehmen über zwei Millionen Menschen zu Fuß, auf dem Fahrrad oder auf Inline-Skates an der Ciclovía teil. Mit Mockus änderte sich die Einstellung der Bürger zu ihrer Stadt. 1998
empfanden 67 % ,dass die Stadt lebenswert sei, im krassen Gegenteil zu den 75 % die sie davor als nicht lebenswert empfanden. Er kam zurück 2001 und seitdem wählen Bogotaner
linksgerichtete, nicht dem alten Parteienspektrum angehörige Bürgermeister. Heute, so sagt man, ist die Stadt liebenswert.



Das führte einmal zu einer größeren Sauerei. Mit dem großen, auf dem Bett aufstellbaren Tablett kam ich nur schräg durch die Tür, blieb mit dem weiten Ärmel des Kimonos im
Türknauf hängen, hatte zu viel Schwung und kippte den ganzen Inhalt auf den weißen Teppichboden. Da lagen sie nun, die Scherben der Teller und Gläser, die Spaghetti mitsamt leckerer Soße und
Rotwein bildeten eine rot-gelbe Schicht auf dem Teppich und nach einer Schrecksekunde lachte M sich kaputt. Es hat gedauert, bis die Schweinerei einigermaßen bereinigt war, die Empleada
musste noch Tage danach schrubben, doch ein Hauch von Erinnerung blieb immer haften. Wir sind dann essen gegangen.






Wir waren auf dem Weg nach Ibagué, Juan Carlos fuhr den Jeep, von Bogota ging es 1000 m den Berg hinunter in eine weite Hochebene, in der Mitte
der mächtige Magdalena-Fluss, der langsam, träge-braun dahin rollt, hier schon enorm, auf seiner Reise an die Küste grandios werdend bis er sich ins Meer ergießt. Drüben, auf der anderen
Flussseite führte die Straße wieder die West-Kordilleren hinauf. Noch immer zwischen 2000 und 3000 m weit oben, kalt war es. Ibagué ist die Hauptstadt der Provinz Tollima, genannt nach dem
riesigen Vulkan im Tal hinter der Stadt. Der Berg hat einen Sombrero-Hut aus Schnee und Wolken und ist momentan ruhig. Aber bei denen weiß man nie, ob sie nicht mal rotzen und kotzen wollen. Dann
kannste laufen Señor, sagte Juan Carlos!
Gut in Erinnerung ist mir eine Unternehmerin, die bereits ihren Betrieb reorganisiert und beachtliche Erfolge erzielte
hatte. Frauen erwiesen sich wieder einmal als lernfähigere Zielgruppen, sie waren durchweg flexibler und zuverlässiger als ihre männliche Unternehmerkollegen.












