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  • : Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte
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Von einem der auszog: Deutschland

Tuesday, 21. october 2008 2 21 /10 /Okt. /2008 12:52

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland

HommertshausenHommertshausen-56.jpg
liegt an den Ausläufern des Rothaargebirges klein und fein eingepackt in Hügelketten. Geboren bin ich hier. Ich stieg im Jahre 1963 in einen Zug, wie man in einen Traum gerät. Die Hauptsache war, wegzukommen (bei Josef Conrad geklaut weils so schön passt). 19 Jahre dörflicher Indoktrination hatten nachhaltige Wirkung gezeitigt. Fleißig, sauber, sparsam, treu, brav, angepasst und Samstag muss die Straße gekehrt werden. Heute ist es immer noch so. Sicher, alles ist moderner geworden, die Arbeitsethik aber dominiert noch immer. Meine Bücher musste ich auf dem Klo oder nachts unter der Decke lesen. Heute lese ich auch tagsüber - und habe prompt ein schlechtes Gewissen. Um mich herum arbeitsame Männer und Frauen, Motoren kreischen, Werkzeuge scheppern, Menschen eilen - ja sie rennen von einer Arbeit zur anderen. Nach Afrika fällt das besonders auf. Da geht man mit Würde. Und Arbeit ist eine Notwendigkeit.

Manchmal werde ich noch als Senior Experte eingesetzt. Zuletzt in Mosambik. Kamerun ist vorgesehen. Vor den Einsätzen habe ich Respekt. Die Anforderung, in 3 Monaten Strukturen zu ändern, belastet. Doch, ich will ich weitere Abenteuer, Erfahrungen, von hier verschwinden, abtauchen, dann wieder auftauchen mit neuen Geschichten.

Ich will aufschreiben. Nun, da mein Leben einigermassen zum Stillstand gekommen ist. Da waren die Jahre in Afrika und Lateinamerika, der Sex, die Liebe, die Freunde, die Arbeit, das Feiern, immer wenn es ging aus dem Vollen. Da waren diese Menschen, menschlicher oft als bekannt, manchmal auch nicht. Der Kreis hat sich geschlossen, ich bin wieder in Hommertshausen gelandet, dem Dorf, dem ich vor über 40 Jahren entflohen bin. Enge und Kleinheit, Regeln um Regeln sollten mein Leben nicht bestimmen. Nun bin ich wieder da und die Bedrückung kehrt zurück. Positiv ist die Sicherheit der Familie und die soziale Ausrichtung des Dorfs. Da ist ein Spagat von Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen zu einem ganz anderen Leben.

Schreiben und studieren: Biografien, Verhaltenssoziologie, Wirtschaftswissenschaft, Ethnologie, Paläontologie. Mein großes Themenfeld ist der Mensch, wo er herkommt, wie er tickt, sich über Wasser hält. Es ist viel, ich komme nur langsam voran. In die Zeit am Schreibtisch und über den Tag verteilt werden kleine Inseln eingeschobe mit Sport, Garten-, Hausarbeit.

Was will ich noch? Lernen, M lieben, Sport machen, lesen, lesen, lesen. Menschen einladen und kennen lernen, Konflikte schlichten, H rauchen und feiern. Und abends: kochen und trinken mit M, zärtlich sein, spielen, Fern sehen und Sex.

Mir ist kalt wenn es Winter wird. Trotz Heizung werde ich kaum warm. Als ob diese verdammte Kälte alles durchdringt. Oder kommt es vom extensiven Leben? Leben in vollen Zügen, präsent sein, menschlich sein und dem Untergang mir Würde begegnen, das will ich lernen von den Großen Vorbildern.   


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Saturday, 25. october 2008 6 25 /10 /Okt. /2008 13:31

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland

Rio war die schönste Zeit. Die Ausschläge im Spannungsfeld Leben extrem hoch und tief. Von Orgien bis Überfall. Von Caipirinha bis anderes Christentum. Von hoher Politik bis Favela-Elend. Von Liebe & Leidenschaft bis Todesnähe. Und über allem der Corcovado mit seinem Cristo (Redentor), diese wundervolle Stadt bewachend mit ihren Hügeln und Tälern, den Stränden und Menschen. Ich glaube, er passt an und ab nicht auf, der Christo. Weil er den Tangas nachschaut, nehme ich an. 5 Jahre hatten wir pralles brasilianisches Leben.

Hier auch der Schlüssel zur Rückkehr in mein Dorf. Wir wurden überfallen. In der Wohnung. M. arg verletzt. Pistolen am Kopp, ausgeraubt. Wenn wir nicht 10000 $ kriegen, erschiessen wir euch. Gefesselt. Hilflos. Verwundet. An Leib und Seele. 1 arger Schock, die Sicherheit seiner Wohnung zu verlieren und sich selbst. Behandlung. Beide. Die Sehnsucht, Sicherheit zurück zu gewinnen. Der Psychologe lässt mich einen Traum zeichnen. Adler über H. Und ein Holzhaus. Das haben wir uns dann gebaut. Und 2007 sind wir zurückgekommen aus Afrika. Zum ersten Mal all unsere Erinnerungen zusammen an einem Platz. Die Wohnung ist schön.
Das Haus und die Lage vor dem Tal, das Grün und im Herbst Bunte auf den Hügeln ringsum. Mutter und Bruder nebenan. Die Familie ist groß und hält. Aber alle Freunde weit zerstreut, in Deutschland und überall. Da beginnt es schon, mein Problem.  







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Monday, 3. november 2008 1 03 /11 /Nov. /2008 13:44

von Suchender - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland

Im Dorf
hatte ich einen Freund. Er kam fast nie zu mir, ich ging Donnerstags besonders gerne zu ihm, denn da kam die Lesemappe mit den Illustrierten. Solche weltlichen, sündhaften Zeitschriften anzusehen war mir verboten. Aber ich schaffte es immer wieder, sie heimlich durchzublättern. Da war sie, die Welt.

Zum spielen hatte ich wenig Zeit. Unsere kleine Landwirtschaft  brauchte jede Hilfe. Vater und Großvater arbeiteten tagsüber und ich musste Mist fahren und Jauche und den Stall säubern und bei der Ernte helfen. Ein Mal war es so kalt beim Kartoffel ausmachen dass mir die Finger abstarben. Die Erde war vom Regen durchtränkt und eisig und die Kartoffeln waren faul. Es stank und fühlte sich an nach kalter Verwesung. Ich habe geweint.

Sodder foan
Ich hatte als Junge immer kurze Lederhosen an mit breiten Hosenträgern. Diese Hose zog man so lange an, bis man herausgewachsen war. Entsprechend speckig war das Leder aber es war robust und so schnell ging kein Loch hinein und wenn was vom Essen drauf fiel, war das nicht schlimm. Vorne hatte die Hose eine Klappe, die wurde mit 2 Knöpfen aufgemacht. Die Klappe fiel dann runter und das Pinkeln ging einfach. Bis spät in den Herbst mussten wir die Hose tragen aber wenn es kalt wurde mit selbstgestrickten langen Wollstrümpfen, die fürchterlich kratzten. Die Strümpfe wurden oben an einem Leibchen befestigt, das unter der Hose getragen wurde und dessen lange Strapse unten rausguckten und zwischen Hose und Strumpf immer einen Rand vom nackten Bein frei lies. Da fror man dann.

Eine meiner Aufgaben im Frühjahr war Sodder foan. Unter dem Klo war eine Grube und in die fiel alles, was man im Klo hinterließ. Das vergor dann in der Jauchegrube im Winter und im Frühjahr musste dieser Sodder auf die Felder gefahren werden. Auf den Unterbau unseres großen Wagens kam ein Fass und das wurde an den Rand der Grube geschoben. Mit einer Dachrinne die vorne abgebogen war, wurde der Ausfluss der Schlegelpumpe und der Einlass vom Fass verbunden und dann hieß es pumpen. Es war nicht einfach, den Brei da raus und in das Fass zu kriegen und zum Runterdrücken des Schlegels brauchte ich immer beide Arme. Manchmal haben mir die Oma oder der Opa geholfen weil meine Arme noch zu schwach waren. Wenn das Fass voll war musste man schwer aufpassen dass es nicht überlief, denn das stank ziemlich und ich konnte mich nicht drauf setzen.

Danach wurden die Kühe eingespannt. Liese und Lotte trotteten träge dahin, wenn sie arbeiten sollten. Nur auf der Rückfahrt, wenn sie den Stall rochen, da wurden sie schnell. Kühe einspannen ist nicht einfach. Sie bekommen ein starkes Ledergestell vor die Stirn gehängt, ein Koppel, mit 2 Riemen an den Hörnern fest gemacht. In diesem Gestell  ziehen sie mit ihrem starken Nacken den Wagen. An das Ledergestell kamen rechts und links 2 Ketten, die wurden mit einem Brustriemen verbunden und der dann mit 2 weiteren Ketten links und rechts hinten an dem Wagen. In der Mitte zwischen beiden Kühen war eine Deichsel zum Lenken. Kühe sind schwerfällige Tiere und sie geben meist nichts auf das Hüh (rechtsrum) und das Hott (linksrum) auch wenn man es laut brüllt. Kühe sind zum Wagen und Pflug ziehen nicht gut geeignet, derweilen sie ja Milch geben sollen. Aber wir armen Bauern konnten uns keine Pferde leisten und deshalb mussten die Kühe ran. Sie gaben dann weniger Milch. Damit man mit Hüh und Hott auch sicher lenken konnte, kam noch eine lange Leine an die Koppel, eine an der linken Kopfseite für Lotte und eine an der rechten Kopfseite für Liese. Und wenn man dann neben dem Wagen ging und Hüh schrie, dann zog man an der Leine rechts, der Kopf von Liese ging nach rechts, sie hinterher und Lotte kam mit. So fuhr man Kurven. Eine Peitsche hatte ich auch, aber die war mehr zum Knallen. Das nutzte eh nichts, die Tiere gingen ihren Trott und wenn es ihnen zu viel wurde, blieben sie auch mal stehn.

Bis zur Fottbach ging es bergab, da durfte ich auf dem Fass sitzen. Vom Opa hatte ich es gelernt, das Jauche fahren und er schaute immer hinter her und kontrollierte. Weil drüben die Hardt hoch, da ging es steil und da hatten die Kühe viel zu tun. Da wär ich oben drauf eine Last zu viel. Und außerdem hatte Opa Angst, ich könnte runterfallen und unter die großen Holzräder geraten. Die waren mit Eisen außen beringt und wenn die über einen drüber rasselten konnte man tot oder querschnittsgelähmt sein. Ich aber fuhr so gerne oben auf! Dann fühlte ich mich als Cowboy oder Truck-Fahrer nach Chatanugaund weit weg von H.

Es ging langsam den Berg hoch, sehr langsam. Viel zu langsam für mich. Die Zeit verging mit Sodder foan und ich hätte lieber gelesen. Oder mit den anderen Jungens im Wald gespielt. Die hatten da ein Häuschen. Aber ich musste zumeist helfen. Der Vater war auf der Arbeit den ganzen Tag und mauerte Herde aus und Opa war Gärtner. Viel musste die Oma machen. Mutter war für den Haushalt zuständig und wenn sie da fertig war, ging sie mit auf den Acker. Meine Arbeitskraft war schon wichtig. Die Landwirtschaft war nicht groß genug, dass sie uns ernären konnte und so mussten Vater und Opa tagsüber arbeiten und wenn sie frei hatten, wurde das Land bebaut oder geerntet.

Auf dem Feld war gute, koordinierte Technik wichtig. Zuerst wurden Kühe und Wagen so auf den Acker gestellt, dass der Sodder auch dahin fiel, wo er hin sollte. Dann musste es schnell gehen. Hinten aus dem Fass kam ein Rohr, darüber war ein Schieber und darunter hing ein Schaufelblatt. Wenn man den Schwenkhebel aufzog, platschte der Sodder auf das Blatt, spritze auseinander im hohen halbkreisförmigen Bogen wie eine gelblich, durchschimmernde Wand und tränkte das Feld. Das war die erste Hürde. Der Schieber musste ganz aufgezogen werden und gleichzeitig mußte man einen Satz nach links tun damit man nicht von dem Strahl getroffen wurde. Das Zeug stank zum Steine erweichen. Aber jetzt mußte der Wagen anfangen zum fahren, sonst schoß der ganze Inhalt auf eine Stelle. Die Peitsche schwingend und laut brüllend kam ich über die Kühe damit sie ihren fetten Arsch in Bewegung setzten. Und dann ging es den Acker hoch und wenn das Fass leer war, gings heim. Das letzte bisschen Sodder floß aus, die Klappe wurde zu gemacht, die dreckige Hand an der Hose abgewischt und dann kam der Moment, wo ich mich draufsetzte, beide Beine links und rechts vom Fass runter gehängt und von oben die Welt betrachtete und der letzte Cowboy aus H. war.

Mäst foan war schöner als Sodder foan. Die Jauche lief schnell irgend wo hin, auch auf die Kleider, der Mist dagegen war schön quatschig und matschig. Gestunken hat er allerdings auch. Damals hatte jeder Bauernhof einen Misthaufen. Da kamen alle organischen Küchenabfälle und Hofabfälle drauf aber hauptsächlich wurde er gespeist von dem Mist der Tiere. Die kriegten Stroh unter, damit sie nicht auf den Steinen liegen mußten und da schissen und pinkelten sie auch drauf. Die Kühe waren meist so vornehm, nach Erledigtem einen Schritt zur Seite zu gehen, die Schweine dagegen wühlten sich richtig darin herum. Der Mist von denen mußte einmal die Woche gewechselt werden und stank abscheulich, der Mist von den Kühen und Kälber wurde täglich gewechselt und war einfacher zu handhaben. Mit der Gabel konnte man die Fladen aus Schitt und klein geschnittenem, vermoddertem Stroh einfach anheben und auf die Schubkarre laden. Manchmal hatte sich eine der Kühe nu doch da rein gelegt, dann musste sie gestriegelt werden. Links in der Hand hatte man einen Kratzer mit Stiel, rechts eine Bürste mit Schlaufe, da kam die Hand durch. Dann ging das so: mit der breiten Kratze links den Dreck aufgelockert, mit der Bürste rechts geglättet. Links, rechts, links, rechts bis der Schittfleck weg und das Fell wieder schön glatt war.

Der Mist wurde auf dem Misthaufen abgeladen bis der hügelhoch stand. Da war eine ganze Menge Mist, der sich  ansammelte. Aber den brauchten wir auch, der war die Grundlage des düngens. Ganz selten wurde chemischer Dünger zugekauft, dafür hatten wir kein Geld. Die Bauern damals, die machten schon biologischen Anbau als an das Wort noch keiner dachte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass chemische Bomben die Böden und den Weizen und das Korn und die Kartoffel und die Dickwurz düngen und von Ungeziffer frei halten. In meiner Jugend mußten wir noch die Kartoffelkäfer mit der Hand ablesen und mit einem Stein zermalmen. Das braucht man heute nicht mehr, das macht die Chemie und düngt auch noch, dafür nimmt man immer ein wenig Chemie zu sich, wenn man isst. Also, was wollte ich sagen, ja, der Mist war zum Düngen da und sehr wichtig und wurde im Herbst ausgefahren. Und Mist fahren war eine Menge Arbeit.

Mist ausfahren ging nun so: Der Kastenwagen mit schräggestellten Brettern an allen 4 Seiten wurde genommen. Der wurde an den Misthaufen gestellt und dann mußte ich mit Stiefeln an oben rauf und angfangen, die Mistflatschen auszustechen und auf den Wagen zu werfen. Manchmal ging es einfach, wenn der Mist schön geschichtet und alt und gut vergoren war, manchmal musste man ganz schön mit der Gabel graben und den Mist raus hebeln. War der Wagen bis zu den Bretter voll, kamen weitere Schichten drauf und die wurden am Ende mit dem Spaten wie ein Cherokee-sen-Kamm von den Seiten platt geschlagen. Damit nichts runter viel. Dann kamen die Kühe an den Wagen und ab gings aufs Feld. Bei der Rückfahrt konnte ich auf dem leeren Wagen stehend die Kühe lenken, aber das sah der Opa nicht gerne wegen der Gefahr und manchmal rutschte man wirklich auf den immer noch glitschigen Brettern aus und zack sass man in der Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann musste der Wagen auf dem Feld abgeladen werden. Das ging so: Über den ganzen Acker wurden kleine Misthäufchen gesetzt, die später mit der großen Mistgabel auseinandergezerrt und auf dem Feld verteilt wurden, damit der klein geschüttelte Mist untergegpflügt werden konnten. Für mich war das Mist zerren eine beschissene Arbeit. Nicht wegen dem Mist, wegen meiner Hände. Spätestens nach 10 Minuten zerren und verteilen hatte ich rgelmäßig eine Blutblase und die ging dann irgend wann auf. Einmal mustte eine Blase genäht werden und die Narbe in der Hand hab ich heute noch als Erinnerung.

Damit die Haufen gleichmäßig über das Feld verteilt werden konnten, wurde der Wagen in Reihe gestellt das hintere Brett abgenommen. Dann hatte man eine Gabel, die war am Gabelhals abgebogen und mit der konnte dann schön hinten der Mist runtergezerrt werden. Dann 5 m vorfahren (hüh Lotte hüh, gißte vierwäts, machste wohl vierwäts) um wieder einen Haufen zu machen und so weiter, den Acker runter und rauf bis der Wagen leer war. Dann kam die nächste Fuhre dran. Und am Ende vom Herbst stand man unten im Loch vom Misthaufen und der nächste Zyklus des Mist machens begann von neuem.

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Tuesday, 4. november 2008 2 04 /11 /Nov. /2008 15:14

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Weihnachten begann immer am 24. abends um 7.00 Uhr mit dem Kindergottesdienst und anschließend gab es Bescherung und Plätzchen. In meiner Jugend hat es Weihnachten oft geschneit. Dann waren die Wege, Häuser und Plätze weiß gepudert, die Luft war kalt und alle Geräusche waren gedämpft.

In der Vorweihnachtszeit haben wir zu Hause viel gesungen, Opa hat mit der Zither begleitet und Bratäpfel brutzelten auf dem Herd. Bei Frost kamen Eisblumen auf die Fenster und wir mussten dagegen hauchen um durchsehen zu können. Vorweihnachtszeit hieß auch, Gedichte auswendig lernen, Texte einüben, Lieder im Chor zu singen, den Kindergottesdienst vorbereiten.

Weihnachten gehörte den Kindern in der Gemeinde. Dann hatten sie das Sagen und mussten die Mitglieder beglücken. Das gelang regelmäßig, besonders den Kleinsten. Die einen krähten leiernd ihren Text herunter, den anderen blieben die Worte im Hals stecken und die Sonntagsschule-Tante musste vorsagen, es gab verschmitzte und verschlagene, liebe und herzige und alles stöhnte und freute sich mit, wenn sie ihre kleinen Gedichte
 aufsagten da vorne, schick angezogen von ihren Muttis. Blieb ein Kind stecken, war das eine Katastrophe für die Familie. Aufgeregt wie die Hühner ruckelte der Clan auf seinen Plätzen rum und konnte doch nicht eingreifen, auch wenn die Mama das ganze Gedicht konnte. Sie wollten helfen und scheiterten mit ihrem Kind. Noch lange war das Weihnachtsversagen ein heikles Gesprächsthema.

Dann kamen die Großen dran. Einige hatten lange Gedichte aufzusagen, die Anderen mussten ein Spiel spielen, Maria und Josef modern. Das war schwierig für die Dorfkinder, weil es sich nicht reimte. Am Reim konnte man sich festhalten, bei der Prosa hatte  der Text einen undurchsichtigen Inhalt. Mir war nie bewusst, was wir da spielten, viel zu aufgeregt und konzentriert auf nicht stecken bleiben war ich. Besonders irre war es, wenn wir uns verkleiden durften und Bühnendekoration gebraucht wurde. Dahinter konnte man sich ein wenig verstecken. Immer wieder war einer dabei, der seinen Text nicht konnte und hängen blieb. Der regte noch besonders auf, als ob die eigenen Aufregung nicht schon genug wäre.

Die Räumlichkeit im alten Gemeindesaal war beengt, Weihnachten besonders, dann war es übervoll. Ein dicker Bullerofen, mit Holz geheizt, lies die Leute in seiner Umgebung vor Hitze brüten, an den Rändern und nahe an der Tür hinten zog es wie Hechtsuppe. Neben dem Podium standen Bänke längs, rechts vom Podium aus gesehen saßen wir, links davon der Chor. Dahinter in Reihen quer mit den Gemeindemitgliedern und Gästen. Die Gedichte wurden vom Podium aus vorgetragen, die Spiele davor. Es war nur wenig Platz vorhanden, die Kontakte mit den Zuhörern waren hautnah. Als Belüftung diente neben der zugigen Tür nur eine Klappe in der Decke, die mit einem Seil aufgezogen wurde. Die Luft war schlecht und ein Mal hat es einen erwischt. Er ist vor Aufregung und schlechter Luft im ersten Satz umgefallen. Das war vielleicht ein Aufstand!

Vor Aufregung schwitzten die Hände schon beim Hergehen in der eiskalten Luft. Schluckbeschwerden stellten sich ein, der Mund war trocken und das Herz klopfte bis zum Hals. Der Auftritt begann. Und ging vorbei wie im Nebel. Und war immer ein Erfolg, wenn man nicht stecken geblieben war. Dann kam der Höhepunkt des Jahres. Nein, er kam noch nicht. Der Vorsitzende musste noch die Weihnachtsgeschichte lesen, obwohl sie Teil des Kindervortrages gewesen war. Dann musste er noch auf die Wichtigkeit der aus Kindermund gehörten Worte verweisen und sie mit einer eigenen Predigt krönen. Dann aber sagte er: Jetzt , liebe Kinder, hat die Sonntagsschule noch was Schönes für euch. In Erinnerung sind mir die Suppenteller mit dem Weihnachtsmotiv am Boden und im Halbkreis darüber: Sonntagsschule Freie Evangelische Gemeinde Hommertshausen 1954.  

  
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Wednesday, 5. november 2008 3 05 /11 /Nov. /2008 16:48

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Opa Heinrich war ein Presbyter, ein Ältester. Er stand der Freien Evangelischen Gemeinde in Hommertshausen vor und war ein strenger, asketisch wirkender alter Herr, der sein Leben nach der Bibel ausrichtete. Die Frauen saßen in der Gemeinde rechts, hatten ihr Haar zu bedecken und nichts zu sagen. Männer saßen links und vorne auf dem ersten Platz saß Opa. Er leitete lange den Chor, die Bibelstunden, die Gebetsstunden, natürlich die sonntäglichen Versammlungen und die sporadischen Evangelisationen.  Die Jugendstunde leitete er nicht. Das war gut so. Für ihn gab es nur den lieben, zumeist aber zornigen Gott, dessen Geboten man sich zu unterwerfen hatte. Egal ob jung oder alt.

Opa war streng. Lachen war ihm fremd. Nach einem Witz, den er nicht verstand, erklärten wir ihm: du sitzt auf der Leitung. Worauf er seinen Stuhl hob und zur Seite rutschte. Vater war da besser. Er kriegte Opa manchmal dran und verbog seinen Kopf als wenn er interessiert jemanden auf der Straße nachschauen würde. Opa, der neugierig war, kam jedes Mal um den Tisch, was is, was is und wurde sauer, wenn die Straße leer war. In der Versammlung konnte er weinen über die traurigen Geschichten der Prediger. Nie vergessen werde ich die Versammlung mit einer Pfingstgemeinde aus dem Nachbardorf. Die trillernden Jubelrufe der Pfingstfrauen erschreckten mich sehr und der Laienprediger drückte auf die Tränendrüse. Es war schon nach 3.00 Uhr Sonntag nachmittags, jeder wollte heim, Kaffe und Kuchen genießen und spazieren gehen. Bauern mussten um 6.00 schon wieder Vieh füttern und melken. Nur Opa saß da vorne, merkte nichts und die Tränen liefen ihm über die Backe. "Mach doch weiter" beschied er dem Nachfragenden, der überzogen hatte. Und der legte noch mal richtig los.

Sylvester war schlimm. Um 8:00 abends begann der Gottesdienst, kurz vor Mitternacht die Gebetsstunde. Dann lagen die Männer auf den Knien, die Frauen saßen tief gebeugt und beteten leise. Die Männer laut. Einige von ihnen konnten wuchtige Worte beten. Wo sie das gelernt haben, weiß ich nicht. Es dauerte lange und mir wurde mulmiger und mulmiger. Draußen begannen die ersten Kracher, Raketen zischten, Leute lachten und Opa machte nicht Schluss. Seine Gemeinde und er wollten bis ins Neue Jahr mit ihrem Gott verbunden sein. Ich aber wollte raus. Wenn ich raus kam, war alles vorbei. Süße Brote und Kreppel (Berliner) gab´s bei dem gemütlichen Beisammensein anschließend. Den Wettbewerb, wer am meisten essen kann, gewann ich nie.   

Alles, was Opa tat, war ernst. Ob er im Gemüsegarten seine Pflänzchen mit der Schnur ausrichtete, mit Vater Krach machte, weil der die vier Werkzeuge nicht ordentlich ausgerichtet hatte oder die Bibel auslegte. Da gab es dann viele Sünden. Fernsehen war Sünde, Kino ebenso, trinken allemal und in die Kneipe gehen schon gar (da gingen nur die Weltlichen hin). Frauen hatte lange Haare zu tragen, tanzen war nur eine Einladung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr, feiern war nur in der Gemeinde erlaubt und spielen war ihm auch nicht geheuer. Es lenkte ab vom Wesentlichen: beten, arbeiten, Gemeinschaft mit den Gläubigen und gehorchen. Zuerst Gott, vermittelt durch Großvater. 

Er konnte sehr zornig werden. Dann schlug er mit seiner 7-schwänzigen Peitsche, der drei Riemen fehlten. Sehr weh tat es nicht, er schlug auf den Po und der war abgefedert durch die Lederhose. Oma dagegen war eher für Drohung und Vergebung. Was ich getan hatte, weiß ich nicht mehr, aber Opa war fuchsteufelswild,  griff sich die Peitsche, ich rannte zur Tür raus und der alte Mann hinter mir her. Über den Hof, die Straße entlang, hinter dem Kirchhof das Gässchen durch und Opa immer hinter mir her, laut schreiend ich soll stehen bleiben. Meine Rettung bei der Rückkehr ins Haus war Oma. Sie schob mich unter ihre Röcke - sie trug Tracht - und als Opa zur Tür rein keuchte, beschied sie ihm: Heinrich, jetzt äs genung. Und so war es dann. Oma war Bäuerin, versorgte das Vieh und versalzte die Suppe. Sie liebte es, heimlich mit einem Schnicken ihrer Hand das versteckte Salz auf die Speisen zu streuen. Wenn meine Mutter sie erwischte sagte sie: noch e bisselche.  Katzen konnte Oma nicht leiden, sie hatten Mäuse zu fangen und nichts im Haus zu suchen. Hunde ebenso wenig. Mein sehnlicher Wunsch nach einem Schäferhund wurde von ihm abgelehnt mit der Begründung: du brouchst en Hond der dei Ohschläje fresst ( ein Hund der meine Wünsche/Anschläge frisst). Einzig nicht leiden konnte ich, wenn Oma mich unter den Arm klemmte, auf ihre verkrustete Arbeitsschürze spuckte und mir das Gesicht sauber wischte. Lesen wollte sie nur die Bibel und manchmal das erbauliche Gemeindeblättchen. Sonst saß sie abends da, hatte die Hände im Schoß gefaltet und sinnierte vor sich hin. Soweit meine Erinnerungen. Mutter lehrt mich, dass Oma mehr gelesen hat als Opa, Bibel, Blättchen, Zeitungen, sogar Bücher mit Geschichten von Menschen. Und Strümpfe für alle hat sie auch gestrickt. Ich erinnere mich. Die langen waren kratzig. Später wurde sie blind. Sie hatte Angst vor dem Krankenhaus und der Operation ihres grauen Stars. Gestorben ist sie friedlich im Bett mit der Familie um sie herum.

Opa las. Die Bibel gründlich, das Gemeindeblatt auch, Zeitung, wenn wir welche hatten und fromme Traktate. Wenn er etwas Wichtiges fand, las er vor. Unerbittlich in jede laufenden Unterhaltung hinein. Das passiert mir heute auch. Weil er der  Gemeindeälteste war, kamen fremde Prediger nach dem Gottesdienst zu uns. Bei Missionaren  war ich gespannt auf ihre Geschichten und fragte zu viel. Da war es, das Tor zur Welt. Lange Zeit wollte ich Missionar werden.

Opa kannte seine Pflanzen mit lateinischem Namen. Er war Gärtner und hatte sich alles selbst beigebracht. Bekannt war er für seine Akuratesse bei der Anlage von Gärten, Anlagen und beim Schneiden und Pfropfen von Bäumen. Preisgünstig war er, der niemanden übervorteilen wollte und lieber selbst wenig hatte. Er band Kränze und Bestecke für Trauerfeiern und Feiertage. Dann saß er in der Waschküche im Grünen und kniffelte vor sich hin.  Ich musste mit in den Wald um die Reiser zu holen. Im Winter war das kalt. Samen abmessen mit Messzylinder und Feinwaage stand im Spätherbst an. Bestellungen und Auslieferung in die Nachbardörfer übernahmen seine Töchter. Ansonsten machte er die Landwirtschaft und brachte mir bei, wie man Jauche und Mist fährt und den Acker pflügt. Das war am Anfang eine heikle Sache. Meine Furchen waren krumm und schief und Opa konnte das nicht ausstehen. Bevor die Mähmaschine unseren kleinen Hof erreichte, musste Gras und Getreide mit der Hand gemäht werden. Bei großen Flächen begann die Arbeit morgens um 4.00 Uhr. Um 6:00 gingen die Männer zur Arbeit und die Frauen machten weiter. Mähen will gekonnt sein. Wichtig ist der korrekte Schwung. Wichtig aber ist auch, dass die Sense gut gedengelt ist. Am Amboss wird mit einem Spezialhammer die Schneide der Sense hauchdünn ausgetrieben. Das helle dingdingding, das Opa erzeugte, war im Sommer oft meine Aufwachmusik. Er konnte gut dengeln. Ich war stolz, sein Enkel zu sein. In der ganzen Gegend brauchte ich nur zu sagen: Ich bin der Enkel vom Hennches Heinrich, und wurde gut aufgenommen. Ein Fahrrad hatte er nicht, die Strecken in die Nachbardörfer lief er. Früher war er bis ins Siegerland gelaufen um Arbeit zu finden.

Hasen halten bedeutet Futter holen, Ställe sauber machen - die Tiere machen einen stinkigen Dreck! - füttern, sorgen. Mein Wunsch wurde erfüllt und ich hatte Hasen. Mit der Zeit ließ meine Euphorie nach und Opa übernahm protestierend die Pflicht. Er drohte, er werde die Hasen beim nächsten Schlachtfest mit schlachten. Ich war entsetzt. Es waren doch meine Hasen. Bei der nächsten Hausschlachterei traf mich der Schlag. Ich sah morgens aus dem Fenster als das Schwein seinen letzten Quieker tat und da hingen sie, meine Hasen. Als Felle.

Zwei mal im Jahr wurde geschlachtet. Morgens war das eine Schweinerei, abends ein Fest. Das Schwein wurde mit dem Bolzenschussgerät betäubt, Blut wurde abgezapft und das Tier in einem großen Bottich mit heißem Wasser entborstet. Dann aufgehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und dann kam der Fleischbeschauer mit seinem Mikroskop und schaute nach Trichinen im Fleisch. Ich durfte auch durchschauen. Es war eine andere Welt. Danach wurde die Wurst gemacht, der Schinken, die Koteletts, die Suppenknochen. Undurchdringliche Schwaden von Wasserdampf und kochendem Gedärm aus den großen Kesseln waberten durch die Waschküche und mittendrin der Schlachter mit beiden Armen in der Wurst und walkte sie durch. Dann probierte er und schüttete noch eine Tüte Salz oder Pfeffer oder Gewürz rein. Es roch gut. Scharf. Dampfend. In der Küche lief der Siede- und Kochprozess ebenfalls auf Hochtouren, alles musste am selben Tag konserviert sein denn die Kühltruhe war noch Jahre entfernt. Abends kamen Gäste. Es gab Wurstsuppe, Siedefleisch, Sauerkraut und Nierchen. Die wollte niemand. Im Flur schepperte es, das waren Kinder, die ihre Blechtöpfe hereinwarfen. Da hinein gab es Reste.

Vater und Mutter hatten nicht viel zu sagen. Vater hat mir sein Prinzip, wie eine Familie friedfertig zu halten ist, mit auf meinen Weg gegeben: immer den untersten Weg gehen. Es ist ihm bestimmt nicht immer leicht gefallen. Aber es wirkte. Krach gab es nur dann, wenn Opa aufbrauste. Das aber legte sich schnell. Nachtragend war er nicht. Die Adventszeit mit ihm war schön. Er holte abends seine Zither raus und dann sangen wir. Nur Vater nicht, der konnte nicht singen. Es hat aber allen gefallen.

Als Opa älter wurde, konnte er nicht mehr gut beißen. Das Brot war oft hart, weil nur jeden Monat selbst gebacken wurde. Dann schnitt er sich seine Kruste ab, füllte seine Untertasse mit Milchkaffee und weichte die Kruste ein. Die bestrich er sich mit Butter und Marmelade und mampfte. Manchmal kriegte ich was ab. Als Stärkungsmittel hatte er Eigelb, gemischt mit Puderzucker (wenn es ihn gab) und einem kleinen Schuss Rotwein, entdeckt. Zum Mixen gab es eine kleine Röhre mit einem Sieb an einem langen Stab mit dem das Mittel schaumig geschlagen wurde. Davon kriegte ich selten was ab. Und dann nur ein wenig Schaum.

Großvater hat mir viel beigebracht. Auch moralisch. Seine Lehre: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, halte ihm die linke hin, hatte er von Jesus und bläute sie mir ein. Jahrelang hat mich diese passive Handlungsanweisung davon abgebracht, mich durch zu setzen. Allerdings hat sie mir auch geholfen, Konflikte zu minimieren. Und erst seit einiger Zeit ist mir klar, dass die Grundvoraussetzung meines Opas, der Mensch sei gut, in dieser Rigorosität nicht stimmt.  Ob mich sein rigides, alttestamentarisch ausgerichtete Christentum gestört hat, weiß ich nicht mehr. Er war in seiner Art für mich konsequent, dann mussten die Handlungsanweisungen wohl so sein. Seinen Weg konnte ich nicht gehen. Es hat lange gedauert, bis sein Einfluss sich abschwächte.

Opa ist arm gestorben, er hatte nie viel. Der zähe Mann hat ein halbes Jahr gebraucht. Ich war 1969 als Entwicklungshelfer in Chile und erhielt erst 10 Tage nach seinem Tod das Telegramm. Es war mir schwer. Er war meine Kindheit, meine zentrale Bezugsperson. Vater kam erst aus französischer Gefangenschaft heim als ich 4 Jahre alt war.

Nachtrag
Mutter hat geschmunzelt beim lesen der Geschichte. E ist gut, hat sie gesagt, dass so was nicht vergessen wird. Änderungen hatte sie gleich. Nicht Bestecke hat Opa gebunden sonder Gestecke. Er hatte mal ein altes Fahrrad als er in einer Fabrik in Breidenstein gearbeitet hat. Und in´s Siegerland sind sie mit dem Bus von Eisenhausen aus gefahren. Nur bis ins Nachbardorf mussten sie laufen. Wert hat sie darauf gelegt, dass beim Schlachtfest alles gerne gegessen wurde. Nur Nierchen nicht. Opa, sagt sie, war ein genügsamer Mensch, mit wenig zufrieden. Und aufrecht in seinem Glauben. Er hat es gut gemeint. Das sehe ich auch so.
Hanne fällt ein, dass Opa eine dünne Haut hatte. Oft waren seine Arme zerstochen und blutig, wenn er in die Küche kam.
Er war, auf seine Art, ein großer Mann.
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Saturday, 15. november 2008 6 15 /11 /Nov. /2008 16:48

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland

1950 kam ich in die Volksschule. Das Backsteingebäude hatte hohe Fenster und zwei Räume in zwei Stockwerken. Die erste bis vierte Klasse war ein Zug, die 5. und 6. Klasse der 2. Zug und die Großen bis zur achten Klasse bildeten den 3. Zug. Jeweils abwechselnd musste ein Zug nachmittags in die Schule. Mein erster Lehrer war ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht, den man umgeschult hatte. Für uns Kinder vom Dorf sollte er genügen. Viel Wissen konnte er uns nicht beibringen.  Es war ihm nicht gegeben. Dafür kam er gerne zum Wurstsuppe Essen beim Schlachtfest und ging jeden Nachmittag mit seiner Mutter spazieren. Erst bei Lehrer Milbrod lernten wir einiges in den zwei letzten Jahren. Er hat mich ermuntert zu lesen und stellte mir die Bibliothek zur Verfügung. Zu Hause wurde gar nicht gerne gesehen, dass ich las. Ich war eine Arbeitskraft die gebraucht wurde. Meine Rückzugsmöglichkeiten waren das Klo und unter der Bettdecke nachts. Auf dem Klo war ich so lange, bis sie mich aufstöberten. Es konnte schon mal eine halbe Stunde vergehen bis jemand mein Fehlen bemerkte. Auf dem Klo suchten sie zuerst.

Ohrfeigen, an den Haaren und Ohren ziehen und auf die Finger schlagen zählte für Lehrer und Eltern zur pädagogisch sinnvollen Wissensvertiefung. Wir waren es gewohnt. Mein Cousin saß seit der 1. Klasse neben mir. Er war einen Tick schlauer und angepasster als ich. Ihn traf es schon am Anfang. Er hatte nicht aufgepasst, Lehrer H. befahl, Finger auf die Tafel, er legte sie drauf, H. schlug mit seinem Stöckchen zu und Manfred zog zurück. Da war die Schiefertafel kaputt.


Ich sang gerne und in den letzten Jahren bei dem neuen Lehrer sangen wir viel. Die Jungen vor mir im Chor redeten miteinander, Milbrod sprang vor und knallte mir eine aufs Ohr. Ich war entsetzt, ich hatte nichts getan. Von meinen Eltern verlangte ich Satisfaktion. Doch ihrer Meinung nach war die Ohrfeige sicher für was gut. Auch für Lehrer war die handgreifliche Leichtigkeit nicht immer ungefährlich. Ein Mitschüler auf der anderen Bankseite sollte bestraft werden, da zog der seinen genagelten Schuh aus der Bank und trat dem Lehrer vor das Knie. Voll. War erschreckend schön.  

Mit 10 sollte ich aufs Gymnasium, sagte der Lehrer. Ein halbes Jahr fuhr ich nach Biedenkopf zur Eliteschule. Da waren alle Söhne und Töchter der Honoratioren aus dem Städtchen versammelt. Sie waren anders und brachten immer alle Hausaufgaben mit. Ich verstand das meiste nicht. Morgens musste ich 4 Km mit dem Fahrrad zur Bahnstation fahren, dann 8 Km mit dem Zug und dann noch mal 10 Min laufen. Mittags zurück. Meine Konstitution war nicht so gut, das Fahren fiel mir schwer. Einmal haben wir einen Ausflug gemacht. Ich hatte 10 Pfennig erhalten. Die anderen konnten sich richtig was leisten. Nach einem halben Jahr war das Abenteuer vorbei. Meine Eltern haben mich unterstützt so gut sie konnten, aber, bei Grammatik und Englisch waren sie überfordert. Einmal ist Vater mit mir auf der Görike, seinem kleinen Motorrad, sonntags zu allen möglichen Bekannten gefahren, weil ich eine Englischaufgabe nicht verstand. Niemand konnte helfen.


In den höheren Klassen gab es eine Belohnung, um die alle stritten. Auf dem Dachboden mussten die Verdunkelungen geflickt werden. Wahrscheinlich kamen sie noch aus dem Krieg, wurden jetzt aber gebraucht um die Räume für Filmvorführungen abzudunkeln. Die Fenster waren schmal und hoch, entsprechend waren die Sperrholzrahmen. Sie wurden mit Packpapier beklebt und gingen leicht durch Transport und Einschieben kaputt. Der Dachboden war hoch und voller Geheimnisse. Da wurden alte Akten des Dorfes gelagert genauso wie defekte oder ausrangierte Schulmöbel und Geräte. Wir sahen zu, dass wir möglichst lange da oben blieben. Einmal kam der Lehrer die Treppe hoch um nachzuschauen, wo wir blieben. Mein Kollege sprang mit beiden Beinen in den Rahmen und behauptete mit treuem Blick, gerade sei der Rahmen wieder gebrochen beim Aufheben.

Manchmal gab es Kulturfilme oder Hörspiele aus dem riesigen, sonst verschlossenen Radio. Das waren Sternstunden für mich. Eine andere Welt kam in mein Leben. Ansonsten war der Unterricht bei dem ersten Lehrer, dem ehemaligen Offizier langweilig. Wie auch sonst? Er war dafür nicht ausgebildet. Und seinem Naturell entsprach eher, mit seiner Mutter zum Kurkonzert zu gehen. Nicht Bauernlümmel zu unterrichten. Für Rechenaufgaben hatte er Kärtchen, die er vorlas. Es kam vor, dass seine vorgedruckten Ergebnisse nicht stimmten. Wir hatten zwei gute Rechner in der Klasse. Dann war er sauer. Schönschreiben haben wir viel geübt. Erst auf der Tafel. Das quietschende Geräusch beleidigt noch heute mein Ohr. Später hatten wir Hefte. Meines sah nicht gut und ordentlich aus. Ordnung war wichtiger als gut zu sein. In Religion bekam ich immer eine 1, nur einmal eine 2. Die guten Noten hatte ich meinem Opa zu verdanken, der war Vorsteher der Freien Evangelischen Gemeinde. Deshalb, wie ich vermute, nicht wegen Leistungen.

Im Winter wurde geheizt mit einem Bullerofen. Obenauf eine große Heringsdose voll mit Schnee, wegen der guten Luft. Lehrer H. kam am Morgen als Letzter die Treppe hoch, wir mussten still sitzen, wenn er die Tür aufmachte, aufspringen und ihn kollektiv mit "Guten Morgen Herr Lehrer" begrüßen. Dann legte er seinen Hut auf die Fensterbank, rieb sich die Hände und ging zum Thermometer hinter der letzten Bank. Kalt heute, sagte er und kontrollierte, ob wir bleiben oder wegen Kälte nach Hause konnten. Das nutzten wir aus. Wir packten das Thermometer in Schnee, eine Stafette signalisierte, wenn er kam, das Thermometer wurde trocken gerieben und meist durften wir gehen. Die steigende Temperatur hatte noch nicht Unterrichtswerte erreicht. Zwei Stunden fuhren wir Schlitten.

Auf dem Dachboden ging es immer wilder zu. Einer kam im Winter auf die Idee, die faustdicken Kugeln eines großen Rechenrahmens auf ein Seil zu fädeln. Er kletterte auf das Dach und ließ die Kugeln in den Kamin hinab. In den beiden Klassenzimmern stob unverzüglich dicker Rauch und Ruß aus den Luftklappen. Wir hatten wieder schulfrei. Der nächste Streich war, Wochen später, eine Glasplatte auf den Kamin zu legen. Wieder hatten wir frei. Diesmal zwei Tage. Denn der Schornsteinfeger kontrollierte den Kaminzug, indem er einen Spiegel unten in den Kamin hielt und prompt kein Hindernis sah. Bis sie auf die Glasplatte kamen, dauerte es. Als dann eine Gruppe begann, die alten Akten vom Dach zu werfen, war der Spaß vorbei. Es gab Gerichtssitzungen mit Einzelverhören und alles kam raus. Nie wieder durften wir Verdunkelungen kleben.


In den letzten beiden Jahren mussten wir lernen bis die "Schwarte krachte", wie wir es ausdrückten. Gut für mich. Eine Ahnung blieb hängen, dass Lernen Spaß macht. Das ist bis heute geblieben.     




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Saturday, 22. november 2008 6 22 /11 /Nov. /2008 17:30

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Mit knapp 14 kam ich in die Lehre. Die Auswahl war einfach: entweder aufs Büro oder in den Betrieb. Aufs Büro wollte ich nicht, ich hatte meiner Meinung nach schon lange genug in der Schule gesessen. Mit Betrieb war die Fabrik gemeint in der Vater Herde und Öfen ausmauerte, Onkel Ernst Fahrer war und Onkel Otto Betriebsingenieur. Ingenieur war die Vorstellung meiner Eltern. Der erste Tag war schlimm und hat mich sehr geprägt. Um 11.00 Uhr morgens dachte ich, der Tag müsse vorbei sein. Ich hatte genug von den Lärm und dem ungewohnten Betrieb in der Schlosserei. Die Uhr war in der Stanzerei. Mir fuhr ein riesiger Schreck in die Glieder. Das sollte ich nun ein Leben lang aushalten? 


Dreher sollte ich werden. Der niedrige Anbau, in dem Drehbänke, Hobelbänke, Metallsägen, Werkbänke,           

Bohrwerke, Schleifsteine, eine Schmiede und andere Sachen eng an eng standen, war im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt. Es gab nur einen Bullerofen, den ich als Stift zu bedienen hatte. Alle Maschinen waren alt, zum Teil uralt. Die Drehbank, an der ich lernen sollte, wurde schon von Marx beschrieben, aber das


wusste ich damals noch nicht. Sie war an ein Deckenvorgelege angeschlossen wie mehrere andere Maschinen. Ein Deckenvorgelege ist eine lange Welle unter der Decke, die von einem starken Motor getrieben wird. Die angeschlossenen Maschinen werden mit breiten Flachriemen, die von Scheiben an der Decke kommen, angetrieben. Zum Aus- und Einschalten schob man den Riemen auf eine Leerscheibe, zum Wechsel der Geschwindigkeit schlug man mit einem Knüppel den laufenden Riemen auf die nächste Stufe der verschieden dicken Scheiben. Die alten Fachmänner machten das mit der Hand. Das Vorgelege rappelte und die Riemen wimmerten. Waren alle Maschinen am Arbeiten, gab es kaum Kraft, war nur eine Maschine dran, musste das ganze Krach machende Ungetüm auch laufen. Heute kann man dieses Antriebssystem aus der Gründerzeit im Deutschen Museum in München bewundern.

Stift war der Lehrling. Und damit der unterste Dienstrang und für Dienstleistungen zu gebrauchen. Ich musste Werkzeuge holen, anreichen, festhalten, aushelfen, bei Reparaturen in die dreckigste Ecke und vor allem Essen holen. Zum Frühstück und zu Mittag. Dafür hatte ich eine Holzkiste und da kamen die Bestellungen rein. Hack Rind, Hack Schwein, Leberwurst mit oder ohne Grieben, Fleischwurst, Brötchen, Getränke. Einer wollte nur grünes Bier und das im Winter warm. Wehe ich brachte das Falsche. Dann flogen schon mal Eisenstücke. In der Stanzerei aushelfen war hart. Eine große Halle voller alter Stanzen, Blechbiegemaschinen, Bohrwerke, die jammerten und jaulten und krachend abwärts fuhren. Nur durch Schreien konnte man sich verständigen und der Fußboden vibrierte. Nach Feierabend brauchte das Gehör lange Zeit um auf Normalgeräusche umzuschalten. Stanzen war gefährlich. Sicherheitsvorrichtungen gab es kaum. Einem meiner jungen Kollegen hat es die Hand abgehackt als die Maschine beim Hochfahren nicht einrastete und zurück kam mit Wucht. Seitenbleche für Herde und Öfen wurden gestanzt.  Glück hatte ich. Mein Onkel, der Betriebsingenieur teilte mich nur selten ein. Dafür brachte er mir den Pythagoras  bei. Ich aber begriff nicht, für was der gut sein sollte. Überhaupt war mein Interesse gering. Lieber stand ich bei Fritz, dem Vorarbeiter, der mir die Grundzüge klassischer Musik und des Fotografierens beibrachte. Und die Geschichten der Facharbeiter interessierten mich ungemein. Besonders wenn sie von Liebe handelten.

Klassische Musik hören, war in unserem Haus verpönt. Ich sollte christliche Musik oder Volksmusik im Radio anmachen. Mein Anreiz war, dass Fritz sich ab und an im sonntäglichen Wunschkonzert ein Musikstück wünschte. Dann saß ich Stunden am Radio. Es war für mich etwas Besonderes, jemanden zu kennen, der im Radio genannt wurde. Und um Bilder abzuziehen, hab ich mir einen Kopierrahmen gebaut und ein Labor unterm Dach eingerichtet. Es war faszinierend, wenn die Fotos im Entwickler zum Leben erwachten. 

Um 6:30 Uhr fing die Arbeit an. Um 8:10 Uhr kam der Schnellzug Marburg-Siegen vorbei. Wann immer es ging stand ich draußen und schaute ihm nach. Er fuhr in die große, weite Welt meiner Träume.

Meine Drehbank war rechtsdrehend. Nach 3 Lehrjahren war die Bewegung, beiden Schlitten mit der linken und rechten Hand ein und auszufahren, verinnerlicht. Bei der Gesellenprüfung gaben sie mir einer Maschine, die ich nur aus  Büchern kannte. Und der Schlitten des modernen Gerätes war linksdrehend! Eine Katastrophe. Ich fuhr das Werkzeug permanent in das Drehstück hinein statt heraus. Entsprechend sahen Gewinde und Kegel aus, das Passstück, das auf 1/100 mm genau zu sein hatte, war völlig mit Rillen übersät. Eine 4 war das Resultat. Da hatte ich schon wieder Glück. Mit einer 5 wäre ich durchgerasselt auch mit der 1 in Theorie. 

Die Werkstatt war zuständig für Metallarbeiten im Betrieb. Noch heute habe ich Hochachtung vor der Leistung meiner Kollegen. Es gab nichts, was sie nicht konnten. Komplizierte Werkzeuge, Formen, Drehstücke wurden hergestellt und alles repariert was kaputt ging. Onkel Otto konstruierte Hydraulik gesteuerte Fließbänder für die Produktion, die wurden ebenso gebaut wie genaueste Stanzformen und schmiedeeiserne Gitter. Schmieden mochte ich. An der Esse stehen, den Stahl weiß und schmiegsam zu erhitzen und auf dem Amboss zu formen war Kunst. Bei großen Stücken schlug ich mit dem Schmiedehammer im langsamen Takt auf den Stahl, mit dem kleinen Handhammer formte der Meister das Stück im Zwischentakt. Schmieden im Tandem konnte ein Trommelkonzert sein.

Viel musste ich lernen. Drehen, aber auch Schweißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Rohre Biegen, Meißeln, Feilen natürlich und Schmieden. Interesse hatte ich, wenn Arbeiten in extremen Situationen hoch oben oder tief drinnen gefordert waren. Oder wenn es darum ging, den Männern Geschichten zu entlocken.
Die Lehrmethoden waren rau. Ohrfeigen gab es keine mehr, dafür eins mit dem Hammer auf die Finger, wenn ich nicht konzentriert und mit voller Kraft die Formen zusammenpresste. Ich wurde verarscht und rein zufällig mit Wasser übergossen, zu Besorgungen gescheucht und beschimpft. Nur selten war Böswilligkeit dabei, man kannte Ausbildung nicht anders. Mit den Meisten konnte ich gut reden. Der Lehrplan bestand im Einsatz nach Kenntnis. Die Berufsschule war ein Rückzugsort und lernen konnte man da auch noch.  Onkel Otto hat mich vor zu häufigen, sonst üblichen Produktionseinsätzen durch den Besitzer bewahrt. Der hatte eine Villa nebenan. einen Mercedes und einen Sohn, der sein Abitur nur nach verschiedenen Privatschulen schaffte. Dafür fuhr er einen offenen Sportwagen. Manchmal habe ich ihn beneidet, aber nie als Sohn des Besitzers.

Ja doch, Drehen war die Hauptbeschäftigung. Faszinierend fand ich Gewinde schneiden auf der Drehbank. Das waren große, armdicke Gewinde. Meine alte Maschine hatte noch Zahnräder zum Wechseln. Je nach Übersetzungsverhältnis - das musste ich ausrechnen - wurde ein Spindelwelle angetrieben. Diese Welle zog den Schlitten mit dem Drehstahl exakt in der Geschwindigkeit vorwärts um das Gewinde aus dem sich drehenden Drehstück herauszuschneiden. Wenn mit dem letzten Schnitt die Oberfläche des Gewindes glitzerte und das Gewinde passte, war die Arbeit gelungen. Gelang mir nicht oft.

Kaffee gab es in den Pausen umsonst. Der war durchsichtig bis auf den Tassenboden. Nur der alte Kollege vom Vater trank schwarzen Kaffee. Er hatte noch nie seine Tasse gewaschen. Zum Frühstück und Mittag ging ich an den Arbeitsplatz meines Vaters. Der saß mit seinen Kollegen zwischen gestapelten Herden und Öfen auf Brettern und Schemeln. Wir aßen die Brote von Mutter und ganz selten kriegten wir 50 Pfennig um von der Metzgerin zu kaufen. Das war normal der größte Betrag, den Vater im Portemonnaie hatte. Nach dem Essen legte sich mein Vater auf die Werkbank und schlief 10 Minuten.  

Die Hölle war los in der Gießerei. Onkel Otto war der Meinung, dass ihn die Entstehung von Gussteilen gebildet habe. In einem alten dunklen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit liefen halbnackte schwarz verdreckte Männer herum, sporadisch erhellt durch Feuerausstöße des Hochofens und schleppten Behälter mit geschmolzenem Guss. Kam der Guss mit Wasser in Berührung, spritzte geronnene Schlacke im Regenbogen durch die Halle. Was sie traf, verbrannte. Für den Fall, dass die Schlacke in die Schuhe rutschte, waren große Kübel mit Wasser aufgestellt. Da musste man reinspringen. Wer da arbeitet, erschrickt den Teufel. Nie wieder möchte ich dahin zurück.

Auch nicht in die Werkstatt. Obwohl: 2 Gesellenjahre musste ich noch aushalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Tuesday, 27. january 2009 2 27 /01 /Jan. /2009 13:21

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Dreher und Maschinenschlosser, Arnold-Werke, Friedensdorf 
in der Reparaturwerkstatt einer Herd- und Offenfabrik 1961-1963
Fachschule Biedenkopf (5 Sem) 1961-1963
Maschinenbau-Technikum TEWIFA Stockach/Baden   
TEWIFA-Ingenieur 1963-1964

Noch immer stand ich morgens 8:15 draußen vor der Werkstatt, sah dem Schnellzug nach und hatte Fernweh. Noch immer war es die gleiche Klitsche mit dem antiquierten Deckenvorgelege zum Antrieb von Maschinen. Noch immer strampelte ich morgens kurz nach 6:00 die 4 km zum Arnold,  manchmal nahm mich Vater mit, der im selben Betrieb Herde und Öfen ausmauerte. Um 1/2 7 fing die Arbeit an und um 4:00 waren wir zurück für die "Nebenerwerbstätigkeit" (so der verschrobene Terminus Technicus)  auf Hof und Feld. Aber jetzt war ich Facharbeiter und verdiente 400 DM im Monat. Ich musste nicht mehr Bier und Brötchen holen, bekam keine mehr auf die Finger, wenn ich die Werkstücke beim Schweißen ungenügend zusammenhielt und die Stanzerei holte sich andere Stifte zur Aushilfe. Dafür hatte ich eine eigene Drehbank, moderner zwar als die mit dem Deckenvorgelege, aber schon recht betagt und dazu einen wackeligen Spind mit Drehwerkzeugen und dem Bild von zwei wie Tänzer dahin gleitenden Schlittschuhläufern. Seltsamerweise tröstete mich das Foto, es strahlte die Ruhe einer anderen Welt aus. Meine Welt war Bolzen drehen, Gewinde schneiden, Passungen auf 1/100 mm genau hinkriegen, Reparaturstücke anfertigen. Traurige Wahrheit war, dass diese Arbeit immer so bleiben würde. Allenfalls Gewinde mit spiegelglatter Oberfläche hinkriegen war eine befriedigende Kunst, die mir selten gelang. Mehr als das tote Material interessierten mich die Menschen. Wann immer möglich versuchte ich sie zum Reden zu bringen.

Onkel Otto war der Betriebsingenieur und mein Mentor. Ich sollte in seine Fußstapfen treten. Was auch sonst. Alternativen waren nicht bekannt. Ingenieur zu werden war machbar. Also ran. Zuerst die Fachschulreife, sie war eine der Eingangsvorrausetzung für das Studium. Angenehm war der Gedanke nicht, doch immer noch besser als Facharbeiter bleiben. Es heißt zwar: Doch schauen sollt ich weiter als ich greife - nur war der Spruch unbekannt und das Schauen begrenzt.  

Die Fachschule in der Kreisstadt war abends und eine bessere Alternative, als auf dem Feld arbeiten. Meist fuhr ich die 10 Km mit dem Fahrrad. Vater lieh mir das Goggomobil. Ich packte 7 junge Männer rein. Wir wollten die Pause nutzen, zum Marktplatz fahren, frische Luft in der Nase haben und den Mädchen nachschauen. Nach 9 Stunden im Betrieb und anschließendem Unterricht kamen solche Gelüste hoch. War das ein Spaß in dem übervollen Goggo!  Endlich mal was Anderes! Und dann passierte das Unmögliche. Ich bog auf dem Marktplatz mit der tief liegenden Blechbombe ein, hielt,  öffnete beide Türen und heraus quoll einer nach dem Anderen unter Gelächter und Geschrei. Plötzlich stand Vater neben mir mit entsetztem Blick, er, der nie abends in Biedenkopf war. Der Goggo war sein erstes Auto, er war nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt, musste nicht mehr Görike fahren, das kleine Motorrad. Und sein Sohn, dem er vertraut hatte, behandelte seine schwer erarbeitete Errungenschaft mit solcher Geringschätzung!. Vor Scham wurde ich ganz klein mit Hut. .

Es war langweilig mit all dem theoretischem und technischen Zeug, das da geballt unterrichtet wurde. Das Niveau zog an, blieb aber trocken und leblos. Den Pythagoras  hatte Onkel Otto schon erklärt, ich aber  hatte nicht verstanden, wo der praktische Nutzen liegt wenn a im Quadrat plus b im Quadrat gleich c im Quadrat ergibt. Jetzt gings ans Kräfteparallelogramm, an Jaul und Pi und Ohm, der ganze Schrott.

Cousin Manfred lernte von Schulbeginn an meiner Seite.  8 Klassen lang saßen wir nebeneinander. Wir hatten zusammen das Gymnasium erprobt, waren nach dem ersten Halbjahr zurückgekehrt in die Dorfschule wo wir hingehörten, hatten Dreher gelernt, er in einem modernen Betrieb, ich in einer Klitsche, gingen zusammen auf die Fachschule, wollten Ingenieur werden. Manfred war immer einen Tick fleißiger, cleverer, begriff die Technik besser, war fleißig und strebsam. Sonntags spielten wir Schach und hörten klassische Musik. Manchmal mussten wir auch spazieren gehen. Er war Vorbild für meine Eltern.

Freie Kurse gab es, die zogen mich an. Ich belegte Fotografie und später eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bild-Zeitung beschäftigte. Das Lehrer-Ehepaar war anders als alle bisher bekannten Lehrer. Sie fragten, hörten zu, ließen Kleingruppen selbst arbeiten und sahen die Bild kritisch. Was für ein Ding! Die Zeitung, die zu meinem Alltag gehörte, soll lügen, manipulieren, einseitig orientieren? Aber die Meldungen, mit anderen Zeitungen, Pressemitteilungen, Quellen verglichen, zeigten es deutlich. Bild lügt. Manchmal. Eine Offenbarung. Die Sicht auf die bekannte Welt bekam einen Riss.

10.00 Uhr abends, der Fotokurs war zu Ende. Ich aber wollte nicht heim, wollte bei diesen Leuten bleiben, mit denen zu reden ein Vergnügen war, die auf meiner Wellenlänge funkten, die gleichen Interessen hatten. Pudelwohl fühlte ich mich in ihrer Mitte. Wie ein kleines Kind versteckte ich mich in einem Unterschrank und tat, als ob ich schliefe. Das Licht in der Dunkelkammer ging an, sie fanden mich und bemühten sich, den scheinbar schlafenden zu wecken. Liebevoll, freundschaftlich taten sie das, ach der Arme, muss jetzt noch 10 Km mit dem Fahrrad fahren.

Die freundlichen Lehrer luden Schüler zu sich nach Hause ein. Das gab es also auch, persönliche Kontakte mit oben Stehenden. Ich gehörte zu den Auserwählten, sie fragten nach: Was meinst du zu dem Problem? Und der junge Mann vom Dorf engagierte sich mit seinem bescheidenen Wissen, wollte dabei sein, gefragt werden, mehr erfahren.
Die erste Fahrt durch Berlin im Bus war wie ein Vorhang, der sich öffnete. Diese Stadt, die Größe, die vielen Menschen, Plakate, Bahnen und Busse, Strassen, Häuser, Monumente. Einiges kam bekannt vor, anderes war völlig fremd. Ich hupfte auf meinem Sitz herum und gab unsinnige Kommentare ab. Das ging einige Zeit gut, dann aber ermahnten mich die Lehrerfreunde und es gab einen Knacks. Sie hatten mich kritisiert! Ein Häufchen Unglück fuhr weiter durch die Stadt. Auch als sie sich später entschuldigten weil sie begriffen, dass es Überschwang gewesen war, ging das Schuldgefühl nicht weg. Nachts hauten wir ab in eine Disko. Eine Treppe tief hinab ging es, ein Eingang zu unbekannten Freuden. Musik wurde lauter, die Tür öffnete sich und da waren, Lichtexplosionen,  ohrenbetäubender Lärm, Rauch, Gewühle. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Sicher, da waren auch Frauen, aber sie tanzten in einem Menschenknäuel, einige standen herum, tranken und redeten. Wie sollte denn der unsichere Junge Mann mit Pickel da ran kommen? Nein, das traute ich mir nicht zu. Später gingen wir an Nachtlokalen vorbei mit halb-nackten Frauenbildern im Fenster, an Türstehern, die aufforderten, ein zu treten,  Prostituierte sahen wir in Eingängen stehen, das war eine Welt, die kennen zu lernen war. Meine Kollegen gingen weiter, ich musste mit.    

Meine große Liebe schon aus Schulzeiten begehrte ich von ferne. Sie hieß Thea, wohnte in der Nachbarschaft und wenn ihre Mutter sauer war, beugte sie sich um die Ecke und schrie Dorothea. Dann wussten alle Bescheid, denn sonst wurde sie Thea genannt. Die Mutter war aus Berlin in das Dorf verschlagen worden und eine schöne Frau. Der Vater, ein Schlawiner, der nicht ins Dorf passte, verzog sich zwei mal in die Fremdenlegion und entzog sich schlussendlich ganz der Familie.  Schon früh war Thea wohlproportioniert und in meinen Augen wunderschön. Ihr gepflegtes Deutsch hob sie heraus aus der Masse, die gerade mal Platt konnte und in der Volksschule Hochdeutsch lernte. Einmal habe ich mich getraut und meine Liebe gestanden. In ihrem Schulheft. Da war sie sauer.

Hildegard hieß die erste richtige Freundin. Nach dem Kino stand sie in der Gruppe der Freunde und ihrer Mädchen und ging mit mir in den Wald. Ich durfte immer noch nicht. Weder eine Freundin haben noch ins Kino gehen. Es war angenehm, mit ihr in der Kuhle zu liegen, zu küssen, zu schmusen. Meine Welt, ich hatte es gewusst. Eines Tages machte ich mich nach der Arbeit in der Küche fein, die Mädchen wollten kommen. Da hörte ich Mutter auf dem Hof schelten. Was fällt euch ein hier her zu kommen, macht euch fort. Als ich herausstürzte, fuhren sie auf ihren Fahrrädern weg. Aus Berlin zurück nach einer Woche voller Eindrücke und neuen Erfahrungen fand ich sie auf der Kirmes im Nachbardorf. Hildegard war abweisend, sie hatte einen anderen Freund. Wenn du so lange weg bist.  

Ungemein bildend wirkte die "twen". Die Zeitschrift war großformatig in einem ästhetischen Grafikdesign gestaltet, hatte Anfangs noch s/w, später Farbfotos von hervorragenden Fotografen, dazwischen immer wieder aparte Frauen wie Uschi Obermeier und Artikel von Hemingway, Faulkner von Philip Roth, Ben Shahn, Irving Penn, von Will McBride un Guy Bourdin - in "twen" publizierten nur die Besten. Inhaltlich ging es vor allem um Lifestyle-Themen wie Mode, Musik und Urlaub und um Sexualität und Partnerschaft. Sogar einen eigenen Modestil kreierte die Twen. Ich aber traute mich nicht, die lässigen Sachen zu bestellen, zu teuer und extravagant. Marylin Monroe lernte ich begehren, Henry Miller, Jeanne Moreau, interessante Filme faszinierten, Geschichten von Bars, Getränken, Tanzen, Flirten lockten. Joachim E. Berendt erklärte Jazz und die bemerkenswerte Schallplattenserie orientierte meinen Musikgeschmack. Eine Aufbruchstimmung sprang mich an, das da war sie, meine Welt.

Nachts las ich im Bett, manchmal bis weit nach Mitternacht. Dann waren die Augen rot am Morgen wenn die Mutter um 1/4 vor 6.00 weckte. Die Decke über den Kopf, um nicht durch den Lichtschein unter der Tür verraten zu werden, schmökerte ich durch die Welt. Das Buch über Brasilien hatte Bilder von Indianermädchen aus dem Urwald. Das also waren Frauenbrüste, die berühmten. Sie waren anders als vorgestellt, weniger aufregend, obwohl es spannend genug war, so ein Buch zu besitzen. Ein Missionar aus Brasilien war zu Besuch. Dem wollte ich imponieren. Aber die Bilder, die Bilder, ein Aufschrei würde das Haus wecken und ich wäre verloren. Auf Erden und im Himmel. Das Zeigen Wollen war stärker und so riss ich die Seiten mit den blanken Brüsten raus, zerschnippelte sie und führte mein Wissen vor. Der Missionar interessierte sich nicht sehr.    

Vater half, ein einfaches Fotolabor auf den Dachboden zu bauen. Wasser musste im Eimer hoch geschleppt werden und der Staub schlug sich auf die Fotopapiere. Mehr als Kontaktabzüge war nicht drin, ein Vergrößerungsgerät war zu teuer und auf dem Speicher war kein Anschluss für Elektrogeräte. Von den 6x6 Filmen meiner Kamera ließen sich kleine Bildchen machen. Mich faszinierte, wie aus dem Nichts im Entwickler langsam Umrisse und Bilder hervortraten. Der Sandsack zum Boxen, der auf dem Speicher von einem Balken hing, war Eigenproduktion und zu hart. Die Knöchel schwollen. Handschuhe waren nicht erschwinglich. Armin Hary war 1960 die 100 m als Erster in 10 Sekunden gelaufen und hatte im gleichen Jahr zwei Goldmedaillen gewonnen. Der war mein Vorbild. Mit dem Halbrennrad trainierte ich schon länger, nun fing ich an zu laufen, alleine, im Feld. Den Hang hinter Krauses hoch bis zum Wald, an dem lang, im hohen Bogen an der schrägen Waldwiese vorbei, dahinter Hang abwärts, über einen kleinen Hügel hinweg, hoch zum Kaiser Willhelmsplatz und zurück nach Hause. Auch im Winter lief ich die Strecke. Im Betrieb baute ich mir eigene Startblöcke, Onkel Otto half sogar. Und dann sah ich in der Kreisstadt in einem Schaufenster Spikes liegen. Sie waren billig, weil der eine Schuh durch das Sonnenlicht braun geworden war. Nun war ich stolzer Besitzer von Spikes. Was für ein Glück. Das Training brachte nicht viel. Beim Sportfest wurde ich siebter.

Das schönste Geschenk meiner Eltern war der Halbrenner, umgebaut aus einem Tourenrad, ausgestattet mit Rennlenkstange, Felgenbremse, Kettenschaltung und bunt angemalt. Im Windschatten des Omnibus die Landstraße nach Silberg hoch strampelte ich mir die Seele aus dem Leib um den Mädchen hinten im Bus zu imponieren. Zu selten sah eine raus. Am Berg hinter Silberg verlor ich den Bus. Nach Duisburg wollte ich, da wohnten Freunde der Familie, die es im Krieg nach Hommertshausen verschlagen hatte. Abends bekam ich richtig Zoff mit Vater und morgens um 5:00 zog ich los wie ein Abenteurer. 200 km wollte ich schaffen. Schon hinter Laasphe die Berge hoch kamen Bedenken. Vor Hagen hatte ich nur noch ein Pedal, das andere war ausgeschlagen, es war Samstag, keine Chance auf Reparatur. Da fuhr ich froh und glücklich die letzten 100 km mit der Bahn. Es gab Bücher mit Sex, ich durfte schmökern und sonntags zum Frühschoppen. Ein Bier und ein Schnaps genügten, den Tag wundersam werden zu lassen. Zu Hause hatte es einen Skandal gegeben. Der Nachbar liebte es zu lauschen, hatte den Streit mit Vater und meine frühe Abfahrt mitgekriegt und erzählte überall, ich wäre abgehauen.

Ein Gläschen Wein war erlaubt, trinken, gar saufen, streng verboten. Die Meute im Dorf hänselte mich. Trau dich mal was, komm mit, du Feigling, du bist kein Mann, ein Hampelmann eher. Sie hatten eine Party organisiert, die Eltern waren nicht zu Hause. Es gab Bier, Schnaps, Coca Cola und Rainer neben mir schüttete nach, komm, sei ein Mann. Musik war da, auch Mädchen saßen herum. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten und schluckte Schnaps und nach Luft. Dann drehte sich alles, ich war besoffen und hatte einen Fadenriss. Am nächsten Morgen gaben die Beine unter mir nach als ich aufstehen wollte, ich landete am Spiegel, rutsche daran herunter und sah ein mir unbekanntes Gesicht. Zur Arbeit musste ich. Tage später erzählten sie mir, was passiert war. Du bist umgefallen, wir haben versucht, dich die steile Treppe runter zu bringen, da bist du die ganzen Stufen abwärts  gepurzelt. Wieso hast du dir nichts getan? Wir haben dich in der Schubkarre gefahren, laufen war nicht mehr drin. Und zu Hause bist du auf allen Vieren die Treppe hoch. Wieso konntest du arbeiten? Ich hab lange keinen Schnaps mehr angefasst. Thea war dabei und hatte Angst um mich gehabt. Das gab Hoffnung.

Klaus war 6, Hanne 12 Jahre jünger. Der Abstand war zu groß um mit den Geschwistern zusammen was unternehmen zu können. Hanne wollte lernen wie ich, Klaus arbeiten. Und zwar Speis machen. Ansonsten stand er rum, hatte die Hände in der Tasche und rauchte spitze Stöckchen. Das wurde ihm eines Tages zum Verhängnis. Er lief den Hof hinunter, stolperte, fiel und stach sich den Stock in den Rachen. Was für eine Aufregung. Mutter kam hinten auf die kleine Görike, Klaus im Schoß. Im Nachbarort hat der Arzt den Jungen ohne Betäubung genäht. Samstags war unsere Aufgabe, den Hof zu kehren. Er oben, das kleinere Stück, ich unten. Klaus trödelt, ich wollte fertig werden. Denn nach dem Kehren kam nur noch Baden, dann war Feierabend für die Woche. Regelmäßig musste ich einen Großteil seines Bereichs mit kehren. Aber wenn es Speis zu machen gab, dann nahm er die Hände aus der Tasche und packte zu. Vater und Sohn arbeiteten freudig nebeneinander, ich versuchte zu verschwinden, wurde für das Wasser gebraucht und machte schweren Herzens mit.  Meine kleine Schwester war liebenswert, sie verehrte mich und ich beschützte sie. Erst später habe ich sie richtig kennen und lieben gelernt.

Sonntags spazieren gehen gehörte wie der Gottesdienst, das gute Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Chorsingen abends zum festen Programm. Mir lief die Zeit davon. Was hätte ich nicht alles lesen und hören können in der Zeit. Aber ich musste neben den Eltern und Geschwister her traben und die Natur genießen. Ich hatte es versucht, wollte Waldläufer werden, Naturbursche, der im Freien zu Hause ist. Einen Hund wollte ich haben und mit ihm zusammen durch die Wälder streifen. Opa beschied knapp, du brauchst einen Hund, der deine Anschläge frisst, sonst keinen. Wahrscheinlich eine weise Entscheidung von Opa, denn ich fasste keinen Fuß im Wald. Sie war nichts für mich, die freie Natur. Aber jeden Sonntag musste ich wieder spazieren gehen. Das latente Unbehagen über mein Leben erreichte seinen Höhepunkt auf einem kleinen Hügel vor dem Dorf. Da war ich hoch geklettert, die anderen gingen weiter. Ich sah auf das Tal, das Dorf, die Enge, und eine Frage nahm Besitz von mir: Das soll es gewesen sein?

Die Reklame der privaten Technischen und Wissenschaftlichen Fachschule war interessant. Studium zum Techniker in 6 Monaten, zum Ingenieur in zwölf. Ein  verlockendes Angebot weil kürzer als die 6 Semester auf der Ingenieurschule. Onkel Otto prüfte und erklärte die Lehrinhalte für ausreichend. Meine Eltern hatten viel von meinem Lohn gespart - ich kam mit einem geringen Taschengeld aus - und mit einem Zuschuss von zu Hause konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: keine Fachschule mehr, die ungeheuer lange Studienzeit ließ sich verkürzen und ich kam von zu Hause weg. Was für eine Aufregung. Statt nach Gießen gings nach Stockach am Bodensee. Vor der Abreise waren die Nachbarn zu verabschieden, ich sprang von Bordstein zu Bordstein, rutschte ab und hatte eine schlimme Verstauchung im Knöchel. Die Reise mit dick umwickelten Bein war wie eine Vorausschau auf die Technikerlaufbahn: immer etwas behindert. Auf dem Abschlusszeugnis war ich "TEWIFA.Ingenieur".

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Wednesday, 28. january 2009 3 28 /01 /Jan. /2009 18:25

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Techniker im statischen Versuch, Entwicklungsring Süd, München    1964-1967
bei der Erprobung der Hochleistungssenkrechtsstarter VJ 101/102 und des Starfighter

VJ 101 hieß das Flugzeug. Von dem Versuchsjäger gab es 2 Prototypen. Die X1 ist in Manching vom Himmel gefallen, die X2 hängt heute im Deutschen Museum in München. Es waren Senkrechtstarter, die die Nachfolge des Starfighters antreten sollten. Zwei Hubtriebwerke im Rumpf stabilisierten den Schwebeflug, die drehbaren Gondeln außen an den Flügeln waren für Hub und Schub zuständig. Hier lag das technische Problem. Durch das dünne Rohr, das die Triebwerksgondel mit dem Flügel verband, wurde die gesamte Versorgung plus Elektrik geleitet und es musste die Kräfte des Fluges aushalten. Der Verschleiß an den Rohrwänden war zu hoch. Auch aus politischen Gründen ging der Typ nie in Serie. Für Strauss und Co war es ein Prestigeprojekt in einer Zeit, in der die Militärmacht meinte, auf Flugplätze verzichten zu können, denn Flugplätze sind leicht zu orten und zu bombardieren. Die Jäger sollten senkrecht wie ein Hubschrauber von befestigten Flächen, möglichst aus Waldschneisen aufsteigen und landen. Militärs in Europa und Amerika setzten auf Senkrechtstarter. Übersehen hatte man dabei die Schlange notwendiger Versorgungsfahrzeuge, die ein prima Ziel abgaben. Jedenfalls überlebten nur wenige Versuchstypen, so die englische Hawker Siddeley Harrier, die bis heute besonders auf Flugzeugträgern und bei Luftfahrtschaus eingesetzt wird.

In dieser Welt war ich 1964 gelandet. Im Statischen Versuch des Entwicklungsring Süd von Focke-Wulf, Heinkel und Messerschmitt in München. Das Material der VJ sollten wir biegen, dehnen, zerreißen, seine Standhaftigkeit vermessen. Im Flugzeugbau sind nur enge Sicherheitsmargen möglich, das Gerät wird sonst zu schwer. Der statische Versuch gab Aufschluss über Toleranzgrenzen und Haltbarkeit des Materials. Das Flugzeug oder Teile davon wurde in einem Gestell fest eingebaut und mit hydraulischen Hebeln belastet. Gemessen wurde mit Dehnmessstreifen und Messgrößen kleiner als 1/1000 mm. Auf einer alten Rechenmaschine die ratterte, musste ich Stunden und Tage lange Listen auswerten, Gondeln zeichnen und Messstreifen verlegen. Ich begriff nur wenig was da vor sich ging und war wahrscheinlich der schlechteste Ingenieur im Flugzeugbau. Mein primäres Interesse galt auch nicht dem Flugzeugbau. Es galt dem Leben Lernen.

München. Großstadt. Nachtleben. Geheimnisse die mich anzogen wie eine Motte das Licht. Schon bei der Ankunft am Bahnhof  witterte meine Abenteuer suchende Nase den ungeheuer vielfältigen Sex in der City. Am nächsten Tag war ich deprimiert. Das ging lange so. Da war die spannende andere Welt, die mich anzog und wenn ich dem Neuen nachgegeben hatte, abstieß. Die alten Normen und Regeln der Erziehung hielten mich umfangen. Ich hatte Glück und fand neue Freunde. Natürlich aus der "Freien Gemeinde" aber sie waren anders, lebten, genossen, gingen aus, auch mal ins Kino, hatten Liebschaften, feierten und beteten natürlich auch. Nach der Enge des Glaubens in Hommertshausen war es wie eine Befreiung: So ging Christ sein auch. Ganz konnte ich es nicht glauben. Immer verblieb in meinem Hinterkopf das Regelwerk und Bibelverständnis meines Opas als Messgröße. Und das verbot, sich auszuleben.

Bei Walter und Helga fühlte ich mich aufgehoben. Sie hatten 3 Kinder (später 5, zwei Mal Zwillinge) und schafften die Schar mit links. Obwohl die Räumlichkeiten beengt waren, war der Umgang mit den Kleinen locker. Im Kinderzimmer hatten sie die unteren Wände mit abwaschbarer Farbe bemalt. Die konnten beschmiert werden. Drei Wühler machten aus ihrer Bude täglich ein Chaos, nur abends, da musste alles aufgeräumt sein. Eingebrannt hat sich mir, dass die Kinder nach Papier verlangen, Helga in der Küchenbank einen Katalog auskramte und ihn im hohen Bogen in das Nachbarzimmer warf.  Standardkleidung waren Lederhosen und Hemd. Das kannte ich aus meiner Kinderzeit, war aber mittlerweile nicht mehr modern. Mich faszinierte die Lässigkeit des Umgangs mit Kindern bei gleichzeitig festem Regelwerk. Es war ein Vorgeschmack auf 68. Und ein Abgesang auf meine autoritäre Erziehung.

Ich hatte es ja versucht mich mit Schöngeistigem zu beschäftigen, ging in Museen, besuchte Konzerte, nahm an Diskussionsgruppen teil, las viel, ja dichtete sogar. Und belästigte damit meine Freunde. Fotografieren war das Einzige, was mich einigermaßen anzog. Neben Sex und Nachtleben. Dem konnte ich nicht ausweichen. Sowie es dunkel und später wurde war der Drang da. Ich musste mich verbrennen.  Der erste Whisky weichte die guten Vorsätze auf. Ab ging’s, die dunklen Seiten der Stadt zu erkunden. Geld hatte ich nicht viel. In meinem Kopf schwirrte Musik, Tanz, dunkle Kaschemmen, Trinken, Leichtigkeit, zufälliges Zusammentreffen in einer geladenen Atmosphäre. In meinen Büchern und in der Zeitschrift "Twen" - die erste Lifestile Zeitschrift auf bundesdeutschem Markt mit Jazz, schönen Bildern, Frauen, Geschichten - gab es das und ich wollte es auch. Das Leben. Nur: wo war es?

Am nächsten Tag war alles vorbei und die Abscheu vor mir selbst hatte mich wieder. Sein übriges tat der elendig lange Tag mit Tabellen, Dehnmessstreifen und arbeitsamen Kollegen. Manchmal konnte ich sie zum Reden über ihr Leben bringen. Das interessierte mich, war aber nicht spannend. Alles nur Familie, Häuschen, Hobby (einer baute Raketen), Aufstieg. Nur die Sekretärin hatte mich in ihr Herz geschlossen. Als sie erfuhr, dass ich Heide sei (jeder war Heide, der nicht katholisch war. Evangelisch wäre vielleicht auch noch durchgegangen. Aber Freikirchlich!), wollte sie mich nottaufen. Ein so netter Mensch und verloren. Das war mir neu. Bis dato war einzig Opas Glaube der Weg zum Himmel. Nicht die Taufe. Verwirrend.  

In der Nachbarabteilung waren nur Diplom-Ingenieure beschäftigt. Sie beschäftigten sich mit Elektronik und waren feiner als wir Flügelbieger. Ob ich mit ihm und seiner Freundin nach Spanien fahre, fragte einer. Spanien, Stierkampf, Sonne, draußen sitzen und trinken, das kannte ich von Hemingway. Wir machten Urlaub in Lloret de Mar. Im Flugzeug hatte mein Kollege das Du angeboten, im Hotel schlief er in meinem Zimmer. Das verstand ich nicht, sie war wohlgeformt und hübsch. Ich folgte Ernesto, trank in Bars und ging zum Stierkampf als Experte. Zuviel Blut, zugeben durfte ich das nicht. Eine Irin kam  mit mir aus der Bar. Wir gingen in mein Hotel, der Kollege hatte angeboten, bei seiner Frau Freundin zu schlafen wenn ich mal könnte was alle wollten. Er sprang aus dem Bett als würde ich ihn überfallen und verweigerte jede Kooperation. Am Strand, neben dem umgekippten Fischerboot, kam die Polizei und in der Höhle zum anderen Strand klappte es.  Die Höhle habe ich letztes Jahr wieder gesehen, die Irin nicht. Sie flog zurück am Tag darauf. Auf unserem Heimflug hat mir der Kollege das Du wieder entzogen.

Ich konnte es nicht füllen, mein Leben. Und beschloss, an Wochenenden freiwillig in einem Heim für behinderte Kinder mit zu arbeiten. Die Fahrt dahin war lang, ging durch die Provinz und zeigte mir die Schönheit der Bayrischen Landschaft. Und dann waren da Menschen, gewöhnungsbedürftig zwar, aber junge Leute, die sich freuten, wenn ich kam. Kartoffel schälen, Fallsüchtige beaufsichtigen, Rollstuhl gebannte ausfahren, ich hatte einen Inhalt. Sonntagabend ging’s zurück und Montagmorgen an die Dehnmessstreifen.

Einer der Betreuer im Heim hatte ein Zimmer mit verhängten Fenstern, Matratzen auf dem Boden, Kerzen überall. Wir tranken Tee, er legte Musik auf und erzählte von seinem esoterischen Leben, seiner Vergangenheit, seinem Leben. Andere Welten deuteten sich an.

Trotz allen Eintauchens  in das Leben der Nacht gelang es mir nur selten, eine Frau kennen zu lernen. Geschweige denn mit ihr zu schlafen. Das klappte nur 3 oder 4 mal. Einmal hab ich Dussel aus lauter Angabe mich als Geheimagenten ausgegeben (weil ich Geheimnisträger war kam die Idee) und prompt die Bekanntschaft verloren. Und einmal gelang mir, ein Stückchen vom Leben das ich suchte zu erwischen. Fasching brachte genau die Stimmung und prompt funktionierte  es. Die Frau wollte dann doch lieber zu ihrem Freund zurück. Verliebt habe ich mich öfters. Meine Pickel verhinderten ein gesundes Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite musste sichtbares Interesse sein, sonst wagte ich keinen Anfang. Reden konnte ich, meist ungegoren. Und dann klappte es, ich hatte eine Freundin. Scheint nicht viel gewesen, den Namen habe ich vergessen, nicht aber ein paar schöne Stunden.

Interessant wurde es im Flugzeugbau, wenn der Testflieger erzählte. Er kam von einem amerikanischen Testflughafen, war groß, schlaksig und trug zu kurze Hosen. Nerven muss der gehabt haben wie Stahlseile. Wir hatten in den Maschinen die neuen Martin Baker Sitze eingebaut. Die schossen den Piloten 80 m hoch damit sein Fallschirm sich auch bei Gefahr im Stillstand entfalten konnte. Die Einzelteile unseres Prototypen wurden in ganz Europa gebaut. Engländer hatten zuletzt den Rotor gewartet, der die Stabilität der Maschine verstärkt. Der Rotor war umgepolt, wurde aber wegen offenbar fehlenden Warnungen genau so wie vorher in Manching zurückgebaut. Alle Starts wurden gefilmt, auch die normalen auf der Rollbahn. Auf dem Film sieht man: die Maschine rollt an, hebt ab und fällt in 10m Höhe aus dem Sucher der Kamera. Augenzeugen berichten, dass sich die Maschine drehte und aufknallte. Alle waren sicher, der Testpilot ist tot. Doch der schwebte am Fallschirm zur Erde. Er hatte, als die Maschine sich drehte, erst grün - die Erde - gesehen, gewartet bis blauer Himmel über der Kanzel erschien und den Nothebel zwischen seinen Beinen gezogen. Sein Rücken war gestaucht, er war in gekrümmter Position nach oben geschossen. Normal hätte er sein Visier zuziehen und den Abschuss mit einem Hebel oberhalb von ihm auslösen müssen. Dann wäre er mit geradem Rücken und mit der Kanzel auf Fallschirmhöhe gebracht worden. Dafür aber war keine Zeit. Der Schnellschuss-Hebel schoss den Piloten durch die Kanzel. Nach 4 Wochen war er wieder flugtauglich und wir bauten an der X2 weiter.  

Weder Religion, noch die Suche nach Leben, schon gar nicht die Arbeit brachten mich weiter. Ich meldete mich beim Deutschen Entwicklungsdienst DED und wurde als Entwicklungshelfer angenommen. Zur gleichen Zeit entließ mich der Entwicklungsring Süd weil das Projekt auslief. Ich war einer der Ersten. Sie überredeten mich, selbst zu kündigen, das sei besser bei späteren Bewerbungen. Dadurch entfiel das Arbeitslosengeld. Ich wollte sowieso nicht zum Arbeitsamt, wartete auf den Bescheid des DED und fuhr Minicar. Kleine R4 Autos, die billig Fahrgäste transportierten. Manchmal verdiente ich nichts, Miete des Wagens, Benzin und Nebenkosten waren höher als die Einnahmen. Es dauerte, bis ich ein wenig zurecht kam und bis heute noch höre ich den Taxifunk. der meine Nummer ruft.

Anfang Januar 1968 begann die Ausbildung beim DED in Wächtersbach. Im März reisten wir aus nach Chile. Das aber ist eine andere Geschichte.   

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Wednesday, 11. february 2009 3 11 /02 /Feb. /2009 11:33

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland

Bis heute bin ich emotional berührt, wenn ich an sie denke. Die Cabora Bassa Gruppe, die Universität, das Leben mit Lernen und Menschen, die politische Arbeit, all das hatte ein neues Selbstverständnis wachsen lassen. Aber sie nahm mich mit auf eine Fahrt im Aufzug durch alle Schichten mitten hinein in das Bildungsbürgertum. Sie öffnete mir die Tore zum Bundestag und die Einsicht, dass Politiker auch nur Menschen sind, sie brachte mich in Kontakt mit Personen, in deren Nähe ich ansonsten nie gelangt wäre und entließ mich, als es mit uns nicht mehr ging. Trotz der Zuneigung haftete noch immer Hommertshausen in mir, ich konnte nicht Ja sagen zu der ganzen Frau, wollte sie in ein Korsett zwängen, das ihr nicht passte. Geblieben ist, was ich von ihr gelernt habe: selbstbestimmt Leben in  Verantwortung für den Partner aber seine Kreise nicht stören sondern unterstützen. Umsetzen konnte ich das erst mit M. Sie hat schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, ihr jährlich einen Blumenstrauß zu schicken. Er gebührt ihr.

Annette N. war groß, hatte hennarote, schulterlange Haare, eine prominente Nase, die ihrem Gesicht einen herben Ausdruck gab, sie hatte Lippen, die sich beim Lachen voll öffneten, eine hervorragende Brust, schmale Hüften und schöne Beine. Annette wusste, wer sie war, konnte reden, argumentieren, sich in Gesellschaft bewegen und war mir haushoch überlegen in allen sozialen Belangen. Sie war anders, trug Alpaka-Ponchos als Rock, Stiefel, großen Schmuck, enge Pullis, rauchte Zigarren und Pfeife und spielte Klavier. Bei Diskussionen behielt sie Recht, ließ sich weder von Männern noch von Autoritäten beeinflussen, ging alleine hin, wo sie wollte, hatte Liebschaften nach ihrer Wahl, feierte , tanzte, war kulturell interessiert und arbeitete wie verrückt. Sie war bewusster, selbstbestimmter als alle Frauen, die ich bisher gekannt hatte und doch eine Frau durch und durch. Wenn ich an sie denke, schlägt mein Herz voll Bewunderung und ein leiser Schmerz schwingt nach.

Ihr Vater war nach dem Krieg Präsident der Deutschen Architektenvereinigung, Nachfolger von Gropius, und zu früh gestorben. Ihre Mutter arbeitete zu meiner Zeit noch als Architektin und die Schwester als Bildende Künstlerin. Sie verschweißte Stahlplatten zu großen Monumenten. Bei einem wollte ich den Rost abkratzen. Entsetzt wurde mir verdeutlicht, der gehöre zur Aussage. Im Wohnzimmer der Mutter standen zwei Flügel, nach Konzerten gab es den Privatempfang mit dem Pianisten mit Musik zu mehreren Händen bei ihr. Ich bediente, staunte, lernte, akklimatisierte mich. In Hommertshausen war diese Welt nicht bekannt. Am Frühstückstisch der Schwester einen Ford Manager, abends Künstler, wochentags Bundestagsabgeordnete. N. war Assistentin eines linken SPD-Mannes, sie nahm mich mit und ich erlebte den Bundestag von innen. Bisher war meine Vorstellung, das Parlament sei wie eine Kuppel über dem Volk gefüllt mit den hervorragendsten Persönlichkeiten. Dass es welche gab, die schon mittags besoffen waren, veränderte schnell meine Perzeption. Doch der Reihe nach.

Christa hatte mich zum Empfang des afrikanischen Botschafters mit genommen. Sie war schon länger eine 3. Welt Aktivistin und mit mir zusammen im Vorstand des Deutschen Komitees für Angola, Guinea Bissau und Moçambique, der Koordinierungsstelle zur Unterstützung von Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien, der auch Bundestagsabgeordnete angehörten. Zusammen mit meinem Engagement in der Cabora Bassa Gruppe in Frankfurt reichte das aus, um mich für Afrikaner präsentabel zu machen. Die rothaarige, exotisch gekleidete, gut gebaute junge Frau stach mir von Beginn an in die Augen. Anderen auch, sie war ständig umlagert von Männern und Frauen. Dass ich mit meinem Lebensweg ein Exot besonders für Intellektuelle war, wusste ich mittlerweile. In der noch immer antikapitalistisch aufgeheizten Frankfurter Universität war ein Ex-Arbeiter Rarität, besonders für jene, die die Vertretung der Arbeiterklasse auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Außerdem hatte ich den Vorteil praktischer Erfahrungen in Lateinamerika und in Stimmung gebracht konnte ich ganz schön witzig sein - wenn auch für feine Leute oft zu grob. Damit konnte ich punkten. Und tatsächlich, Annette interessierte sich, Christa hatte ihr schon von mir erzählt. Wir kamen ins Reden und tanzten und redeten und tranken und tanzten bis uns die Gastgeber raus komplimentierten. Bei ihr ging es mit dem Reden und Trinken weiter, ich war fasziniert, konnte sie nicht einschätzen und wollte keinesfalls ins Fettnäpfchen treten. Mir war bekannt, dass emanzipierte Frauen Männer wie selbstverständlich einladen ohne dass sie mit ihnen schlafen wollen. Es ist zu spät, bleib hier, ich hab noch ein Bett unter meinem Bett. Ich zog es heraus, wild entschlossen nicht als Sex besessener Macho entlarvt zu werden, sie legte sich oben auf das Bett, ich darunter auf die Liege und dann fiel sie auf mich, landete weich und meine Zweifel zerstoben.

Sie wohnte in Bonn, ich in Frankfurt. Wir waren ein Paar mit modernen Prinzipien. Theoretisch war mir klar, ich wollte keine herkömmliche Beziehung, keine Ehe mit Eingeschlossen sein. Praktisch fühlte ich mich unsicher, kam nicht zurecht mit ihren Männerfreundschaften, ihrer Besessenheit im Beruf, ihrer Freiheit und klammerte. Mein Bild von ihr war nicht Deckungsgleich mit der Realität. Als Sportwagenfahrerin sah ich sie, mindestens - und dann kaufte sie sich einen DAF, Trabi-ähnlich mit riemengetriebener Automatik, ein Fahrzeug für vorsichtige Menschen. Wo blieb meine Annette? Ihre Ängste konnte ich nicht sehen, oder wollte ich nicht? Ich fühlte mich oft als Schuster, der bei seinen Leisten bleiben sollte, sie protestierte und wollte mich auf gleicher Ebene.

Annette lebte ihr Leben mit Arbeit, unterbrochen durch Freunde, Kneipen, Feste, lesen, Musik machen. Ihre Welt war die Welt der Politiker, Schriftsteller, Künstler, Journalisten, ein Parket voll mit egomanischer Menschen die wichtig waren oder es werden wollte. Ich lernte mich zu bewegen, partizipierte, legte Scheu ab und gehörte doch nicht dazu. Obwohl ein Kern in mir am Wachsen war, Selbstbewusstsein generierte, ging der Prozess langsam. Die Beziehung als zwei selbständige Kreise zu begreifen, die sich partiell überlappen, konnte ich nicht akzeptieren (noch nicht - erst bei M. ist mir das gelungen). Ich wollte die ganze Frau nach meinem Gusto. Annette versuchte es, sie veränderte sich und war nicht mehr Annette. Da zog sie die Notbremse. Das war 5 Jahre später. Lange habe ich gelitten wie ein Hund.

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Monday, 16. february 2009 1 16 /02 /Feb. /2009 14:18

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Der Flug ging über Lissabon, die russische Maschine hatte  Triebwerkschaden. Einen Tag saßen wir fest und schauten uns die Stadt an. Meine Befürchtungen eine Infektion zu haben bestätigten sich in Havanna. Die Schachtel enthielt dicke Fläschchen Antibiotika, die während der Reise durch das Land  in Gesundheitsposten zwei mal täglich injiziert werden mussten. Die Gesundheitsposten waren kein Problem, es gab sie überall im Land, die Prozedur aber war lästig und schmerzhaft.
Bundestagsabgeordnete und ihre Assistenten reisten in der Delegation mit. Für die Kubaner waren sie die ersten politischen Sendboten aus der BRD obwohl offiziell die Reise vom Bundestag nicht genehmigt war. Ich war als Freund von N. und wegen meiner Lateinamerika und Spanisch Kenntnisse dabei. Von Beginn an fes and ich wohltuend, zurück zu sein auf dem Kontinent, den ich liebte. Etwas irritierte. Es war Lateinamerika und doch fehlte etwas. Erst vor der Abreise kam ich drauf. Überall sonst auf dem Subkontinent gibt es Bettler, Jugendliche ohne Arbeit, ambulante Händler, Schuhputzer, Halsabschneider, die die Zentren bevölkern und im Gringo eine Einnahmequelle sehen. Die Armut gibt diesen Ländern ein typisches Flair. Und die fehlte in Cuba.

Nicht, dass sie reich gewesen wären die Leute. Aber die Grundversorgung gegen Hunger, Krankheit und Unwissen war gesichert. Gerade die älteren Kubaner wussten das und verehrten Fidel. Nein, niemals zurück vor die Revolution, sagten sie, niemals zurück zu den Zeiten von Batista, dem Elend, der Arbeitslosigkeit, den Morden, der Korruption. Eine alte Frau lehnte aus dem Fenster, rauchte eine Zigarre und sagte, mijito, Jungchen, da vorne ist der Gesundheitsposten, da die Schule, ich hab als Erwachsene lesen gelernt, kriege eine Rente, klein, aber mein und Fidel ist ein großer Mann. Zurück, niemals!
Problematisch wurde es mit den jungen Leuten. Für sie waren die Errungenschaften selbstverständlich, sie verlangten nach mehr. Cuba hatte mit seinem Sozialsystem wirklich einen Sprung nach vorne gemacht, verglichen mit den Massen von Menschen in der 3. Welt, die ohne Absicherung mit irgendwas ihr Leben fristen müssen.

Die Kubaner, die wir kennen lernten, waren freundlich, lebensfroh, optimistisch und nahmen die Beschränkungen lässig. Wir wurden herumgereicht in Städten und Dörfern, sie führten uns die Organisationen des Poder Popular, der Volksmacht vor, sagten sie hätten schon alle das neue Bewusstsein. Und verwiesen auf die Erfolge. Die Kindersterblichkeit, sagten sie, ist niedriger als in den USA, die Lebenserwartung mit 75,3 Jahren übertrifft die von Ländern der ersten Welt. Auf weniger als 200 Kubaner komme ein Arzt, in Deutschland sind es über 350. Das Einkommen ist erschreckend niedrig, sagen wir. Ja, sagen sie, aber die meisten sozialen Leistungen sind unentgeltlich, die Grundversorgung mit Lebensmitteln, die Wohnung, der öffentliche Nahverkehr fast kostenlos. Und dann die Verbrecher, schauen sie sich um, rundherum bei den Nachbarn nur Kriminalität und Korruption. Bei uns ist Sicherheit, Ruhe, Ordnung. Ich lese viel später, dass die Financial Times Cuba einen Spitzenplatz unter den LA-Ländern zuordnet. Es sei das Land mit einer der niedrigsten Armuts- und Analphabetenraten  auf dem Kontinent. 97% aller Kubaner sind alphabetisiert. Noch nie sah ich so viele Menschen lesen.  

Spaziergang im Zentrum, es ist heiß. Wir stehen in einer Bar an, verlassen entnervt die gastlose Stätte. 5 Tische im Restaurant  werden mit sozialistischer Langsamkeit bedient, die Bar nicht. Sie haben einfach keine Lust. Der Kindergarten ist putzig, die kleinen schokoladefarbenen Süßen. Alle Kinder? Ja, alle Kinder ab 1/2 Jahr haben das Recht auf einen Platz sagt sie und wird erdrückt von ihren Lieblingen. Ich möchte bleiben. In Santa Clara sehen wir den Panzerzug, den Che mit seinen Leuten aufgehalten hat. Bewaffnet bis an die Zähne haben die Soldaten im Zug aufgegeben als sie hörten, wer draußen steht. Das war die Wende, im Kampf, Batista floh mit 500 Millionen aus dem Staatstresor und Castro zog siegreich in Havanna ein. In Trinidad hören wir Musik aus einem Hinterhof, eine Gruppe alter Männer spielt. Wir bleiben. In der Nacht ertrinkt ein Kubaner im Swimmingpool, das Hotel weit draußen, kein Rettungsdienst in der Nähe. Ich wage nicht in die Gruppe schreiender Menschen einzugreifen, habe vergessen wie die Beatmung geht. Scham über mich. Schweinebucht natürlich. Da, wo die Gringos jämmerlich untergingen bei ihrem Versuch, Cuba militärisch zurück zu erobern. Wir essen Krokodil auf der Farm, es schmeckt süßlich. Lieber fress ich das Viech als umgekehrt. Revolutionsmuseum im ehemaligen Palast von Batista, dem korrupten Diktator, den Fidel besiegte. Die Granma steht dort, Castros Schiff, das die Guerilleros auf die Insel brachte. Che war auch dabei. Für 25 Leute war der Platz gedacht, 86 waren drauf und sind nur durch ein Wunder von Mexiko kommend, heil gelandet - im Kugelhagel der Batista-Soldaten. Nur mit zwei Dutzend Leuten hat Fidel den Kampf begonnen. Das monumentale Porträt Ches auf der ganzen Front eines Hochhauses, die Uferpromenade  Malecon mit all den Anglern und Liebespärchen, die Altstadt, Alt Havanna. Die Stadt lebt, in den Parks Rentner, Zeitungsverkäufer, Menschen, die Zeitung lesen, Frauen stehen in den dürftig bestückten Eckläden an, von der Straße kann man direkt in die Wohnzimmer sehen, ruhig sitzen sie auf ihren Schaukelstühlen. Sie haben sie, die Zeit. Heruntergekommen die einstigen Prachtwohnungen im Zentrum, es ist kein Geld da um historische Bauten zu modernisieren. Im Gegenteil, es fehlen Wohnungen. Von außen sehen wir, dass die hohen Räume aufgeteilt wurden und Zwischendecken haben. Bei einer Miete von 6-10%  des Einkommens kommt nicht viel rein in die Kasse. Wir werden angesprochen, auf Deutsch. Der junge Mann spricht gut, lernt auf der Volkshochschule zum eigenen Vergnügen sagt er und möchte nach Deutschland um die Sprache zu verbessern. Nein, sagt er, niemals weg von hier. Die Menge tanzt, ein Straßenfest. N. ist die Attraktion und umlagert. Sie tanzt und tanzt, ich sitze auf der Mole, werde saurer und saurer und gehe. Wütend, selbstgerecht und verschreckt beschimpfe ich sie: Brauchen nur Machos kommen und auch noch tanzen wie blöd , schon ist die emanzipierte Frau weg. Und was ist mit mir? Ja, ja, Kubaner können tanzen dass einem die Zigarre aus dem Maul fällt. Zigarrendreher sind glückliche Menschen. Scheint so, sieht so aus. Lachen ertönt, Gespräche gehen hin und her und wenn das Deckblatt aufgerollt wird, nehmen die Gesichter den konzentrierte Ausdruck an, den Fachleuten kriegen bei der Endfertigung eines wichtigen Produktes. Es riecht nach vergorenen Blättern, gesättigt mit den Tabakschwaden der Arbeiter. Jeder darf rauchen so viel er will. Eine Frau, 86 Jahre, erzählt weshalb sie noch arbeitet. Teilzeit zumindest. Eine Zigarre darf sie abends mit nach Hause nehmen und die dreht sie sich drei und vierfach dick. Dann sitzt sie am Fenster, raucht und schaut der Straße zu. Vorne auf einem Podium der Vorleser, ein Relikt aus der vorrevolutionären Zeit. Zigarrendreher waren rebellische Fachleute. Sie setzten den Vorleser durch, der ihnen Zeitungen und Bücher vorlas. Das gibt es bis heute noch. Die Männer und Frauen Zigarrendreher sind belesene Leute. 

Unzufriedenheit in der Gruppe. N. und ich hatten Probleme, Mechthild ging fremd mit Womm, ihr Mann zog sich zurück, die Abgeordneten spielten die Rolle der unfreundlichen Wichtigtuer mit Sonderwünschen und über das, was wir sahen waren wir uns uneinig. Zu viel Neues, zu viel Unbekanntes. Sie kennen die Wirklichkeit Lateinamerikas nicht, von Afrika ganz zu schweigen und sehen diktatorische Unterdrückung im Vordergrund. Der Polizeiapparat sorgt nicht nur für Ruhe und Ordnung, er schränkt die politischen und persönlichen Freiheiten drastisch ein. Alle die nicht für die Revolution sind, sind gegen sie und werden verfolgt. Ja, leider. Muss das sein? Freiheit, scheint mir, ist auch ein Klebstoff, der Menschen bindet. Klaus will unbedingt nach Nicaragua, da hat die linke Guerilla den Krieg gewonnen. Revolutionstourismus. Die Kubaner machen es möglich, wer hätte das gedacht. Jahre später mache ich die gegenteilige Erfahrung. Ich hatte mich vertan in der Abflugzeit, sitze mit M gemütlich beim Frühstück und sie sagt, schau mal auf das Ticket. Zu spät zu kommen ist eine meiner Spezialitäten. Der Schreck setzt ein, wir hätten schon längst am Flughafen sein müssen. Finden einen Taxifahrer der durch die Stadt rast, Gott sei Dank, alle Passagiere stehen noch im Abfluggate. Nein, sagen sie am Schalter, zu spät. Das lösen wir doch auf die Latino-Art. Von wegen Latinos, ostdeutsche Grenzer müssen diese Sturköppe ausgebildet haben. Bis zum Flughafenchef komme ich, der sagt njet. Es war zum verrückt werden, da standen sie hinter der Barriere, wir davor und durften nicht zu ihnen. Den Flug später mussten wir bezahlen, hatten keine Dollars, Kreditkarten kannten sie nicht und da liehen uns fremde Deutsche in der Halle die Summe.
 
Freilich gab es Probleme. Die Versorgung reichte vorne und hinten nicht, Tauschwirtschaft und Schwarzhandel machte sich breit - du gibst mir den Eimer mit Farbe, ich besorge dir die Zulassung für dein Auto - und die Menschen richteten sich ein in ihrem tropischen Paradies, das so paradiesisch nicht war. Wir konnten es nicht fassen, dass die Äpfel auf dem Land von den Bäumen fielen und in den Städten kein Obst zu haben war. Da war Misswirtschaft, Die effiziente Allokation begrenzter Ressourcen, wie die Volkswirtschaftler sagen oder: wie kommt Pedro zu seinem Apfel, schafft eine Planwirtschaft nur bedingt. Große Sachen wie die Elektrifizierung des Landes, lassen sich planen, müssten überall nach gesellschaftlicher Notwendigkeit geplant ablaufen. Bei Kleinigkeiten in ihrer Vielzahl, bei Schrauben, Obst, Ersatzteilen ist die längerfristige Planbarkeit  von Produktion und exakter Lieferung zum Ort des Verbrauchs eingeschränkt. Zu schnell wechselt der Bedarf. Je komplexer eine Volkswirtschaft, um so schwieriger diese Zuordnung. Kommt hinzu die Unfähigkeit einer selbstverliebten lateinamerikanischen Bürokratie (die ihre 5 Durchschläge pro Akte wohl bei den DDR-Freunden gelernt hatte), die kubanische Freude am "mañana", des Aufschieben auf morgen und das geforderte Diktat des "neuen Menschen", der ohne entsprechende Entlohnung mit gesellschaftlichem Bewusstsein arbeitet. Das reizt nur wenige zum vollen Einsatz. Die kubanische Wirtschaft war unterentwickelt, zentriert auf die Monokultur Zucker (in letzter Zeit Tourismus, Biotechnologie) und abhängig von der Sowjetunion, die meist faire Preise zahlte, das Defizit aber nicht aufhalten konnte. Zusammenhalt und oberster Richtungsgeber war und blieb Fiedel Castro, der "Maximo Lider" auch bei der Verwaltung der Mangelwirtschaft. Trotzdem war das Nachrevolutionäre Cuba nie auf dem Niveau lateinamerikanischer oder afrikanischer Länder mit einer im Elend lebenden Bevölkerung. Im Gegenteil, in vielen Bereichen ist das Land Vorbild für einen Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.
Größtes Entwicklungshemmnis war und ist die USA, die es nicht verwinden kann, dass Kuba sich als Eigentum losgesagt, unabhängig geworden ist und stolz jeden neuerlichen Übernahmeversuch abschmettert. Es sind, ich gebe den Kubanern Recht, ungerechte und moralisch inakzeptable Restriktionen. Der kleine David gewinnt bisher gegen den übermächtigen Goliath.

Demokraten wie wir fragen nach der Volksbeteiligung. Freilich haben wir die, sagt der Präsident der Nationalversammlung und verweist auf die unzähligen Komitees, die Basiswünsche transportieren, auf die direkten Wahlen zu den Regionalversammlungen und auf die riesigen Kundgebungen als Motor der Revolution im Dialog mit Fidel. Unbekannt für uns, höchstens indirekte Volkssouveränität sagen wir Vertreter der besten aller Demokratien. Denn die Kandidaten der nächsten Mitwirkungsebenen, der Provinzparlamente und der Nationalversammlung sind handverlesen. Und die Nomenklatura mit Castro an der Spitze herrscht. Warum dann ist das System so stabil? Wegen des Unterdrückungsapparates? Indigniertes Schweigen. Ihr habt ja Recht, das erklärt sie nicht, eure Welt. Können wir denn unser Pochen auf Wahlen erklären? Hat bei uns das Volk Einfluss auf die da oben? (Heute steht in meinem Kalender: wenn Wahlen Veränderung bewirkten, wären sie schon längst verboten). Bei Lincoln lese ich: Demokratie heißt »Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk«. Aber Demokratie wird für Lincoln im Innersten nicht von Volkssouveränität zusammengehalten, sondern vom Recht und vom bedingungslosen Respekt vor der Gleichberechtigung aller. Nein, Cuba ist kein Rechtsstaat, das kann man nicht sagen, aber Lincolns Definition lässt den Blick zu auf eine fundamentale Doktrin Castros: der Gleichberechtigung aller Kubaner. Mit Che Guevara hat er 1959 dem Diktator Batista gestürzt, der das Land an die USA verkauft, sich immens bereichert und mit Terror über Not und Elend regiert hatte. Seit der Zeit regiert Castro wie ein Patriarch mit strenger Hand sein Volk wie eine große Familie. Unter ihm wurden soziale Reformen eingeleitet, ein für Lateinamerika beispielloses Bildungs- und Gesundheitssystem durchgesetzt. Er ist der Commandante en Jefe, der höchste, sagen sie, mit Verantwortung für sein Volk, sagen sie, einer der sich nie persönlich bereichert hat, sagen sie, einer der bescheiden lebt, sagen sie, einer der integer ist und nur an Cuba denkt. Sagen sie. Und der böse wird, will man anders als er.
Fidel sehen wir nicht. Er sei nicht da, wird uns gesagt.

Intellektuelle, Journalisten, Schriftsteller, sie trauen sich die geforderte Linientreue zu kritisieren und machen doch weiter. Nein, weg wollen sie nicht. Die, die nicht einverstanden waren haben die Abstimmung gegen das Regime anders umgesetzt. Sie haben sich abgesetzt, zumeist in die USA (Schätzungen sagen 10 bis 15% der 10 Millionen Kubaner), die meisten mit Wut im Bauch. Zuerst noch als "gusanos" - Würmer - beschimpft, wurden sie mit der langsamen Öffnung zur USA freundlicher "mariposas" genannt, Schmetterlinge die herumflattern und auf Besuch die unglaublichsten Luxusgüter als Geschenk mitbrachten. Die, die geblieben waren aber redeten solidarisch und lachten.

SPIEGEL ONLINE, 16.02.2009
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Rundreise mit Taxi und Bus: "Quer durch Kuba, Teufel noch mal"
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Gut 1100 Kilometer misst Kuba von West nach Ost, viele Besucher sehen
nur die Strände Varaderos und die schickeren Seiten Havannas. Roland
Schulz wollte mehr - und begab sich auf eine Entdeckerreise zu
Fischern, Farmern und der Rocker-Jugend von Camagüey.

Den vollständigen Artikel erreichen Sie im Internet unter der URL
http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,604987,00.html




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Tuesday, 24. february 2009 2 24 /02 /Feb. /2009 13:05

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Die Bundesrepublik Deutschland hilft dem Apartheidstaat in Südafrika beim Bau der Bombe. Nach dem Umzug der Botschaft von Köln nach Bonn im Mai 1975 waren Akten verschwunden, die eine militärische und kerntechnologische Zusammenarbeit zwischen Bonn und Pretoria belegten. Ihr Inhalt sickerte langsam an die Öffentlichkeit und verunsicherte beide Regierungen. Eine Strategie der Abwehr musste her und die fand man im Vorwurf der kommunistischen Unterwanderung. Die Aufnahme beider Deutscher Staaten in die Vereinten Nationen stand bevor und Deutschland (W), so die Staatsorgane, sollte "außenpolitischer Schaden" zugefügt werden. Durch wen? Durch uns!

Nach Meinung der Bundesregierung waren wir ein Haufen willfähriger Protagonisten kommunistischer Propaganda gegen die Afrika Interessen der "Bunsreplik", (das Kürzel BRD durften wir nicht benutzen weil DDR-Sprache, das gewichtige "Bundesrepublik Deutschland" war zu lang, also Bunsreplik), ferngesteuert durch die Sowjetunion. Moskau leite die Kampagne, über Kanäle in Ostberlin und London wurden wir ferngesteuert, so die Staatsorgane. Nicht der Fakt, dass sie Dreck am Stecken hatten war verwerflich, der befürchtete Verlust außenpolitischer Politur störte. In den mittlerweile veröffentlichten Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, (Protokoll vom 19. August 1977. II 1) steht: "Das Bundesamt für Verfassungsschutz, das auf Ersuchen des AA tätig wurde, hat folgende Feststellung getroffen: Die folgenden deutschen "Afrika- oder Dritte-Welt"-Organisationen stehen personell, politisch und ideologisch in engster Verbindung
- AAB (Anti-Apartheit-Bewegung), Geschäftsstelle Bonn, Buschstr. 20, Gründungsmitglieder in Südafrika tätige Pfarrer. In letzter Zeit Einschwenken auf Kurs sowjetischer Afrikapolitik und stärkerer Einfluss der DKP-orientierten Kräfte unter den Mitgliedern...-ASK (Antiimperialistisches Solidaritätskomitee). Mehrheitlich kommunistisch angeleitet oder beeinflusst. -ISSA (Informationsdienst Südliches Afrika), Geschäftsstelle Bonn, Buschstr. 20. -daab (deutsch-afrikanisch-arabisches Büro).  Geschäftsstelle Bonn, Buschstr. 20. -pdw (progress dritte welt - Verlag-Verleih-Agentur). Geschäftsstelle Bonn, Buschstr. 20. Veröffentlichte soeben neue, gegen die Bundesrepublik Deutschland gerichtete Schrift des African National Congress.
-DAAG (Deutsch-Afrikanisch-Arabische Gesellschaft) Bonn, Buschstr. 20. ...
Von wenigen, lediglich der Sache verpflichteten ...Mitgliedern dieser Organisationen abgesehen (z.B. Frau von Bothmer, MdB), scheinen die meisten der DKP nahe zu stehen bzw. ihr anzugehören und sind jeweils in mehren Gruppen tätig....Es besteht ... zwischen den aufgeführten Organisationen eine offenkundig prokommunistische Verflechtung".


Mit diesen Gruppen arbeitete ich zusammen, war Mitglied, sogar im Vorstand. Wir störten die Ruhe der Außenpolitiker. Die Bundesregierung hatte Portugal als Kolonialmacht unterstützt und stützte das Apartheid-Regime in Süd Afrika, wenn auch mit abnehmender Tendenz zu der Zeit, der internationale Druck wurde stärker. Wir sahen unsere Aufgabe in der Veröffentlichung dieser Kungelei auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet.
Zu dem Zeitpunkt war der Bau einer Kernanlage  mit deutscher Hilfe bekannt geworden. Auch wir wussten, dass die Technologie zum Bau der Bombe nicht kompatibel war mit der eines Atommeilers, aber beide gemeinsame Grundlagen haben. Weitere Informationen aus Papieren der Südafrikanischen Botschaft sickerten durch, die diese Komplizenschaft erhärtete. Schon allein die Tatsache der Zusammenarbeit mit einem diktatorischen, rassistischen, brutalen Staat, der seine weiße Minderheitsherrschaft stabilisieren wollte, war für uns verwerflich. Eine Atombombe durften die nie kriegen! Das war der Dreck, mit dem wir warfen und deshalb mussten wir Kommunisten sein. Gute Deutsche werfen nicht mit Dreck auf ihren Staat.
In der Tat nutzten wir Fakten, die auch von den Kommunisten verbreitet wurden. Die Annahme der südafrikanischen Botschaft, dass der DDR-Geheimdienst in den Aktenklau verwickelt sei, war nicht unwahrscheinlich. Wir waren stolz auf unsere Verbindungen zu den "fortschrittlichen Kräften" im südlichen Afrika und sahen uns als deren Sprachrohr. Den cleveren Kommunistenjägern schien gar nicht aufgefallen zu sein, dass die Buschstraße unser Zentrum war, nicht Moskau. Die verschiedenen Organisationen spiegelten unterschiedliche Interessenschwerpunkte und Aufgabenbereiche von Leuten, die pro Befreiungsbewegungen und gegen die Apartheid arbeiteten und sich Büroräume teilten. Einzig die in Frankfurt ansässige ASK war kommunistisch. Wir nicht.

Wie kam ich da hin? Mein Weg war der Werdegang eines anpolitisierten Technikers nach seinen Erfahrungen als Entwicklungshelfer. Ich wurde SPD-Mitglied weil ich Brandt verehrte. Das durch Barzel angezettelte Misstrauensvotum erlebte ich noch als Angestellter bei Rowenta. Nach Chile arbeitete ich da 2 Jahre als Techniker.  Es war ein Morgen des Aufbruchs, ziviler Ungehorsam lag in der Luft. Kein Mensch arbeitete richtig, wir hörten Radio und waren uns sicher, wenn Barzel gewinnt, fahren wir nach Bonn. Er gewann nicht. Brandt, so sagte man, traf ihn nachher im Pissoir des Bundestages. Sagt Willy, Rainer, auch hier ziehst du den Kürzeren. Gibs ihm, Willy! Aber parteipolitisch war ich nicht interessiert. Ich wollte was für die Entwicklungsländer tun, denn Solidarität war wichtig, das war klar geworden. Die Ostpolitik von Brandt war unterstützenswert, die Afrikapolitik, auch der SPD-Regierungen, nicht. Aus Chile kommend, war das Engagement für Lateinamerika nahe liegend. Aber Gruppen, die sich mit dem Subkontinent beschäftigten, kannte ich nicht, das Interesse stieg erst später bei und nach Allende. Der Club der Rückkehrer aus Entwicklungsdiensten war erste Anlaufstelle und frustrierend.  Geschichten am Lagerfeuer von Erlebnissen und Dönkes  hatten Priorität. Jürgen kam und stellte die Cabora Bassa Gruppe vor, da war sie, die Aktion.

Die Gruppe unterstützte die Befreiungsbewegung FRELIMO in Moçambique und ihren Kampf gegen den Bau von Cabora Bassa, eines der größten Staudämme der Welt. Portugal baute den Damm nicht nur, um Strom für Südafrika zu erzeugen (in der Tat dachte die Kolonialmacht nicht primär an die eigene Überseeprovinz, wie sie die Kolonie nannten), der Trick war, durch die Beteiligung verschiedenster europäischer Konsortien deren Interesse an der Fertigstellung zu binden, zu helfen, das Projekt als Bollwerk gegen die FRELIMO auszubauen. Die hatte mittlerweile das halbe Land befreit gegen eine übermächtige Kolonialarmee und war weiter auf dem Vormarsch. Am Bau beteiligt waren von Deutscher Seite Siemens, Hochtief, AEG Telefunken und BBC, abgesichert über Hermes Kredite durch die Bundesregierung. Damit war die auch im Boot gegen die FRELIMO und für die Fortsetzung der Kolonialherrschaft. So jedenfalls sahen wir das. Junge Siemens Ingenieure, während der 68er Zeit politisiert, waren die Gründer der Gruppe. Dazu kamen Studenten, der "Kampf" gegen Cabora Bassa gehörte zum Repertoire ihrer Revolte. In dieser Gruppe lernte ich die ersten Schritte in der Politik von unten.

Wir machten Aktionen, wollten die Öffentlichkeit wach rütteln gegen die schreiende Ungerechtigkeit. Portugal war die letzte Kolonialmacht in Afrika und versuchte verbissen, ihren Status zu behalten. Einmal hatten wir uns ein Straßentheater ausgedacht. FRELIMO-Kämpfer kamen darin vor, die in einem Dorf agitieren und von der üblen Kolonialmacht erzählen, was die alles anstellt gegen den berechtigten Kampf für Unabhängigkeit. Zwei dachartige Gestelle aus Holz und Pappe stellten Hütten dar, die von innen getragen wurden. In den Dächern öffneten sich Klappen, die hinterhältigen Portugiesen hatten sich in den "Häusern" angeschlichen und schossen mit (Plastik) MP. Ratatatatat machte es und die "Afrikaner" waren tot. Ich glaube nicht, dass wir Menschen überzeugt haben. Andere Aktionen waren erfolgreicher. Wir hielten Vorträge, schrieben Artikel, gaben Broschüren heraus, hatten Kontakt zur FRELIMO. (Alle Kontakte liefen über Tansania, der Basis von Befreiungsbewegungen. Dass ich später in diesem Land arbeiten durfte, hatte einen besonderen Erinnerungseffekt für mich). Einen Reporter der FR haben wir eine Reise in die befreiten Gebiete vermittelt und einmal sogar die Logistik im Krieg verbessert. Sie hatten einen deutschen Fernschreiber im Kampfgebiet, der aber nur senden konnte. Ob wir da was machen könnten? Und wirklich, wir haben in einem Trödelladen ein andockbares Bauteil gefunden, und nach Moçambique geschickt. Jetzt konnte das Gerät auch empfangen. Wir waren stolz.

Jürgen, Jo, Bettina, Eddy, Bob, Gudrun und ich, später auch Monika, Winni und Inga bildeten den Kern der Gruppe. Andere arbeiteten sporadisch mit, kamen und gingen. Bettina war die Intellektuelle und schrieb Bücher und für Zeitungen. Bob, der Afroamerikaner, musste den schwarzen Afrikaner geben bei unseren Vorstellungen. Jürgen gehörte zu den Initiatoren, Jo, Australierin, war die Mutter der Gruppe, Gudrun hielt den Kontakt zu Frauenorganisationen und ich freute mich, wenn sie über meine Witze lachten. Als Bettina ihr Tagebuch aufschlug und mir vorlas, was ich letzte Woche gesagt haben sollte, fiel ich aus allen Wolken. Da hatte jemand meine Worte ernst genommen! Eddy war zuständig für die Rückkehr von der Aktion zur Theorie. Er organisierte Marx- und Lenin-Zirkel. Wir sollten ja wissen, welche ökonomischen Grundlagen unser Wirtschaftssystem zwanghaft zur Ausbeutung auch in die Kolonien treibt und weshalb der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus ist. Es war ganz nett, Marxismus zusammen zu studieren, nach einer gewissen Zeit aber drängten wir Praktiker die Gruppe doch wieder zu Aktionen.  

Eine Jugendgruppe in Offenbach hatte eingeladen, sie wollten was über Cabora Bassa und den Befreiungskampf hören. Schon zu Beginn meines Vortrags fing einer an, einen dicken Joint zu drehen. Gesehen hatte ich das noch nicht, gehört schon. Der Jugendpfarrer verzog keine Miene, ich machte es nach und war neugierig. Der Joint machte die Runde, der Pfarrer zog nicht aber ich. Nichts Weltbewegendes geschah. Die Gruppe fand das gut und lud mich ein zu einem Wochenende ohne Politik. Monika saß auf dem Bett, die langen Haare hingen ihr über die Brust, die Beine untergeschlagen drehte sie einen Joint. Wir rauchten und da war sie, die friedfertige Stimmung mit Kuschelgelüst. Ihre Bewunderung bauchpinselte mich, sie übernachtete immer öfters bei mir und blieb  ganz. Sie nabelte sich ab von zu Hause, ich war Vaterersatz und Wegweiser zu einem anderen Leben. Das allerdings konnte nicht lange gut gehen.

Gudrun war hübsch, ruhig und rauchte mit elegant abgespreizten Fingern. Wenn sie was sagte, hatte das Hand und Fuß. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mit ihrem Lächeln gemeint sei. Sie hatte meine Arbeiten bei der Vorbereitung zur Hochschulreife-Prüfung korrigiert, eigentlich umgeschrieben, darüber war ich schockiert. War ich so schlecht? In der Gruppe arbeitete zeitweise eine ältere Frau mit ihrer jungen Freundin. Hatten die beiden was miteinander? Keine Ahnung. Zu fragen traute ich mich nicht. Merkst du denn nicht, dass Gudrun auf dich steht, sagten sie mir? Auf mich? Aus allen Wolken fiel ich. Und blieb nach der Sitzung. Wir redeten, tranken, hörten Musik, Gudrun lachte, lachte sie mich an oder aus? Die Nacht wurde länger und irgendwann lagen wir im Bett und es war normal und schön und ungezwungen. Am nächsten Morgen fuhren wir alle nach Kassel zu einem 3. Welt Treffen. Monika war dabei und verlangte Rechenschaft. Mir ging es zu gut, ich strahlte und wollte alleine leben. Unterwegs kam die Nachricht im Autoradio: Baader, Meins und Raspe verhaftet. Wir hielten auf einer Raststätte, waren unschlüssig. Nein, für die RAF waren die meisten nicht, aber diese Typen hatten mal zu unserer Seite gehört, hatten sich abgesetzt, meinten bitterernst Stadtguerilla zu sein in einer Zeit ohne jedwedes revolutionäres Potential. Ihre Analysen hatten einen nachvollziehbaren Kern. Es gab viel zu kritisieren an diesem Staat. Die Schlussfolgerung der RAF allerdings, dass nur Krieg die Lösung bringe, war so hirnrissig wie ihre Aktionen unmenschlich. Kaltes Töten war inakzeptabel für mich. Alles war schlimm. Der Staat, den auch wir nicht für gut empfanden, hatte gewonnen.

Meine Kontakte in der anderen Welt nahmen zu. Solidarität, das Gefühl, zusammen zu gehören, Erproben neuer Formen des Lebens, all das fand ich spannend und eine Alternative zu dem bekannten Dasein. Wohngemeinschaften waren faszinierend, sie schmeckten nach Abenteuer und Sex, auch wenn die leidigen Probleme mit Küche und Bad noch nicht gelöst waren. Wenn man will, dann muss es, dachten wir. Es wollte nicht, aber das wussten wir noch nicht. Zu sehr war Ordnung und Sauberkeit eingebläut. Ich habe es einmal mit einer halben Gemeinschaft probiert. Er war Jungmanager bei der Deutschen Bank, sie Apothekerin. In unserer Wohnung war es sauber und Sex hatten nur die beiden. Einige meiner neuen Bekannten wohnten in Kommunen und als Eddy eines Abends die Wand zum Nachbarhaus durchschlug um die Wohnung zu vergrößern dachte ich, die Welt bricht ein. Aber es passierte nichts, auch die Nachbarvilla im Westend Frankfurts war dem Untergang durch Immobilienhaie gewidmet. Mein Bekanntenkreis erweiterte sich, es war einfach, dazu zu gehören. Abisag Tüllmann war eine renommierte Fotografin, sie hatte zusammen mit Bettina Südafrika bereist und ein Buch daraus gemacht. Sie nahm mich mit in einer Gruppe von Frauen nach Jugoslawien. Ich litt wieder unter Liebeskummer wie ein Hund, Charlotte hatte mir den Laufpass gegeben mit der Note, sie habe ein sexuell befriedigenderes Verhältnis gefunden. (Später lernte ich von Psychologen, dass der Kriegsjahrgang 44 mit besonderen Abnabelungsproblemen zu kämpfen hatte wenn die Väter erst Jahre danach aus Gefangenschaft zurück gekommen waren). Die  Insel Korcula schien besetzt von Frankfurter Alternativen, die nackt badeten. Ziemlich am Ende der Insel fanden wir ein Fischerdorf und eine Bucht und blieben. Eines Morgens kam jemand aufgeregt aus dem Dorf zurück, er konnte es nicht lesen, aber ein großes Bild von Allende schwarz umrahmt habe er gesehen. Ich war starr vor Angst. Chile hatte mich nie verlassen und bei Diskussionen um die Unidad Popular war meine Position die von Allende gegen die Mehrheit, die lautstark Volksbewaffnung verlangte. Dann aber, hatte Allende prophezeit, gäbe es einen Bürgerkrieg, die Armee würde das nicht zulassen. Wir rasten zurück über die Insel, am Hafen fanden wir internationale Zeitungen und den Verdacht bestätigt. Allende war tot, das Militär hatte die Macht in Chile übernommen. Für mich war der Urlaub vorbei. Chile unter Allende war ein Hoffnungsschimmer, das Land aus der Dominanz der Oligarchie und der USA zu befreien. Es wurde alles sogar noch schlimmer als befürchtet.
 
1974 hörte der Kolonialkrieg der Portugiesen auf. Junge Offiziere, die das verknöcherte Salazar Regime und den immer aussichtsloseren Krieg in Übersee satt hatten, stürzten den Diktator mit einer Nelken Revolution. Die Übersee Provinzen wurden unabhängig, die Befreiungsbewegungen hatten gewonnen und wir waren obsolet. Aber der Kampf war nicht vorbei. In Angola stützte die CIA die Konterrevolution, in Moçambique zettelte sie der Geheimdienst von Rhodesien und Südafrika an. Die Nachbarstaaten befürchteten eine Übergreifen der Revolution auf ihre weiße Herrschaft und die Amerikaner wollten die Verstärkung des sozialistischen Lagers durch die kommunistischen Befreiungsbewegungen nicht zulassen. Brutal und langwierig waren die internen Kämpfe, wenig drang nach draußen. Was wir wussten, wurde veröffentlicht, das internationale Augenmerk aber hatte sich auf Südafrika und sein Apartheid Regime verlagert.

Jürgen und Jo zogen nach Bonn und trennten sich später, Winni ging als Arzt zum DED, Inga ging mit und wurde Beauftragte, Gudrun hatte die Ehe mit Bob schon früh aufgelöst und blieb in Frankfurt. Bob studierte seit langem, war Barmann und ging zurück in die Staaten. Eddy wechselte von der Philosophie zu Taxi fahren und ich studierte, arbeitete und war oft in Bonn. Wir aber blieben uns wohlgesonnen, zusammengeschweißt in einer besonderen Etappe der Geschichte.

Der Kontakt und die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen war früh entstanden. Ich wurde Mitglied in einigen und landete im 2 Vorständen, der Afrika Gesellschaft und dem Deutschen Komitee für Angola, Guinea B. und Moçambique. Als Schaltstelle zur Informationssammlung und Weitergabe an politische Menschen diente das Komitee, aber auch als Koordinator für neue Aktionen. Öffentlichkeitswirksam war die Beteiligung an Siemens Hauptversammlungen. Jeder, der eine Aktie hatte, konnte mit Rederecht teilnehmen. Wolff war der Hauptredner von uns. Er hatte sich mit einem Anzug verkleidet, aber die Strümpfe vergessen. Seine Anklage und Forderung, sich aus dem Geschäft gegen den Kolonialismus herauszuziehen, erzeugte Wirbel. Dagegen waren auch die Kleinanleger. Presse und Fernsehen nahmen das Thema auf, manche Pro, manche Kontra, unser Anliegen war im Gespräch. Im Komitee waren Bundestagsabgeordnete Mitglieder, andere klinkten sich nach Bedarf in das Netzwerk für Anfragen im Bundestag ein. Wolff, Fallschirmjäger, Arzt und Geschäftsführer des Komitees war der Rührigste. Mit Chuzpe kam er an neue Fakten. Er konnte Stimmen nachahmen, ließ sich mit hohen Funktionären verbinden und gab sich als Mitarbeiter aus. Sie haben öfters aus dem Nähkästchen geplaudert und siehe da, Vermutungen über neue Verschleierungsversuche wurden bestätigt. Die Publizierung der neuen Erkenntnisse lief auf Hochtouren, die Zeit war gegen Kolonialismus und  Apartheid. Befriedigend war die Einladung zur Unabhängigkeitsfeier in Moçambique als einzige Organisation aus Westdeutschland. Wolff fuhr, er hatte am meisten gemacht. Noch nicht einmal die Bundesregierung war geladen und musste uns zähneknirschend eine Vorreiterrolle zugestehen. Trotzdem war der Wirkungsgrad des Komitees beschränkt.

Ein anderes Kaliber war da schon die Afrika Gesellschaft. Als ich sie kennen lernte, residierte sie in einem luxuriösen Büro über dem Bonner Markt. Einstmals als Sammelstelle konservativer Afrika Politiker gegründet und wohlgefällig von den Regierungen subventioniert, war sie in einer Nacht und Nebel Aktion von linken Afrikafreunden übernommen worden. Nach alter Sitte wurde der Vorstand von einigen wenigen Mitgliedern regelmäßig wieder gewählt. Im Lauf des Jahres waren viele von unserer Seite eingetreten, was der Vorstand mit Wohlwollen quittierte. Wenig wohlwollend war die Reaktion, als die neuen Mitglieder alle erschienen und einen neuen Vorstand wählten. Von da an war auch die Regierung gegen den Afrika-Verein. Der war natürlich eine andere Plattform mit Mitteln, Büro, Konferenzraum, Periodika auf Hochglanz, Veröffentlichungen in großen Auflagen, Organisation von Konferenzen, Vergabe von Preisen, alles da. Habicht-Benthin, der neue Geschäftsführer, war ein cleverer junger Manager, der die Möglichkeiten nutzte. An den "Internationalismus Gesprächen" nahmen Botschaftsangehörige, Bundestagsabgeordnete, Presseleute, wichtige Personen teil. Die fremde Übernahme aber hat die Regierung nie verziehen. Die Mittel wurden knapper, 1978 musste der Verein aufgelöst werden.

Wir waren sicher keine wichtigen Instanzen im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Rassismus und Abhängigkeit, aber ein wenig durften wir beitragen. Am schönsten ist mein Gefühl, auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Nochmals aus den "Akten zur auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland, diesmal vom 25. Juni 1975": "Der sambische Außenminister und Präsident Kaunda bezeichneten jedoch unser gestörtes Verhältnis zu Mosambik als ein warnendes Beispiel dafür, dass wir von der politischen Entwicklung im südlichen Afrika überrollt werden könnten, wenn wir unsere Einstellung zu den Befreiungsbewegungen nicht änderten." Und in einer Fußnote: Wegen Cabora Bassa (über 500 Mio. DM Bundesbürgschaft), wirtschaftlichen Möglichkeiten und strategischer Lage an Kaproute sind wir an baldiger Aufnahme diplomatischer Beziehung interessiert. Einladung zur Unabhängigkeitsfeiern hat aber nur (unser: RE) deutsches Angola-Komitee erhalten. Bundesregierung, USA, Frankreich und auch SPD sind nicht erwünscht".
Allerdings bekommt mein positives Gefühl Risse. Vor einem Jahr war ich 3 Monate in Moçambique. Die neue Gesellschaft war noch nicht erstanden.  



 
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Tuesday, 3. march 2009 2 03 /03 /März /2009 17:03

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Eine schöne Zeit war das, da oben unterm Dach juchhe. Rückertstr. 34 war meine Adresse für lange Zeit. Zusammen mit Klaus P. bin ich da eingezogen. Wir teilten uns die Dachwohnung im Ostend, nahe Main und Sachsenhausen. Vom Flur mit Klo ging links die Tür zu zwei Zimmer für ihn zur Straße hin, geradeaus ging's zu mir mit einem Zimmer zur Straße und einem  zum Hinterhof unter der Dachschräge. Die Küche davor, ebenfalls unter der Dachschräge, haben wir gemeinsam genutzt. Eine transportable Dusche stand im vorderen Zimmer von Klaus wie ein Monument. Er brauchte nur das Hinterzimmer. Da waren keine Schränke, Regale oder Einrichtungen drin, alles lag oder stand auf dem Boden, Zeitungsstapel, Bücher, Kaffeemaschine, Besteck, Geschirr, Matratze, Schreibmaschine wild durcheinander. Klaus war Volontär bei der FR, lebte nachts und schlief tagsüber ohne Gardinen. Das hab ich immer bewundert. In meiner Wohnung standen im ersten, dem schrägen Zimmer das große Industrieregal aus Holz mit der Harman Kardon Anlage, ein Ecksofa von Ikea, viel zu groß aber kuschelig und ein Tisch. Hinter dem Ölofen in der Ecke war der Kamin mit Goldtapete überklebt, eine Erinnerung an den Vorgänger. Die Dekoration hat alle gestört, nur mich nicht. Im Zimmer zur Straße stand die große Arbeitsplatte auf Böcken, das Stehpult, ein Regal mit Büchern und Akten und das Bett, gefertigt von Kremesch Heinz im Dorf mit Holz aus unserem Wald. Wenn einer kochte, wurde es eng in der Küche. Klaus konnte Spaghetti mit Soße, die immer anders schmeckte. Sein Trick: er fing mit den Würzdosen links an und hörte rechts auf, egal was es war. Dann zog Klaus weg und Hanne ein.

Meine Schwester war 12 Jahre jünger. Ich habe wenig Kindheitserinnerung an sie, der Abstand war zu groß, in der Pubertät dominieren andere Interessen.  Sie sagt, ich hätte sie immer in Schutz genommen. Nach meiner Rückkehr aus Chile war Hanne 12 und an allem interessiert, was ich tat. Leider, sagt sie, blieb ich nie lange genug in Hommertshausen. Kennen gelernt habe ich sie erst in Frankfurt. Auf einmal war sie da, die junge Frau, die meine Schwester war, wohnte in der Nähe, studierte, erst Sozialpsychologie, später Ornithologie. Sie war die erste Frau aus unserem Dorf, die zur Universität ging, interessant, offen, hübsch mit ihren langen blonden Haaren, manchmal zu einem Zopf geflochten, ich konnte reden mit ihr, war angetan. Jörg war ihr Freund, beim Bund zu der Zeit - später verweigerte er und musste zur Strafe länger Zivildienst machen - er war groß, kräftig, ruhig und belesen. Ein freundlicher Wink des Schicksals ließ die Zimmer bei mir frei werden und wir zogen zusammen.  Gut ging es uns. Wir teilten Freud und Leid, den Kühlschrank und die Küche, feierten, hörten uns gegenseitig die Prüfungsvorbereitungen ab und lernten voneinander. Vögel beringen und katalogisieren gehörte zu ihren Projekten. Manchmal ging ich mit und lernte die Natur um Frankfurt herum kennen. Ansonsten war mir nicht so sehr nach Feld, Wald und Wiese, die hatte ich schon genossen. Wenn mir´s schlecht ging, und das war oft, nahmen sie mich in den Arm, redeten tröstend.

Unten im Haus wohnte Frau Arnold, ca. 75 Jahre, alt die uns Geschichten von früher und aus dem Haus erzählte. Mann und Sohn waren kurze Zeit vorher gestorben und doch verbreitete sie Freude und hatte immer ein nettes Wort für uns. Wir wurden Freunde. Weihnachten stellte ihr  Jörg den künstlichen Baum auf. Er war zum Aufklappen wie ein Regenschirm, hatte allen Schmuck daran und war pflegeleicht. Manchmal spielte sie auf dem alten Harmonium und sang Frankfurter Gassenhauer. Sie passte auf und wir gingen einkaufen. Laufen konnte sie nicht mehr gut, die Beine waren zu dick. Der Vermieter war ehemaliger Metzger und nun Hausbesitzer. Jeder Karikaturist hätte in ihm die ideale Vorgabe für eine bissige Hausbesitzer-Polemik gefunden. Es war immer aufregend, ihn zu treffen. Seiner Idealvorstellung von Mietern entsprachen wir nicht. Ob die Schwester wirklich die Schwester ist? Man weiß doch, was in solchen  Wohngemeinschaften passiert. Einmal haben wir ihn dran gekriegt. Ich hatte für die Küche eine Einbaudusche billig besorgt, er wollte sie und kriegte sie teuer. Wir kicherten wie kleine Kinder und gingen zum Griechen.

Ich hatte meine Arbeit als Teamer, war wochenweise weg, Seminare durchführen, studierte, engagierte mich für die Befreiungsbewegungen in Afrika, fuhr zu Annette nach Bonn und lebte. Besonders nach Seminaren mit dem konzentrierten, geregelten Ablauf brauchte ich einen Gegenpol mit trinken, rauchen, Abenteuern. Da ließ ich mich hineinfallen, zog durch Kneipen, Bars und Clubs, fand die Welt schön wenn sie schummrig wurde, war offen für alles und hatte am nächsten Tag einen dicken Kopf. Es muss gelitten werden, hatte ein Arbeitskollege zu meinem Vater gesagt, als er ihm eine Aspirin anbot gegen den Kater.

Annette kam ab und an und verstand sich gut mit Hanne. Sogar deren Papagei wusste sie zu handhaben. Der hasste Frauen. War Jörg aus dem Zimmer, flog er Angriffe auf Hanne. Das glaub ich nicht, sagte Jörg und versteckte sich. Kaum war die Tür zu, kreischte das Vieh und ließ sich von seiner hohen Warte im Sturzflug auf meine Schwester fallen. Jörg war sauer, schimpfte ihn aus, doch der Vogel schaute zum Fenster hinaus.

In Bobs Bar in Sachsenhausen fing die Auseinandersetzung an. Wir stritten und wurden immer verhärteter. Meiner These, dass 13 Jahre  Schule mit Abitur Grundlagen vermittelten und ein Vorteil seien, ließen Hanne und Annette nicht gelten und verwiesen auf mich. Ich hätte es auch so geschafft. Entzweit gingen wir zurück, ich trottete hinter den beiden her, rief, geh noch was trinken und verschwand in der Kneipe. Die lag mitten zwischen zwei Puffs. Zu Hause war A. bereits zu Hanne gezogen, keine der Frauen sprach mit mir. Ich war völlig perplex, verstand die Welt nicht mehr und bat händeringend zu sagen, was los sei. An unserem Streit konnte das doch nicht gelegen haben. Hanne giftete mich an, dass du dich traust, uns unter die Augen zu kommen! Geht einfach ins Puff. Aber ich war doch nur in der Kneipe, die hat damit nichts zu tun. Dachte frohgemut, jetzt wäre die Sache geklärt, war sie aber nicht. Sie beschieden mich, solch ein Verhalten würden sie mir glattweg zutrauen.

14 Tage Dublin sollten helfen, die geringen Englischkenntnisse zu verbessern. In der Volksschule gab es keine Fremdsprachen und was ich mir angeeignet hatte, reichte nicht aus im Studium. Die Pubs waren Klasse, die Familie, bei der ich wohnte, weniger, der Sprachkurs intensiv. Einen Tag früher als geplant kam ich zurück, morgens um 5:00. Die Wohnungstür war verschlossen, Jörg öffnete im Anstreicherkostüm und sagt  Scheiße. Er war nicht fertig geworden mit seiner Überraschung, meine  Wohnung zu renovieren.

Der Tischgrill stand unter der Dachschräge. Es war ein einfaches Ding mit Heizspiralen oben, man konnte ihn nur mit dem Stecker an- und aus machen. Manchmal vergaß ich das. Auf dem Weg zur Uni mit dem Fahrrad kamen mir Zweifel. Hatte ich ihn ausgestellt? Während der Vorlesung verdichteten sich die Befürchtungen. Ich konnte nicht mehr folgen, konnte nur noch an die heißen Heizschlangen so dicht unter den Holzbalken denken. Das wird brennen! Ich stürzte davon, ließ Vorlesung Vorlesung sein und raste nach Hause. Blocks vor der Rückertstraße hörte ich die Feuerwehr und war mir sicher, unser Haus steht in Flammen und du bist schuld. Was mach ich nur, hab ich eine Versicherung? Springt da die Hausrat ein? Kaum wagte ich um die Ecke zu fahren, aber die Straße war leer, keine Feuerwehr zu sehen, das Haus stand noch. Und der Grill war aus als ich oben ankam.

Mit der Waschmaschine ging es schlimmer aus. An der war die Wasserzufuhr manuell zu bedienen, bei jedem Spülvorgang musste manuell das Wasser abgelassen und neu zugeführt werden. Unter uns wohnten Griechen, sie waren nett, klingelten und sagten verschüchtert, könnte es sein, dass bei Ihnen Wasser überläuft? Die ganze Küche war überschwemmt. Jörg und Hanne renovierten die Wohnung. Eine Zeit später klingelten sie wieder. Entschuldigen sie, bei uns tropft es schon wieder von der Decke.  Wir mussten wieder renovieren und luden sie zum Essen ein. Sie haben dem Vermieter nichts verraten.  

Annettes Wellensittiche waren zu Besuch. Die Tierchen waren in Freiheit dressiert und bestimmten selbst, wann sie in den Käfig wollten. In A.s Wohnung war das kein Problem, die Räume waren groß und sie konnten sich frei bewegen, solange das Fenster zu war. Bei mir wurde es ein Problem. Die Decke war abgehängt mit einem Holzimitat und dazwischen war Freiraum. Ich kam heim, die Sittiche waren weg. Das Fenster war zu, sie waren trotzdem nirgends zu finden. Da hörten wir ein Zwitschern, die Viecher waren in dem Freiraum zur Decke und wollten nicht mehr raus. Mit einem Besen versuchte ich, sie zu vertreiben, das machte den Vögeln nichts aus, die hupften nur zur Seite. Da oben aber war eine dicke Schicht Staub drauf, der wirbelte auf und setzte sich auf alle Möbel ab.  Die Reinigung dauerte, die Vögel gaben auf, als sie Hunger hatten und blieben fortan im Käfig. Sie konnten zetern was sie wollten. Und taten das ausgiebig.

Gemeinsam kochen war ein schönes Ritual. Am liebsten aus dem "Kochbuch für Gesellschaften, Kooperativen, Wohngemeinschaften, Kollektive und anderen Menschenhaufen SOWIE isolierte Fresser". Die Anweisung zu Pekingente war kurz und knapp: Nach Peking fahren, Ente essen.  Alles Andere, quer durch den Gemüsegarten von Französisch über Spanisch, Italienisch, Russisch bis Deutsch, war einfach gehalten und beschrieben, so hab ich kochen gelernt.  Na ja, nicht ganz.  Das Rezept Hähnchen mit 30 Knoblauchzehen sah vor, die Zehen in der Schale mit zu dünsten und den Deckel mit Mehlpampe abzudichten. Es roch verführerisch, immer mehr Leute kamen wie zufällig und ich hatte einzig den Angaben im Buch vertraut. Das Hähnchen war für 4 Personen gedacht, nicht für 12. Jeder kriegte ein Stück als Vorspeise, das Hauptgericht beim Griechen musste ich blechen. Hatte ja eingeladen.   

Unsere Feste waren gut besucht. Sylvester war es, alle saßen auf dem Boden im Kreis herum, 1 Dutzend Gäste wohl. Ich machte den Vortänzer in der Mitte und öffnete unter Reden und Gebärden eine Sektflasche. Der Korken knallte heraus, schoss unter die Decke und war verschwunden. Dahinter kam einer Fontäne gleich der Schampus. Den wollte ich retten, trank mich in die Fontäne und schloss sie mit dem Mund ab. Der Druck war zu groß, der Schampus kam mir aus Mund, Nase und Ohren. Sagten sie hinterher nachdem der Lachanfall abgeklungen war. Im Frühjahr lag der Korken in der Dachrinne, er war genau durch den Spalt des abgekippten Fensters geschossen. Meisterleistung. Da war Wolfgang schon dabei.

Er kam, hörte zu und wir wurden Freunde. Wolfgang studierte Pädagogik, hatte Probleme mit seiner Freundin wie ich, wir tratschten nächtelang, fühlten Gleichklang der gebeutelten Herzen und schlossen uns einer Selbsterfahrungsgruppe an.

Partnerzentrierte Gesprächsformen, in der Gestaltpsychologie entwickelt, sollten helfen, die Kommunikation zu verbessern, den anderen zu verstehen. Und damit Beziehungen retten. Es ging aus wie das Hornberger Schießen: wir lernten zwar besser kommunizieren, gescheiterte Partnerbeziehungen aber kittete das nicht. Schwäbisch/Siems, Anleitung zum sozialen Lernen für Paare, Gruppen und Erzieher hieß das Trainingsbuch. Wir sollten lernen, "Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu entwickeln, die unsere Beziehungen zu anderen freihalten von Ängsten, Hemmungen und Vorurteilen" - stand auf dem Einband. Es machte Spaß, sich selbst besser kennen zu lernen, wenn man sich darauf einließ. Die Fragebogen im Buch konnten einen ganz schön entblättern und es brauchte Vertrauen in die Gruppe, das zuzulassen. Aber alle, die da saßen, hatten das gleiche Problem! Die Beziehung scheiterte. Das war eine Menge Gemeinsamkeit. Und alle wollten sie rauskriegen, warum und dann ändern. Außerdem waren sie sympathisch. Dann lernte ich etwas, was ich schon immer für wichtig erahnt hatte, aber nie ausleben durfte: Gefühle ausdrücken. Richtig fand ich das! Gefühle waren da, durften nicht gezeigt werden - John Wayne lässt grüßen, so muss ein Mann sein, dachte ich, war aber gänzlich nicht so. Da stand, wenn man Gefühle unterdrückt, kommen sie woanders unkontrolliert wieder hoch, wie ein Ball, den man unters Wasser los lässt und der dann irgendwo hinter einem hoch schnellt. Besser ist, sich ihrer bewusst zu sein, sie zu akzeptieren und direkt auszudrücken.  Wir vermitteln sie sowieso, mindestens durch unseren nonverbalen Ausdruck. Zumeist aber durch Angriff, was machst du da wieder für einen Scheiß, wenn die eigene Unsicherheit gemeint ist. Jeder ist seines eigenen Glücke Schmied, lernten wir, jeder ist für sich selbst verantwortlich, nicht der Gegenüber. Und dann übten wir das partnerzentrierte Gespräch, die Bereitschaft, Empfindungen des anderen zu verstehen, zu akzeptieren, durch Feed-back, Wiederholen des Gehörten mit eigenen Worten tiefer zu gehen bis zu den Gefühle dahinter: hab ich dich recht verstanden, dass du gesagt hast.... ach so, du meinst also....und das macht dich traurig, oder? Vor allem erfuhr ich mehr über mich selbst! Reihum fragte der Erste den Zweiten, der den Dritten und so fort, Was bringt dich am meisten auf die Palme? Für was schämst du dich? Was glaubst du, findet das andere Geschlecht an dir am anziehendsten, ein ganzer Katalog. Man musste nicht antworten, macht auch nichts. Oder die Einschätzung, wen möchte ich am liebsten, wen am wenigsten gern aus der Gruppe zum Chef, als Kollegen, für einen Urlaub, als Gefährte, für eine aggressive Auseinandersetzung, zum Pferde Stehlen. Oder das Selbstbehauptungstraining. Üben, gegen die Gruppe zu sein, körperlich sich hineindrängen in den geschlossenen Kreis, der abwehrt. Auch verbal, wer kann es lauter? Unsinniger Vortrag, das ist wahrlich nicht leicht. Ich wollte doch akzeptiert werden wegen meiner brillanten Ideen, das mein Traum. Und nun Unsinn reden über den Stellenwert der Bratäpfel im Britischen Empire. Als Typ stehen bleiben war das. Bei all dem waren Überraschungen über mich selbst und die Anderen sicher, das tat wohl, ich weiß es noch. Überhaupt war es schön in der Gruppe. Die Übungen fingen immer an mit Blitzlichtern, jeder sagte, wie er sich selbst empfand. Mir geht es heute nicht so gut, die Anderen wussten, wie ich mich fühlte. Erwartungen und Befürchtungen wurden geklärt, es gab Aufwärmübungen in denen das Wärmen wörtlich gemeint war, das Training in Kleingruppen und zusammen. Und immer konnte man unterbrechen, sagen das passt mir nicht,  und nie, was ihr macht ist nicht gut. Endlich hatte ich eine Atmosphäre gefunden, in der ich mich rundum wohl fühlte. Da war sie, die Akzeptanz meiner Person, meiner Probleme, meiner Besonderheiten. All die Rollenspiele, die notwendigen, um wer zu sein, der ich nicht war, fielen weg, ebenso bei den anderen und heraus kamen Menschen, interessanter noch als vorher. Sie hatten ähnliche Probleme, anderes Herangehen, es war eine neue emotionale Welt, die sich auftat. In der Gruppe ging das gut, das aufeinander Eingehen, das Akzeptieren, das partnerzentrierte Nachfragen, das emotional distanziert Bleiben, in dem Gegenüber einzig den interessanten Menschen sehen, der sich öffnet wie eine Blume. In der Praxis aber hatte die Methode ihre Tücken. Die Annahme, der Mensch sei in hohem Maße gesellschaftlich veränderbar und nur begrenzt genetisch festgelegt erwies sich im Umkehrschluss als richtig. Trotzdem gibt es ein Fenster, in dem verändertes Verhalten trainierbar ist. Ich entwickelte mich.

Freund Wolfgang war so anders in seiner Lebensführung, sanfter, mit 2 linken Händen ausgestattet, redete und schrieb er kompliziert. Ich dagegen war zupackend, auf Abenteuer aus, derb manchmal und vor Spinnen hatte ich keine Angst. Wir bemerkten nicht das Trennende, sahen nur das Verbindende, die gemeinsamen Beziehungsprobleme. Und als ich das Problem nicht mehr hatte, ging die Freundschaft zu Ende. Das aber war viel später, mit M in Ecuador.

Wir beide waren Teamer, Seminarleiter für Jugend- und Erwachsenenbildung. Hierfür zumindest konnten wir die "Anleitung zum sozialen Lernen" ganz gut umsetzen, denn bessere Interaktion in Gruppen war ebenfalls Teil des Gelernten. Privat war das schon schwieriger. Wolfgang gab mir weiterhin gut gemeinte Ratschläge im Umgang mit Annette. Du musst dich durchsetzen. Wenn sie nicht will oder kann was du möchtest, dann trenn dich. So ein blöder Rat! Trennen war genau das, was ich nicht konnte. Er auch nicht. Und so hingen wir rum, redeten und litten.

Annette sagt nein, nein, wie oft soll ich es dir denn noch sagen, legt den Hörer neben das Telefon, die Verbindung ist weg, nur noch ein Tuten zu hören. Sie ist nicht mehr erreichbar. Ich sitze in meinem Zimmer, weiß nicht was tun, Schmerzen in der Brust. Morgen wollten wir in Urlaub fahren, sie aber muss unbedingt vorher noch zu Einem, von dem ich weiß, er war ihr Liebhaber. Ist er es noch? Sie sagt es nicht, das ist ihre Sache, sagt nur, es sei dienstlich. Aber wenn ich es denn nicht aushalten kann, wenn mir der Druck zu groß ist, er wird immer größer, je mehr ich mich hineinsteigere in ihre Ablehnung, auf mich einzugehen. Ich sitze hilflos da, weine, (heulen ist laut, weinen still, lese ich bei G. Mann, dann habe ich wohl eher geheult), Jörg kommt, nimmt mich in den Arm, später Hanne auch. Sie reden, argumentieren logisch, das muss nichts heißen, das kann doch dienstlich sein. Hanne bietet an, mit ihr zu sprechen, aber die lehnt ab. Ein Freund von ihr kommt extra aus Bonn am späten Nachmittag, wir reden die Nacht durch. Er will mir vermitteln, dass sie mich liebt. Auf ihre Weise. Die aber kann ich nicht verkraften. Später wird er ihr Liebhaber, der Gute.

Irgendwann war Almut da. Was für eine Frau! Sie war älter als ich, schön, mit asiatisch anmutendem Gesicht mit hohen Wangenknochen, langem Haar, weit über die Schultern fallend, knabenhafter Figur, Eleganz, selbstbewusstem Auftreten. M. war ihre Freundin, da wusste ich noch nichts von ihr. Beide hatten zusammen studiert, Almut bildete sich weiter an der Universität. Eines Tages, so M, geht in einen Hörsaal voller Studenten die Tür auf und Almut kommt herein, mitten in die Vorlesung. Sie ist gekleidet in einen hellen Hosenanzug aus Leder, die roten Haare offen, hochhackige Stiefel, so schreitet sie den Gang hinab bis zur ersten Reihe. Im Saal wird es still, atemlos schauen die Männer, die Frauen können es nicht glauben, es war die Zeit des Schmuddellooks. Erst als Almut sich gesetzt hatte, konnte der Professor weiter machen. Sie war eine Frau, die immer das Wort ergriff, egal welches Thema anstand. Und immer Zuhörer fand. Mich auch. Ich glaube, es war eine Arbeitsgruppe bei ihr zu Hause, da fand sie Gefallen an meinen Argumenten. Bürgerliche Eleganz mischte sich in ihrer Wohnung mit studentischem Flair. Verwundert war ich, als sie mich einlud zu einem Ausflug am Samstag. Wir landeten in einem Landgasthof, ich trank Wein und sie erzählte. Hier konnte ich meine neue Technik des Feed back Gebens, des Nachfragens nach ihren Gefühlen anwenden. Sprachlos war ich, betroffen, was Männer ihr angetan hatten. Sie kannte Schriftsteller - Grass war darunter - Architekten, Abgeordnete, Musiker, alles bekannte Leute. Ihre Männer ebenso. Doch es ging schief. Immer. Im Kindbett, bei der Geburt des 2. Sohnes, hatte ihr letzter Mann lapidar verkündet, er käme nicht mehr zurück, habe eine andere Frau und ging. Ich litt mit, mir kamen die Tränen und Almut sagte, so habe sie sich noch nie verstanden gefühlt.

Freund Wolfgang schwärmte von Griechenland, OK, fahren wir hin. Almut kriegte runde Augen, wollte mit, Wolfgang lehnte ab und ich stand dazwischen. Mit dem Kompromiss, jeder macht das was er will und wenn es zusammen nicht geht, trennen, fuhren wir. In Österreich fing es an. Sie war eigen, anders, nur auf sich bedacht. Kurz darauf fing ich mir die erste Ohrfeige. Almut schüttete Kaffee in eine Tasse, ich fuhr über eine Schwelle, der Kaffee schwappte über ihre Hose und ihre Hand fuhr in mein Gesicht, was bist du für ein Trottel. Der nächste Wald war vorerst meine Rettung. Ich lief schreiend in ihm herum und wurde ruhiger. Sie war die Prinzessin und saß oft auf der Erbse. Almut hatte ihr eigenes Zelt, mit mir schlafen wollte sie nicht mehr. Wir frühstückten, Wolfgang und ich, der Reißverschluss ging auf, Almut kam heraus. Wir sahen uns an, au weia, das Gesicht verspach nichts Gutes. Sie war stocksauer, klagte und nahm uns in Verantwortung. Nachts hatte sie der Durchfall erwischt, aber der Reißverschluss des Zelts klemmte, sie zerrte und zerrte, musste dringender, brach durch den Spalt der sich öffnet, steckte fest und riss das Zelt ein. Ob sie noch rechtzeitig zum Klo kam, sagte sie nicht. Es ging nicht. Sie hatte andere Interessen, wollte Apsis Mosaiken besichtigen, an Blüten riechen und sich von Griechen bewundern lassen. Wir trennten uns. Wochen später treffe ich sie zufällig auf dem Flohmarkt. Ich habe mich nicht bei ihr gemeldet, dachte, es wäre aus. Aber nein, sie stürzt auf mich zu, R wo warst du, ich hab dich vermisst, wie war's, was habt ihr noch gemacht. Und plaudernd gingen wir zu ihr. Viel später erfahre ich, sie hatte einen herrlichen Urlaub mit uns, leider seien wir schwul und ich hätte ein Buch studiert mit dem Titel, ich bin KO, du bist KO. Der Titel ist: Ich bin OK, Du bist OK.

Annette wollte nicht mehr. Sie könne nicht mehr, sagt sie. Ich will es nicht begreifen, stürze in ein Loch, komme nicht mehr raus. 7 Jahre waren wir zusammen und als ich sie um Heirat bat, war es zu spät. Keine Ahnung, ob sie vorher gewollt hat, immer war ihr Selbständigkeit wichtig gewesen. Mir nicht? Doch. Es ging nicht gut, weil ich noch immer Abdriften verstand, wenn sie  Unabhängigkeit meinte. Sie hatte einen Kater. Wenn er wollte, erhob er sich, machte einen Buckel, streckte sich lang und ging davon um bei der Rückkehr entweder Zärtlichkeit zu geben oder sich zurück zu ziehen. Einmal lag er zwischen ihren nackten Beinen und fauchte, als ich mich näherte. Sein Revier. An den erinnerte sie mich. Es war schmerzhaft zu lernen, aber eine wichtige Etappe. Mit M. war es dann möglich, eine selbstständige Frau neben mir als Glück anzusehen. Zwei Jahre habe ich gebraucht, um die Trennung zu verschmerzen. Und Jörg und Hanne haben mir geholfen und Händchen gehalten. Einen Liebesdienst werde ich Jörg nie vergessen. M. nahm schon einen wichtigen Part in meinem Leben ein, der Verlust von A aber war noch nicht gänzlich verkraftet. Da rief sie an und wollte mich treffen. Ob er es mir ausrichten könne? Und Jörg traut sich und „vergisst“ es. Was für ein Wagnis. Es war gut so.


Wir entscheiden uns für eine Doppelhochzeit! Für Jörg und mich hatten wir schnell gleiche Anzüge gefunden. Aber die Damen! M. wollte nicht in Weiß zum zweiten Mal heiraten, es war schwer, etwas Passendes zu finden, das der jungen Hanne und der reifen M. gemeinsam steht. Die Damen sind alleine aus, den ganzen Tag schon. Und dann führen sie vor, wunderschöne Kleider mit scharfen High Heels. Was hatten wir für schöne Frauen. Lasst die Schuhe an, kleidet euch sexy, wir gehen zum besten Italiener der Stadt. Zum Essen singt uns Alice „Per Elisa".

1982 war die schöne Zeit in der Rückertstraße zu Ende. Der neue Job als Beauftragter des DED für Ecuador rief zur Vorbereitung nach Berlin. Klaus Hofmann will Gesang, will Spiel und Tanz, wir räumen aus, Hanne weint, es war meine schönste Zeit sagt sie.
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Saturday, 21. march 2009 6 21 /03 /März /2009 09:58

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Zuerst hatte ich einen 2 CV, dann einen 3 CV mit stärkerem Motor, der einen VW überholen konnte und dann das Motorrad, die Honda 500. Damit hielt ich den Kontakt Frankfurt-Bonn aufrecht. Außerdem brauchte ich ein Fahrzeug für meinen neuen Job neben dem Studium. Teamer wurde ich, Leiter für Seminare der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Arbeitgeber waren Gewerkschaften und das Jugendsozialwerk und die Seminare fanden in ganz Deutschland, von Schönhagen bis München statt. Überall saßen linke Leute, die ihre kapitalismuskritische Sicht der Welt weitergeben wollten. Ich gehörte dazu. Es war Zeit, mehr Demokratie zu wagen. Willy Brandts Vorgabe, die Politik nach Osten zu öffnen, brachte uns neue Themen und Zielgruppen. Bis dato war die DDR offiziell ein abzulehnender kommunistischer Block. Wir begannen, differenzierter deren innenpolitische Konzepte und Entwicklungen zu untersuchen. Da lebten Menschen, die massenhaft Sport machten, ein 10-klassiges polytechnisches Schulsystem hatten, das Gesundheitssystem lobten, der kollektiven Arbeit differenziert gegenüber standen und das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht gut fanden. Sie hatten sich eingerichtet in der anderen Gesellschaft und die meisten wollten bleiben. Mich faszinierte das, es war so anders als bisher bekannt. Eine Reihe der Prinzipien fand ich menschlicher als in unserem System. Annette versorgte uns mit Materialien aus dem Bundestag, aus der DDR brachten wir Unterlagen mit, die Bundeszentrale gab neue heraus, viel war nicht da, noch nicht einmal an der Universität. Daraus bastelten wir neue Seminarkonzepte. Die Umsetzung unserer Erkenntnisse war oft nicht einfach. Meine Begeisterung für Frauen, die Mähdrescher fahren, kriegte einen Dämpfer in einem Seminar mit jungen Landfrauen. Wir sind doch nicht blöd, freiwillig so eine bescheuerte Arbeit zu machen.

Ich hatte ein Barett auf mit rotem Stern und kam bei Siemens schlecht an. Die machten es wie immer: wenn sie eine gesellschaftliche Entwicklung nicht aufhalten konnten, schwammen sie mit unter eigener Regie. Das war so, als die Gewerkschaftsbewegung aufkam, gegen die Unternehmer agierte und gefährlich mit Forderungen wurden, da gründete Siemens einfach eine Hausgewerkschaft, die blaue. Oder sie kauften sich eine. Oder sie ließen Lehrlinge in eigenen Seminaren gesellschaftspolitisch weiterbilden. Seminare der Gewerkschaften waren gefährlich. Da kamen wir in´s Spiel. Wir durften unsere kritische Meinung ein wenig sagen, wurden aber kontrolliert. Wenn ein Teamer zu kritisch wurde, sagte der begleitende Ausbilder: Ausbeutung gibt es bei uns nicht und setzte den Kritikaster auf die Abschussliste. Wir versuchten die oft alten Herren zu überzeugen, hatten die verquere Hoffnung, unser Wahrheiten seien einsichtig. Der Kölner, kurz vor der Pension, war besonders resistent. Einen ganzen Mittag lang haben wir auf ihn eingeredet wie auf einen kranken Gaul, es ging um die menschenwürdige Behandlung von Lehrlingen. Kurz zuvor war Siemens in der Presse gelandet, ein Ausbilder hatte den Lehrling in den Schraubstock gespannt zur Strafe. Er hörte geduldig zu, schaute erstaunt, wenn wir von Auszubildenden sprachen und erklärte zum Schluss, ja, ja, das ist schon richtig, aber ab und an brauchen Lehrlnge eine Ohrfeige.

Nur, wenn es um Kölner Geschichte ging, wurde er munter und erzählte. Ausgrabungen und historische Museen interessierten ihn, sogar in Rom war er schon und hatte sich die griechischen Säulen bestaunt. Schaut sie euch an, sagte er, da drauf sind keine Römer, das sind Griechen mit ihren langen Nasen. Das kommt, weil die Künstler Griechen waren und ihresgleichen verewigt haben. Die Varus-Schlacht: Nein, nein, sagte er, die Germanen haben zwar gewonnen, aber nur, weil Hermann mit Varus einen Vertrag gemacht hatte. Der römische Feldherr wollte verlieren, extra. Das deswegen, weil dem die Leute davongelaufen waren. Die Scharmützel mit den Germanen waren vorbei, die Frauen um Köln und Bonn schön blond, Landwirtschaft brachte Essen und Trinken und da waren sie weg, die Söldner. Einige Zehntausend waren das, sagte er. Sieht man noch heute, wir Rheinländer stammen doch von denen da ab. Der Varus aber kriegte Geld für jeden Soldaten, das Geld für die abgehauenen hatte er sich eingesteckt, der Varus. Und dann meldete sich sein Chef zum Besuch an, der wollte die Lage inspizieren. Wie sollte der Varus dem erklären, wo die vielen Söldner hin sind, für die er Geld kriegt? Und da hat er Hermann, dem Germanenchef, den Vorschlag gemacht, du kriegst den Ruhm und ich kann die fehlenden Söldner erklären. Und deshalb, sagte der alte Ausbilder, weiß man bis heute nicht, wo die Schlacht, die man die im Teutoburger Wald nennt, stattgefunden hat. Es gab sie nicht.

Mein Handwerk lernte ich in Bonn. Das Jugendsozialwerk hatte mich für 6 Monate als Assistenten der Seminarleitung eingestellt für ebendiese Siemens Seminare, die hintereinander stattfanden. Es war die Zeit zwischen der Prüfung und dem Studienbeginn, der Prüfung, die nicht zur Reife führte, aber zum  Hochschulbesuch berechtigte (manche sagen auch Begabtenabitur dazu, ich denke, es war eine Zeit mit dem Anspruch, lesenden Arbeiterkindern eine  Chancen zu geben).

Die Seminare setzten sich zusammen aus gesellschaftskritischen Themen, angereichert durch didaktische Elemente aus Gestaltpädagogik, Verhaltenstherapie und Gruppendynamik. Dem unterlegten wir unsere Inhalte, allesamt auf soziale Veränderungen abzielend. Nun waren das keine abgehobenen Texte, allemal blieben wir in den Welten unserer Zielgruppen, denen die meisten von uns entstammten. Für die Gewerkschaftsseminare waren das ihre Forderungen, erläutert durch simplifizierende Geschichten aus Theorie und Praxis der Bewegung. Für Schulen waren das Themen, die zumeist vom Lehrplan nur gestreift wurden, Sexualität war eines davon, Erziehung zur Selbständigkeit ein anderes Anliegen. Und dann die Seminare mit den Ost-West Vergleichen, dem Versuch, weg zu kommen vom Block Denken (lieber tot als rot), an seine Stelle Informationen setzen über die unterschiedlichen Lebenssituationen dort wie hier, kritisches Sehen lernen, eben auch auf beiden Seiten, das war schwer. Zu eingefahren waren die Denkschemata, zu fest saß das Pseudowissen, hier sei alles gut, dort alles schlecht. Wir versuchten es zumindest, wurden auch von Institutionen wie dem Jugensozialwerk dafür eingesetzt.

Gruppenarbeit war zentraler Bestandteil, das zu Lernende sollten sich die Teilnehmer selber erarbeiten, wir waren Ideen- und Informationsgeber, Teamer eben, die das Team anleiteten und mit didaktischen Spielen motivierte. Gelernt werden sollte idealer Weise mit Körper und Geist, was natürlich nur begrenzt ging. Schon Aufwärmen konnte prächtig sein. Einen Kreis bilden, sich ineinander verknoten ohne loslassen, das gab ein Körpergefühl der Nähe, Zugehörigkeit zum Team und öffnete für kommendes. Einen Koffer voller Spiele konnte ich zielgenau einsetzten. Ungewohnt war das für Kontaktarmut Gewohnte, Lernen als Last Empfindende. Doch die meisten machten freudig mit und nahmen sich und die Gruppe nonverbal wahr. Das lockerte auf für die kritische Gesellschaftsbetrachtung, denn kritisch wollten wir schon sein, das Gerüst des Daches untersuchen, nicht die fein verputzte Außenhaut loben.

Eine Schulklasse bleibt besonders in Erinnerung. Eine Woche lang arbeitete die Gruppe über Sexualität. Sie sollten einen Aufklärungsfilm drehen. Materialien, Kamera, Tonausrüstung, alles war da. Die Herausforderung war eine doppelte: das Thema musste inhaltlich erarbeitet und schauspielerisch umgesetzt werden. Sie brauchten sich nicht schämen, über Sex zu reden, ja mussten es sogar, etwas, was sie schon immer wissen und bereden wollten diente ihrem eigenen Interesse über den unverfänglichen Aufhänger, den Film zu machen. Nach der Woche waren sie stolz. Nun konnten sie den Eltern erklären, wie das mit den Bienchen und Blümchen wirklich war. Mag sein, dass meine Sprache half, die deftiger, näher an den jungen Leuten war denn die der Lehrer, die Rücksichten zu nehmen hatten.

Noch aus einem anderen Grund erinnere ich mich gerne an diese Klasse. Ich verliebte mich in die junge Lehrerin und sie erwiderte das Gefühl. In einigen Wochen wollte sie heiraten, das letzte Abenteuer, sagte sie. Die Zuneigung war frisch und frei, von keinerlei Zwängen auf Langlebigkeit getrübt. Noch eine Woche vor ihrer Hochzeit besuchte ich sie in Kassel, danach nie wieder.

Die Wochen waren geschlossene Gesellschaften. Man ging am Montag hinein ins Seminar und kam am Wochenende wieder heraus. Abends hatten wir Team Sitzungen, berieten, redeten, trinken war genehm. Oft feierten wir auch mit den Gruppen und tanzten in die Nacht. Der Stamm an Teamern war oft dieselbe Ingroup. Kein Wunder, dass wir uns nahe kamen, Männer wie Frauen. Kein Wunder, dass auch mehr, intimeres zugelassen wurde. Meine Geheimwaffe war das Zuhören können, gelernt bei Schäbisch/Siems, das auf den Anderen Eingehen, Nachfragen, Vertiefen, offen Sein für die Wehwehchen, die das Leben mit sich brachte, beredet sein wollten. Mitleiden und mitfreuen können war angenehm für beide. Wenn ich dies einsetzte, hatte ich Erfolg, besonders bei den Frauen. Glitten die Gespräche ab zu Problemen - meist natürlich die in der Beziehung - war ich schnell in einen Kokon des Verstehens eingeschlossen, abgesondert von den Anderen und der Pegel der Zuneigung stieg. Körperliche Wärme war ein wunderbares Heilmittel das ich gerne einsetzte. Auch mir kamen diese Übungen in Empathie zugute, sie machten mich glücklich. Ich liebe es bis heute, wenn Menschen sich öffnen, zumindest in diesem Momenten sich leichter fühlen von dräuenden Gedanken. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.

Die schönsten Briefumschläge verdanke ich Fraukes Orgasmusproblemen. Keine Ahnung, wie wir drauf kamen, plötzlich saßen wir abgesondert, sie redete anfangs allgemein, ich fragte nach, langsam kamen wir zum Zentrum, sie vermeinte nie kommen zu können, einen Defekt zu haben, alle ihre Männer wenig befriedigt zurück zu lassen, Trennungen zu forcieren. Sie öffnete sich wie eine schöne Blume, die sie war, wohlige Wärme, Vertrautheit war um uns. Ich muss gestehen, auch ich konnte ihr Problem nicht lösen, sie aber nahm mich, den entfernt Lebenden, fortan zum Vertrauten und schrieb Briefe in selbst gemachten Umschlägen aus glänzend-bunten Titelblättern von Illustrierten. Es waren kleine Kunstwerke die da ankamen, adressiert an RE, Rückertstr. 34, FFM.

Die zwei Kollegen waren aus Köln, Pat und Patachon ähnlich, lang aufgeschossen der Eine, pummelig der Andere. Von ihnen habe ich Sekt trinken gelernt. Auch Arbeitern und ihren Nachkommen, sagten sie, stehe so etwas Köstliches zu. Schloss Stolzenfels, der von Rewe, der ist billig und gut und wir kauften ihn kartonweise. Sitzungen, auch mittags, gingen nie ohne. Komm, ein Glas muss sein, auch zwei. Die Sitzungen am Nachmittag waren müder zu überstehen, aber auch lustiger. Kalt kriegten sie den Sekt immer. Im Winter, in Schönhagen, stand er auf Balkenvorsprüngen unter den Fenstern. Komm, wir trinken noch einen, und schon knallten die Korken.

Eine Gruppe war Nachmittags abgefahren, die andere sollte am nächsten Morgen ankommen. Unsere beiden Sektbrüder hatten eine Wanne mit Eis organisiert, darin der Sekt. Die Nacht wurde lang, irgendwann legte einer die Puhdies auf und nicht mehr ab. Immer wieder gingen wir mit ihnen über 7 Brücken, sangen lautstark, fühlten,  vom Sekt verstärkt, dass da was hinter dem Text sein müsse, was auf uns passt. Um 4:00 Uhr schwammen die letzten Flaschen im geschmolzenen Wasser, da streicht ein Scheinwerfer über das Fenster, das kann doch nicht der Bus sein, die wollten doch erst... Er war es. Wir nuschelten Begrüßungsworte und mussten funktionieren. Über 7 Brücken musst du gehn war lange Zeit mein Liebling.

Nicht immer waren die Gruppen einfach, manche renitent, probierten aus, wie weit sie gehen können. Eines Nachts gaben die Jungens keine Ruhe, tauchten immer wieder auf dem Flur der Mädchen auf. Freund Wolfgang schlief in dem hinteren, ich im vorderen Zimmer. Alles Reden nutzte nichts, sie verweigerten die Einsicht, schütteten Wasser, banden Cola-Büchsen an Zimmertüren, die knallten beim Aufmachen, jauchzten und jubelten im Überschuss ihrer Hormone. Drei mal war ich schon draußen, hatte beruhigt, gedroht, war einsichtig, es nutzte nichts. Da platzte mir der Kragen, nackt wie ich war riss ich meine Tür auf, rannte raus auf den Flur, schrie mit hochrotem Kopf, sofort ist Ruhe hier und das Bild muss so skurril gewesen sein, dass wirklich Ruhe wurde. Wolfgang, der von hinten die Szene beobachtet hatte sagte, du warst furchterregend in deiner Nacktheit.

Einmal war sie kreativ, die Rasselbande. Seit Tagen nieselte es, Bewegungsmangel führte zu Unruhe, Austoben im Haus war limitiert. Wir sitzen zusammen, Stille auf einmal.
Im Licht der Außenlampe leuchtet das hohe Gebüsch im weißen Gewand, über und über bedeckt und durch den Regen angeschmiegt wie eine moderne Skulptur. Sie hatten den Vorrat an Klopapier entdeckt und zweckentfremdet. Noch lange hingen die Fetzen in den Zweigen, nun weniger schön anzuschauen.

Nach dem Studium war ich 2 Jahre selbstständiger Seminarleiter, verdiente so wenig, dass der Steuerbeamte nicht glauben wollte,  dass ich davon leben könne aber es reichte und war interessant. 1980 bekam ich einen Job bei der Kübel Stiftung im ASA-Programm. Aber das ist eine andere Geschichte
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Wednesday, 1. april 2009 3 01 /04 /Apr. /2009 19:09

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Deutschland
Das kann doch nicht wahr sein, ein Taubenschlag war das, keine Vollversammlung an der Uni. Vorne redete einer in ein Mikrofon, irgendein K-Gruppenvertreter redete mit einem Megafon dazwischen vom Kampf der Arbeiter, der in die Universität hinein zu tragen sei, ständig kamen und gingen Leute, welche sprangen über die Sitzreihen, andere brüllten sich was zu, Frauen strickten und unterhielten sich, ein Durcheinander bunter Gestalten, der Hörsaal ein Tollhaus. Gewohnt war ich geordnete Betriebsversammlungen, Jahreshaupt- und andere Veranstaltungen aus meiner 3. Welt Arbeit. Aber das hier nicht. Das sollte nun die berühmte Mitbestimmung der Studenten sein? Nee, das war nichts für mich, ich ging nie mehr hin. Es war meine erste und letzte.

Chile war der Auslöser. In den 2 Jahren als Entwicklungshelfer hatte ich viel Neues gesehen, aber wenig begriffen, in der Cabora Bassa Gruppe einiges dazu gelernt über koloniale und imperiale Hintergründe. Das Studium der Soziologie mit Schwerpunkt 3. Welt und Volkswirtschaft sollten die Lücken schließen. Soziologie, um gesellschaftliche Mechanismen und ihr Zusammenspiel zu begreifen, Wirtschaftswissenschaft bei den Volkswirten, um den Motor des kapitalistischen Systems aus Sicht der systemimmanenten Vertreter zu kapieren.

Es ging nicht gut am Anfang, völlige Orientierungslosigkeit herrschte. Ein Gewirr von Stockwerken, Büros, Räumen, Sälen, Professoren, Dozenten, Dekanen, Assistenten, Sekretariaten, Bibliotheken empfing mich. Niemand wusste genau, was zu machen sei und niemanden schien das zu interessieren. Das Vorlesungsverzeichnis war die einzige Orientierung. Damit musste man sich seine eigene Schneise in diese Wildnis, in diesen verzwickten und undurchsichtigen Bildungsdschungel schlagen. Ich erinnere mich, Jahre danach, die Hessische Landesregierung hatte eine Reform vorgeschlagen, einen Katalog mit Vorschlägen, was man studieren, lernen könnte bei den und den Berufszielen, wie lange Vorsemester dauern, welche Prüfungen zu erwarten seien. Wohlgemerkt: es ging nur um einen Orientierungskatalog. Ein Sturm der Entrüstung brach los, die heilige Kuh von Lehre und Forschung beinhaltete offenbar auch die orientierungslose Studienfreiheit. Die revolutionärsten Studenten protestierten an vorderster Front. Ich verstand die Welt nicht mehr. 

Marxistische Wissenschaft kriegten wir bei der eigenen Fraktion, den Gesellschaftswissenschaften, zur Genüge. Die waren in Frankfurt fest in der Hand nach 68er "Revolutionäre". Die Studentenrevolte hatte ich versäumt, in München unpolitisch nichts gesehen, in Lateinamerika nichts wahrgenommen aus Deutschland. Nun war die, sicher ehemals fortschrittlich angelegte, alte, längst überfällige Zöpfe abschneidende, neue politische und gesellschaftliche Formen fordernde, ungestüm über Ziele hinausschießende, aber doch Bewegung in die verknöcherte Deutsche Gesellschaft zwingende Revolte, dieses Revolutiönchen, ausgeartet in zersplitterte Sekten politgläubiger Bürgersöhnchen und -töchterchen. Und was für ein buntscheckiger Haufen traf sich da auf dem Tummelplatz universitärer Freiräume, K-Gruppen genannt! Maoisten gab es, Leninisten, moskautreue Kommunisten, Trotzkisten, Enver Hodxa Anhänger (keine Ahnung, warum Albanien zum Nachahmen animierte), Rote Khmer Kommunisten, Stalinisten, Aufbaukommunisten und Mischungen aus all dem. Sie gaben Zeitungen heraus, druckten Bücher, hatten ihre Zentralkomitees, Führer, Fußvölker, ihre Kongresse, Volksversammlungen, Schulungsveranstaltungen, Büchertische, Kleiderordnungen. Und dann dieses unsägliche Abdriften einiger weniger, in Waffengewalt Lösung suchend, revolutionären Romantizismus wohl auch im Kopf, soziale Gerechtigkeit vermeinend anzustreben, in Ungerechtigkeit ausufernd, eigener und staatlicher, Unselige. Da waren die mir lieber, die im vollen Ernst beschlossen, als Arbeiter bei Opel sich einzugliedern, von innen her zu agitieren, nicht die Revolution erreichten aber doch verstehen lernten, was Arbeit ist.

K-Gruppenvertreter versuchten, jede Veranstaltung nach ihren Dogmen umzufunktionieren. Das erste Seminar besuchte ich bei Andreas Buro. Der war mir kein Unbekannter. Im Sozialistischen Büro in Offenbach hatten wir zusammen 3. Welt-Aktionen koordiniert, hier lehrte er Entwicklungssoziologie. Seine Einführungsveranstaltung war gut besucht, auf dem Boden und Tischen saßen die jungen Leute. Kaum hatte er angefangen, ging die Tür auf und eine Gruppe sichtbar revolutionärer K-Gruppen Kämpfer kam herein, nahm dem Dozenten das Wort ab, verlangte lautstark über die rechte Stoßrichtung der Inhalte zu diskutieren, die da zu sein habe: antikapitalistisch, antiimperialistisch, für den Weltsozialismus (welcher Prägung habe ich vergessen, es gab derer viele). Freudig nahmen die Studenten die Gelegenheit wahr und diskutierten, mich verdutzt zurück lassend, wie konnte ich über etwas reden was ich erst kennen lernen wollte? Buro blieb zugestanden, den Lernstoff für die nächste Stunde zu empfehlen. Aber auch in der zweiten und dritten und vierten Veranstaltung tauchten die Revolutionäre wieder auf, wieder die Grundfrage stellend und Erörterung verlangend. Kaum kam Andreas zu Wort, nur Anstöße gebend, was wir selbst erarbeiten sollten. So und ähnlich oft und überall.

Ergebnisorientiertes Studium war das nicht, Leistung war verschrien, Marx, Engels, Lenin, Mao zitieren das Allheilmittel. Eine seltsame Lethargie lag über dem Ganzen, dies und das mal tun, keinesfalls gründlich, möglichst leicht. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern war das genau anders herum. 500 Studenten folgten mucksmäuschenstill  den Wortkaskaden des Professors, der, mit einem Mikrofon auf der Brust, ellenlange Formeln an die Tafel schrieb. Diskussionen mit ihm gab es nicht, Tutorien mussten nachhelfen, was der Elitelehrer versäumt hatte, verständlich über zu bringen. (Ich bin noch immer entsetzt, dass Lehrer für Erstklässler einen pädagogischen Nachweis bringen müssen, Wissensvermittler unserer höchsten Bildungsanstalt dagegen ihr Unvermögen zu lehren, ein ganzes Leben lang demonstrieren dürfen). Hinzu kam die verbreitete Meinung, komplizierte Sachlagen bedürften einer komplizierten Sprache. Den Vogel schoss Habermas ab, der große Philosoph und Theoretiker aus der Frankfurter Schule. Der formulierte eine eigene Sprache für seine komplizierten Gedankengänge und wurde noch unverständlicher. Ich bin wahrscheinlich der einzige Soziologiestudent im Frankfurt der 70er Jahre, der Habermas nur in Sekundärliteratur gelesen hat. Mir waren die Satzbandwürmer zu kompliziert. Dass es anders ging, zeigte die angelsächsische Schule. Deren Wissenschaftler schrieben populär für ein breiteres Publikum.

Wirtschaftswissenschaften, so lernte ich, basieren auf ceteris paribus ("wobei die übrigen Dinge gleich sind"). Aussagen über zukünftige Entwicklungen kommen zustande, in dem man einen Schnitt in wirtschaftliche Abläufen macht, so tut, als würde sich nichts weiter entwickeln, den statischen Zustand misst und hoch rechnet. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so und fließen weiter. Das hat mich kritisch werden lassen. Wenn die zu messenden Parameter in der Vergangenheit festgeschrieben sind, wie kann dann das Ergebnis für die Zukunft stimmen? (Dies ist übrigens der Grund, warum die 5 Weisen, von der Bundesregierung bestallte Professoren, mit ihren Wirtschaftsprognosen nur zufällig richtig liegen. Ihre immer komplizierteren mathematischen Modelle fußen auf der falschen Annahme, krisenlos Vergangenes ließe sich in die Zukunft extrapolieren. Keiner hat die jetzige Krise auch nur geahnt. Gut, einer, aber der sitzt in Amerika). Von Marx wollte unser Wirtschaftsfachmann nichts wissen. Mehrwert kann man nicht berechnen, Ausbeutung gibt es nicht. Punkt. Ein Mal kam eine Abordnung revolutionärer Kämpfer und verlangte Gehör. 10 Minuten, entschied der Professor, sah auf die Uhr, nahm dem Agitator nach exakt der vorgegebenen Zeit des Mikrofon aus der Hand und fuhr fort mit seiner Vorlesung. Die Revolutionäre zogen betreten ab. Das war völlig anders bei den Gesellschaftswissenschaften. Dozenten und Professoren, einige schon aus der 68er Bewegung kommend, andere dem Strom der Zeit folgend, traute sich nicht mehr, Vorlesungen anzusetzen und Störenfriede raus zu schmeißen. Wäre auch schwierig geworden bei den vielen kritischen jungen Menschen, die liebend gerne diskutierten, weniger gerne lernten und schon gar nicht gerne Hausaufgaben geschweige Prüfungen machten.

Meine Vorstellung vom Elfenbeinturm, in dem Wissenschaft angeeignet wurde, war arg angeknackst. Das waren Kindereien. Es gab am Fachbereich noch ein halbes Dutzend andere, die über den 2. oder 3. Bildungsweg kamen. Wir machten unseren eigenen Arbeitskreis auf und studierten selber. Den Professor freute es, er besuchte uns gerne, wir setzten seine Vorgaben und Ideen um.

Gelernt? Aber ja doch! Die wichtigsten Theoretiker, die mich zuerst beeinflussten: Kant, Hegel, Feuerbach, Weber, Marx und Engels natürlich, die alten nicht, die Griechen, neuere auch weniger, später erst. Geprägt hat mich Marx, der mit seiner Geschichtsbetrachtung die hegelsche Kopflastigkeit, auf die Füße stellt, die Welt nicht deutet als Verwirklichung einer göttlichen "absoluten Idee", eines Weltgeistes, gewachsen in dialektischer Auseinandersetzung und autonom agierend, vielmehr die Geschichte der Menschen als Interessen von Klassen darstellt, die in Konflikten sich weiterentwickelt, gebunden, verwoben mit der Erzeugung von Waren, postuliert, dass sich die Welt, die objektive Wirklichkeit, aus ihrer materiellen Existenz und deren Entwicklung erklären lässt. Dem praktischen Ansatz, nach dem Materialismus zu schauen, ihn dialektische zu analysieren, dem glaube ich eher als der diffusen Geschichte von Ideen. Obschon der Marxsche Ansatz eher die Grundströmung darstellt, oben auf den Wellen sieht manches anders aus. Marx und Engels für mich auch als Wirtschaftstheoretiker bildend, sicher erleichtert durch meine Herkunft aus unteren Schichten. Natürlich erklärt der Mehrwert, warum Unternehmer reich werden, Arbeiter nicht, im Kapitalismus kriegt der Kapitaleigner halt mehr vom erschaffenen Wert als der Arbeiter. Er lässt sich aber nicht berechnen, der Mehrwert, bleibt abstrakt, eine politische Kategorie letztlich (wer die Waren herstellt, hat auch ein Recht darauf). Dann seine Krisentheorie, dem kapitalistischen System inhärent, nicht ein Betriebsunfall. Das sollten sich die bürgerliche Fraktion mal hinter die Ohren und in ihre Lehrbücher schreiben. Aber ja, aber klar gibt es genügend bei Marx zu kritisieren, bei wem nicht? Das ist es ja gerade, ihn undogmatisch, als Wissenschaftler zu sehen.
Ihre sich als Weiterentwickler Marxscher Theorien sehende "Frankfurter Schule" und Denker am Rande nur gestreift, komplizierte Sätze weisen nicht unbedingt auf hohes Analysevermögen. Adorno, Horkheimer und Habermas hatten die Studenten, die 68er, nicht gut beraten, fand ich. Ritzert - Previtt, sehr abstrakt-marxistisch, musste ich lesen, einer war mein Professor. Systemtheorie brachte er uns bei, das Denken in Regelkreisen, die eigenen Bedingungen unterliegen, sich mit anderen Kreisen überlappen können, Rückkoppelungen auf den eigenen erzeugend. So denke ich heute noch. 

Hochinteressant die Angelsachsen mit ihren Theorien über die Arbeitswelt, nicht grundsätzlich-philosophisch wie Marx, mehr den Ablauf und den Menschen darin untersuchend. Jetzt verstand ich die Herkunft des Mannes mit der Stoppuhr bei Arnold, der Firma, bei der ich Dreher gelernt hatte. Wir studierten das neue, fließbandlose Fertigungsverfahren bei Volvo, dem Arbeiter Verantwortung und Kenntnis in allen Produktionsschritten zuordnend und im Ergebnis höhere Produktivität erzeugend. Das, hofften wir, war die Zukunft, die Abschaffung des leidvollen Bandes, von Chaplin brillant vor Augen geführt. . Leider war dem nicht so, es sprach sich nicht herum. Oder war die Angst zu groß, mitdenkende Arbeiter zu erzeugen? Ach nein, so weit dachten die nicht, die Manager, das Band war einfacher.

Hanna Ahrendt und die Schuldfrage trieb mich in tiefste Verwirrung. Über die Gräuel des Naziregimes hatte ich murmeln gehört, nix Genaues, jetzt kriegte ich die unmenschlichste Zeit in voller Breitseite. Und fuhr nach Hause, um die Eltern anzuklagen. Erst später kamen die Zweifel. Ob ich den Rattenfängermechanismen dieses Regimes widerstehen in der Lage gewesen wäre mit all seinen Angeboten für junge Menschen, unpolitisch wie ich war? Das allein schon ein Grund, politisch denkende Menschen zu erziehen.

Bei den Theorien über die 3. Welt zuallererst beeindruckte mich Frantz Fanon, mit seinem Anliegen, der Analyse und Überwindung von Rassismus und Kolonialismus. Sein Hauptwerk, Die Verdammten dieser Erde, ist ein Fanal des Antikolonialismus und für die Befreiungsbewegungen. Auch Dependenztheoretiker, besonders die Lateinamerikaner, waren einleuchtend in ihren Analysen der Abhängigkeit, sie wurden gehört in der Nach-Allende Ära. Senghaas folge ich heute noch mit seiner Darstellung der Eliten hier wie dort, in Entwicklungsländern wie in entwickelten Ländern, die miteinander in Kontakt stehen durch Warenaustausch, Konferenzen, Reisen, sich in Lebensstandards angleichen, eng verknüpft sind. In unseren Ländern allerdings gibt es eine Transparenz nach unten, ein Anschieben der Entwicklung für eine breitere Bevölkerungsschicht durch die Vorteile des Welthandels. Das gib es in den Entwicklungsländern so gut wie nicht, der Surplus bleibt oben. Man nennt das den mangelnden trickle-down, Durchsickerungseffekt, der Entwicklung verhindert. Auch Lenin studiert, ja, unvergleichlich einfach, schon deshalb zu grob seine Theorie des Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Aber dran ist was.

Meine Zweifel an der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften habe ich oben gestreift, es gab - natürlich - auch Sinnvolles. Die Theorie des abnehmenden Grenznutzen ein Beispiel dafür, dass maßloser Produktivitätszuwachs negativ umschlägt. Er geht so: angenommen ein Stück Land, eingezäunt, wird von immer mehr Menschen bearbeitet. Zuerst sinkt die Zeit zur Erledigung der notwendigen Arbeit. Aber irgendwann, wenn es zu viele werden,  treten sie sich auf die Füße, dann sinkt der Nutzen. Und ist das Land voll mit Arbeitern, ist der Nutzen gleich Null. Die Tendenz, immer größere Konglomerate zu schaffen mit immer mehr Produktionskonzentration stößt irgendwann an diesen abnehmenden Grenznutzen. Verdutzt hat mich die Erkenntnis, dass gesellschaftlich sinnvolle Arbeit, z. B. freiwillige, oder Hausfrauenarbeit, keinesfalls in die Globalberechnung des Volksreichtums - auch Sozialprodukt genannt -  eingeht, wohl aber, Autos kaputt zu fahren oder unsinnige Sachen zu produzieren. Die Autos müssen schließlich ersetzt oder repariert werden, die Vernichtung unsinniger Sachen kostet. Da stimmt was nicht. Keynes mit seiner Theorien der Stärkung von Nachfrage in Krisensituationen auch studiert und Galbraith,  mit seiner scharfen Kernthese, dass der Kapitalismus sowohl privaten Reichtum als auch öffentliche Armut produziere, der gegen das Überflussangebot an privaten Gütern bei einem gleichzeitigem Mangel in der Versorgung mit öffentlich angebotenen Infrastrukturen und Dienstleistungen keynsianische Mittel und soziale Steuerpolitik als Lenkungsmittel propagierte und untere mehreren Präsidenten durchsetzte. Und wie der formulieren konnte! Galbraith treffend zur heute dominanten angebotsorientierten Trickle-down-Theorie :„Wenn man den Pferden genug Hafer gibt, kommt am Ende auch etwas heraus, als Futter für die Spatzen“. Er war einer der klassische Liberalen, die mir gefielen, (die heutigen sollten sich schämen, den Namen zu verwenden, diese Apothekergeldvermehrer Partei).

Den hohen Respekt vor der allwissenden Wissenschaft jedoch verlor ich, als ich begriff, wie Theorien gemeingültig werden. Theorien, mit denen alle arbeiten, nennt man Paradigmen. Und ein Paradigma setzt sich erst durch, wenn die Mehrheit der Wissenschaftler es anerkennt. Dabei kann es ohne weiteres vorkommen, das bessere Theorien auf der Strecke bleiben mangels mehrheitlicher Zustimmung. Und das ist nicht nur so in den Gesellschaftswissenschaften, nein, auch in den Naturwissenschaften gibt es hinreichend Beispiele der Unterdrückung von neuen Erkenntnissen um die alten zu erhalten. Konnte also sein, dass das, was wir lernen mussten, zweite Wahl, maximal falsch war. Konnte sein, dass die Welt anders tickte. Mir hat diese Einsicht später sehr geholfen, um die Andersartigkeit anderer Welten nicht nur zu verstehen sondern auch ihren eigenen Begründungshintergrund zu akzeptieren.

Ich hatte mich bei meiner anderen Arbeit, den Seminaren, auf Bildung- und Ausbildung in der DDR spezialisiert, schrieb Konzepte und wahrhaftig und schlussendlich meine Diplom Arbeit darüber, obwohl mein Studium das Verständnis der 3. Welt zum zentralen Anliegen hatte. Soziale System und ihre Triebkräfte zu analysieren lernte ich und da war nun eins in unserem damaligen Nachbarstaat, das neu, unbekannt und faszinierend war, dessen Anspruch und Grundlage marxistisch war und Marxismus waberte in Frankfurt zumindest durch die Geisteswissenschaften als Theorie ohne praktische Relevanz. Genau das interessierte sogar meinen Professor, ein ansonsten hoch theoretisch arbeitender Nachfolger der Frankfurter Schule. Wie leitet sich Arbeit und Lernen aus der Theorie ab und setzt sich um in der Praxis. Die beste Note gab er mir. Wunderbar.

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