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Von einem der auszog: Deutschland

Tuesday, 21. october 2008 2 21 /10 /Okt. /2008 12:52

HommertshausenHommertshausen-56.jpg
liegt an den Ausläufern des Rothaargebirges klein und fein eingepackt in Hügelketten. Geboren bin ich hier. Ich stieg im Jahre 1963 in einen Zug, wie man in einen Traum gerät. Die Hauptsache war, wegzukommen (bei Josef Conrad geklaut weils so schön passt). 19 Jahre dörflicher Indoktrination hatten nachhaltige Wirkung gezeitigt. Fleißig, sauber, sparsam, treu, brav, angepasst und Samstag muss die Straße gekehrt werden. Heute ist es immer noch so. Sicher, alles ist moderner geworden, die Arbeitsethik aber dominiert noch immer. Meine Bücher musste ich auf dem Klo oder nachts unter der Decke lesen. Heute lese ich auch tagsüber - und habe prompt ein schlechtes Gewissen. Um mich herum arbeitsame Männer und Frauen, Motoren kreischen, Werkzeuge scheppern, Menschen eilen - ja sie rennen von einer Arbeit zur anderen. Nach Afrika fällt das besonders auf. Da geht man mit Würde. Und Arbeit ist eine Notwendigkeit.

Manchmal werde ich noch als Senior Experte eingesetzt. Zuletzt in Mosambik. Kamerun ist vorgesehen. Vor den Einsätzen habe ich Respekt. Die Anforderung, in 3 Monaten Strukturen zu ändern, belastet. Doch, ich will ich weitere Abenteuer, Erfahrungen, von hier verschwinden, abtauchen, dann wieder auftauchen mit neuen Geschichten.

Ich will aufschreiben. Nun, da mein Leben einigermassen zum Stillstand gekommen ist. Da waren die Jahre in Afrika und Lateinamerika, der Sex, die Liebe, die Freunde, die Arbeit, das Feiern, immer wenn es ging aus dem Vollen. Da waren diese Menschen, menschlicher oft als bekannt, manchmal auch nicht. Der Kreis hat sich geschlossen, ich bin wieder in Hommertshausen gelandet, dem Dorf, dem ich vor über 40 Jahren entflohen bin. Enge und Kleinheit, Regeln um Regeln sollten mein Leben nicht bestimmen. Nun bin ich wieder da und die Bedrückung kehrt zurück. Positiv ist die Sicherheit der Familie und die soziale Ausrichtung des Dorfs. Da ist ein Spagat von Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen zu einem ganz anderen Leben.

Schreiben und studieren: Biografien, Verhaltenssoziologie, Wirtschaftswissenschaft, Ethnologie, Paläontologie. Mein großes Themenfeld ist der Mensch, wo er herkommt, wie er tickt, sich über Wasser hält. Es ist viel, ich komme nur langsam voran. In die Zeit am Schreibtisch und über den Tag verteilt werden kleine Inseln eingeschobe mit Sport, Garten-, Hausarbeit.

Was will ich noch? Lernen, M lieben, Sport machen, lesen, lesen, lesen. Menschen einladen und kennen lernen, Konflikte schlichten, H rauchen und feiern. Und abends: kochen und trinken mit M, zärtlich sein, spielen, Fern sehen und Sex.

Mir ist kalt wenn es Winter wird. Trotz Heizung werde ich kaum warm. Als ob diese verdammte Kälte alles durchdringt. Oder kommt es vom extensiven Leben? Leben in vollen Zügen, präsent sein, menschlich sein und dem Untergang mir Würde begegnen, das will ich lernen von den Großen Vorbildern.   


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Saturday, 25. october 2008 6 25 /10 /Okt. /2008 13:31

Rio war die schönste Zeit. Die Ausschläge im Spannungsfeld Leben extrem hoch und tief. Von Orgien bis Überfall. Von Caipirinha bis anderes Christentum. Von hoher Politik bis Favela-Elend. Von Liebe & Leidenschaft bis Todesnähe. Und über allem der Corcovado mit seinem Cristo (Redentor), diese wundervolle Stadt bewachend mit ihren Hügeln und Tälern, den Stränden und Menschen. Ich glaube, er passt an und ab nicht auf, der Christo. Weil er den Tangas nachschaut, nehme ich an. 5 Jahre hatten wir pralles brasilianisches Leben.

Hier auch der Schlüssel zur Rückkehr in mein Dorf. Wir wurden überfallen. In der Wohnung. M. arg verletzt. Pistolen am Kopp, ausgeraubt. Wenn wir nicht 10000 $ kriegen, erschiessen wir euch. Gefesselt. Hilflos. Verwundet. An Leib und Seele. 1 arger Schock, die Sicherheit seiner Wohnung zu verlieren und sich selbst. Behandlung. Beide. Die Sehnsucht, Sicherheit zurück zu gewinnen. Der Psychologe lässt mich einen Traum zeichnen. Adler über H. Und ein Holzhaus. Das haben wir uns dann gebaut. Und 2007 sind wir zurückgekommen aus Afrika. Zum ersten Mal all unsere Erinnerungen zusammen an einem Platz. Die Wohnung ist schön.
Das Haus und die Lage vor dem Tal, das Grün und im Herbst Bunte auf den Hügeln ringsum. Mutter und Bruder nebenan. Die Familie ist groß und hält. Aber alle Freunde weit zerstreut, in Deutschland und überall. Da beginnt es schon, mein Problem.  







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Monday, 3. november 2008 1 03 /11 /Nov. /2008 13:44

Im Dorf
hatte ich einen Freund. Er kam fast nie zu mir, ich ging Donnerstags besonders gerne zu ihm, denn da kam die Lesemappe mit den Illustrierten. Solche weltlichen, sündhaften Zeitschriften anzusehen war mir verboten. Aber ich schaffte es immer wieder, sie heimlich durchzublättern. Da war sie, die Welt.

Zum spielen hatte ich wenig Zeit. Unsere kleine Landwirtschaft  brauchte jede Hilfe. Vater und Großvater arbeiteten tagsüber und ich musste Mist fahren und Jauche und den Stall säubern und bei der Ernte helfen. Ein Mal war es so kalt beim Kartoffel ausmachen dass mir die Finger abstarben. Die Erde war vom Regen durchtränkt und eisig und die Kartoffeln waren faul. Es stank und fühlte sich an nach kalter Verwesung. Ich habe geweint.

Sodder foan
Ich hatte als Junge immer kurze Lederhosen an mit breiten Hosenträgern. Diese Hose zog man so lange an, bis man herausgewachsen war. Entsprechend speckig war das Leder aber es war robust und so schnell ging kein Loch hinein und wenn was vom Essen drauf fiel, war das nicht schlimm. Vorne hatte die Hose eine Klappe, die wurde mit 2 Knöpfen aufgemacht. Die Klappe fiel dann runter und das Pinkeln ging einfach. Bis spät in den Herbst mussten wir die Hose tragen aber wenn es kalt wurde mit selbstgestrickten langen Wollstrümpfen, die fürchterlich kratzten. Die Strümpfe wurden oben an einem Leibchen befestigt, das unter der Hose getragen wurde und dessen lange Strapse unten rausguckten und zwischen Hose und Strumpf immer einen Rand vom nackten Bein frei lies. Da fror man dann.

Eine meiner Aufgaben im Frühjahr war Sodder foan. Unter dem Klo war eine Grube und in die fiel alles, was man im Klo hinterließ. Das vergor dann in der Jauchegrube im Winter und im Frühjahr musste dieser Sodder auf die Felder gefahren werden. Auf den Unterbau unseres großen Wagens kam ein Fass und das wurde an den Rand der Grube geschoben. Mit einer Dachrinne die vorne abgebogen war, wurde der Ausfluss der Schlegelpumpe und der Einlass vom Fass verbunden und dann hieß es pumpen. Es war nicht einfach, den Brei da raus und in das Fass zu kriegen und zum Runterdrücken des Schlegels brauchte ich immer beide Arme. Manchmal haben mir die Oma oder der Opa geholfen weil meine Arme noch zu schwach waren. Wenn das Fass voll war musste man schwer aufpassen dass es nicht überlief, denn das stank ziemlich und ich konnte mich nicht drauf setzen.

Danach wurden die Kühe eingespannt. Liese und Lotte trotteten träge dahin, wenn sie arbeiten sollten. Nur auf der Rückfahrt, wenn sie den Stall rochen, da wurden sie schnell. Kühe einspannen ist nicht einfach. Sie bekommen ein starkes Ledergestell vor die Stirn gehängt, ein Koppel, mit 2 Riemen an den Hörnern fest gemacht. In diesem Gestell  ziehen sie mit ihrem starken Nacken den Wagen. An das Ledergestell kamen rechts und links 2 Ketten, die wurden mit einem Brustriemen verbunden und der dann mit 2 weiteren Ketten links und rechts hinten an dem Wagen. In der Mitte zwischen beiden Kühen war eine Deichsel zum Lenken. Kühe sind schwerfällige Tiere und sie geben meist nichts auf das Hüh (rechtsrum) und das Hott (linksrum) auch wenn man es laut brüllt. Kühe sind zum Wagen und Pflug ziehen nicht gut geeignet, derweilen sie ja Milch geben sollen. Aber wir armen Bauern konnten uns keine Pferde leisten und deshalb mussten die Kühe ran. Sie gaben dann weniger Milch. Damit man mit Hüh und Hott auch sicher lenken konnte, kam noch eine lange Leine an die Koppel, eine an der linken Kopfseite für Lotte und eine an der rechten Kopfseite für Liese. Und wenn man dann neben dem Wagen ging und Hüh schrie, dann zog man an der Leine rechts, der Kopf von Liese ging nach rechts, sie hinterher und Lotte kam mit. So fuhr man Kurven. Eine Peitsche hatte ich auch, aber die war mehr zum Knallen. Das nutzte eh nichts, die Tiere gingen ihren Trott und wenn es ihnen zu viel wurde, blieben sie auch mal stehn.

Bis zur Fottbach ging es bergab, da durfte ich auf dem Fass sitzen. Vom Opa hatte ich es gelernt, das Jauche fahren und er schaute immer hinter her und kontrollierte. Weil drüben die Hardt hoch, da ging es steil und da hatten die Kühe viel zu tun. Da wär ich oben drauf eine Last zu viel. Und außerdem hatte Opa Angst, ich könnte runterfallen und unter die großen Holzräder geraten. Die waren mit Eisen außen beringt und wenn die über einen drüber rasselten konnte man tot oder querschnittsgelähmt sein. Ich aber fuhr so gerne oben auf! Dann fühlte ich mich als Cowboy oder Truck-Fahrer nach Chatanugaund weit weg von H.

Es ging langsam den Berg hoch, sehr langsam. Viel zu langsam für mich. Die Zeit verging mit Sodder foan und ich hätte lieber gelesen. Oder mit den anderen Jungens im Wald gespielt. Die hatten da ein Häuschen. Aber ich musste zumeist helfen. Der Vater war auf der Arbeit den ganzen Tag und mauerte Herde aus und Opa war Gärtner. Viel musste die Oma machen. Mutter war für den Haushalt zuständig und wenn sie da fertig war, ging sie mit auf den Acker. Meine Arbeitskraft war schon wichtig. Die Landwirtschaft war nicht groß genug, dass sie uns ernären konnte und so mussten Vater und Opa tagsüber arbeiten und wenn sie frei hatten, wurde das Land bebaut oder geerntet.

Auf dem Feld war gute, koordinierte Technik wichtig. Zuerst wurden Kühe und Wagen so auf den Acker gestellt, dass der Sodder auch dahin fiel, wo er hin sollte. Dann musste es schnell gehen. Hinten aus dem Fass kam ein Rohr, darüber war ein Schieber und darunter hing ein Schaufelblatt. Wenn man den Schwenkhebel aufzog, platschte der Sodder auf das Blatt, spritze auseinander im hohen halbkreisförmigen Bogen wie eine gelblich, durchschimmernde Wand und tränkte das Feld. Das war die erste Hürde. Der Schieber musste ganz aufgezogen werden und gleichzeitig mußte man einen Satz nach links tun damit man nicht von dem Strahl getroffen wurde. Das Zeug stank zum Steine erweichen. Aber jetzt mußte der Wagen anfangen zum fahren, sonst schoß der ganze Inhalt auf eine Stelle. Die Peitsche schwingend und laut brüllend kam ich über die Kühe damit sie ihren fetten Arsch in Bewegung setzten. Und dann ging es den Acker hoch und wenn das Fass leer war, gings heim. Das letzte bisschen Sodder floß aus, die Klappe wurde zu gemacht, die dreckige Hand an der Hose abgewischt und dann kam der Moment, wo ich mich draufsetzte, beide Beine links und rechts vom Fass runter gehängt und von oben die Welt betrachtete und der letzte Cowboy aus H. war.

Mäst foan war schöner als Sodder foan. Die Jauche lief schnell irgend wo hin, auch auf die Kleider, der Mist dagegen war schön quatschig und matschig. Gestunken hat er allerdings auch. Damals hatte jeder Bauernhof einen Misthaufen. Da kamen alle organischen Küchenabfälle und Hofabfälle drauf aber hauptsächlich wurde er gespeist von dem Mist der Tiere. Die kriegten Stroh unter, damit sie nicht auf den Steinen liegen mußten und da schissen und pinkelten sie auch drauf. Die Kühe waren meist so vornehm, nach Erledigtem einen Schritt zur Seite zu gehen, die Schweine dagegen wühlten sich richtig darin herum. Der Mist von denen mußte einmal die Woche gewechselt werden und stank abscheulich, der Mist von den Kühen und Kälber wurde täglich gewechselt und war einfacher zu handhaben. Mit der Gabel konnte man die Fladen aus Schitt und klein geschnittenem, vermoddertem Stroh einfach anheben und auf die Schubkarre laden. Manchmal hatte sich eine der Kühe nu doch da rein gelegt, dann musste sie gestriegelt werden. Links in der Hand hatte man einen Kratzer mit Stiel, rechts eine Bürste mit Schlaufe, da kam die Hand durch. Dann ging das so: mit der breiten Kratze links den Dreck aufgelockert, mit der Bürste rechts geglättet. Links, rechts, links, rechts bis der Schittfleck weg und das Fell wieder schön glatt war.

Der Mist wurde auf dem Misthaufen abgeladen bis der hügelhoch stand. Da war eine ganze Menge Mist, der sich  ansammelte. Aber den brauchten wir auch, der war die Grundlage des düngens. Ganz selten wurde chemischer Dünger zugekauft, dafür hatten wir kein Geld. Die Bauern damals, die machten schon biologischen Anbau als an das Wort noch keiner dachte. Es ist noch gar nicht so lange her, dass chemische Bomben die Böden und den Weizen und das Korn und die Kartoffel und die Dickwurz düngen und von Ungeziffer frei halten. In meiner Jugend mußten wir noch die Kartoffelkäfer mit der Hand ablesen und mit einem Stein zermalmen. Das braucht man heute nicht mehr, das macht die Chemie und düngt auch noch, dafür nimmt man immer ein wenig Chemie zu sich, wenn man isst. Also, was wollte ich sagen, ja, der Mist war zum Düngen da und sehr wichtig und wurde im Herbst ausgefahren. Und Mist fahren war eine Menge Arbeit.

Mist ausfahren ging nun so: Der Kastenwagen mit schräggestellten Brettern an allen 4 Seiten wurde genommen. Der wurde an den Misthaufen gestellt und dann mußte ich mit Stiefeln an oben rauf und angfangen, die Mistflatschen auszustechen und auf den Wagen zu werfen. Manchmal ging es einfach, wenn der Mist schön geschichtet und alt und gut vergoren war, manchmal musste man ganz schön mit der Gabel graben und den Mist raus hebeln. War der Wagen bis zu den Bretter voll, kamen weitere Schichten drauf und die wurden am Ende mit dem Spaten wie ein Cherokee-sen-Kamm von den Seiten platt geschlagen. Damit nichts runter viel. Dann kamen die Kühe an den Wagen und ab gings aufs Feld. Bei der Rückfahrt konnte ich auf dem leeren Wagen stehend die Kühe lenken, aber das sah der Opa nicht gerne wegen der Gefahr und manchmal rutschte man wirklich auf den immer noch glitschigen Brettern aus und zack sass man in der Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Dann musste der Wagen auf dem Feld abgeladen werden. Das ging so: Über den ganzen Acker wurden kleine Misthäufchen gesetzt, die später mit der großen Mistgabel auseinandergezerrt und auf dem Feld verteilt wurden, damit der klein geschüttelte Mist untergegpflügt werden konnten. Für mich war das Mist zerren eine beschissene Arbeit. Nicht wegen dem Mist, wegen meiner Hände. Spätestens nach 10 Minuten zerren und verteilen hatte ich rgelmäßig eine Blutblase und die ging dann irgend wann auf. Einmal mustte eine Blase genäht werden und die Narbe in der Hand hab ich heute noch als Erinnerung.

Damit die Haufen gleichmäßig über das Feld verteilt werden konnten, wurde der Wagen in Reihe gestellt das hintere Brett abgenommen. Dann hatte man eine Gabel, die war am Gabelhals abgebogen und mit der konnte dann schön hinten der Mist runtergezerrt werden. Dann 5 m vorfahren (hüh Lotte hüh, gißte vierwäts, machste wohl vierwäts) um wieder einen Haufen zu machen und so weiter, den Acker runter und rauf bis der Wagen leer war. Dann kam die nächste Fuhre dran. Und am Ende vom Herbst stand man unten im Loch vom Misthaufen und der nächste Zyklus des Mist machens begann von neuem.

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Tuesday, 4. november 2008 2 04 /11 /Nov. /2008 15:14
Weihnachten begann immer am 24. abends um 7.00 Uhr mit dem Kindergottesdienst und anschließend gab es Bescherung und Plätzchen. In meiner Jugend hat es Weihnachten oft geschneit. Dann waren die Wege, Häuser und Plätze weiß gepudert, die Luft war kalt und alle Geräusche waren gedämpft.

In der Vorweihnachtszeit haben wir zu Hause viel gesungen, Opa hat mit der Zither begleitet und Bratäpfel brutzelten auf dem Herd. Bei Frost kamen Eisblumen auf die Fenster und wir mussten dagegen hauchen um durchsehen zu können. Vorweihnachtszeit hieß auch, Gedichte auswendig lernen, Texte einüben, Lieder im Chor zu singen, den Kindergottesdienst vorbereiten.

Weihnachten gehörte den Kindern in der Gemeinde. Dann hatten sie das Sagen und mussten die Mitglieder beglücken. Das gelang regelmäßig, besonders den Kleinsten. Die einen krähten leiernd ihren Text herunter, den anderen blieben die Worte im Hals stecken und die Sonntagsschule-Tante musste vorsagen, es gab verschmitzte und verschlagene, liebe und herzige und alles stöhnte und freute sich mit, wenn sie ihre kleinen Gedichte
 aufsagten da vorne, schick angezogen von ihren Muttis. Blieb ein Kind stecken, war das eine Katastrophe für die Familie. Aufgeregt wie die Hühner ruckelte der Clan auf seinen Plätzen rum und konnte doch nicht eingreifen, auch wenn die Mama das ganze Gedicht konnte. Sie wollten helfen und scheiterten mit ihrem Kind. Noch lange war das Weihnachtsversagen ein heikles Gesprächsthema.

Dann kamen die Großen dran. Einige hatten lange Gedichte aufzusagen, die Anderen mussten ein Spiel spielen, Maria und Josef modern. Das war schwierig für die Dorfkinder, weil es sich nicht reimte. Am Reim konnte man sich festhalten, bei der Prosa hatte  der Text einen undurchsichtigen Inhalt. Mir war nie bewusst, was wir da spielten, viel zu aufgeregt und konzentriert auf nicht stecken bleiben war ich. Besonders irre war es, wenn wir uns verkleiden durften und Bühnendekoration gebraucht wurde. Dahinter konnte man sich ein wenig verstecken. Immer wieder war einer dabei, der seinen Text nicht konnte und hängen blieb. Der regte noch besonders auf, als ob die eigenen Aufregung nicht schon genug wäre.

Die Räumlichkeit im alten Gemeindesaal war beengt, Weihnachten besonders, dann war es übervoll. Ein dicker Bullerofen, mit Holz geheizt, lies die Leute in seiner Umgebung vor Hitze brüten, an den Rändern und nahe an der Tür hinten zog es wie Hechtsuppe. Neben dem Podium standen Bänke längs, rechts vom Podium aus gesehen saßen wir, links davon der Chor. Dahinter in Reihen quer mit den Gemeindemitgliedern und Gästen. Die Gedichte wurden vom Podium aus vorgetragen, die Spiele davor. Es war nur wenig Platz vorhanden, die Kontakte mit den Zuhörern waren hautnah. Als Belüftung diente neben der zugigen Tür nur eine Klappe in der Decke, die mit einem Seil aufgezogen wurde. Die Luft war schlecht und ein Mal hat es einen erwischt. Er ist vor Aufregung und schlechter Luft im ersten Satz umgefallen. Das war vielleicht ein Aufstand!

Vor Aufregung schwitzten die Hände schon beim Hergehen in der eiskalten Luft. Schluckbeschwerden stellten sich ein, der Mund war trocken und das Herz klopfte bis zum Hals. Der Auftritt begann. Und ging vorbei wie im Nebel. Und war immer ein Erfolg, wenn man nicht stecken geblieben war. Dann kam der Höhepunkt des Jahres. Nein, er kam noch nicht. Der Vorsitzende musste noch die Weihnachtsgeschichte lesen, obwohl sie Teil des Kindervortrages gewesen war. Dann musste er noch auf die Wichtigkeit der aus Kindermund gehörten Worte verweisen und sie mit einer eigenen Predigt krönen. Dann aber sagte er: Jetzt , liebe Kinder, hat die Sonntagsschule noch was Schönes für euch. In Erinnerung sind mir die Suppenteller mit dem Weihnachtsmotiv am Boden und im Halbkreis darüber: Sonntagsschule Freie Evangelische Gemeinde Hommertshausen 1954.  

  
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Wednesday, 5. november 2008 3 05 /11 /Nov. /2008 16:48
Opa Heinrich war ein Presbyter, ein Ältester. Er stand der Freien Evangelischen Gemeinde in Hommertshausen vor und war ein strenger, asketisch wirkender alter Herr, der sein Leben nach der Bibel ausrichtete. Die Frauen saßen in der Gemeinde rechts, hatten ihr Haar zu bedecken und nichts zu sagen. Männer saßen links und vorne auf dem ersten Platz saß Opa. Er leitete lange den Chor, die Bibelstunden, die Gebetsstunden, natürlich die sonntäglichen Versammlungen und die sporadischen Evangelisationen.  Die Jugendstunde leitete er nicht. Das war gut so. Für ihn gab es nur den lieben, zumeist aber zornigen Gott, dessen Geboten man sich zu unterwerfen hatte. Egal ob jung oder alt.

Opa war streng. Lachen war ihm fremd. Nach einem Witz, den er nicht verstand, erklärten wir ihm: du sitzt auf der Leitung. Worauf er seinen Stuhl hob und zur Seite rutschte. Vater war da besser. Er kriegte Opa manchmal dran und verbog seinen Kopf als wenn er interessiert jemanden auf der Straße nachschauen würde. Opa, der neugierig war, kam jedes Mal um den Tisch, was is, was is und wurde sauer, wenn die Straße leer war. In der Versammlung konnte er weinen über die traurigen Geschichten der Prediger. Nie vergessen werde ich die Versammlung mit einer Pfingstgemeinde aus dem Nachbardorf. Die trillernden Jubelrufe der Pfingstfrauen erschreckten mich sehr und der Laienprediger drückte auf die Tränendrüse. Es war schon nach 3.00 Uhr Sonntag nachmittags, jeder wollte heim, Kaffe und Kuchen genießen und spazieren gehen. Bauern mussten um 6.00 schon wieder Vieh füttern und melken. Nur Opa saß da vorne, merkte nichts und die Tränen liefen ihm über die Backe. "Mach doch weiter" beschied er dem Nachfragenden, der überzogen hatte. Und der legte noch mal richtig los.

Sylvester war schlimm. Um 8:00 abends begann der Gottesdienst, kurz vor Mitternacht die Gebetsstunde. Dann lagen die Männer auf den Knien, die Frauen saßen tief gebeugt und beteten leise. Die Männer laut. Einige von ihnen konnten wuchtige Worte beten. Wo sie das gelernt haben, weiß ich nicht. Es dauerte lange und mir wurde mulmiger und mulmiger. Draußen begannen die ersten Kracher, Raketen zischten, Leute lachten und Opa machte nicht Schluss. Seine Gemeinde und er wollten bis ins Neue Jahr mit ihrem Gott verbunden sein. Ich aber wollte raus. Wenn ich raus kam, war alles vorbei. Süße Brote und Kreppel (Berliner) gab´s bei dem gemütlichen Beisammensein anschließend. Den Wettbewerb, wer am meisten essen kann, gewann ich nie.   

Alles, was Opa tat, war ernst. Ob er im Gemüsegarten seine Pflänzchen mit der Schnur ausrichtete, mit Vater Krach machte, weil der die vier Werkzeuge nicht ordentlich ausgerichtet hatte oder die Bibel auslegte. Da gab es dann viele Sünden. Fernsehen war Sünde, Kino ebenso, trinken allemal und in die Kneipe gehen schon gar (da gingen nur die Weltlichen hin). Frauen hatte lange Haare zu tragen, tanzen war nur eine Einladung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr, feiern war nur in der Gemeinde erlaubt und spielen war ihm auch nicht geheuer. Es lenkte ab vom Wesentlichen: beten, arbeiten, Gemeinschaft mit den Gläubigen und gehorchen. Zuerst Gott, vermittelt durch Großvater. 

Er konnte sehr zornig werden. Dann schlug er mit seiner 7-schwänzigen Peitsche, der drei Riemen fehlten. Sehr weh tat es nicht, er schlug auf den Po und der war abgefedert durch die Lederhose. Oma dagegen war eher für Drohung und Vergebung. Was ich getan hatte, weiß ich nicht mehr, aber Opa war fuchsteufelswild,  griff sich die Peitsche, ich rannte zur Tür raus und der alte Mann hinter mir her. Über den Hof, die Straße entlang, hinter dem Kirchhof das Gässchen durch und Opa immer hinter mir her, laut schreiend ich soll stehen bleiben. Meine Rettung bei der Rückkehr ins Haus war Oma. Sie schob mich unter ihre Röcke - sie trug Tracht - und als Opa zur Tür rein keuchte, beschied sie ihm: Heinrich, jetzt äs genung. Und so war es dann. Oma war Bäuerin, versorgte das Vieh und versalzte die Suppe. Sie liebte es, heimlich mit einem Schnicken ihrer Hand das versteckte Salz auf die Speisen zu streuen. Wenn meine Mutter sie erwischte sagte sie: noch e bisselche.  Katzen konnte Oma nicht leiden, sie hatten Mäuse zu fangen und nichts im Haus zu suchen. Hunde ebenso wenig. Mein sehnlicher Wunsch nach einem Schäferhund wurde von ihm abgelehnt mit der Begründung: du brouchst en Hond der dei Ohschläje fresst ( ein Hund der meine Wünsche/Anschläge frisst). Einzig nicht leiden konnte ich, wenn Oma mich unter den Arm klemmte, auf ihre verkrustete Arbeitsschürze spuckte und mir das Gesicht sauber wischte. Lesen wollte sie nur die Bibel und manchmal das erbauliche Gemeindeblättchen. Sonst saß sie abends da, hatte die Hände im Schoß gefaltet und sinnierte vor sich hin. Soweit meine Erinnerungen. Mutter lehrt mich, dass Oma mehr gelesen hat als Opa, Bibel, Blättchen, Zeitungen, sogar Bücher mit Geschichten von Menschen. Und Strümpfe für alle hat sie auch gestrickt. Ich erinnere mich. Die langen waren kratzig. Später wurde sie blind. Sie hatte Angst vor dem Krankenhaus und der Operation ihres grauen Stars. Gestorben ist sie friedlich im Bett mit der Familie um sie herum.

Opa las. Die Bibel gründlich, das Gemeindeblatt auch, Zeitung, wenn wir welche hatten und fromme Traktate. Wenn er etwas Wichtiges fand, las er vor. Unerbittlich in jede laufenden Unterhaltung hinein. Das passiert mir heute auch. Weil er der  Gemeindeälteste war, kamen fremde Prediger nach dem Gottesdienst zu uns. Bei Missionaren  war ich gespannt auf ihre Geschichten und fragte zu viel. Da war es, das Tor zur Welt. Lange Zeit wollte ich Missionar werden.

Opa kannte seine Pflanzen mit lateinischem Namen. Er war Gärtner und hatte sich alles selbst beigebracht. Bekannt war er für seine Akuratesse bei der Anlage von Gärten, Anlagen und beim Schneiden und Pfropfen von Bäumen. Preisgünstig war er, der niemanden übervorteilen wollte und lieber selbst wenig hatte. Er band Kränze und Bestecke für Trauerfeiern und Feiertage. Dann saß er in der Waschküche im Grünen und kniffelte vor sich hin.  Ich musste mit in den Wald um die Reiser zu holen. Im Winter war das kalt. Samen abmessen mit Messzylinder und Feinwaage stand im Spätherbst an. Bestellungen und Auslieferung in die Nachbardörfer übernahmen seine Töchter. Ansonsten machte er die Landwirtschaft und brachte mir bei, wie man Jauche und Mist fährt und den Acker pflügt. Das war am Anfang eine heikle Sache. Meine Furchen waren krumm und schief und Opa konnte das nicht ausstehen. Bevor die Mähmaschine unseren kleinen Hof erreichte, musste Gras und Getreide mit der Hand gemäht werden. Bei großen Flächen begann die Arbeit morgens um 4.00 Uhr. Um 6:00 gingen die Männer zur Arbeit und die Frauen machten weiter. Mähen will gekonnt sein. Wichtig ist der korrekte Schwung. Wichtig aber ist auch, dass die Sense gut gedengelt ist. Am Amboss wird mit einem Spezialhammer die Schneide der Sense hauchdünn ausgetrieben. Das helle dingdingding, das Opa erzeugte, war im Sommer oft meine Aufwachmusik. Er konnte gut dengeln. Ich war stolz, sein Enkel zu sein. In der ganzen Gegend brauchte ich nur zu sagen: Ich bin der Enkel vom Hennches Heinrich, und wurde gut aufgenommen. Ein Fahrrad hatte er nicht, die Strecken in die Nachbardörfer lief er. Früher war er bis ins Siegerland gelaufen um Arbeit zu finden.

Hasen halten bedeutet Futter holen, Ställe sauber machen - die Tiere machen einen stinkigen Dreck! - füttern, sorgen. Mein Wunsch wurde erfüllt und ich hatte Hasen. Mit der Zeit ließ meine Euphorie nach und Opa übernahm protestierend die Pflicht. Er drohte, er werde die Hasen beim nächsten Schlachtfest mit schlachten. Ich war entsetzt. Es waren doch meine Hasen. Bei der nächsten Hausschlachterei traf mich der Schlag. Ich sah morgens aus dem Fenster als das Schwein seinen letzten Quieker tat und da hingen sie, meine Hasen. Als Felle.

Zwei mal im Jahr wurde geschlachtet. Morgens war das eine Schweinerei, abends ein Fest. Das Schwein wurde mit dem Bolzenschussgerät betäubt, Blut wurde abgezapft und das Tier in einem großen Bottich mit heißem Wasser entborstet. Dann aufgehängt, aufgeschnitten, ausgenommen und dann kam der Fleischbeschauer mit seinem Mikroskop und schaute nach Trichinen im Fleisch. Ich durfte auch durchschauen. Es war eine andere Welt. Danach wurde die Wurst gemacht, der Schinken, die Koteletts, die Suppenknochen. Undurchdringliche Schwaden von Wasserdampf und kochendem Gedärm aus den großen Kesseln waberten durch die Waschküche und mittendrin der Schlachter mit beiden Armen in der Wurst und walkte sie durch. Dann probierte er und schüttete noch eine Tüte Salz oder Pfeffer oder Gewürz rein. Es roch gut. Scharf. Dampfend. In der Küche lief der Siede- und Kochprozess ebenfalls auf Hochtouren, alles musste am selben Tag konserviert sein denn die Kühltruhe war noch Jahre entfernt. Abends kamen Gäste. Es gab Wurstsuppe, Siedefleisch, Sauerkraut und Nierchen. Die wollte niemand. Im Flur schepperte es, das waren Kinder, die ihre Blechtöpfe hereinwarfen. Da hinein gab es Reste.

Vater und Mutter hatten nicht viel zu sagen. Vater hat mir sein Prinzip, wie eine Familie friedfertig zu halten ist, mit auf meinen Weg gegeben: immer den untersten Weg gehen. Es ist ihm bestimmt nicht immer leicht gefallen. Aber es wirkte. Krach gab es nur dann, wenn Opa aufbrauste. Das aber legte sich schnell. Nachtragend war er nicht. Die Adventszeit mit ihm war schön. Er holte abends seine Zither raus und dann sangen wir. Nur Vater nicht, der konnte nicht singen. Es hat aber allen gefallen.

Als Opa älter wurde, konnte er nicht mehr gut beißen. Das Brot war oft hart, weil nur jeden Monat selbst gebacken wurde. Dann schnitt er sich seine Kruste ab, füllte seine Untertasse mit Milchkaffee und weichte die Kruste ein. Die bestrich er sich mit Butter und Marmelade und mampfte. Manchmal kriegte ich was ab. Als Stärkungsmittel hatte er Eigelb, gemischt mit Puderzucker (wenn es ihn gab) und einem kleinen Schuss Rotwein, entdeckt. Zum Mixen gab es eine kleine Röhre mit einem Sieb an einem langen Stab mit dem das Mittel schaumig geschlagen wurde. Davon kriegte ich selten was ab. Und dann nur ein wenig Schaum.

Großvater hat mir viel beigebracht. Auch moralisch. Seine Lehre: Wenn dir einer auf die rechte Backe haut, halte ihm die linke hin, hatte er von Jesus und bläute sie mir ein. Jahrelang hat mich diese passive Handlungsanweisung davon abgebracht, mich durch zu setzen. Allerdings hat sie mir auch geholfen, Konflikte zu minimieren. Und erst seit einiger Zeit ist mir klar, dass die Grundvoraussetzung meines Opas, der Mensch sei gut, in dieser Rigorosität nicht stimmt.  Ob mich sein rigides, alttestamentarisch ausgerichtete Christentum gestört hat, weiß ich nicht mehr. Er war in seiner Art für mich konsequent, dann mussten die Handlungsanweisungen wohl so sein. Seinen Weg konnte ich nicht gehen. Es hat lange gedauert, bis sein Einfluss sich abschwächte.

Opa ist arm gestorben, er hatte nie viel. Der zähe Mann hat ein halbes Jahr gebraucht. Ich war 1969 als Entwicklungshelfer in Chile und erhielt erst 10 Tage nach seinem Tod das Telegramm. Es war mir schwer. Er war meine Kindheit, meine zentrale Bezugsperson. Vater kam erst aus französischer Gefangenschaft heim als ich 4 Jahre alt war.

Nachtrag
Mutter hat geschmunzelt beim lesen der Geschichte. E ist gut, hat sie gesagt, dass so was nicht vergessen wird. Änderungen hatte sie gleich. Nicht Bestecke hat Opa gebunden sonder Gestecke. Er hatte mal ein altes Fahrrad als er in einer Fabrik in Breidenstein gearbeitet hat. Und in´s Siegerland sind sie mit dem Bus von Eisenhausen aus gefahren. Nur bis ins Nachbardorf mussten sie laufen. Wert hat sie darauf gelegt, dass beim Schlachtfest alles gerne gegessen wurde. Nur Nierchen nicht. Opa, sagt sie, war ein genügsamer Mensch, mit wenig zufrieden. Und aufrecht in seinem Glauben. Er hat es gut gemeint. Das sehe ich auch so.
Hanne fällt ein, dass Opa eine dünne Haut hatte. Oft waren seine Arme zerstochen und blutig, wenn er in die Küche kam.
Er war, auf seine Art, ein großer Mann.
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Saturday, 15. november 2008 6 15 /11 /Nov. /2008 16:48

1950 kam ich in die Volksschule. Das Backsteingebäude hatte hohe Fenster und zwei Räume in zwei Stockwerken. Die erste bis vierte Klasse war ein Zug, die 5. und 6. Klasse der 2. Zug und die Großen bis zur achten Klasse bildeten den 3. Zug. Jeweils abwechselnd musste ein Zug nachmittags in die Schule. Mein erster Lehrer war ein ehemaliger Offizier der Wehrmacht, den man umgeschult hatte. Für uns Kinder vom Dorf sollte er genügen. Viel Wissen konnte er uns nicht beibringen.  Es war ihm nicht gegeben. Dafür kam er gerne zum Wurstsuppe Essen beim Schlachtfest und ging jeden Nachmittag mit seiner Mutter spazieren. Erst bei Lehrer Milbrod lernten wir einiges in den zwei letzten Jahren. Er hat mich ermuntert zu lesen und stellte mir die Bibliothek zur Verfügung. Zu Hause wurde gar nicht gerne gesehen, dass ich las. Ich war eine Arbeitskraft die gebraucht wurde. Meine Rückzugsmöglichkeiten waren das Klo und unter der Bettdecke nachts. Auf dem Klo war ich so lange, bis sie mich aufstöberten. Es konnte schon mal eine halbe Stunde vergehen bis jemand mein Fehlen bemerkte. Auf dem Klo suchten sie zuerst.

Ohrfeigen, an den Haaren und Ohren ziehen und auf die Finger schlagen zählte für Lehrer und Eltern zur pädagogisch sinnvollen Wissensvertiefung. Wir waren es gewohnt. Mein Cousin saß seit der 1. Klasse neben mir. Er war einen Tick schlauer und angepasster als ich. Ihn traf es schon am Anfang. Er hatte nicht aufgepasst, Lehrer H. befahl, Finger auf die Tafel, er legte sie drauf, H. schlug mit seinem Stöckchen zu und Manfred zog zurück. Da war die Schiefertafel kaputt.


Ich sang gerne und in den letzten Jahren bei dem neuen Lehrer sangen wir viel. Die Jungen vor mir im Chor redeten miteinander, Milbrod sprang vor und knallte mir eine aufs Ohr. Ich war entsetzt, ich hatte nichts getan. Von meinen Eltern verlangte ich Satisfaktion. Doch ihrer Meinung nach war die Ohrfeige sicher für was gut. Auch für Lehrer war die handgreifliche Leichtigkeit nicht immer ungefährlich. Ein Mitschüler auf der anderen Bankseite sollte bestraft werden, da zog der seinen genagelten Schuh aus der Bank und trat dem Lehrer vor das Knie. Voll. War erschreckend schön.  

Mit 10 sollte ich aufs Gymnasium, sagte der Lehrer. Ein halbes Jahr fuhr ich nach Biedenkopf zur Eliteschule. Da waren alle Söhne und Töchter der Honoratioren aus dem Städtchen versammelt. Sie waren anders und brachten immer alle Hausaufgaben mit. Ich verstand das meiste nicht. Morgens musste ich 4 Km mit dem Fahrrad zur Bahnstation fahren, dann 8 Km mit dem Zug und dann noch mal 10 Min laufen. Mittags zurück. Meine Konstitution war nicht so gut, das Fahren fiel mir schwer. Einmal haben wir einen Ausflug gemacht. Ich hatte 10 Pfennig erhalten. Die anderen konnten sich richtig was leisten. Nach einem halben Jahr war das Abenteuer vorbei. Meine Eltern haben mich unterstützt so gut sie konnten, aber, bei Grammatik und Englisch waren sie überfordert. Einmal ist Vater mit mir auf der Görike, seinem kleinen Motorrad, sonntags zu allen möglichen Bekannten gefahren, weil ich eine Englischaufgabe nicht verstand. Niemand konnte helfen.


In den höheren Klassen gab es eine Belohnung, um die alle stritten. Auf dem Dachboden mussten die Verdunkelungen geflickt werden. Wahrscheinlich kamen sie noch aus dem Krieg, wurden jetzt aber gebraucht um die Räume für Filmvorführungen abzudunkeln. Die Fenster waren schmal und hoch, entsprechend waren die Sperrholzrahmen. Sie wurden mit Packpapier beklebt und gingen leicht durch Transport und Einschieben kaputt. Der Dachboden war hoch und voller Geheimnisse. Da wurden alte Akten des Dorfes gelagert genauso wie defekte oder ausrangierte Schulmöbel und Geräte. Wir sahen zu, dass wir möglichst lange da oben blieben. Einmal kam der Lehrer die Treppe hoch um nachzuschauen, wo wir blieben. Mein Kollege sprang mit beiden Beinen in den Rahmen und behauptete mit treuem Blick, gerade sei der Rahmen wieder gebrochen beim Aufheben.

Manchmal gab es Kulturfilme oder Hörspiele aus dem riesigen, sonst verschlossenen Radio. Das waren Sternstunden für mich. Eine andere Welt kam in mein Leben. Ansonsten war der Unterricht bei dem ersten Lehrer, dem ehemaligen Offizier langweilig. Wie auch sonst? Er war dafür nicht ausgebildet. Und seinem Naturell entsprach eher, mit seiner Mutter zum Kurkonzert zu gehen. Nicht Bauernlümmel zu unterrichten. Für Rechenaufgaben hatte er Kärtchen, die er vorlas. Es kam vor, dass seine vorgedruckten Ergebnisse nicht stimmten. Wir hatten zwei gute Rechner in der Klasse. Dann war er sauer. Schönschreiben haben wir viel geübt. Erst auf der Tafel. Das quietschende Geräusch beleidigt noch heute mein Ohr. Später hatten wir Hefte. Meines sah nicht gut und ordentlich aus. Ordnung war wichtiger als gut zu sein. In Religion bekam ich immer eine 1, nur einmal eine 2. Die guten Noten hatte ich meinem Opa zu verdanken, der war Vorsteher der Freien Evangelischen Gemeinde. Deshalb, wie ich vermute, nicht wegen Leistungen.

Im Winter wurde geheizt mit einem Bullerofen. Obenauf eine große Heringsdose voll mit Schnee, wegen der guten Luft. Lehrer H. kam am Morgen als Letzter die Treppe hoch, wir mussten still sitzen, wenn er die Tür aufmachte, aufspringen und ihn kollektiv mit "Guten Morgen Herr Lehrer" begrüßen. Dann legte er seinen Hut auf die Fensterbank, rieb sich die Hände und ging zum Thermometer hinter der letzten Bank. Kalt heute, sagte er und kontrollierte, ob wir bleiben oder wegen Kälte nach Hause konnten. Das nutzten wir aus. Wir packten das Thermometer in Schnee, eine Stafette signalisierte, wenn er kam, das Thermometer wurde trocken gerieben und meist durften wir gehen. Die steigende Temperatur hatte noch nicht Unterrichtswerte erreicht. Zwei Stunden fuhren wir Schlitten.

Auf dem Dachboden ging es immer wilder zu. Einer kam im Winter auf die Idee, die faustdicken Kugeln eines großen Rechenrahmens auf ein Seil zu fädeln. Er kletterte auf das Dach und ließ die Kugeln in den Kamin hinab. In den beiden Klassenzimmern stob unverzüglich dicker Rauch und Ruß aus den Luftklappen. Wir hatten wieder schulfrei. Der nächste Streich war, Wochen später, eine Glasplatte auf den Kamin zu legen. Wieder hatten wir frei. Diesmal zwei Tage. Denn der Schornsteinfeger kontrollierte den Kaminzug, indem er einen Spiegel unten in den Kamin hielt und prompt kein Hindernis sah. Bis sie auf die Glasplatte kamen, dauerte es. Als dann eine Gruppe begann, die alten Akten vom Dach zu werfen, war der Spaß vorbei. Es gab Gerichtssitzungen mit Einzelverhören und alles kam raus. Nie wieder durften wir Verdunkelungen kleben.


In den letzten beiden Jahren mussten wir lernen bis die "Schwarte krachte", wie wir es ausdrückten. Gut für mich. Eine Ahnung blieb hängen, dass Lernen Spaß macht. Das ist bis heute geblieben.     




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Saturday, 22. november 2008 6 22 /11 /Nov. /2008 17:30
Mit knapp 14 kam ich in die Lehre. Die Auswahl war einfach: entweder aufs Büro oder in den Betrieb. Aufs Büro wollte ich nicht, ich hatte meiner Meinung nach schon lange genug in der Schule gesessen. Mit Betrieb war die Fabrik gemeint in der Vater Herde und Öfen ausmauerte, Onkel Ernst Fahrer war und Onkel Otto Betriebsingenieur. Ingenieur war die Vorstellung meiner Eltern. Der erste Tag war schlimm und hat mich sehr geprägt. Um 11.00 Uhr morgens dachte ich, der Tag müsse vorbei sein. Ich hatte genug von den Lärm und dem ungewohnten Betrieb in der Schlosserei. Die Uhr war in der Stanzerei. Mir fuhr ein riesiger Schreck in die Glieder. Das sollte ich nun ein Leben lang aushalten? 


Dreher sollte ich werden. Der niedrige Anbau, in dem Drehbänke, Hobelbänke, Metallsägen, Werkbänke,           

Bohrwerke, Schleifsteine, eine Schmiede und andere Sachen eng an eng standen, war im Sommer sehr heiß und im Winter eisig kalt. Es gab nur einen Bullerofen, den ich als Stift zu bedienen hatte. Alle Maschinen waren alt, zum Teil uralt. Die Drehbank, an der ich lernen sollte, wurde schon von Marx beschrieben, aber das


wusste ich damals noch nicht. Sie war an ein Deckenvorgelege angeschlossen wie mehrere andere Maschinen. Ein Deckenvorgelege ist eine lange Welle unter der Decke, die von einem starken Motor getrieben wird. Die angeschlossenen Maschinen werden mit breiten Flachriemen, die von Scheiben an der Decke kommen, angetrieben. Zum Aus- und Einschalten schob man den Riemen auf eine Leerscheibe, zum Wechsel der Geschwindigkeit schlug man mit einem Knüppel den laufenden Riemen auf die nächste Stufe der verschieden dicken Scheiben. Die alten Fachmänner machten das mit der Hand. Das Vorgelege rappelte und die Riemen wimmerten. Waren alle Maschinen am Arbeiten, gab es kaum Kraft, war nur eine Maschine dran, musste das ganze Krach machende Ungetüm auch laufen. Heute kann man dieses Antriebssystem aus der Gründerzeit im Deutschen Museum in München bewundern.

Stift war der Lehrling. Und damit der unterste Dienstrang und für Dienstleistungen zu gebrauchen. Ich musste Werkzeuge holen, anreichen, festhalten, aushelfen, bei Reparaturen in die dreckigste Ecke und vor allem Essen holen. Zum Frühstück und zu Mittag. Dafür hatte ich eine Holzkiste und da kamen die Bestellungen rein. Hack Rind, Hack Schwein, Leberwurst mit oder ohne Grieben, Fleischwurst, Brötchen, Getränke. Einer wollte nur grünes Bier und das im Winter warm. Wehe ich brachte das Falsche. Dann flogen schon mal Eisenstücke. In der Stanzerei aushelfen war hart. Eine große Halle voller alter Stanzen, Blechbiegemaschinen, Bohrwerke, die jammerten und jaulten und krachend abwärts fuhren. Nur durch Schreien konnte man sich verständigen und der Fußboden vibrierte. Nach Feierabend brauchte das Gehör lange Zeit um auf Normalgeräusche umzuschalten. Stanzen war gefährlich. Sicherheitsvorrichtungen gab es kaum. Einem meiner jungen Kollegen hat es die Hand abgehackt als die Maschine beim Hochfahren nicht einrastete und zurück kam mit Wucht. Seitenbleche für Herde und Öfen wurden gestanzt.  Glück hatte ich. Mein Onkel, der Betriebsingenieur teilte mich nur selten ein. Dafür brachte er mir den Pythagoras  bei. Ich aber begriff nicht, für was der gut sein sollte. Überhaupt war mein Interesse gering. Lieber stand ich bei Fritz, dem Vorarbeiter, der mir die Grundzüge klassischer Musik und des Fotografierens beibrachte. Und die Geschichten der Facharbeiter interessierten mich ungemein. Besonders wenn sie von Liebe handelten.

Klassische Musik hören, war in unserem Haus verpönt. Ich sollte christliche Musik oder Volksmusik im Radio anmachen. Mein Anreiz war, dass Fritz sich ab und an im sonntäglichen Wunschkonzert ein Musikstück wünschte. Dann saß ich Stunden am Radio. Es war für mich etwas Besonderes, jemanden zu kennen, der im Radio genannt wurde. Und um Bilder abzuziehen, hab ich mir einen Kopierrahmen gebaut und ein Labor unterm Dach eingerichtet. Es war faszinierend, wenn die Fotos im Entwickler zum Leben erwachten. 

Um 6:30 Uhr fing die Arbeit an. Um 8:10 Uhr kam der Schnellzug Marburg-Siegen vorbei. Wann immer es ging stand ich draußen und schaute ihm nach. Er fuhr in die große, weite Welt meiner Träume.

Meine Drehbank war rechtsdrehend. Nach 3 Lehrjahren war die Bewegung, beiden Schlitten mit der linken und rechten Hand ein und auszufahren, verinnerlicht. Bei der Gesellenprüfung gaben sie mir einer Maschine, die ich nur aus  Büchern kannte. Und der Schlitten des modernen Gerätes war linksdrehend! Eine Katastrophe. Ich fuhr das Werkzeug permanent in das Drehstück hinein statt heraus. Entsprechend sahen Gewinde und Kegel aus, das Passstück, das auf 1/100 mm genau zu sein hatte, war völlig mit Rillen übersät. Eine 4 war das Resultat. Da hatte ich schon wieder Glück. Mit einer 5 wäre ich durchgerasselt auch mit der 1 in Theorie. 

Die Werkstatt war zuständig für Metallarbeiten im Betrieb. Noch heute habe ich Hochachtung vor der Leistung meiner Kollegen. Es gab nichts, was sie nicht konnten. Komplizierte Werkzeuge, Formen, Drehstücke wurden hergestellt und alles repariert was kaputt ging. Onkel Otto konstruierte Hydraulik gesteuerte Fließbänder für die Produktion, die wurden ebenso gebaut wie genaueste Stanzformen und schmiedeeiserne Gitter. Schmieden mochte ich. An der Esse stehen, den Stahl weiß und schmiegsam zu erhitzen und auf dem Amboss zu formen war Kunst. Bei großen Stücken schlug ich mit dem Schmiedehammer im langsamen Takt auf den Stahl, mit dem kleinen Handhammer formte der Meister das Stück im Zwischentakt. Schmieden im Tandem konnte ein Trommelkonzert sein.

Viel musste ich lernen. Drehen, aber auch Schweißen, Bohren, Fräsen, Schleifen, Rohre Biegen, Meißeln, Feilen natürlich und Schmieden. Interesse hatte ich, wenn Arbeiten in extremen Situationen hoch oben oder tief drinnen gefordert waren. Oder wenn es darum ging, den Männern Geschichten zu entlocken.
Die Lehrmethoden waren rau. Ohrfeigen gab es keine mehr, dafür eins mit dem Hammer auf die Finger, wenn ich nicht konzentriert und mit voller Kraft die Formen zusammenpresste. Ich wurde verarscht und rein zufällig mit Wasser übergossen, zu Besorgungen gescheucht und beschimpft. Nur selten war Böswilligkeit dabei, man kannte Ausbildung nicht anders. Mit den Meisten konnte ich gut reden. Der Lehrplan bestand im Einsatz nach Kenntnis. Die Berufsschule war ein Rückzugsort und lernen konnte man da auch noch.  Onkel Otto hat mich vor zu häufigen, sonst üblichen Produktionseinsätzen durch den Besitzer bewahrt. Der hatte eine Villa nebenan. einen Mercedes und einen Sohn, der sein Abitur nur nach verschiedenen Privatschulen schaffte. Dafür fuhr er einen offenen Sportwagen. Manchmal habe ich ihn beneidet, aber nie als Sohn des Besitzers.

Ja doch, Drehen war die Hauptbeschäftigung. Faszinierend fand ich Gewinde schneiden auf der Drehbank. Das waren große, armdicke Gewinde. Meine alte Maschine hatte noch Zahnräder zum Wechseln. Je nach Übersetzungsverhältnis - das musste ich ausrechnen - wurde ein Spindelwelle angetrieben. Diese Welle zog den Schlitten mit dem Drehstahl exakt in der Geschwindigkeit vorwärts um das Gewinde aus dem sich drehenden Drehstück herauszuschneiden. Wenn mit dem letzten Schnitt die Oberfläche des Gewindes glitzerte und das Gewinde passte, war die Arbeit gelungen. Gelang mir nicht oft.

Kaffee gab es in den Pausen umsonst. Der war durchsichtig bis auf den Tassenboden. Nur der alte Kollege vom Vater trank schwarzen Kaffee. Er hatte noch nie seine Tasse gewaschen. Zum Frühstück und Mittag ging ich an den Arbeitsplatz meines Vaters. Der saß mit seinen Kollegen zwischen gestapelten Herden und Öfen auf Brettern und Schemeln. Wir aßen die Brote von Mutter und ganz selten kriegten wir 50 Pfennig um von der Metzgerin zu kaufen. Das war normal der größte Betrag, den Vater im Portemonnaie hatte. Nach dem Essen legte sich mein Vater auf die Werkbank und schlief 10 Minuten.  

Die Hölle war los in der Gießerei. Onkel Otto war der Meinung, dass ihn die Entstehung von Gussteilen gebildet habe. In einem alten dunklen Fabrikgebäude aus der Gründerzeit liefen halbnackte schwarz verdreckte Männer herum, sporadisch erhellt durch Feuerausstöße des Hochofens und schleppten Behälter mit geschmolzenem Guss. Kam der Guss mit Wasser in Berührung, spritzte geronnene Schlacke im Regenbogen durch die Halle. Was sie traf, verbrannte. Für den Fall, dass die Schlacke in die Schuhe rutschte, waren große Kübel mit Wasser aufgestellt. Da musste man reinspringen. Wer da arbeitet, erschrickt den Teufel. Nie wieder möchte ich dahin zurück.

Auch nicht in die Werkstatt. Obwohl: 2 Gesellenjahre musste ich noch aushalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Tuesday, 27. january 2009 2 27 /01 /Jan. /2009 13:21
Dreher und Maschinenschlosser, Arnold-Werke, Friedensdorf 
in der Reparaturwerkstatt einer Herd- und Offenfabrik 1961-1963
Fachschule Biedenkopf (5 Sem) 1961-1963
Maschinenbau-Technikum TEWIFA Stockach/Baden   
TEWIFA-Ingenieur 1963-1964

Noch immer stand ich morgens 8:15 draußen vor der Werkstatt, sah dem Schnellzug nach und hatte Fernweh. Noch immer war es die gleiche Klitsche mit dem antiquierten Deckenvorgelege zum Antrieb von Maschinen. Noch immer strampelte ich morgens kurz nach 6:00 die 4 km zum Arnold,  manchmal nahm mich Vater mit, der im selben Betrieb Herde und Öfen ausmauerte. Um 1/2 7 fing die Arbeit an und um 4:00 waren wir zurück für die "Nebenerwerbstätigkeit" (so der verschrobene Terminus Technicus)  auf Hof und Feld. Aber jetzt war ich Facharbeiter und verdiente 400 DM im Monat. Ich musste nicht mehr Bier und Brötchen holen, bekam keine mehr auf die Finger, wenn ich die Werkstücke beim Schweißen ungenügend zusammenhielt und die Stanzerei holte sich andere Stifte zur Aushilfe. Dafür hatte ich eine eigene Drehbank, moderner zwar als die mit dem Deckenvorgelege, aber schon recht betagt und dazu einen wackeligen Spind mit Drehwerkzeugen und dem Bild von zwei wie Tänzer dahin gleitenden Schlittschuhläufern. Seltsamerweise tröstete mich das Foto, es strahlte die Ruhe einer anderen Welt aus. Meine Welt war Bolzen drehen, Gewinde schneiden, Passungen auf 1/100 mm genau hinkriegen, Reparaturstücke anfertigen. Traurige Wahrheit war, dass diese Arbeit immer so bleiben würde. Allenfalls Gewinde mit spiegelglatter Oberfläche hinkriegen war eine befriedigende Kunst, die mir selten gelang. Mehr als das tote Material interessierten mich die Menschen. Wann immer möglich versuchte ich sie zum Reden zu bringen.

Onkel Otto war der Betriebsingenieur und mein Mentor. Ich sollte in seine Fußstapfen treten. Was auch sonst. Alternativen waren nicht bekannt. Ingenieur zu werden war machbar. Also ran. Zuerst die Fachschulreife, sie war eine der Eingangsvorrausetzung für das Studium. Angenehm war der Gedanke nicht, doch immer noch besser als Facharbeiter bleiben. Es heißt zwar: Doch schauen sollt ich weiter als ich greife - nur war der Spruch unbekannt und das Schauen begrenzt.  

Die Fachschule in der Kreisstadt war abends und eine bessere Alternative, als auf dem Feld arbeiten. Meist fuhr ich die 10 Km mit dem Fahrrad. Vater lieh mir das Goggomobil. Ich packte 7 junge Männer rein. Wir wollten die Pause nutzen, zum Marktplatz fahren, frische Luft in der Nase haben und den Mädchen nachschauen. Nach 9 Stunden im Betrieb und anschließendem Unterricht kamen solche Gelüste hoch. War das ein Spaß in dem übervollen Goggo!  Endlich mal was Anderes! Und dann passierte das Unmögliche. Ich bog auf dem Marktplatz mit der tief liegenden Blechbombe ein, hielt,  öffnete beide Türen und heraus quoll einer nach dem Anderen unter Gelächter und Geschrei. Plötzlich stand Vater neben mir mit entsetztem Blick, er, der nie abends in Biedenkopf war. Der Goggo war sein erstes Auto, er war nicht mehr Wind und Wetter ausgesetzt, musste nicht mehr Görike fahren, das kleine Motorrad. Und sein Sohn, dem er vertraut hatte, behandelte seine schwer erarbeitete Errungenschaft mit solcher Geringschätzung!. Vor Scham wurde ich ganz klein mit Hut. .

Es war langweilig mit all dem theoretischem und technischen Zeug, das da geballt unterrichtet wurde. Das Niveau zog an, blieb aber trocken und leblos. Den Pythagoras  hatte Onkel Otto schon erklärt, ich aber  hatte nicht verstanden, wo der praktische Nutzen liegt wenn a im Quadrat plus b im Quadrat gleich c im Quadrat ergibt. Jetzt gings ans Kräfteparallelogramm, an Jaul und Pi und Ohm, der ganze Schrott.

Cousin Manfred lernte von Schulbeginn an meiner Seite.  8 Klassen lang saßen wir nebeneinander. Wir hatten zusammen das Gymnasium erprobt, waren nach dem ersten Halbjahr zurückgekehrt in die Dorfschule wo wir hingehörten, hatten Dreher gelernt, er in einem modernen Betrieb, ich in einer Klitsche, gingen zusammen auf die Fachschule, wollten Ingenieur werden. Manfred war immer einen Tick fleißiger, cleverer, begriff die Technik besser, war fleißig und strebsam. Sonntags spielten wir Schach und hörten klassische Musik. Manchmal mussten wir auch spazieren gehen. Er war Vorbild für meine Eltern.

Freie Kurse gab es, die zogen mich an. Ich belegte Fotografie und später eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Bild-Zeitung beschäftigte. Das Lehrer-Ehepaar war anders als alle bisher bekannten Lehrer. Sie fragten, hörten zu, ließen Kleingruppen selbst arbeiten und sahen die Bild kritisch. Was für ein Ding! Die Zeitung, die zu meinem Alltag gehörte, soll lügen, manipulieren, einseitig orientieren? Aber die Meldungen, mit anderen Zeitungen, Pressemitteilungen, Quellen verglichen, zeigten es deutlich. Bild lügt. Manchmal. Eine Offenbarung. Die Sicht auf die bekannte Welt bekam einen Riss.

10.00 Uhr abends, der Fotokurs war zu Ende. Ich aber wollte nicht heim, wollte bei diesen Leuten bleiben, mit denen zu reden ein Vergnügen war, die auf meiner Wellenlänge funkten, die gleichen Interessen hatten. Pudelwohl fühlte ich mich in ihrer Mitte. Wie ein kleines Kind versteckte ich mich in einem Unterschrank und tat, als ob ich schliefe. Das Licht in der Dunkelkammer ging an, sie fanden mich und bemühten sich, den scheinbar schlafenden zu wecken. Liebevoll, freundschaftlich taten sie das, ach der Arme, muss jetzt noch 10 Km mit dem Fahrrad fahren.

Die freundlichen Lehrer luden Schüler zu sich nach Hause ein. Das gab es also auch, persönliche Kontakte mit oben Stehenden. Ich gehörte zu den Auserwählten, sie fragten nach: Was meinst du zu dem Problem? Und der junge Mann vom Dorf engagierte sich mit seinem bescheidenen Wissen, wollte dabei sein, gefragt werden, mehr erfahren.
Die erste Fahrt durch Berlin im Bus war wie ein Vorhang, der sich öffnete. Diese Stadt, die Größe, die vielen Menschen, Plakate, Bahnen und Busse, Strassen, Häuser, Monumente. Einiges kam bekannt vor, anderes war völlig fremd. Ich hupfte auf meinem Sitz herum und gab unsinnige Kommentare ab. Das ging einige Zeit gut, dann aber ermahnten mich die Lehrerfreunde und es gab einen Knacks. Sie hatten mich kritisiert! Ein Häufchen Unglück fuhr weiter durch die Stadt. Auch als sie sich später entschuldigten weil sie begriffen, dass es Überschwang gewesen war, ging das Schuldgefühl nicht weg. Nachts hauten wir ab in eine Disko. Eine Treppe tief hinab ging es, ein Eingang zu unbekannten Freuden. Musik wurde lauter, die Tür öffnete sich und da waren, Lichtexplosionen,  ohrenbetäubender Lärm, Rauch, Gewühle. Das war nicht das, was ich erwartet hatte. Sicher, da waren auch Frauen, aber sie tanzten in einem Menschenknäuel, einige standen herum, tranken und redeten. Wie sollte denn der unsichere Junge Mann mit Pickel da ran kommen? Nein, das traute ich mir nicht zu. Später gingen wir an Nachtlokalen vorbei mit halb-nackten Frauenbildern im Fenster, an Türstehern, die aufforderten, ein zu treten,  Prostituierte sahen wir in Eingängen stehen, das war eine Welt, die kennen zu lernen war. Meine Kollegen gingen weiter, ich musste mit.    

Meine große Liebe schon aus Schulzeiten begehrte ich von ferne. Sie hieß Thea, wohnte in der Nachbarschaft und wenn ihre Mutter sauer war, beugte sie sich um die Ecke und schrie Dorothea. Dann wussten alle Bescheid, denn sonst wurde sie Thea genannt. Die Mutter war aus Berlin in das Dorf verschlagen worden und eine schöne Frau. Der Vater, ein Schlawiner, der nicht ins Dorf passte, verzog sich zwei mal in die Fremdenlegion und entzog sich schlussendlich ganz der Familie.  Schon früh war Thea wohlproportioniert und in meinen Augen wunderschön. Ihr gepflegtes Deutsch hob sie heraus aus der Masse, die gerade mal Platt konnte und in der Volksschule Hochdeutsch lernte. Einmal habe ich mich getraut und meine Liebe gestanden. In ihrem Schulheft. Da war sie sauer.

Hildegard hieß die erste richtige Freundin. Nach dem Kino stand sie in der Gruppe der Freunde und ihrer Mädchen und ging mit mir in den Wald. Ich durfte immer noch nicht. Weder eine Freundin haben noch ins Kino gehen. Es war angenehm, mit ihr in der Kuhle zu liegen, zu küssen, zu schmusen. Meine Welt, ich hatte es gewusst. Eines Tages machte ich mich nach der Arbeit in der Küche fein, die Mädchen wollten kommen. Da hörte ich Mutter auf dem Hof schelten. Was fällt euch ein hier her zu kommen, macht euch fort. Als ich herausstürzte, fuhren sie auf ihren Fahrrädern weg. Aus Berlin zurück nach einer Woche voller Eindrücke und neuen Erfahrungen fand ich sie auf der Kirmes im Nachbardorf. Hildegard war abweisend, sie hatte einen anderen Freund. Wenn du so lange weg bist.  

Ungemein bildend wirkte die "twen". Die Zeitschrift war großformatig in einem ästhetischen Grafikdesign gestaltet, hatte Anfangs noch s/w, später Farbfotos von hervorragenden Fotografen, dazwischen immer wieder aparte Frauen wie Uschi Obermeier und Artikel von Hemingway, Faulkner von Philip Roth, Ben Shahn, Irving Penn, von Will McBride un Guy Bourdin - in "twen" publizierten nur die Besten. Inhaltlich ging es vor allem um Lifestyle-Themen wie Mode, Musik und Urlaub und um Sexualität und Partnerschaft. Sogar einen eigenen Modestil kreierte die Twen. Ich aber traute mich nicht, die lässigen Sachen zu bestellen, zu teuer und extravagant. Marylin Monroe lernte ich begehren, Henry Miller, Jeanne Moreau, interessante Filme faszinierten, Geschichten von Bars, Getränken, Tanzen, Flirten lockten. Joachim E. Berendt erklärte Jazz und die bemerkenswerte Schallplattenserie orientierte meinen Musikgeschmack. Eine Aufbruchstimmung sprang mich an, das da war sie, meine Welt.

Nachts las ich im Bett, manchmal bis weit nach Mitternacht. Dann waren die Augen rot am Morgen wenn die Mutter um 1/4 vor 6.00 weckte. Die Decke über den Kopf, um nicht durch den Lichtschein unter der Tür verraten zu werden, schmökerte ich durch die Welt. Das Buch über Brasilien hatte Bilder von Indianermädchen aus dem Urwald. Das also waren Frauenbrüste, die berühmten. Sie waren anders als vorgestellt, weniger aufregend, obwohl es spannend genug war, so ein Buch zu besitzen. Ein Missionar aus Brasilien war zu Besuch. Dem wollte ich imponieren. Aber die Bilder, die Bilder, ein Aufschrei würde das Haus wecken und ich wäre verloren. Auf Erden und im Himmel. Das Zeigen Wollen war stärker und so riss ich die Seiten mit den blanken Brüsten raus, zerschnippelte sie und führte mein Wissen vor. Der Missionar interessierte sich nicht sehr.    

Vater half, ein einfaches Fotolabor auf den Dachboden zu bauen. Wasser musste im Eimer hoch geschleppt werden und der Staub schlug sich auf die Fotopapiere. Mehr als Kontaktabzüge war nicht drin, ein Vergrößerungsgerät war zu teuer und auf dem Speicher war kein Anschluss für Elektrogeräte. Von den 6x6 Filmen meiner Kamera ließen sich kleine Bildchen machen. Mich faszinierte, wie aus dem Nichts im Entwickler langsam Umrisse und Bilder hervortraten. Der Sandsack zum Boxen, der auf dem Speicher von einem Balken hing, war Eigenproduktion und zu hart. Die Knöchel schwollen. Handschuhe waren nicht erschwinglich. Armin Hary war 1960 die 100 m als Erster in 10 Sekunden gelaufen und hatte im gleichen Jahr zwei Goldmedaillen gewonnen. Der war mein Vorbild. Mit dem Halbrennrad trainierte ich schon länger, nun fing ich an zu laufen, alleine, im Feld. Den Hang hinter Krauses hoch bis zum Wald, an dem lang, im hohen Bogen an der schrägen Waldwiese vorbei, dahinter Hang abwärts, über einen kleinen Hügel hinweg, hoch zum Kaiser Willhelmsplatz und zurück nach Hause. Auch im Winter lief ich die Strecke. Im Betrieb baute ich mir eigene Startblöcke, Onkel Otto half sogar. Und dann sah ich in der Kreisstadt in einem Schaufenster Spikes liegen. Sie waren billig, weil der eine Schuh durch das Sonnenlicht braun geworden war. Nun war ich stolzer Besitzer von Spikes. Was für ein Glück. Das Training brachte nicht viel. Beim Sportfest wurde ich siebter.

Das schönste Geschenk meiner Eltern war der Halbrenner, umgebaut aus einem Tourenrad, ausgestattet mit Rennlenkstange, Felgenbremse, Kettenschaltung und bunt angemalt. Im Windschatten des Omnibus die Landstraße nach Silberg hoch strampelte ich mir die Seele aus dem Leib um den Mädchen hinten im Bus zu imponieren. Zu selten sah eine raus. Am Berg hinter Silberg verlor ich den Bus. Nach Duisburg wollte ich, da wohnten Freunde der Familie, die es im Krieg nach Hommertshausen verschlagen hatte. Abends bekam ich richtig Zoff mit Vater und morgens um 5:00 zog ich los wie ein Abenteurer. 200 km wollte ich schaffen. Schon hinter Laasphe die Berge hoch kamen Bedenken. Vor Hagen hatte ich nur noch ein Pedal, das andere war ausgeschlagen, es war Samstag, keine Chance auf Reparatur. Da fuhr ich froh und glücklich die letzten 100 km mit der Bahn. Es gab Bücher mit Sex, ich durfte schmökern und sonntags zum Frühschoppen. Ein Bier und ein Schnaps genügten, den Tag wundersam werden zu lassen. Zu Hause hatte es einen Skandal gegeben. Der Nachbar liebte es zu lauschen, hatte den Streit mit Vater und meine frühe Abfahrt mitgekriegt und erzählte überall, ich wäre abgehauen.

Ein Gläschen Wein war erlaubt, trinken, gar saufen, streng verboten. Die Meute im Dorf hänselte mich. Trau dich mal was, komm mit, du Feigling, du bist kein Mann, ein Hampelmann eher. Sie hatten eine Party organisiert, die Eltern waren nicht zu Hause. Es gab Bier, Schnaps, Coca Cola und Rainer neben mir schüttete nach, komm, sei ein Mann. Musik war da, auch Mädchen saßen herum. Ich ließ mich nicht zwei Mal bitten und schluckte Schnaps und nach Luft. Dann drehte sich alles, ich war besoffen und hatte einen Fadenriss. Am nächsten Morgen gaben die Beine unter mir nach als ich aufstehen wollte, ich landete am Spiegel, rutsche daran herunter und sah ein mir unbekanntes Gesicht. Zur Arbeit musste ich. Tage später erzählten sie mir, was passiert war. Du bist umgefallen, wir haben versucht, dich die steile Treppe runter zu bringen, da bist du die ganzen Stufen abwärts  gepurzelt. Wieso hast du dir nichts getan? Wir haben dich in der Schubkarre gefahren, laufen war nicht mehr drin. Und zu Hause bist du auf allen Vieren die Treppe hoch. Wieso konntest du arbeiten? Ich hab lange keinen Schnaps mehr angefasst. Thea war dabei und hatte Angst um mich gehabt. Das gab Hoffnung.

Klaus war 6, Hanne 12 Jahre jünger. Der Abstand war zu groß um mit den Geschwistern zusammen was unternehmen zu können. Hanne wollte lernen wie ich, Klaus arbeiten. Und zwar Speis machen. Ansonsten stand er rum, hatte die Hände in der Tasche und rauchte spitze Stöckchen. Das wurde ihm eines Tages zum Verhängnis. Er lief den Hof hinunter, stolperte, fiel und stach sich den Stock in den Rachen. Was für eine Aufregung. Mutter kam hinten auf die kleine Görike, Klaus im Schoß. Im Nachbarort hat der Arzt den Jungen ohne Betäubung genäht. Samstags war unsere Aufgabe, den Hof zu kehren. Er oben, das kleinere Stück, ich unten. Klaus trödelt, ich wollte fertig werden. Denn nach dem Kehren kam nur noch Baden, dann war Feierabend für die Woche. Regelmäßig musste ich einen Großteil seines Bereichs mit kehren. Aber wenn es Speis zu machen gab, dann nahm er die Hände aus der Tasche und packte zu. Vater und Sohn arbeiteten freudig nebeneinander, ich versuchte zu verschwinden, wurde für das Wasser gebraucht und machte schweren Herzens mit.  Meine kleine Schwester war liebenswert, sie verehrte mich und ich beschützte sie. Erst später habe ich sie richtig kennen und lieben gelernt.

Sonntags spazieren gehen gehörte wie der Gottesdienst, das gute Mittagessen, Kaffee und Kuchen und Chorsingen abends zum festen Programm. Mir lief die Zeit davon. Was hätte ich nicht alles lesen und hören können in der Zeit. Aber ich musste neben den Eltern und Geschwister her traben und die Natur genießen. Ich hatte es versucht, wollte Waldläufer werden, Naturbursche, der im Freien zu Hause ist. Einen Hund wollte ich haben und mit ihm zusammen durch die Wälder streifen. Opa beschied knapp, du brauchst einen Hund, der deine Anschläge frisst, sonst keinen. Wahrscheinlich eine weise Entscheidung von Opa, denn ich fasste keinen Fuß im Wald. Sie war nichts für mich, die freie Natur. Aber jeden Sonntag musste ich wieder spazieren gehen. Das latente Unbehagen über mein Leben erreichte seinen Höhepunkt auf einem kleinen Hügel vor dem Dorf. Da war ich hoch geklettert, die anderen gingen weiter. Ich sah auf das Tal, das Dorf, die Enge, und eine Frage nahm Besitz von mir: Das soll es gewesen sein?

Die Reklame der privaten Technischen und Wissenschaftlichen Fachschule war interessant. Studium zum Techniker in 6 Monaten, zum Ingenieur in zwölf. Ein  verlockendes Angebot weil kürzer als die 6 Semester auf der Ingenieurschule. Onkel Otto prüfte und erklärte die Lehrinhalte für ausreichend. Meine Eltern hatten viel von meinem Lohn gespart - ich kam mit einem geringen Taschengeld aus - und mit einem Zuschuss von zu Hause konnte ich gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: keine Fachschule mehr, die ungeheuer lange Studienzeit ließ sich verkürzen und ich kam von zu Hause weg. Was für eine Aufregung. Statt nach Gießen gings nach Stockach am Bodensee. Vor der Abreise waren die Nachbarn zu verabschieden, ich sprang von Bordstein zu Bordstein, rutschte ab und hatte eine schlimme Verstauchung im Knöchel. Die Reise mit dick umwickelten Bein war wie eine Vorausschau auf die Technikerlaufbahn: immer etwas behindert. Auf dem Abschlusszeugnis war ich "TEWIFA.Ingenieur".

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Wednesday, 28. january 2009 3 28 /01 /Jan. /2009 18:25
Techniker im statischen Versuch, Entwicklungsring Süd, München    1964-1967
bei der Erprobung der Hochleistungssenkrechtsstarter VJ 101/102 und des Starfighter

VJ 101 hieß das Flugzeug. Von dem Versuchsjäger gab es 2 Prototypen. Die X1 ist in Manching vom Himmel gefallen, die X2 hängt heute im Deutschen Museum in München. Es waren Senkrechtstarter, die die Nachfolge des Starfighters antreten sollten. Zwei Hubtriebwerke im Rumpf stabilisierten den Schwebeflug, die drehbaren Gondeln außen an den Flügeln waren für Hub und Schub zuständig. Hier lag das technische Problem. Durch das dünne Rohr, das die Triebwerksgondel mit dem Flügel verband, wurde die gesamte Versorgung plus Elektrik geleitet und es musste die Kräfte des Fluges aushalten. Der Verschleiß an den Rohrwänden war zu hoch. Auch aus politischen Gründen ging der Typ nie in Serie. Für Strauss und Co war es ein Prestigeprojekt in einer Zeit, in der die Militärmacht meinte, auf Flugplätze verzichten zu können, denn Flugplätze sind leicht zu orten und zu bombardieren. Die Jäger sollten senkrecht wie ein Hubschrauber von befestigten Flächen, möglichst aus Waldschneisen aufsteigen und landen. Militärs in Europa und Amerika setzten auf Senkrechtstarter. Übersehen hatte man dabei die Schlange notwendiger Versorgungsfahrzeuge, die ein prima Ziel abgaben. Jedenfalls überlebten nur wenige Versuchstypen, so die englische Hawker Siddeley Harrier, die bis heute besonders auf Flugzeugträgern und bei Luftfahrtschaus eingesetzt wird.

In dieser Welt war ich 1964 gelandet. Im Statischen Versuch des Entwicklungsring Süd von Focke-Wulf, Heinkel und Messerschmitt in München. Das Material der VJ sollten wir biegen, dehnen, zerreißen, seine Standhaftigkeit vermessen. Im Flugzeugbau sind nur enge Sicherheitsmargen möglich, das Gerät wird sonst zu schwer. Der statische Versuch gab Aufschluss über Toleranzgrenzen und Haltbarkeit des Materials. Das Flugzeug oder Teile davon wurde in einem Gestell fest eingebaut und mit hydraulischen Hebeln belastet. Gemessen wurde mit Dehnmessstreifen und Messgrößen kleiner als 1/1000 mm. Auf einer alten Rechenmaschine die ratterte, musste ich Stunden und Tage lange Listen auswerten, Gondeln zeichnen und Messstreifen verlegen. Ich begriff nur wenig was da vor sich ging und war wahrscheinlich der schlechteste Ingenieur im Flugzeugbau. Mein primäres Interesse galt auch nicht dem Flugzeugbau. Es galt dem Leben Lernen.

München. Großstadt. Nachtleben. Geheimnisse die mich anzogen wie eine Motte das Licht. Schon bei der Ankunft am Bahnhof  witterte meine Abenteuer suchende Nase den ungeheuer vielfältigen Sex in der City. Am nächsten Tag war ich deprimiert. Das ging lange so. Da war die spannende andere Welt, die mich anzog und wenn ich dem Neuen nachgegeben hatte, abstieß. Die alten Normen und Regeln der Erziehung hielten mich umfangen. Ich hatte Glück und fand neue Freunde. Natürlich aus der "Freien Gemeinde" aber sie waren anders, lebten, genossen, gingen aus, auch mal ins Kino, hatten Liebschaften, feierten und beteten natürlich auch. Nach der Enge des Glaubens in Hommertshausen war es wie eine Befreiung: So ging Christ sein auch. Ganz konnte ich es nicht glauben. Immer verblieb in meinem Hinterkopf das Regelwerk und Bibelverständnis meines Opas als Messgröße. Und das verbot, sich auszuleben.

Bei Walter und Helga fühlte ich mich aufgehoben. Sie hatten 3 Kinder (später 5, zwei Mal Zwillinge) und schafften die Schar mit links. Obwohl die Räumlichkeiten beengt waren, war der Umgang mit den Kleinen locker. Im Kinderzimmer hatten sie die unteren Wände mit abwaschbarer Farbe bemalt. Die konnten beschmiert werden. Drei Wühler machten aus ihrer Bude täglich ein Chaos, nur abends, da musste alles aufgeräumt sein. Eingebrannt hat sich mir, dass die Kinder nach Papier verlangen, Helga in der Küchenbank einen Katalog auskramte und ihn im hohen Bogen in das Nachbarzimmer warf.  Standardkleidung waren Lederhosen und Hemd. Das kannte ich aus meiner Kinderzeit, war aber mittlerweile nicht mehr modern. Mich faszinierte die Lässigkeit des Umgangs mit Kindern bei gleichzeitig festem Regelwerk. Es war ein Vorgeschmack auf 68. Und ein Abgesang auf meine autoritäre Erziehung.

Ich hatte es ja versucht mich mit Schöngeistigem zu beschäftigen, ging in Museen, besuchte Konzerte, nahm an Diskussionsgruppen teil, las viel, ja dichtete sogar. Und belästigte damit meine Freunde. Fotografieren war das Einzige, was mich einigermaßen anzog. Neben Sex und Nachtleben. Dem konnte ich nicht ausweichen. Sowie es dunkel und später wurde war der Drang da. Ich musste mich verbrennen.  Der erste Whisky weichte die guten Vorsätze auf. Ab ging’s, die dunklen Seiten der Stadt zu erkunden. Geld hatte ich nicht viel. In meinem Kopf schwirrte Musik, Tanz, dunkle Kaschemmen, Trinken, Leichtigkeit, zufälliges Zusammentreffen in einer geladenen Atmosphäre. In meinen Büchern und in der Zeitschrift "Twen" - die erste Lifestile Zeitschrift auf bundesdeutschem Markt mit Jazz, schönen Bildern, Frauen, Geschichten - gab es das und ich wollte es auch. Das Leben. Nur: wo war es?

Am nächsten Tag war alles vorbei und die Abscheu vor mir selbst hatte mich wieder. Sein übriges tat der elendig lange Tag mit Tabellen, Dehnmessstreifen und arbeitsamen Kollegen. Manchmal konnte ich sie zum Reden über ihr Leben bringen. Das interessierte mich, war aber nicht spannend. Alles nur Familie, Häuschen, Hobby (einer baute Raketen), Aufstieg. Nur die Sekretärin hatte mich in ihr Herz geschlossen. Als sie erfuhr, dass ich Heide sei (jeder war Heide, der nicht katholisch war. Evangelisch wäre vielleicht auch noch durchgegangen. Aber Freikirchlich!), wollte sie mich nottaufen. Ein so netter Mensch und verloren. Das war mir neu. Bis dato war einzig Opas Glaube der Weg zum Himmel. Nicht die Taufe. Verwirrend.  

In der Nachbarabteilung waren nur Diplom-Ingenieure beschäftigt. Sie beschäftigten sich mit Elektronik und waren feiner als wir Flügelbieger. Ob ich mit ihm und seiner Freundin nach Spanien fahre, fragte einer. Spanien, Stierkampf, Sonne, draußen sitzen und trinken, das kannte ich von Hemingway. Wir machten Urlaub in Lloret de Mar. Im Flugzeug hatte mein Kollege das Du angeboten, im Hotel schlief er in meinem Zimmer. Das verstand ich nicht, sie war wohlgeformt und hübsch. Ich folgte Ernesto, trank in Bars und ging zum Stierkampf als Experte. Zuviel Blut, zugeben durfte ich das nicht. Eine Irin kam  mit mir aus der Bar. Wir gingen in mein Hotel, der Kollege hatte angeboten, bei seiner Frau Freundin zu schlafen wenn ich mal könnte was alle wollten. Er sprang aus dem Bett als würde ich ihn überfallen und verweigerte jede Kooperation. Am Strand, neben dem umgekippten Fischerboot, kam die Polizei und in der Höhle zum anderen Strand klappte es.  Die Höhle habe ich letztes Jahr wieder gesehen, die Irin nicht. Sie flog zurück am Tag darauf. Auf unserem Heimflug hat mir der Kollege das Du wieder entzogen.

Ich konnte es nicht füllen, mein Leben. Und beschloss, an Wochenenden freiwillig in einem Heim für behinderte Kinder mit zu arbeiten. Die Fahrt dahin war lang, ging durch die Provinz und zeigte mir die Schönheit der Bayrischen Landschaft. Und dann waren da Menschen, gewöhnungsbedürftig zwar, aber junge Leute, die sich freuten, wenn ich kam. Kartoffel schälen, Fallsüchtige beaufsichtigen, Rollstuhl gebannte ausfahren, ich hatte einen Inhalt. Sonntagabend ging’s zurück und Montagmorgen an die Dehnmessstreifen.

Einer der Betreuer im Heim hatte ein Zimmer mit verhängten Fenstern, Matratzen auf dem Boden, Kerzen überall. Wir tranken Tee, er legte Musik auf und erzählte von seinem esoterischen Leben, seiner Vergangenheit, seinem Leben. Andere Welten deuteten sich an.

Trotz allen Eintauchens  in das Leben der Nacht gelang es mir nur selten, eine Frau kennen zu lernen. Geschweige denn mit ihr zu schlafen. Das klappte nur 3 oder 4 mal. Einmal hab ich Dussel aus lauter Angabe mich als Geheimagenten ausgegeben (weil ich Geheimnisträger war kam die Idee) und prompt die Bekanntschaft verloren. Und einmal gelang mir, ein Stückchen vom Leben das ich suchte zu erwischen. Fasching brachte genau die Stimmung und prompt funktionierte  es. Die Frau wollte dann doch lieber zu ihrem Freund zurück. Verliebt habe ich mich öfters. Meine Pickel verhinderten ein gesundes Selbstvertrauen. Auf der anderen Seite musste sichtbares Interesse sein, sonst wagte ich keinen Anfang. Reden konnte ich, meist ungegoren. Und dann klappte es, ich hatte eine Freundin. Scheint nicht viel gewesen, den Namen habe ich vergessen, nicht aber ein paar schöne Stunden.

Interessant wurde es im Flugzeugbau, wenn der Testflieger erzählte. Er kam von einem amerikanischen Testflughafen, war groß, schlaksig und trug zu kurze Hosen. Nerven muss der gehabt haben wie Stahlseile. Wir hatten in den Maschinen die neuen Martin Baker Sitze eingebaut. Die schossen den Piloten 80 m hoch damit sein Fallschirm sich auch bei Gefahr im Stillstand entfalten konnte. Die Einzelteile unseres Prototypen wurden in ganz Europa gebaut. Engländer hatten zuletzt den Rotor gewartet, der die Stabilität der Maschine verstärkt. Der Rotor war umgepolt, wurde aber wegen offenbar fehlenden Warnungen genau so wie vorher in Manching zurückgebaut. Alle Starts wurden gefilmt, auch die normalen auf der Rollbahn. Auf dem Film sieht man: die Maschine rollt an, hebt ab und fällt in 10m Höhe aus dem Sucher der Kamera. Augenzeugen berichten, dass sich die Maschine drehte und aufknallte. Alle waren sicher, der Testpilot ist tot. Doch der schwebte am Fallschirm zur Erde. Er hatte, als die Maschine sich drehte, erst grün - die Erde - gesehen, gewartet bis blauer Himmel über der Kanzel erschien und den Nothebel zwischen seinen Beinen gezogen. Sein Rücken war gestaucht, er war in gekrümmter Position nach oben geschossen. Normal hätte er sein Visier zuziehen und den Abschuss mit einem Hebel oberhalb von ihm auslösen müssen. Dann wäre er mit geradem Rücken und mit der Kanzel auf Fallschirmhöhe gebracht worden. Dafür aber war keine Zeit. Der Schnellschuss-Hebel schoss den Piloten durch die Kanzel. Nach 4 Wochen war er wieder flugtauglich und wir bauten an der X2 weiter.  

Weder Religion, noch die Suche nach Leben, schon gar nicht die Arbeit brachten mich weiter. Ich meldete mich beim Deutschen Entwicklungsdienst DED und wurde als Entwicklungshelfer angenommen. Zur gleichen Zeit entließ mich der Entwicklungsring Süd weil das Projekt auslief. Ich war einer der Ersten. Sie überredeten mich, selbst zu kündigen, das sei besser bei späteren Bewerbungen. Dadurch entfiel das Arbeitslosengeld. Ich wollte sowieso nicht zum Arbeitsamt, wartete auf den Bescheid des DED und fuhr Minicar. Kleine R4 Autos, die billig Fahrgäste transportierten. Manchmal verdiente ich nichts, Miete des Wagens, Benzin und Nebenkosten waren höher als die Einnahmen. Es dauerte, bis ich ein wenig zurecht kam und bis heute noch höre ich den Taxifunk. der meine Nummer ruft.

Anfang Januar 1968 begann die Ausbildung beim DED in Wächtersbach. Im März reisten wir aus nach Chile. Das aber ist eine andere Geschichte.   

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Wednesday, 11. february 2009 3 11 /02 /Feb. /2009 11:33

Bis heute bin ich emotional berührt, wenn ich an sie denke. Die Cabora Bassa Gruppe, die Universität, das Leben mit Lernen und Menschen, die politische Arbeit, all das hatte ein neues Selbstverständnis wachsen lassen. Aber sie nahm mich mit auf eine Fahrt im Aufzug durch alle Schichten mitten hinein in das Bildungsbürgertum. Sie öffnete mir die Tore zum Bundestag und die Einsicht, dass Politiker auch nur Menschen sind, sie brachte mich in Kontakt mit Personen, in deren Nähe ich ansonsten nie gelangt wäre und entließ mich, als es mit uns nicht mehr ging. Trotz der Zuneigung haftete noch immer Hommertshausen in mir, ich konnte nicht Ja sagen zu der ganzen Frau, wollte sie in ein Korsett zwängen, das ihr nicht passte. Geblieben ist, was ich von ihr gelernt habe: selbstbestimmt Leben in  Verantwortung für den Partner aber seine Kreise nicht stören sondern unterstützen. Umsetzen konnte ich das erst mit M. Sie hat schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, ihr jährlich einen Blumenstrauß zu schicken. Er gebührt ihr.

Annette N. war groß, hatte hennarote, schulterlange Haare, eine prominente Nase, die ihrem Gesicht einen herben Ausdruck gab, sie hatte Lippen, die sich beim Lachen voll öffneten, eine hervorragende Brust, schmale Hüften und schöne Beine. Annette wusste, wer sie war, konnte reden, argumentieren, sich in Gesellschaft bewegen und war mir haushoch überlegen in allen sozialen Belangen. Sie war anders, trug Alpaka-Ponchos als Rock, Stiefel, großen Schmuck, enge Pullis, rauchte Zigarren und Pfeife und spielte Klavier. Bei Diskussionen behielt sie Recht, ließ sich weder von Männern noch von Autoritäten beeinflussen, ging alleine hin, wo sie wollte, hatte Liebschaften nach ihrer Wahl, feierte , tanzte, war kulturell interessiert und arbeitete wie verrückt. Sie war bewusster, selbstbestimmter als alle Frauen, die ich bisher gekannt hatte und doch eine Frau durch und durch. Wenn ich an sie denke, schlägt mein Herz voll Bewunderung und ein leiser Schmerz schwingt nach.

Ihr Vater war nach dem Krieg Präsident der Deutschen Architektenvereinigung, Nachfolger von Gropius, und zu früh gestorben. Ihre Mutter arbeitete zu meiner Zeit noch als Architektin und die Schwester als Bildende Künstlerin. Sie verschweißte Stahlplatten zu großen Monumenten. Bei einem wollte ich den Rost abkratzen. Entsetzt wurde mir verdeutlicht, der gehöre zur Aussage. Im Wohnzimmer der Mutter standen zwei Flügel, nach Konzerten gab es den Privatempfang mit dem Pianisten mit Musik zu mehreren Händen bei ihr. Ich bediente, staunte, lernte, akklimatisierte mich. In Hommertshausen war diese Welt nicht bekannt. Am Frühstückstisch der Schwester einen Ford Manager, abends Künstler, wochentags Bundestagsabgeordnete. N. war Assistentin eines linken SPD-Mannes, sie nahm mich mit und ich erlebte den Bundestag von innen. Bisher war meine Vorstellung, das Parlament sei wie eine Kuppel über dem Volk gefüllt mit den hervorragendsten Persönlichkeiten. Dass es welche gab, die schon mittags besoffen waren, veränderte schnell meine Perzeption. Doch der Reihe nach.

Christa hatte mich zum Empfang des afrikanischen Botschafters mit genommen. Sie war schon länger eine 3. Welt Aktivistin und mit mir zusammen im Vorstand des Deutschen Komitees für Angola, Guinea Bissau und Moçambique, der Koordinierungsstelle zur Unterstützung von Befreiungsbewegungen in den portugiesischen Kolonien, der auch Bundestagsabgeordnete angehörten. Zusammen mit meinem Engagement in der Cabora Bassa Gruppe in Frankfurt reichte das aus, um mich für Afrikaner präsentabel zu machen. Die rothaarige, exotisch gekleidete, gut gebaute junge Frau stach mir von Beginn an in die Augen. Anderen auch, sie war ständig umlagert von Männern und Frauen. Dass ich mit meinem Lebensweg ein Exot besonders für Intellektuelle war, wusste ich mittlerweile. In der noch immer antikapitalistisch aufgeheizten Frankfurter Universität war ein Ex-Arbeiter Rarität, besonders für jene, die die Vertretung der Arbeiterklasse auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Außerdem hatte ich den Vorteil praktischer Erfahrungen in Lateinamerika und in Stimmung gebracht konnte ich ganz schön witzig sein - wenn auch für feine Leute oft zu grob. Damit konnte ich punkten. Und tatsächlich, Annette interessierte sich, Christa hatte ihr schon von mir erzählt. Wir kamen ins Reden und tanzten und redeten und tranken und tanzten bis uns die Gastgeber raus komplimentierten. Bei ihr ging es mit dem Reden und Trinken weiter, ich war fasziniert, konnte sie nicht einschätzen und wollte keinesfalls ins Fettnäpfchen treten. Mir war bekannt, dass emanzipierte Frauen Männer wie selbstverständlich einladen ohne dass sie mit ihnen schlafen wollen. Es ist zu spät, bleib hier, ich hab noch ein Bett unter meinem Bett. Ich zog es heraus, wild entschlossen nicht als Sex besessener Macho entlarvt zu werden, sie legte sich oben auf das Bett, ich darunter auf die Liege und dann fiel sie auf mich, landete weich und meine Zweifel zerstoben.

Sie wohnte in Bonn, ich in Frankfurt. Wir waren ein Paar mit modernen Prinzipien. Theoretisch war mir klar, ich wollte keine herkömmliche Beziehung, keine Ehe mit Eingeschlossen sein. Praktisch fühlte ich mich unsicher, kam nicht zurecht mit ihren Männerfreundschaften, ihrer Besessenheit im Beruf, ihrer Freiheit und klammerte. Mein Bild von ihr war nicht Deckungsgleich mit der Realität. Als Sportwagenfahrerin sah ich sie, mindestens - und dann kaufte sie sich einen DAF, Trabi-ähnlich mit riemengetriebener Automatik, ein Fahrzeug für vorsichtige Menschen. Wo blieb meine Annette? Ihre Ängste konnte ich nicht sehen, oder wollte ich nicht? Ich fühlte mich oft als Schuster, der bei seinen Leisten bleiben sollte, sie protestierte und wollte mich auf gleicher Ebene.

Annette lebte ihr Leben mit Arbeit, unterbrochen durch Freunde, Kneipen, Feste, lesen, Musik machen. Ihre Welt war die Welt der Politiker, Schriftsteller, Künstler, Journalisten, ein Parket voll mit egomanischer Menschen die wichtig waren oder es werden wollte. Ich lernte mich zu bewegen, partizipierte, legte Scheu ab und gehörte doch nicht dazu. Obwohl ein Kern in mir am Wachsen war, Selbstbewusstsein generierte, ging der Prozess langsam. Die Beziehung als zwei selbständige Kreise zu begreifen, die sich partiell überlappen, konnte ich nicht akzeptieren (noch nicht - erst bei M. ist mir das gelungen). Ich wollte die ganze Frau nach meinem Gusto. Annette versuchte es, sie veränderte sich und war nicht mehr Annette. Da zog sie die Notbremse. Das war 5 Jahre später. Lange habe ich gelitten wie ein Hund.

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